Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ortner & Ortner, Manfred Wehdorn, Gesamtmodell des Museumsquartiers 1997

Ortner & Ortner, Manfred Wehdorn, Gesamtmodell des Museumsquartiers 1997

VISION UND WIDERSTAND Rückblick auf die Erfolgsgeschichte MQ

Kinderkulturparcours © MQ / Thomas Meyer

Kinderkulturparcours © MQ / Thomas Meyer

Der schwierige Weg vom Stall des Kaisers zum größten Kunst- und Kulturareal Europas

Der Titel zur Jubiläumsausstellung des MuseumsQuartiers klingt martialisch und will so gar nicht zum vielseitig anregenden Entspannungsfaktor dieser Anlage passen. Damit sich auch die jüngere Generation, die die heißen Auseinandersetzungen einfach noch nicht miterlebt haben, davon eine Vorstellung machen kann und die Älteren sich an die medialen Diskussionen erinnern, wird im MQ Freiraum von Andreas Nierhaus, einem auf Barock spezialisierten Kurator des Wien Museums, die schwere Geburt des heute 25 Jahre jungen Areals in Modellen, Zeitungsartikeln, TV-Ausschnitten, Architekturskizzen und mehr anschaulich gemacht.

Vision und Widerstand, Ausstellungsansicht

Vision und Widerstand, Ausstellungsansicht

Vision und Widerstand, Ausstellungsansicht

Vision und Widerstand, Ausstellungsansicht

Wie kommt ein Experte für Bauten von Johann Bernhard Fischer von Erlach zu dieser Aufgabe? Ganz einfach: Ein guter Teil der noch bestehenden Gebäude wurde von diesem Hofarchitekten entworfen. In Sichtweite der Hofburg, am Rand des Glacis, befand sich damit der kaiserliche Marstall für 600 Pferde und 200 Karossen. Bauherr war Kaiser Karl VI., der jedoch nach dem Ableben Fischer von Erlachs nur einen Teil von dessen gewaltigen Plänen umsetzte. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es zwar noch einmal eine Erweiterung, mit 1918 waren Ställe und Remisen aber ohne Funktion. 1921 wurden die Baulichkeiten zum „Messepalast“ umgewandelt. 1945 lag ein guter Teil in Trümmern, was die für den 7. Bezirk zuständige amerikanische Militärmacht nicht hinderte, Sportveranstaltungen abzuhalten. Die barocken Prachtbauten wurden renoviert und boten sich in den 1950er- und 60er-Jahren für Konzerte, Bälle und nicht zuletzt für Publikumsmagneten wie die „Jochen Rindt Show“ an.

Vision und Widerstand, Ausstellungsansicht

Vision und Widerstand, Ausstellungsansicht

Gesamtmodell des Siegerprojekts von Ortner & Ortner, 1990, MQ-Archiv

Gesamtmodell des Siegerprojekts von Ortner & Ortner, 1990, MQ-Archiv

In den späten 1970er-Jahren erstarkte die Idee, den Ort zu einem Kulturareal weiter zu entwickeln. Bürgermeister Helmut Zilk träumte von einem „österreichischen Centre Pompidou“. Gemeint war damit ein Konzept, das die Kunst der Moderne und der Gegenwart, dazu eine Kunst- und Veranstaltungshalle und ein Medienzentrum beinhalten sollte. Ein Siegerprojekt wurde ermittelt. Laurids und Manfred Ortner hätten ein kraftvolles architektonisches Statement gesetzt, das jedoch eine der heftigsten Kontroversen der Zweiten Republik auslöste. Die Kronen Zeitung als selbsternannte Stimme des Volkes schrieb von einem „Museumsmonster“.

Im Zentrum der Debatte stand der 67 Meter hohe Leseturm. Mit seinem Fall wurde das Konzept als Ganzes in Frage gestellt. Ein Modell dieses Turms aus Pappe, bedruckt mit Zeitungsartikeln, begrüßt die in die Ausstellung Eintretenden. Eine weitgehend neue Planung schaffte es zur Eröffnung am 29. Juni 2001. Jubel und Fanfaren wären angesichts dieses Erfolges angebracht, denn das MuseumsQuartier hat sich prächtig entwickelt. Mängel dieser Kombination aus feudaler Pracht und mutiger junger Architektur blieben aber offensichtlich. Abgesehen von der mittlerweile energisch angegangenen Begrünung seitens der Geschäftsführerin Bettina Leidl haben sich Museen und Freizeitangebot noch nicht befriedigend verbunden. Sowohl zum MUMOK als auch in das Leopold Museum führt ein beschwerlicher Aufstieg, der jedoch mit der Aussicht auf grandiose Kunst gerne überwunden wird. Ein beeindruckender Schritt in die richtige Richtung wurde 2020 mit der „MQ Libelle“ gesetzt, von der aus über die Dächer des MuseumsQuartiers hinweg der Blick von den „Vorstädten“ bis in das Zentrum Wiens schweifen kann.

 L.O.M.O., Manfred Ortner, Leseturm, 2020, Pastellkreide, 232 × 158 cm

L.O.M.O., Manfred Ortner, Leseturm, 2020, Pastellkreide

The Material Show, Ausstellungsansicht

The Material Show, Ausstellungsansicht

THE MATERIAL SHOW Wir bauen Häuser, wir tragen sie ab.

