Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Virtual Reality: Übersicht über die bronzezeitliche Abbaukammer © I.Slamar / J. Prenner / NHM Wien

Virtual Reality: Darstellung der speziellen Pickeltechnik im bronzezeitlichen Salzbergbau © I.Slamar / J. Prenner / NHM Wien, D. Brandner + H. Reschreiter

HALLSTATT Zuschauen bei der Salzgewinnung vor 3.000 Jahren

 Virtual Reality Station im NHM Wien © NHM Wien, A. Schumacher

Mit der VR-Brille durch einen gewaltigen Stollen der Hallstattzeit wandern

In einer Ecke sitzen die Bergleute um ein Feuer, wahrend andere mit Bronzepickeln am Felsen salzhaltiges Gestein schürfen, das über eine einfache Stiege aus Holz in Kraxen abtransportiert wird. So ähnlich könnte es damals zugegangen sein, als unsere Vorvorfahren aus dem Berg hinter dem malerischen Ort das damals so wertvolle Salz gefördert haben. Von hier aus, also von Hallstatt, der ältesten Kultur- und Industrielandschaft der Welt, wurde über ein weit verzweigtes Straßennetz der Kontinent mit dem weißen Gold beliefert und die an sich entlegene Gegend zu einer der reichsten ihrer Zeit. Eine ganze Epoche wird danach benannt: Die Hallstattzeit. Bis jetzt war man, wenn man sich ein Bild davon machen wollte, auf die Funde angewiesen, die von den Wissenschaftlern des NHM im Rahmen der „Archäologie am Berg“ zutage gefördert worden waren, und von denen eine ganze Reihe auch im Naturhistorischen Museum ausgestellt sind. Sie sind alle bestens erhalten, die Werkzeuge, der Handschutz, die älteste Stiege der Welt, der Lederfleck oder der Rucksack aus Fell, die vom Salz über die Jahrtausende konserviert worden waren.

Virtual Reality: Bergmann beim Wechseln des Pickelstiels

Virtual Reality: Bergmann beim Wechseln des Pickelstiels © I.Slamar / J. Prenner / NHM Wien, D. Brandner + H. Reschreiter

Dank dieser Hinterlassenschaften und weiterer technischer Möglichkeiten war es nun möglich, dem Besucher eine virtuelle Realität zu bieten, die es ihm ermöglicht, mit einer VR-Brille in einen Stollen vor 3.000 Jahren zu steigen und die Hauer aus der sogenannten Hallstattzeit bei ihrer Arbeit zu beobachten. Nebenbei erhält man einen Eindruck von der Größe dieser unterirdischen Halle, die, so die Archäologen, an die 300 Meter lang und zum Teil über 30 Meter breit war. In Höhe und Breite entsprechen diese Ausmaße dem Besucherraum der Wiener Staatsoper, waren allerdings zwölf Mal länger.

Navigation durch die Hallstätter Stollen

Navigation durch die Hallstätter Stollen © NHM Wien, D. Brandner + H. Reschreiter / Salinen Austria AG, St. Simentschitsch + Th. Leitner

In der Zwischenzeit haben sich diese gewaltigen Hohlräume mit Gestein gefüllt oder haben sich durch den Bergdruck wieder geschlossen und müssen nun mühsam freigelegt werden. Auch die Wissenschaftler des NHM haben ihre Probleme, sich die Dimensionen vorstellen zu können und arbeiten deswegen an einer Virtual Reality (VR)-Version des bronzezeitlichen Bergwerks. Dazu kommen die gefundenen Werkzeuge und Geräte, mit denen sich Arbeits- und Lebenswelt detailliert rekonstruieren lassen und ein geschlossenes Bild dieser Zeit ergeben.

Beteiligt sind eine ganze Reihe von Institutionen, die mit dem NHM Wien in Kooperation stehen. So treiben die Salinen Austria AG, Salzwelten GmbH und das Interreg Projekt VirtualArch die Vermittlung dieses untertägigen Welterbes voran, so dass Interessierte mit den Bergleuten der Bronzezeit durch die gewaltigen Schächte gehen und mit ihnen in den Abbaukammern mit den Bronzepickeln Salz abbauen können. Für den Laien, also für die vielen Tausend Touristen, die Hallstatt jedes Jahr besuchen, hat man als Ableger dieses Projektes die oben erwähnte VR-Brille geschaffen. Eingerichtet wurde dazu im Schaubergwerk ein eigener Raum, der eine so hohe wissenschaftliche Qualität aufweist, dass er auch als Schulungs- und Diskussionsraum für die Forschung genutzt werden kann. In den nächsten Jahren werden dort laufend neue Erkenntnisse zu den Geräten und Werkzeugen, die vor über 3.000 Jahren zum Einsatz kamen, hinzugefügt.

Der VR-Raum bietet in idealer Form die Möglichkeit, Informationen zu den einmaligen Funden faszinierend zu transportieren und hautnah erleben zu lassen. Man weiß im Weltkulturerbe also, was man den Zeitgenossen schuldig ist, die zusätzlich vom Rudolfsturm der Salzwelten aus mit Augmented Reality (AR) einen Blick auf modernen Bergbau, in prähistorische Abbaukammern, auf Berghäuser aus Maria Theresias Zeiten und zu den Salzquellen im Salzbergtal werfen können.

