Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Station 14, "Tausendfüßer mit Tiefgang" © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Station 14, "Tausendfüßer mit Tiefgang" © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

HÖHLEN als Schatzkammern der Wissenschaft

István Lápa Höhle, Ungarn © Mirjam Widmer

István Lápa Höhle, Ungarn © Mirjam Widmer

Auf einem Pfad im Museum Wissenswertes zur Vielfalt dieser unterirdischen Welten entdecken

Zweifellos üben die tiefen, mit Tropfsteinen geschmückten Gänge auf den Menschen eine Faszination aus. Waren einst die von Mutter Natur in den Felsen geschaffenen Hohlräume ein bevorzugtes Refugium für die Steinzeitmenschen, über lange Zeit ein mystischer Ort für die Verehrung von Göttern, um heutzutage entweder als Schauhöhlen Massen von Besuchern anzuziehen oder wagemutige Forscher, die Speläologen, zu Expeditionen ins Unbekannte zu reizen. Man muss kein ausgewiesener Troglodyt sein, um sich im Bauch, oder besser, im Darm eines Berges wohlzufühlen. Die Temperatur ist konstant, die Luftfeuchtigkeit hoch, also gesund für die Atemwege, und die Ausstattung mit fantastischen Gebilden bei entsprechender Beleuchtung unendlicher Schaugenuss. Sie, die Höhlen, können aber viel mehr! Man braucht dazu nur Mitarbeiter des Naturhistorischen Museum zu befragen. Für Dipl.-Ing. Pauline Oberender und Dr. Lukas Plan ist kein Durchschlupf zu eng und kein Schacht zu tief, um nicht mit entsprechender Ausrüstung bezwungen zu werden. Ihre Aufmerksamkeit ist neben dem Abenteuer in erster Linie auf wissenschaftliche Themen gerichtet. Es gibt dort noch so viel zu entdecken, das die Geologie, die Zoologie, die Botanik und die Archäologie Schritt für Schritt mit neuen Erkenntnissen erweitert. Es sind Schatzkammern, deren unschätzbarer Reichtum nie zur Gänze gehoben werden kann, der aber Stück für Stück, das davon geborgen wird, Schlaglichter auf bisher noch Unbekanntes wirft.

 István Lápa Höhle, Ungarn © Ágnes Berentés

István Lápa Höhle, Ungarn © Ágnes Berentés

 Feistringgrabenhöhle, Hochschwab, Steiermark © Thomas Exel

Feistringgrabenhöhle, Hochschwab, Steiermark © Thomas Exel

Die Besucher des Naturhistorischen Museums Wien sind nun eingeladen, Saal für Saal und Station für Station ihr Wissen zu den Höhlen zu erweitern. Es beginnt mit der Definition, die eine Höhle von anderen Hohlräumen im Boden unterscheidet. Har man schließlich verinnerlicht, was eine Höhle ausmacht, um auch als solche bezeichnet werden zu dürfen, betritt man den Karst, üblicherweise eine eher unwirtliche Landschaft, in der ganze Flüsse verschwinden können, um andernorts wieder aufzutauchen. Tatsächlich ist es aber versickertes Regenwasser, das sich im Felsen seine Wege sucht und im Laufe von Jahrmillionen ganze Höhlensysteme, auch in den Tropen, ausgewaschen hat. An einem Schaukasten lassen sich die Gesteine studieren, die von Kalk, Marmor bis zum riesigen Salzkristall reichen. Der korrekte Ausdruck dafür, wenn man sich zu Forschungszwecken unter die Erde begibt, ist „Höhlenbefahrung“, denn Gehen allein beschreibt nicht das gesamte Spektrum dieser Tätigkeit. Speläologen müssen ebenso sich abseilen, klettern, tauchen oder kriechen. Menschen, die darin ihre Leidenschaft gefunden haben, sind in größerer Zahl Enthusiasten, die jedoch, so die Profis, als „Citizen Scientists“ gut ausgebildet sind und ihre Forschung auf hohem Niveau betreiben.