The Material Show, Ausstellungsansicht

The Material Show, Ausstellungsansicht

Künstlerische Reflexionen über alltägliche Prozesse und die dabei verwendeten Stoffe

Die bunte Struktur des Fenster aus einem Jugendstilbau (Architekt: Ludwig Schöne, 1909) wird durch eine Dämmplatte aus Gips verdeckt. Andreas Fogarasi hat das Kleinod aus einem Abrissobjekt gerettet und gemeinsam mit der weißen Platte mit Stahlbändern zu einer Art Paket verschnürt. Damit ist die befremdlich anmutende Kombination Teil seines laufenden Projekts „Nine Buildings, Stripped“ geworden, das urbane Veränderungen durch den Fokus auf architektonische Oberflächen dokumentieren soll. Fogarasi ist Künstler und in der bis 31. Mai 2026 im MQ Freiraum gezeigten Ausstellung „The Material Show“ Kokurator neben Astrid Peterle. Im Mittelpunkt stehen Materialien, die unsere gebaute Umwelt tragen. Zwölf österreichische und internationale Kunstschaffende sind mit ihren Werken aus Beton, Stein, Holz, Metall und Glas vertreten und haben ihre Ideen zum ewigen Kreislauf von Bauen und Abreißen als geheimnisvolle Codes dreidimensional, als Video und im Foto umgesetzt. Die diesbezüglich Unbedarften verständliche Auflösung findet sich übrigens in einer praktischen und für den Besuch unentbehrlichen Broschüre.

Ausstellungsansicht „THE MATERIAL SHOW“, MQ Freiraum, 2026 © MuseumsQuartier Wien, Foto: Simon Veres

Ausstellungsansicht „THE MATERIAL SHOW“, MQ Freiraum, 2026 © MuseumsQuartier Wien, Foto: Simon Veres

Ausstellungsansicht „THE MATERIAL SHOW“, MQ Freiraum, 2026 © MuseumsQuartier Wien, Foto: Simon Veres

Ausstellungsansicht „THE MATERIAL SHOW“, MQ Freiraum, 2026 © MuseumsQuartier Wien, Foto: Simon Veres

LITTLE WARSAW (das ungarische Kollektiv: András Gálik, Bálint Havas) fängt mit einem den Raum beherrschenden Silikonguss die Aufmerksamkeit. Erst bei genauem Hinschauen entdeckt man über der Mitte den Abdruck eines nackten Soldaten, der verrät, dass es sich um das monumentale Portal eines in den 1920er-Jahren in Buda erbauten Offiziersheimes handelt. Ihm gegenüber leuchtet ein Kiosk in freundlicher Farbenpracht. Die in Charkiw (Ukraine) aufgewachsene Daria Koltsova klagt damit die Zerstörungen des Krieges an. „Angeboten“ werden postkartengroße Teile von Buntglasfenstern wie sie in sakralen Bauen zum Einsatz kommen. Sie werden, so die Künstlerin, zum Archiv der Heimat, das jeder flüchtende Mensch in sich trägt. Der österreichische Bildhauer Werner Feiersinger ist sowohl mit Fotografien von italienischen Architekturen als auch Skulpturen im Sinn der Minimal Art vertreten. Diese Arbeiten stehen mit ihrer strengen Ordnung im Gegensatz zu den verqueren Kombinationen aus alten Dachbalken und neuen Terrazzo Fliesen.

Cäcilia Brownhat sie  dem Kreislauf des Ab- und Aufbaus von Gebäuden entzogen. Düsteren Gelatine-Drucken von Markéta Othová hängen 18 kleinformatige Fotografien der Schweizerin Bianca Pedrina gegenüber. Mit UV-Direktdruck auf Bodenbelag nimmt sie auch Bezug auf Adolf Loos und dessen an seinem Haus ohne Augenbrauen verwendeten speziellen Marmor. Thematisiert werden mit dieser Herabsetzung eines teuren Materials nicht zuletzt die menschlichen Abgründe dieses trotz gerichtlich erwiesenen Missbrauchs von Kindern noch hoch angesehenen Mannes. Betonbrocken von Christoph Weber, ausgebrannte Neonröhren von Iris Touliatou oder die Architektur-Renderings von Nick Relph sind ebenso Teil dieser Schau, die von einem 16-mm-Farbfilm von Hannes Böck, von Mara Almarceguis „Construction Materials, City of São Paulo“ und eine wunderbar aufschlussreiche Materialbibliothek (wieder von Andreas Fogarasi) eingeleitet wird und den nur scheinbaren Gegensatz des Mottos „We build houses. We take them apart“ klärt.

Andreas Fogarasi Nine Buildings, Stripped (The Large Glass)

Andreas Fogarasi Nine Buildings, Stripped (The Large Glass)

The Roots of Small Fires – Milica Živković

Im Raum gegenüber präsentiert Milica Živković in ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in Wien neu geschaffene Arbeiten. Motive von „The Roots of Small Fires“ begleiten die Künstlerin bereits seit einigen Jahren. Živkovićs Arbeiten entstehen aus dem komplexen Zusammenspiel persönlicher Erfahrungen und der politischen Realität des Balkans nach dem Ende der Kriege.

Die silbern schimmernden Stoffe, die in der „Spectacles of Survival“ betitelten Werkserie als Malunterlage dienen, spielen auf die pompöse Ästhetik des Musikstils „Turbo-Folk“ an, der häufig mit Nationalismus und den Jugoslawienkriegen in Verbindung gebracht wird, und als eine Art Hintergrundgeräusch Živkovićs Erinnerung an ihre Kindheit prägt. Auf den Stoffen finden sich abstrakte, wurzelähnliche Formen, die wie Gesten der Ver- und Entwurzelung anmuten.

The Roots of Small Fires, Ausstellungsansicht

The Roots of Small Fires, Ausstellungsansicht