Virtual Reality: Der große Zentralschacht im bronzezeitlichen Bergwerk

Virtual Reality: Der große Zentralschacht im bronzezeitlichen Bergwerk © I.Slamar / J. Prenner / NHM Wien, D. Brandner + H. Reschreiter

Christopher Parsons, li. Lhotse at Sundown Nepal

DAHINSCHMELZEN Shroud, das Leichentuch über den Gletschern

Norfolk + Thymann Shroud

Project Pressure zeigt mit Kunst den Klimawandel am nicht mehr Ewigen Eis

Hilflos stehen wir vor der Tatsache, dass sich das Klima der Erde erwärmt, nicht in den bisher üblichen langen Zeiträumen von hunderten von Jahren, sondern sprungartig, gefährlich wie ein Monster, das nicht mehr zu bändigen ist und uns irgendwann auffrisst, besser gesagt, mit dem in den Polkappen und den Gletschern der Gebirge gespeicherten Hochwasser in einer neuen Sintflut absaufen lässt. So besehen ist die Ausstellung „Dahinschmelzen. Gletscher als Zeugen des Klimawandels“ (bis 1. September 2019). Das Naturhistorische Museum Wien zeigt als erstes diese Warnung, die es gut meint, wenn sie Umdenken fordert. Aber von wem? Wer ist gemeint? Mit welchen Lösungsansätzen? Weltweit wird derzeit gegen den Klimawandel protestiert, meist mit lächerlichen Aufrufen an ominöse Dritte und unangesprochene Politiker, ohne sich bewusst zu sein, dass es im Grund unmöglich ist, in unserer heutigen Lebensweise wirklich dagegen ankommen zu können. „Project Pressure“, eine 2008 von Klaus Thymann gegründete Stiftung, setzt auf Kunst, auf das Können von Fotografen.

Simon Norfolk, The Lewis Glacier, Mt. Kenya

Sie sind in der Lage, den Jammer mit den abschmelzenden Eismassen so sichtbar zu machen, dass der Betrachter davon betroffen ist. Simon Norfolk und Thymann bringen es in ihren Bildern auf den Punkt, wenn sie mit Polyester-Tüchern abgedeckte Gletschermassen zeigen. „Shroud“ nennt sich das Projekt, abgeleitet vom Leichentuch, und erzeugt genau das Gruseln, das ohnehin längst einigermaßen verantwortungsvolle Zeitgenossen ergriffen hat.

Noémie Goudal, Glaciér

Entwickelt wurden die Projekte gemeinsam von weltweit renommierten Künstlern in Kooperation mit der Wissenschaft. Bereist wurden alle relevanten Kontinente, in denen zu den Gletschern Expeditionen gestartet wurden. So verwendet der Künstler Peter Funch Vintage-Postkarten als Vorlage für seine Bilder von amerikanischen Gletschern. Sie zeigen im Vergleich zu heutigen Aufnahmen deutlich den Rückgang durch die Verwendung von RGB (Rot, Grün, Blau)-Separationsprofilen.

Es will als Hinweis auf den nicht näher definierten Einfluss des Menschen auf die Natur gesehen werden. Noémie Goudal stellt den Begriff der Stabilität in Frage. Gletscher können wie Berge aussehen, aber ihre Eisströme bewegen sich und unterliegen ständigen Veränderungen. Sie konstruierte eine fotografische Installation, die auf biologisch abbaubarem Papier gedruckt wurde uns sich bei Nässe zersetzt. Im Auflösungsprozess kann die künstliche Landschaft mit ihrem natürlichen Vorbild verglichen werden.

 

Man erfährt, was Gletscher alles können und warum sie für unsere Erde und damit auch für den Menschen so eminent wichtig sind. Durch ihr allmähliches Verschwinden müssen sogar Grenzen neu gezogen werden, was allerdings das kleinste Problem darstellen dürfte. Unserem Ötzi, dem Wanderer oder dem auf den verbliebenen Eisflächen nach wie vor pietätlos herumrutschenden Heliskier dürfte es wurscht sein, ob er sich in Italien, der Schweiz oder in Österreich bewegt. Etwas näher an die eigene Haut geht der CO2-Fußabdruckrechner. Über Touchscreens am Ende der Ausstellung können die Besucher abrufen, wie CO2-intensiv ihr Lebensstil ist, und erhalten Empfehlungen für Verbesserungen in Bereichen wie Zuhause, Verkehr, Energie, Lebensmittel etc.

Ob man damit, also mit umweltbezogener Gewissenserforschung, tatsächlich die von der Wissenschaft so bezeichnete Kryosphäre (von altgriechisch κρύος kryos ‚Eiseskälte‘), um die es bei dem Ganzen eigentlich geht, mit ihrem fragilen Ökosystem und das sich verändernde Weltklima retten bzw. verbessern kann, muss sich allerdings jeder Besucher für sich selbst ehrlich beantworten.

Corey Arnold, Esmarkbren
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