Kultur und Weindas beschauliche MagazinEscamillo mitten in seinen Bewunderern © Wiener Opernsommer CARMEN Die Opéra-comique mit tragischem Ende
Georges Bizet persönlich gibt sich die Ehre, den Wiener Heumarkt zu besuchen. Nicht zum Eislaufen, es ist ja Hochsommer, die Zeit, in der einst Schurli Blemenschütz und Otto Wanz ihre Gegner unter dem Gejohle des Publikums auf die Bretter warfen. Der Wiener Opernsommer hat eben dort wieder eine Arena aufgeschlagen, in diesem Fall eine „Plaza de Toros“, in der in Spanien Stierkämpfe ausgetragen werden. Aber statt des Bullen wird bei dieser Corrida eine Frau erstochen, von einem Stalker, genau gesagt, ihrem Ex-Lover, der sich nicht damit abfinden kann, dass sie ihm den von allen bewunderten Torero vorzieht. Die Rede ist , wie unschwer zu erkennen, von Carmen, der Heldin einer der meistgespielten Opern der Geschichte. Da sowohl der Komponist als auch die Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy Franzosen sind, ist die Sprache Französisch und damit nicht für jedermann verständlich. Deswegen fühlt sich Bizet bemüßigt, mit einer launig pointierten Moderation die wahren Hintergründe dieser Tragödie aufzuklären, nicht ohne Eitelkeit zu seinem Genie, das allerdings zugeben muss, dass der Begriff „Opéra-comique“ den Parisern bei der Uraufführung 1875 unangenehm aufgestoßen ist.
Die Idee zu dieser originellen Hilfestellung stammt von Joji Hattori, einem in Japan geborenen Musiker, der beim Wiener Opernsommer die Intendanz und das Dirigat des Wiener Kammerorchesters innehat. Umgesetzt wurde sein Konzept von Regisseur Dominik Am Zehnhoff-Söns, der den von Manfred Waba für „La Traviata“ gebauten Palast mit ihm gemeinsam raffiniert in einen Marktplatz vor der Zigarettenfabrik, die verruchte Taberna de Lillas Pastia, das Schmugglernest in den Bergen und letztlich in die Stierkampfarena verwandelt. Stimmung gemacht wird bereits während der Ouvertüre, wenn das Tanzensemble unter der Choreografie von Jessica Wurzer die temperamentvollen Rhythmen einer Fiesta Espana in mitreißende Bewegung umsetzt. Ein besonderes Lob gilt in diesem Zusammenhang den Kindern, die im ersten Akt erstaunlich professionell durch die Szene wirbeln.
Hosea Ratschiller erscheint in schwarzem Gehrock und Zylinder, um mit seinen Schilderungen über die Liebe, Leidenschaft und Eifersucht, die letztlich zum Verhängnis seiner Protagonisten führen, auch erfahrenen Opernfreuden Neuigkeiten offenbaren. Die Soloparts sind zum Teil mehrfach besetzt. Am Dienstag, 7. Juli 2026, überzeugte Ezgi Kutlu als Carmen. Ihr Mezzo entspricht in seinem dunklen Timbre exakt der wilden, freien und hocherotischen Frau, die mit einem Messer auf ihre Kolleginnen losgeht, um gleich darauf einen pflichtbewussten Sergeanten vom aufrechten Weg abzubringen. Das Opfer ist Don José, der wirklich nicht weiß, wie ihm geschieht, als sie ihm nach der grandios gesungenen Habanera eine Blume zuwirft. Dass Dumitru Mîțu am Ende mit einer der gefühlvollsten Liebeserklärungen dieses Genres nichts ausrichten wird, ist jetzt noch kein Thema. Peinlicherweise taucht Micaëla auf, das Mädchen, mit dem er aufgewachsen ist und das ihn liebt.
Ensemble, Bühne © MAGMAG LA TRAVIATA Wenn wahre Liebe zum Problem wird...
Opernfreunde haben dieses Werk bestimmt schon x-mal genossen. Man kann sich an den wunderbaren Melodien, mit denen Giuseppe Verdi die Liebe und den tragischen Tod einer Pariser Lebedame beschreibt, schließlich nicht satt hören. Wenn der Meister aber persönlich auftritt, freilich von einem Schauspieler würdig vertreten, und seine Gedanken zur Entstehung und zum Inhalt vor jedem Akt in zu Herzen gehenden Worten offenbart, dann öffnet sich diese Welt auch für alle diejenigen, die bisher klassischem Musiktheater eher skeptisch ferngestanden sind. Der mit dem Oscar gekrönte Darsteller Karl Markovics ist eine wahrhaft authentische Verkörperung des Komponisten, der nach vielen großen historischen Gestalten wie Caesar oder Don Carlos diese Frau als Hauptfigur für eine Oper entdeckt hat. Gefunden hat er sie im Roman „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas und war von ihrem Schicksal höchst angetan. Die gefeierte Kurtisane, eine Art Nobelprostituierte, verliebt sich in einen jungen Mann aus besseren Kreisen und stößt damit hart an die gesellschaftlichen Schranken, hinter denen penibel zwischen erlaubter käuflicher und verbotener wahrer Liebe unterschieden wird. Verdi hat ihr mit „La traviata“ ein Denkmal gesetzt, in tiefer Zuneigung, deren musikalischer Ausdruck seit der Uraufführung 1853 die Menschen zu Tränen rührt. Der Wiener Opernsommer hat heuer erstmals als Open Air am Heumarkt gastiert. Wo sommers einst die Freistilringer spektakulär gerauft haben und im Winter die Schlittschuhläufer nach wie vor ihre Schleifen ziehen, erhebt sich ein nobler Salon, der mit ein paar Möbeln zum Landgut und am Ende zum Sterbezimmer Violettas verwandelt wird. Daneben ist in einem ähnlich elegant gestalteten Pavillon das Orchester am Werk. Erdacht und erbaut wurde die Szenerie von Manfred Waba, einem Spezialisten für große Bühnen mit entsprechendem Feeling für die Atmosphäre der jeweiligen Inszenierung. Der Wahlwiener Dominik Am Zehnhoff-Söns hat längst einen hervorragenden Ruf als Opernregisseur und, wie heuer bewiesen, für seine kundige Auswahl der Mitglieder des Ensembles. Ebenfalls ein Beutewiener ist der in Japan geborene Jōji Hattori, Intendant und Dirigent am Pult des traditionsreichen Wiener Kammerorchesters. Der renommierte Philharmonia Chor Wien übernimmt stimmgewaltig neben einem dazwischen wirbelnden bunten Ballett sowohl die Gesellschaft der Salons wie auch das Karneval feiernde Volk im letzten Akt. Ball bei Flora Bervoix, Ensemble © MAGMAG Für die zwölf Aufführungen in der Zeit von 1. bis 25. Juli sind für die Hauptfiguren jeweils zwei Besetzungen vorgesehen. So war Nathalie Peña-Comas am Montag, 14. Juli 2025, eine hinreißende Violetta, deren Sopran als Ausdruck gewaltiger Emotionen sicher und kraftvoll die geforderten Höhen und Tiefen beherrscht. Alfredo war David Kerber, ein junger Tenor, der sich strahlend mit einer Arie bei Violetta einführt, sie später in seiner Eifersucht demütigt, aber gleichzeitig mit unbeschwerter Lebenslust der Sterbenden noch Hoffnung vermitteln will. Dessen Vater Giorgio Germont gab Thomas Weinhappel. Sein Bariton ist kräftig und doch ungemein klangvoll.
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