Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 Saal 17, Saalansicht © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Saal 17, Saalansicht © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

BRASILIEN ist uns seit 200 Jahren nicht egal

Brasilien, Ausstellungsansicht

Brasilien, Ausstellungsansicht

Von der Kaiserin aus Österreich bis zur Sorge um unsere grüne Lunge

Die vierte Tochter von Kaiser Franz I./II. und dessen Frau Maria Theresia wurde 1817 ganz in der Tradition der Habsburger an ein gekröntes Haus verheiratet. Ehemann von Erzherzogin Maria Leopoldine wurde der portugiesische Thronfolger Dom Pedro. Widrige Umstände in Europa hatten dazu geführt, dass sich der königliche Bräutigam in Brasilien aufhielt. Das riesige Reich war 1815 durch einen Beschluss des Wiener Kongresses zu einem eigenen Königreich erhoben worden und wurde eine Zeit lang in Personalunion mit Portugal regiert. Nach dem Bruch mit Portugal wurde Pedro an seinem 24. Geburtstag zum Kaiser von Brasilien gekrönt und machte damit seine Frau zur Kaiserin, bevor er als Pedro IV. auch in seiner Heimat wieder auf den Thron gelangte. Wie sehr man diese politischen Verwerfungen in Wien verfolgte, können bestenfalls Historiker bewerten, geblieben ist aber eine innige Verbindung mit der Neuen Welt, nicht zuletzt durch die Forschungstätigkeit einer Expedition, die anlässlich der Hochzeit von Staatskanzler Metternich initiiert wurde. Der Präparator und Naturforscher Johann Natterer war von seinem neuen Arbeitsfeld derart begeistert, dass er 18 Jahre in Brasilien verblieb und eine Unmenge an Objekten und Präparaten nach Österreich schickte. Sie stellen einen wichtigen Bestand des Naturhistorischen Museums und des Weltmuseums. Zu sehen sind ausgewählte Stücke auch in der Sonderausstellung „BRASILIEN. 200 Jahre Beziehungsgeschichten“ (bis 23. April 2023).

 Saal 17, Cerrado © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Saal 17, Cerrado © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Der Blick zurück ist aber lediglich ein kleiner Teil, mit dem dieses umfangreiche Thema beleuchtet wird. Gerade heute darf es uns nicht wurscht sein, wer in Brasilien das Sagen hat. Wenn Präsident Jair Bolsonaro den Regenwald rücksichtslos niederbrennen lässt, um Felder und Weideflächen zu schaffen, dann geht das die ganze Welt gewaltig viel an. Die Natur zwischen Atlantischem Ozean im Osten und den Anden im Westen ist einer der wichtigsten Faktoren, um das Klima weltweit zu beeinflussen. So lange jedoch Geschäftemacherei und diplomatische Rücksichtnahme dominieren, werden wir im fernen Europa tatenlos zuschauen müssen, wie unsere Erde dem Untergang durch Überhitzung ihrer Atmosphäre entgegen rennt. Freilich wird dieses Problem in der Ausstellung angesprochen, neben der radikalen Ausbeutung von Bodenschätzen, den späten Auswirkungen des Sklavenhandels und dem brutalen Vorgehen gegen die indigene Bevölkerung.

 

Um all das zu erfahren, müssen sich die Besucher jedoch Zeit nehmen, um zwischen malerisch drapierten ausgestopften Tieren wie Panther oder Papageien das eigentliche Anliegen zu entdecken.

Es sind Text-Bild-Tafeln, auf denen die einzigartigen Naturräume Brasiliens vorgestellt werden. Es gibt (noch) Teile des immergrünen Regenwaldes am Amazonas, einen ökologisch wichtigen Küstenbereich am Atlantik und – für viele von uns sicher neu – die bleiche Vegetation des „Weißen Waldes“ in den tropischen Sumpfgebieten des Pantanals. Wenn auch gewaltige Rinderherden mittlerweile dort weiden, so sind die Gräser der Pampa und der Savannen des Cerrado doch hochspezialisiert und dürfen nicht für billige Steaks geopfert werden. Der Herausforderung, die Reste dieser ursprünglichen Lebensräume zu erhalten, stellen sich auch österreichische Wissenschaftler und das NHM, die sich ganz im Sinne einer kreativen Globalisierung gemeinsam mit Partnern aus Brasilien an rettenden Projekten beteiligen.

 

Stefan Zweig hat gesagt: Wer Brasilien wirklich zu erleben weiß, der hat Schönheit genug für sein halbes Leben gesehen. Zu finden ist dieser Satz im Begleitheft zur Ausstellung zum Nachlesen des Gesehenen.