 Station 13, "Neandertaler" © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Station 13, "Neandertaler" © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

 Saalplan zum Pfad "Höhlen - Schatzkammern der Wissenschaft" © NHM Wien

Saalplan zum Pfad "Höhlen - Schatzkammern der Wissenschaft" © NHM Wien

Zuerst geht es ans Vermessen, das Anlegen eines Planes und die Führung eines Katasters, bis sich der Blick den Details zuwenden darf. Höhlen sind das Langzeitgedächtnis der Erde. An ihnen können Klimaschwankungen genauso wie Erdbeben angelesen werden. Am Skelett eines Moas, von denen es einige im Museum gibt, lässt sich überdies zeigen, wie Höhlenfunde Aufschlüsse über ausgestorbene Tiere zulassen, um andererseits an Tausendfüßern in mannigfaltigsten Ausprägungen den Überlebenswillen einzelner Arten über zahllose Epochen der Erdgeschichte zu beweisen. Nicht zuletzt soll man bei jedem Glas Wasser, das in Wien kühl und erfrischend aus der Leitung fließt, daran denken, dass es aus Quellen stammt, die in den Karsthöhlen unserer Hausberge entspringen. Aber viel mehr zu alle dem gibt es, wie gesagt, im Museum selbst und zum geruhsamen Nachlesen in einer Publikation mit dem selben Titel wie der dazu eingerichtete Lehrpfad: „Höhlen, Schatzkammern der Wissenschaft“.

Ausstellungsansicht © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Ausstellungsansicht „KinoSaurier. Fantasie & Forschung“ © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

KINOSAURIER Leinwandleben für ein beliebtes Urvieh

„King Kong“-Modell © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

„King Kong“-Modell von Modellbauerin Iris Rubin (NHM Wien) © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Das Zusammenspiel von Wissenschaft und Fantasie macht´s möglich

Kaum hatten die Bilder zu laufen gelernt, als man sich mit Vorhandenem nicht mehr begnügte. Bereits 1914 wandelte Gertie durch ihre Welt, ein nicht näher bestimmbarer Dinosaurier, der mit freundlichem Grinsen ganze Bäume am Rande seines Weges inhaliert und fröhlich Kunststücke zeigt. Es war ein noch sehr einfach gemachter Zeichentrickfilm aus der Hand des Karikaturisten und Comiczeichners Winsor McCay, aber er leitete eine gewaltige Welle an Wiederbelebungsversuchen dieses längst ausgestorbenen Tieres ein. Anfangs waren die Vorbilder noch karg; einige Knochen, die nach den Vorstellungen der damaligen Forscher zusammengestellt und mit einer dreidimensionalen Gestalt versehen wurden. Wie sich die Wissenschaft weiterentwickelt hat, so geschah es auch im Filmbusiness. Sonderbarerweise hinkte die seriöse Forschung nicht selten der Vorstellungskraft der Filmemacher hinterher, um bestenfalls als besserwisserischer Beckmesser im Nachhinein die Unmöglichkeit so mancher Filmsequenz monieren zu können. So rettet das Ungeheuer King Kong eine weiße Frau vor dem tödlichen Gebiss einer Art Tyrannosaurus Rex.

Ausstellungsansicht © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Ausstellungsansicht © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Ausstellungsansicht © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Ausstellungsansicht © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Abgesehen, dass es nie einen derartigen Monsteraffen gegeben hat, ist das Zusammentreffen von Mensch und Saurier zeitlich einfach unmöglich, weil durch ein paar Milliönchen Jahre getrennt. Aber das hat das Publikum, das diesen Streifen stürmte, in keiner Weise gestört, ebenso wenig wie einige Jahrzehnte später der wesentlich subtilere Trick von Steven Spielberg, der seinen Jurrasic Park mit Nachkommen bevölkert, die aus Saurierblut geklont wurden, das eine vor Millionen von Jahren in Bernstein konservierte Stechmücke aufgesaugt hatte.

