Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ian Spinetti als Pedrillo mit Leiter © Andreas Anker

Ian Spinetti als Pedrillo mit Leiter © Andreas Anker

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL als Kammermusikabend für Markgraf Leopold

Sooyeon Lee (Konstanze), Siyabonga Maqungo (Belmonte) © Andreas Anker

Sooyeon Lee (Konstanze), Siyabonga Maqungo (Belmonte) © Andreas Anker

Die Sparversion überzeugt, aber auf große Oper darf man sich trotzdem freuen

Ist die Ouvertüre zu „Die Entführung aus dem Serail“ ganz ohne „türkische Musik“ möglich? Gemeint sind damit die zu Mozarts Zeit beliebten Einsprengsel von überfallsartig in zarte Melodien einbrechende Schlagzeugeinsätze. Es war die Erinnerung an die Janitscharen und deren Instrumentarium wie Tschinelle, Rassel und Gran Cassa, die zu dieser Mode geführt hat. Die Belagerung Wiens durch das osmanische Heer und dessen Vertreibung lag bereits 100 Jahre zurück. Es war also in der Zwischenzeit eine Art Verklärung eintreten. Die Wiener liebten das „Türkische“, das von Kaffee und Kipferl über orientalisches Ambiente bis zu besagter Bereicherung des musikalischen Repertoires reichte. Nicht nur Wolfgang Amadé Mozart hat davon in der Einleitung und in den Chören der Oper „Die Entführung aus dem Serail“ ausgiebig Gebrauch gemacht. Joseph Haydn hat in seiner Sinfonie Nr. 100, der sogenannten Militärsinfonie, dieses Stilmittel ebenso angewendet wie Antonio Salieri und eine Reihe heute weitgehend unbekannter Komponisten. Man sollte also meinen, dass dieses Element für eine Oper wie die „Entführung“ wesentlich ist.

Ian Spinetti (Pedrillo), im Teppich eingerollt: Jacques-Greg Belobo als Osmin © Andreas Anker

Ian Spinetti (Pedrillo), im Teppich eingerollt: Jacques-Greg Belobo als Osmin © Andreas Anker

Blonde Tamara Ivaniš würde Osmin bei Zudringlichkeiten die Augen auskratzen © Andreas Anker

Blonde Tamara Ivaniš würde Osmin bei Zudringlichkeiten die Augen auskratzen © Andreas Anker

Wirft man aber einen genauen Blick auf den Inhalt und das Libretto von Johann Gottlieb Stephanie, dann lässt sich darauf durchaus verzichten. Der dort auftretende Bassa Selim ist geborener Spanier und damit Christ, der zwar zum Islam übergetreten ist, aber als Vertreter einer, wie wir heute sagen könnten, humanistischen Einstellung im Sinne der europäischen Aufklärung erscheint und im Grund nichts mit türkischen Eroberern zu tun hat. Er ist die zentrale Figur des Dramas, das unerschütterliche Liebe, aufkeimende Frauenrechte und großherzige Vergebung statt blinder Rache klar thematisiert.

 

Der deutsche Komponist Tristan Schulze konnte also eine Fassung dieses Werks als Kammeroper erarbeiten, die ganz ohne martialische Reminiszenzen auskommt. Das „Orchester“ besteht aus fünf Streichern und einem Akkordeon, die Bühnenbesetzung beschränkt sich auf fünf Sänger und eine Sprechrolle. Die erste Geige spielt ausnahmsweise Intendant Johannes Wildner selbst und hat damit die Möglichkeit, das Geschehen von seinem zentralen Platz in diesem Sextett aus zu „dirigieren“.

Konstanze (Sooyeon Lee) wehrt sich gegen Bassa Selim (Stephan Paryla-Raki) © Andreas Anker

Konstanze (Sooyeon Lee) wehrt sich gegen Bassa Selim (Stephan Paryla-Raki) © Andreas Anker

Die Gesangssolisten sind mangels eines kommoden Klangteppichs auf die Kraft ihrer Stimme angewiesen. Bald merkt man, dass es den Damen und Herren auf der Bühne ungemein Spaß macht, auf diese Weise ihr durchwegs großes Können zu beweisen. Der Hintergrund ist wie gewohnt die Burg Gars, die zum Palast des Bassa Selim wird, in dem der in Kamerun geborene Jacques-Greg Belobo als grimmiger Osmin Wache hält. Er ist ein Buffo-Bass, der die seiner Rolle immanente Komik voll auszuspielen versteht. Beinahe muss er bei der wilden Drohung „Erst geköpft und dann gehangen, dann gespießt auf langen Stangen...“ selber lachen. Der von ihm als Galgengesicht titulierte junge Mann ist Pedrillo, den es mit seiner Herrin und deren Zofe vom Sklavenmarkt glücklicherweise dorthin verschlagen hat. Ian Spinetti kann erst nach der Pause zeigen, dass in ihm ein ansprechend schlanker Tenor steckt, der in die reizende Blonde (Tamara Ivaniš als selbstbewusste Engländerin, die sogar den grantigen Osmin um den Finger zu wickeln versteht) verliebt ist und beim ersten Zweifel an deren Treue eine klatschende Ohrfeige einfängt.

Ein Tänzchen von Ian Spinetti (Pedrillo) und Jacques-Greg Belobo (Osmin) © Andreas Anker

Ein Tänzchen von Ian Spinetti (Pedrillo) und Jacques-Greg Belobo (Osmin) © Andreas Anker

Sooyeon Lee (Konstanze) macht Liebeskummer sicht- und hörbar © Andreas Anker

Sooyeon Lee (Konstanze) macht Liebeskummer sicht- und hörbar © Andreas Anker

Sooyeon Lee leidet als Konstanze unter der Abwesenheit ihres Geliebten und wehrt charmant die Avancen des durchaus sympathischen Bassa Selim ab. Stephan Paryla-Raky hilft es nichts, wenn er sie anfleht, zudringlich wird und schon gar nicht, wenn er diese Frau mit List für sich gewinnen will. Das Hörerlebnis dieses Abends schlechthin ist jedoch Siyabonga Maqungo als Belmonte. Der Mann verfügt über einen Tenor, der zweifellos zu den größten dieses Fachs zählt. Sein Schmelz, die Fähigkeit zur Phrasierung und die Leichtigkeit in der Höhe haben bereits vor vier Jahren in der Zauberflöte begeistert und „Wenn der Freude Tränen fließen“ möchte man sich die eigenen Augen auswischen, so schön lässt er seinen Jubel über das Wiedersehen mit Konstanze in das alte Gemäuer tönen. Was hätte wohl Markgraf Leopold II., der einst in dieser Burg residiert hat, dazu gesagt? Jedenfalls hätte er reine Freude an diesem Kammermusikabend ganz im Sinne Mozarts gehabt.

Oper Burg Gars Logo 2019

Statistik