Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Christiane Libor, Karin Lovelius, Chor der Oper Leipzig © Tom Schulze

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER auf dem Wahnsinns-Geisterschiff

Geisterschiff © Tom Schulze

Mit einem Augenzwinkern lustvolles Pathos oder einfach – Wagner pur

Der Teufel hat ihn auf die Weltmeere verbannt, weil er gar so gotteslästerlich geschworen hat, nicht abzulassen, das Kap der Guten Hoffnung zu umrunden. Die einzige Chance, die ihm in Aussicht gestellt wurde, war recht geschickt formuliert. Alle sieben Jahre darf er an Land gehen. Wenn er dabei eine Frau findet, die ihn so kompromisslos liebt, dass sie mit ihm in den Tod geht, ist der Fluch behoben. Satan hat um die Beschaffenheit von Weibertreue recht gut Bescheid gewusst und war sicher, den bedauernswerten holländischen Kapitän in alle Ewigkeit in seinen Fängen zu haben. Er konnte nicht damit rechnen, dass sich die Tochter eines norwegischen Schiffers bereits so innig in den Verdammten verliebt hat, dass sie auch das gemeinsame Ableben nicht vor dessen Erlösung abschrecken würde. Richard Wagner war von der Geschichte fasziniert und hat daraus eine der mächtigsten Opern der Musikgeschichte geschaffen. Da es sich bei der Sage vom Fliegenden Holländer um einen volkstümlichen Stoff handelt, waren die Popularität dieses Werks vorbestimmt und volle Häuser garantiert.

Randall Jakobsh, Iain Paterson © Tom Schulze

Seit der Uraufführung 1843 stellen der Seesturm, die Liebe von Senta und die gruselige Show der toten Mannschaft des Holländers eine Herausforderung für die besten Regisseure dar. Gleichzeitig erfordern die Solopartien ausgezeichnete Sänger, die sich auch gegen ein üppig besetztes Orchester mit dem typischen Wagner-Sound durchsetzen können. Wenn das alles zusammenpasst, steht einem tief beeindruckenden Opernabend nichts mehr im Wege.

Christiane Libor mit Ensemble © Tom Schulze

Richard Wagner wurde am 22. Mai 1813 in Leipzig geboren. Allein daher hat diese Stadt und ihr Opernhaus eine hohe Verpflichtung, dem Meister gerecht zu werden. Am 30. März 2019 feierte man ebendort die Premiere von „Der Fliegende Holländer“ und schuf eine maßgebliche Produktion, die in ihrem offenen Bekenntnis zur Schauderromantik, aber auch einem damit verbundenen schelmischen Augenzwinkern den berühmten, aber selten erreichten goldenen Mittelweg gefunden hat.

Ulf Schirmer leitet das Leipziger Gewandhausorchester und hat damit einen Klangkörper zur Verfügung, der mit den nicht unkomplizierten Wagnerianischen Kompositionen – man möchte fast sagen – spielerisch fertig wird. Die Abstimmung von dominierend tiefem Blech, Holz und Streichern ist absolut gelungen und lässt keine Wünsche offen. Chor und Zusatzchor der Oper Leipzig stellen das Personal für wuchtige Männerstimmen, die gefährlich hoher See ebenso trotzen, wie die Damen, die an ihren Spinnrädern mit wohligem Gruseln die Sage vom verdammten Kapitän besingen. Senta, die um keinen Preis der Welt das Bild dieses geliebten Mannes aus der Hand geben würde, ist Christiane Libor, ein dramatischer Sopran mit überwältigender Höhe. Das müsste auch der Jägerbursch Erik mitkriegen. Ladislav Elgr mit hübschem Tenor setzt dennoch alles dran, das Mädchen zu gewinnen, vor allem, um es dem ihm verhassten Gespenst abzujagen. Der Steuermann Dan Karlström hat es diesbezüglich weniger schwer. Mit seinem fröhlichen Naturell, einem Geschenk, das er mit dem Südwind gebracht hat, und nicht zuletzt mit seiner strahlenden Stimme, so darf man annehmen, dürfte er es beim anderem Geschlecht wesentlich leichter haben. Dass Mary (Mezzosopran Karin Lovelius) mit einer Augenbinde a la Mosche Dajan ihre Warnungen vor unüberlegter Liebe abgeben muss, birgt ein charmantes, aber ungelöstes Geheimnis.

Iain Paterson © Tom Schulze

Michiel Dijkema hat inszeniert und dabei für eine gewaltige Überraschung gesorgt. Aber zuerst zu den ansprechenden Details: Auf ein Segel projiziert lässt er die Geschichte des Fliegenden Holländers von Heinrich Heine erzählen, der wiederum auf die Memoiren des Herren von Schnabelewopski zurückgreift. Dazu kommen Pottwale mit errigiertem Glied, die wie der Holländer einst vom Meer ausgespuckt wurden, und immer wieder eine altertümliche Ansicht des Innenraums eines Theaters.

Es gibt also ein Menge zum Nachdenken, auch über dieses Seemannsgarn, dem der Regisseur im dritten Akt noch eins draufsetzt. Die Mannschaft des Holländers, die ja an sich schon tot ist, wird zum Fest geladen, bei dem der Steuermann die Wacht halten soll. Irgendwann erheben sich die Zoombies, wanken zurück ins Dunkel und erscheinen mit ihrem Schiff.

Der Applaus war spontan, als brennend rote Segel, zerfetzt von unzähligen Stürmen, ein Schiffsgerippe weit über das Publikum nach vorne trieben. Gänsehaut und Atem anhalten! Es wurde also an nichts gespart, nicht an den Kostümen, die der Entstehungszeit dieser Oper nachempfunden sind (Jula Reindell), nicht an Effekten, die mit der Musik Wagners ein geschlossenes Ganzes ergeben, und nicht an Pathos, das im Augenblick, als der Holländer zu Staub zerfällt, seinen Höhepunkt erreicht.

Der Fliegende Holländer mit seiner toten Mannschaft © Tom Schulze
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