 

Dr. Annette Richter, Kuratorin der Ausstellung „KinoSaurier. Fantasie & Forschung“ (bis 18. April 2022) und Oberkustodin Naturkunde im Landesmuseum Hannover, wo diese Schau bereits erfolgreich gelaufen ist, stellt nachdrücklich fest, dass in Bernstein kein Blut ist, sondern nur ein Hohlraum innerhalb einer Chitin-Schicht. Ihr Mitgestalter Dr. Daniel Hercenberger kann dazu nur fein lächeln. Er ist Vizedirektor im Filmmuseum Düsseldorf und weiß um die „Gewissenlosigkeit“ von Drehbuchautoren und Regisseuren. Erlaubt ist offenbar, was gefällt und die Kinokassen füllt. Niemand hat je einen lebenden Saurier gesehen, aber jeder weiß mit Gewissheit, wie er ausgesehen hat. Vor allem die Kinder fahren auf diese Urzeitechse ab und bevor sie noch das Einmaleins beherrschen, können sie bereits die kompliziertesten Bezeichnungen der einzelnen Arten hersagen.

Ausstellungsansicht © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Ausstellungsansicht „KinoSaurier. Fantasie & Forschung“ © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Damit wendet sich das Naturhistorische Museum einmal mehr an junge Besucher, aber nicht nur, denn längst sind die Generationen, die in frühen Jahren Dinofans waren, durch alle Altersschichten verteilt. Gemeinsam können also Enkerl, Papa, Mama und Oma & Opa die Filmgeschichte durchwandern und sich mit einer Reihe von Streifen in die Erdgeschichte zurückführen lassen.

 

Ganz nebenbei erfährt man dabei, wie diese cineastischen Kunstwerke hergesellt werden, wie aufwändig ein Animationsfilm entsteht. Eine der Methoden ist Stop-Motion, mittlerweile auch schon über 100 Jahre alt. Erfunden wurde sie von Willis Harold O´Brian. Mittels realen Gegenständen, z. B. aus Plastilin, werden mit der Filmkamera immer nur einzelne Aufnahmen gemacht. Von winzigen Veränderungen werden so viele Bilder gemacht, dass am Ende mindestens 16 pro Sekunde dem Auge eine runde Bewegung suggerieren. Revolutionär war auch die Entdeckung, dass viele der Urechsen Federn am Leib trugen und dennoch im Grunde wie Fledermäuse in der Luft unterwegs waren, wenn auch anatomisch etwas einfacher gebaut als unsere heutigen nächtlichen Flatterer. Zu all dem gibt eine Broschüre in bestechend verständlicher Sprache Auskunft und sollte bei der Runde durch die Sonderausstellung und anschließend im Sauriersaal mit großartig präsentierten Relikten einer in die Gegenwart geholten Kreidezeit nicht fehlen.

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

MUSEUM NARRENTURM Pathologisch-anatomische Sammlung

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

Eine Geschichte der Krankheitslehre für Ärzte, Studenten, aber auch für Laien

Es war die Aufklärung, von auch das Denken von Kaiser Joseph II. beeinflusst war, die zu einer neuen Sicht auf Geisteskrankheiten geführt hat. 1774 wurde die k.k. Irrenanstalt im Narrenthurm als Einrichtung des neu geschaffenen Allgemeinen Krankenhauses gebaut. Es war die erste Institution weltweit, die zu diesem Zweck eingerichtet wurde. Bis dahin hatte man psychisch beeinträchtigte Menschen einfach weggesperrt. Die Wiener hatten mit dieser Ansammlung von Verrückten im „Guglhupf“ allerdings auch eine Art von Belustigung erhalten. Man ging hin, um die Patienten zu necken, so lange, bis die Fugen zwischen den Steinen ausgefüllt wurden und ein Hochklettern zu den Fenstern nicht mehr möglich war. Außerdem wurden abgesperrte Außenbereiche geschaffen, um weitere Irritationen ohnehin gestörter Seelen hintan zu halten. Später stand das auffällige runde Gebäude lange Jahre leer oder wurde zu fremden Zwecken missbraucht – nicht weil niemand mehr „wahnwitzig“ gewesen wäre, sondern weil sich Behandlung solcher Krankheiten und die Unterbringung der Betroffenen geändert hatte. Anfang der 1970er-Jahre boten sich die Räume an, die pathologisch-anatomische Sammlung, die übrigens ebenfalls bereits 1796 gegründet wurde, eben dort unterzubringen.

