Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Eva, Ensemble © Christian Husar

Eva, Ensemble © Christian Husar

EVA Vom Aschenbrödel zur Frau Fabriksdirektor

Sieglinde Feldhofer, Reinhard Alessandri © Christian Husar

Sieglinde Feldhofer, Reinhard Alessandri © Christian Husar

Reminiszenzen an seltsame Geister vom Montmartre in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs

Selten prallen in einer Operette Proletariat und unergründlich reiche Bonvivants so direkt aneinander wie in EVA. Dennoch wurde seitens der Librettisten Alfred Maria Willner und Robert Bodanzky, aber auch vom Komponisten Franz Lehár ein politisch-sozialer Hintergrund entschieden bestritten. Vielleicht glaubte man 1911 noch, dem Publikum den Aufstieg durch die harte gläserne Decke zwischen den Gesellschaftsschichten als harmloses Aschenbrödel-Märchen verkaufen zu können. Aber es ist beim besten Willen nicht zu übersehen, dass die da oben ziemlich unnütz sind. Ihr Daseinszweck ist das Feiern, ohne je zu hinterfragen, woher sie dafür das Vermögen nehmen. So ist auch der Lebemann Octave Flaubert mehr als verwundert, als er die Leitung einer Glasfabrik übertragen bekommt. Es interessiert ihn nicht ernsthaft, was die Menschen, die dort an den Öfen schuften, bezahlt bekommen, da er sich bei dieser Frage mit einer ausweichenden Antwort des Buchhalters Prunelles zufrieden gibt. Sein über Jahre am Aufreißen geübtes Interesse erweckt einzig und allein das Mädchen Eva, das als Waisenkind von der Belegschaft aufgezogen wurde und nun großjährig geworden ist.

Sieglinde Feldhofer, Reinhard Alessandri & Ensemble © Christian Husar

Sieglinde Feldhofer, Reinhard Alessandri & Ensemble © Christian Husar

Thomas Zisterer © Christian Husar

Thomas Zisterer © Christian Husar

Im Gegensatz zur Zuneigung der Arbeiter, die für sie ein Geburtstagsfest veranstalten, gerät der Auftritt einer Horde Pariser Freunde, der in einem Duett besungenen Geister vom Montmartre, zum gespenstischen Treiben. Das Lachen bleibt einem heutzutage im Halse stecken, trotz der Musik von Franz Lehár, die das Dasein der Arbeiter unter einen heiteren Klangteppich voll wunderschöner Melodien zu kehren versucht.

 

Dass dieser Zwiespalt deutlich zu spüren ist, liegt wohl zum guten Teil an der Regie des Hausherrn Michael Lakner, der auf das offizielle Ende (es tritt allseitige moralische Verbesserung ein) verzichtet hat und nach 90 Minuten mit einer Heiratserklärung bestenfalls andeutet, dass aus dem arbeitsscheuen Octave nun ein braver Ehemann und umsichtiger Fabrikdirektor werden könnte. Die Ausstattung (Dietmar Solt) ist dankenswerter Weise klar und ohne Rätsel. Im ersten Akt öffnet sich der Vorhang zu einem düster-praktischen Büro, hinter dessen Scheiben zwei Glasöfen glühen. Im zweiten Teil darf man sich an der Pracht eines Palastes ergötzen. Hier kommt es zum Showdown zwischen Bernard Larousse (Franz Födinger), der das Mündel seiner Belegschaft vor dem Zugriff des gewissenloses Chefs retten will, und dem Direktor (Reinhard Alessandri als Octave Flaubert).

Chor (Arbeiter), Reinhard Alessandri, Sieglinde Feldhofer © Christian Husar

Chor (Arbeiter), Reinhard Alessandri, Sieglinde Feldhofer © Christian Husar

Thomas Zisterer, Claudia Goebl, Alexander Kröner © Christian Husar

Thomas Zisterer, Claudia Goebl, Alexander Kröner © Christian Husar

Dieser zeigt sich überraschenderweise geläutert und attestiert Eva gegenüber ernste Absichten. Sieglinde Feldhofer versucht redlich, die Wandlung vom spröden, selbstsicheren Mädchen zur vergnügungssüchtigen Schönen nachvollziehbar umzusetzen. Zugute kommt ihr dabei ein die Sommerarena luxuriös füllender Sopran, der sie zielsicher diverse Spitzentöne treffen lässt. Die Buffos Alexander Kröner als Dagobert Millefleurs und Claudia Goebl in der Rolle der Pepita Desiree Paquerette, kurz Pipsi, vermitteln mit Lebendigkeit und ansprechenden Stimmen die Leichtigkeit, die diese Operette nach dem Willen ihrer Schöpfer auszeichnen soll. Zwischen den Welten agiert gekonnt Thomas Zisterer als Buchhalter Prunelles, der allerdings kein Hehl daraus macht, dass ihn das Pariser Nachtleben mehr anzieht als die Arbeit in der Glasfabrik. Am Pult steht Franz Josef Breznik, der mit deutlichem Schlag Orchester, Solisten und Chor zusammenhält und immer wieder einlädt, die Augen zu schließen und sich in das spannende Geflecht aus Melodien, Begleitung und rhythmischen Gegenstimmen zu vertiefen.

Sommerarena in Baden

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