Detail mit Ara-Präparaten  © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Detail mit Ara-Präparaten © NHM Wien, Christina Rittmannsperger

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

MUSEUM NARRENTURM Pathologisch-anatomische Sammlung

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

Eine Geschichte der Krankheitslehre für Ärzte, Studenten, aber auch für Laien

Es war die Aufklärung, von auch das Denken von Kaiser Joseph II. beeinflusst war, die zu einer neuen Sicht auf Geisteskrankheiten geführt hat. 1774 wurde die k.k. Irrenanstalt im Narrenthurm als Einrichtung des neu geschaffenen Allgemeinen Krankenhauses gebaut. Es war die erste Institution weltweit, die zu diesem Zweck eingerichtet wurde. Bis dahin hatte man psychisch beeinträchtigte Menschen einfach weggesperrt. Die Wiener hatten mit dieser Ansammlung von Verrückten im „Guglhupf“ allerdings auch eine Art von Belustigung erhalten. Man ging hin, um die Patienten zu necken, so lange, bis die Fugen zwischen den Steinen ausgefüllt wurden und ein Hochklettern zu den Fenstern nicht mehr möglich war. Außerdem wurden abgesperrte Außenbereiche geschaffen, um weitere Irritationen ohnehin gestörter Seelen hintan zu halten. Später stand das auffällige runde Gebäude lange Jahre leer oder wurde zu fremden Zwecken missbraucht – nicht weil niemand mehr „wahnwitzig“ gewesen wäre, sondern weil sich Behandlung solcher Krankheiten und die Unterbringung der Betroffenen geändert hatte. Anfang der 1970er-Jahre boten sich die Räume an, die pathologisch-anatomische Sammlung, die übrigens ebenfalls bereits 1796 gegründet wurde, eben dort unterzubringen.

 Narrenturm bei Nacht © NHM Wien, Kurt Kracher

Narrenturm bei Nacht © NHM Wien, Kurt Kracher

Seziertisch © NHM Wien, Alice Schumacher

Seziertisch © NHM Wien, Alice Schumacher

Seit 2012 ist das Naturhistorische Museum dafür verantwortlich. Der damit verbundene Auftrag, das denkmalgeschützte Gebäude zu sanieren, wurde getreulich erfüllt. Nunmehr war es so weit, auch die Sammlung, die als Dauerausstellung konzipiert ist, zu überarbeiten. Seit September 2021 können Ärzte, Studenten, aber auch Laien in einem Rundgang im Erdgeschoss durch helle Räume in zeitgemäßer Gestaltung von den Anfängen der Krankheitslehre bis zur Gegenwart der Medizin an einer Fülle von Objekten studieren oder je nach Wissensdrang mit sanftem Gruseln betrachten.

 

In erster Linie sind es Präparate, die zum Teil bereits von Ärzten der Universität Wien im 18. Jahrhundert gesammelt wurden. Der Begriff Pathologie, den bereits die Römer als „kundig im wissenschaftlichen Umgang mit Krankheiten“ kannten, erhielt Ende des 18. Jahrhunderts eine präzise Bedeutung. Es ging den Ärzten nunmehr um die Beziehung zwischen Organen und dem Verlauf der Krankheiten. Der Leibarzt Maria Theresias, Gerard van Swieten, führte die Reformation des veralteten Medizinalwesens durch. Zum Seziertisch, von dem ein beeindruckendes Exemplar zu sehen ist, kam um 1900 das Mikroskop. Die histologische Untersuchung (Entnahme von biologischen Geweben) hielt Einzug in der Wissenschaft. In jüngster Zeit ist bereits von Molekularpathologie die Rede, die Einblicke in krankhafte Veränderungen von DNA oder RNA gewährt. Wesentlich sind auch die Methoden des Präparierens.

 Innenhof im Narrenturm © NHM Wien, Kurt Kracher

Innenhof im Narrenturm © NHM Wien, Kurt Kracher

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

Narrenturm, Ausstellungsansicht © NHM Wien, Alice Schumacher

Anhand von Beispielen und entsprechender Information wird man über die Herstellung von Feuchtpräparaten, Trockenpräparaten und Moulagen belehrt, an denen Entzündungen, Tumore und Infekte und deren Auswirkungen auf den Körper beobachtet werden können. Berührend sind das Glas mit zusammen gewachsenen Zwillingen, einst als siamesische Zwillinge bezeichnet, oder das Präparat eines Babys, dessen Haut mit roten Rissen überzogen ist – wegen des Aussehens „Harlekin-Krankheit“ genannt. Nachdenklich macht die Abteilung, in der es um die Atemwege geht. Von der Staublunge über Tuberkulose bis zum Kehlkopfkrebs sind hier alle die Krankheiten dokumentiert, die oft mit einem einfachen Husten beginnen. Wer daraus für sein eigenes Verhalten Schlüsse zieht und seine letzte Zigarette ausdämpft, hat möglicherweise bereits einen der mit dieser Ausstellung verbundenen Zwecke erreicht – was im einzigartig düsteren Ambiente des Narrenturms allerdings kein Wunder ist.

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