Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


La Cage aux Folles über die gesamte Breite der Bühne © Kurt Pinter

La Cage aux Folles über die gesamte Breite der Bühne © Kurt Pinter

EIN KÄFIG VOLLER NARREN Der Regenbogen über dem Neusiedlersee

Alfons Haider als Zaza © Kurt Pinter

Alfons Haider als Zaza © Kurt Pinter

„Ich bin, was ich bin“ und damit Offenheit als strahlendes Motto über dem heurigen Sommer

Was ist „La Cage aux Folles“ eigentlich? Ein Varieté, eine Show, ein Vaudeville, eine Revue oder doch un Théatre und ein Cirque mit einem Schuss Burlesque? Regisseur Andreas Gergen lässt die Entscheidung offen. Gemeinsam mit Walter Vogelweider breitet er auf der breiten Bühne eine faszinierende Kombination aus all dem Genannten auf. Ein goldener Käfig im Zentrum lässt sich je nach Bedarf öffnen und in einen anderen Schauplatz verwandeln. Davor konzentriert sich inmitten einer großzügigen Landschaft aus Revuetreppen das emotionale Geschehen um die Heirat des Sohnes Jean-Michel, eines heterosexuellen Ausrutschers von Georges, in deren trautem Heim, in dem die berückende Zaza als Dame des Hauses regiert. Die persönlichen Befindlichkeiten sind damit organisch in das schlüpfrige, glitzernde und schwungvolle Unterhaltungsprogramm des darunter liegenden Etablissements eingebettet. Getragen wird das Ganze von Melodien, von denen einige wie das „Wir sind, was wir sind“ längst zu Ohrwürmern geworden sind. Die prickelnde Stimmung der 1950er-Jahre an der Cote Azur wird durch diese geglückte Kombination aus Gesang, wahrhaft opulenten Tanzszenen und humorig ausgetragenen Beziehungskisten zum Leben erweckt, ohne das bis heute aktuelle Anliegen dieses Musicals um Toleranz und Offenheit vergessen zu lassen.

Alioscha Jorge Ungur, Mark Seibert, Timotheus Hollweg © Kurt Pinter

Alioscha Jorge Ungur, Mark Seibert, Timotheus Hollweg © Kurt Pinter

Ein Käfig voller Narren im Restaurant Jacqueline © Kurt Pinter

Ein Käfig voller Narren im Restaurant Jacqueline © Kurt Pinter

Alfons Haider, Intendant der Seefestspiele Mörbisch, konnte es sich freilich nicht nehmen lassen, selbst in die Rolle von Zaza zu schlüpfen und die vielschichtigen Gefühle einer alternden und dennoch attraktiven Diva glaubhaft umzusetzen. Abgelöst wird er bei den vielen Vorstellungen von Drew Sarich, einem der ganz Großen im Bereich der Travestie. Deren „Ehemann“ Georges ist bei den meisten Vorstellungen Mark Seibert. Er bemüht sich aufrichtig, den Charme des Betreibers eines florierenden Drag-Clubs einem fiktiven, aber auch dem realen Publikum zu vermitteln. Mit Verve präsentiert er die Solisten, die als herrliche Damen, als die berühmten „Cagelles“ ihre Kunst zeigen. Neben Peitschen schwingen und anderen erotischen Aktivitäten fällt Chantal auf. Countertenor Joël Zupan überrascht mit gut vier Oktaven Tonumfang, wenn er spielerisch vom Diskant bis in den Bass gleitet. Als Liebender taumelt George jedoch zwischen den Allüren Albins, so der bürgerliche Name der eifersüchtigen Zaza, und dem Glück seines Sohnes Jean-Michel (Timotheus Hollweg). Der Jüngling hat sich ausgerechnet in die reizende Anne (Anna-Rosa Döller) unsterblich verliebt.

Deren Vater ist niemand anderer als Edouard Dindon, Abgeordneter einer ultrakonservativen Partei, die sich die Abschaffung von derlei „unsittlichen“ Umtrieben auf die Fahnen geheftet hat. Mathias Schlung lässt die Gefahr deutlich anklingen, wenn er seinen Politiker zu Wort kommen lässt. Seine Gattin Marie (Ines Hengl-Pirker) ist eigentlich nur dabei, um die Moral ihres Gatten zu bestätigen. Die angespannte Stimmung beim Besuch dieser seltsamen Gäste wird durch Pannen und Gags des Buttlers Jacob humorig aufgelockert. Alioscha Jorge Ungur ist tatsächlich in Mädchenkleidern auch für Heteros ein erfreulicher Anblick. Wäre da nicht Jacqueline (auf der Bühne die englische Schreibweise „Jaqueline“), der KS Ursula Pfitzner die Souveränität der Betreiberin eines Restaurants verleiht, Gott weiß, wie diese durch und durch pikante Angelegenheit ausgegangen wäre. So aber bleibt mit dem Happy Ende die Begeisterung an perfekt gesungenen Chansons und grandiosen Tanznummern, die mit stimmungsvollen Wasserspielen die Besucherscharen glücklich wieder auf das Festland zurück schicken.

