Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Christopher Parsons, li. Lhotse at Sundown Nepal

DAHINSCHMELZEN Shroud, das Leichentuch über den Gletschern

Norfolk + Thymann Shroud

Project Pressure zeigt mit Kunst den Klimawandel am nicht mehr Ewigen Eis

Hilflos stehen wir vor der Tatsache, dass sich das Klima der Erde erwärmt, nicht in den bisher üblichen langen Zeiträumen von hunderten von Jahren, sondern sprungartig, gefährlich wie ein Monster, das nicht mehr zu bändigen ist und uns irgendwann auffrisst, besser gesagt, mit dem in den Polkappen und den Gletschern der Gebirge gespeicherten Hochwasser in einer neuen Sintflut absaufen lässt. So besehen ist die Ausstellung „Dahinschmelzen. Gletscher als Zeugen des Klimawandels“ (bis 1. September 2019). Das Naturhistorische Museum Wien zeigt als erstes diese Warnung, die es gut meint, wenn sie Umdenken fordert. Aber von wem? Wer ist gemeint? Mit welchen Lösungsansätzen? Weltweit wird derzeit gegen den Klimawandel protestiert, meist mit lächerlichen Aufrufen an ominöse Dritte und unangesprochene Politiker, ohne sich bewusst zu sein, dass es im Grund unmöglich ist, in unserer heutigen Lebensweise wirklich dagegen ankommen zu können. „Project Pressure“, eine 2008 von Klaus Thymann gegründete Stiftung, setzt auf Kunst, auf das Können von Fotografen.

Simon Norfolk, The Lewis Glacier, Mt. Kenya

Sie sind in der Lage, den Jammer mit den abschmelzenden Eismassen so sichtbar zu machen, dass der Betrachter davon betroffen ist. Simon Norfolk und Thymann bringen es in ihren Bildern auf den Punkt, wenn sie mit Polyester-Tüchern abgedeckte Gletschermassen zeigen. „Shroud“ nennt sich das Projekt, abgeleitet vom Leichentuch, und erzeugt genau das Gruseln, das ohnehin längst einigermaßen verantwortungsvolle Zeitgenossen ergriffen hat.

Noémie Goudal, Glaciér

Entwickelt wurden die Projekte gemeinsam von weltweit renommierten Künstlern in Kooperation mit der Wissenschaft. Bereist wurden alle relevanten Kontinente, in denen zu den Gletschern Expeditionen gestartet wurden. So verwendet der Künstler Peter Funch Vintage-Postkarten als Vorlage für seine Bilder von amerikanischen Gletschern. Sie zeigen im Vergleich zu heutigen Aufnahmen deutlich den Rückgang durch die Verwendung von RGB (Rot, Grün, Blau)-Separationsprofilen.

Es will als Hinweis auf den nicht näher definierten Einfluss des Menschen auf die Natur gesehen werden. Noémie Goudal stellt den Begriff der Stabilität in Frage. Gletscher können wie Berge aussehen, aber ihre Eisströme bewegen sich und unterliegen ständigen Veränderungen. Sie konstruierte eine fotografische Installation, die auf biologisch abbaubarem Papier gedruckt wurde uns sich bei Nässe zersetzt. Im Auflösungsprozess kann die künstliche Landschaft mit ihrem natürlichen Vorbild verglichen werden.

 

Man erfährt, was Gletscher alles können und warum sie für unsere Erde und damit auch für den Menschen so eminent wichtig sind. Durch ihr allmähliches Verschwinden müssen sogar Grenzen neu gezogen werden, was allerdings das kleinste Problem darstellen dürfte. Unserem Ötzi, dem Wanderer oder dem auf den verbliebenen Eisflächen nach wie vor pietätlos herumrutschenden Heliskier dürfte es wurscht sein, ob er sich in Italien, der Schweiz oder in Österreich bewegt. Etwas näher an die eigene Haut geht der CO2-Fußabdruckrechner. Über Touchscreens am Ende der Ausstellung können die Besucher abrufen, wie CO2-intensiv ihr Lebensstil ist, und erhalten Empfehlungen für Verbesserungen in Bereichen wie Zuhause, Verkehr, Energie, Lebensmittel etc.

Ob man damit, also mit umweltbezogener Gewissenserforschung, tatsächlich die von der Wissenschaft so bezeichnete Kryosphäre (von altgriechisch κρύος kryos ‚Eiseskälte‘), um die es bei dem Ganzen eigentlich geht, mit ihrem fragilen Ökosystem und das sich verändernde Weltklima retten bzw. verbessern kann, muss sich allerdings jeder Besucher für sich selbst ehrlich beantworten.

Corey Arnold, Esmarkbren
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