 Narrenturm bei Nacht © NHM Wien, Kurt Kracher

Narrenturm bei Nacht © NHM Wien, Kurt Kracher

Seziertisch © NHM Wien, Alice Schumacher

Seziertisch © NHM Wien, Alice Schumacher

Seit 2012 ist das Naturhistorische Museum dafür verantwortlich. Der damit verbundene Auftrag, das denkmalgeschützte Gebäude zu sanieren, wurde getreulich erfüllt. Nunmehr war es so weit, auch die Sammlung, die als Dauerausstellung konzipiert ist, zu überarbeiten. Seit September 2021 können Ärzte, Studenten, aber auch Laien in einem Rundgang im Erdgeschoss durch helle Räume in zeitgemäßer Gestaltung von den Anfängen der Krankheitslehre bis zur Gegenwart der Medizin an einer Fülle von Objekten studieren oder je nach Wissensdrang mit sanftem Gruseln betrachten.

 

In erster Linie sind es Präparate, die zum Teil bereits von Ärzten der Universität Wien im 18. Jahrhundert gesammelt wurden. Der Begriff Pathologie, den bereits die Römer als „kundig im wissenschaftlichen Umgang mit Krankheiten“ kannten, erhielt Ende des 18. Jahrhunderts eine präzise Bedeutung. Es ging den Ärzten nunmehr um die Beziehung zwischen Organen und dem Verlauf der Krankheiten. Der Leibarzt Maria Theresias, Gerard van Swieten, führte die Reformation des veralteten Medizinalwesens durch. Zum Seziertisch, von dem ein beeindruckendes Exemplar zu sehen ist, kam um 1900 das Mikroskop. Die histologische Untersuchung (Entnahme von biologischen Geweben) hielt Einzug in der Wissenschaft. In jüngster Zeit ist bereits von Molekularpathologie die Rede, die Einblicke in krankhafte Veränderungen von DNA oder RNA gewährt. Wesentlich sind auch die Methoden des Präparierens.

 Innenhof im Narrenturm © NHM Wien, Kurt Kracher

Innenhof im Narrenturm © NHM Wien, Kurt Kracher

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

Anhand von Beispielen und entsprechender Information wird man über die Herstellung von Feuchtpräparaten, Trockenpräparaten und Moulagen belehrt, an denen Entzündungen, Tumore und Infekte und deren Auswirkungen auf den Körper beobachtet werden können. Berührend sind das Glas mit zusammen gewachsenen Zwillingen, einst als siamesische Zwillinge bezeichnet, oder das Präparat eines Babys, dessen Haut mit roten Rissen überzogen ist – wegen des Aussehens „Harlekin-Krankheit“ genannt. Nachdenklich macht die Abteilung, in der es um die Atemwege geht. Von der Staublunge über Tuberkulose bis zum Kehlkopfkrebs sind hier alle die Krankheiten dokumentiert, die oft mit einem einfachen Husten beginnen. Wer daraus für sein eigenes Verhalten Schlüsse zieht und seine letzte Zigarette ausdämpft, hat möglicherweise bereits einen der mit dieser Ausstellung verbundenen Zwecke erreicht – was im einzigartig düsteren Ambiente des Narrenturms allerdings kein Wunder ist.

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