Cagelles in Aktion © Kurt Pinter

Cagelles in Aktion © Kurt Pinter

Paul Csitkovics, Ensemble © kurtpinter.com

Paul Csitkovics, Ensemble © kurtpinter.com

SATURDAY NIGHT FEVER Brooklyn Feeling am Neusiedlersee

Filippo Strocchi, Ensemble © kurtpinter.com

Filippo Strocchi, Ensemble © kurtpinter.com

Ein glitzernder Disco-Klassiker mit kleinen Schatten

von unserer Gastautorin Jacqueline Pauer

Es war eine Zitterpartie bis zuletzt: Rechtzeitig zur Premiere des Bee-Gees-Musicals „Saturday Night Fever“ auf der Seebühne Mörbisch verzogen sich die dunklen Regenwolken. Die spätsommerlichen Temperaturen blieben allerdings kühl, und so wollte sich nicht durchgehend jenes unbeschwerte Open-Air-Gefühl einstellen, das man von einem solchen Abend erwartet. Nach dem Rekorderfolg von „Mamma Mia!“ 2023, der das Publikum mit ABBA-Hits und mediterraner Lebensfreude im Sturm eroberte, war von Beginn an klar: „Saturday Night Fever“ würde es schwer haben, diesen Maßstab zu halten. Der Disco-Klassiker aus dem Jahr 1977, der John Travolta weltberühmt machte, erzählt schließlich eine raue, sozialkritische Geschichte aus Brooklyns Straßen.

Juliane Bischoff, Filippo Strocchi, Amanda Withford, Anna Rosa Döller, Statisterie © kurtpinter.com

Juliane Bischoff, Filippo Strocchi, Amanda Withford, Anna Rosa Döller, Statisterie © kurtpinter.com

Fabio Diso, Aeneas Hollweg, Ensemble © kurtpinter.com

Fabio Diso, Aeneas Hollweg, Ensemble © kurtpinter.com

In der Hauptrolle des Tony Manero stand am Premierenabend Fabio Diso auf der Bühne, der sich diese Rolle alternierend mit Paul Csitkovics – dem ersten Burgenländer in einer Mörbisch-Hauptrolle – teilt. Diso zeigte nach kleinen Anfangsproblemen in der Stimme eine solide Leistung, tanzte mit beeindruckender Präzision und fand schnell in die Rolle des vom besseren Leben träumenden Brooklyn-Burschen. Ein Highlight des Abends war das Wiedersehen mit den Hollweg-Brüdern Aeneas und Timotheus, die als Tonys Freunde Bobby und Double für komödiantische wie nachdenkliche Momente sorgten. Anna Rosa Döller, bekannt aus „Mamma Mia!“ und „My Fair Lady“, überzeugte auch diesmal als selbstbewusste, toughe Stephanie, die gemeinsam mit Tony von einem anderen Leben träumt. Der Star des Abends aber war ohne Zweifel Amanda Whitford. Die US-Amerikanerin begeisterte das Publikum mit einer kraftvollen, soulig-intensiven Stimme und setzte mit ihren Songs die musikalischen Höhepunkte des Abends. Ihre Bühnenpräsenz und stimmliche Souveränität sorgten immer wieder für Szenenapplaus und hoben die Stimmung deutlich an. Ohne Übertreibung: Sie war die Entdeckung des Abends und prägte den musikalischen Charakter der Premiere entscheidend mit.

Paul Csitkovics, Misha Tovt, Máté Gyenei, Danilo Aiello © kurtpinter.com

Paul Csitkovics, Misha Tovt, Máté Gyenei, Danilo Aiello © kurtpinter.com

Paul Csitkovics, Anna Rosa Döller, Filippo Strocchi © kurtpinter.com

Paul Csitkovics, Anna Rosa Döller, Filippo Strocchi © kurtpinter.com

Regisseur Karl Absenger entschied sich für eine Inszenierung, die den Stoff nicht zu sehr modernisierte, sondern die 70er-Jahre-Atmosphäre respektvoll beibehielt. Unterstützt wurde dies durch Filmsequenzen im Bühnenbild, die der komplexen Handlung eine gewisse Leichtigkeit verliehen, ohne deren dramatische Momente zu verwässern. Faye Heather Andersons Choreografien waren durchwegs präzise und energiegeladen. Die Tanzszenen funktionierten hervorragend, sorgten für Disco-Feeling und animierten stellenweise zum Mitwippen.

Besonders die großen Ensemblenummern in der Tanzhalle überzeugten durch schwungvolle, gut abgestimmte Gruppenbilder. Walter Vogelweiders Bühnenbild verwandelte die Seebühne in ein atmosphärisches Brooklyn der 70er-Jahre. Ob Wohnhauskulisse, Straßenzeilen oder Tanzpalast: Die Szenerien waren detailreich und stimmungsvoll gestaltet und halfen dem Publikum, in Tonys Welt einzutauchen. Musikalisch setzte Tom Bitterlich nicht darauf, den ikonischen Sound der Bee Gees zu kopieren. Stattdessen arrangierte er die bekannten Hits vorsichtig neu, brachte zeitgemäße Elemente ein, ohne den Originalcharakter zu verlieren. Dieser Spagat gelang größtenteils gut, auch wenn man sich an manchen Stellen noch mehr Mut zu Original-Sound und opulenteren Disco-Arrangements hätte wünschen können. Fazit: „Saturday Night Fever“ in Mörbisch ist ein musikalisch und tänzerisch starkes Sommermusical, das mit einer gelungenen Inszenierung, einem engagierten Ensemble und einem stimmigen Bühnenbild überzeugt.

Fabio Diso, Anna Rosa Döller, Ensemble © kurtpinter.com

Fabio Diso, Anna Rosa Döller, Ensemble © kurtpinter.com

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