Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


JOHN & JEN Von großer Schwester zu Helicoptermom

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

Amerikanisches Familienleben als berührendes Kammer-Musical

Dad ist Veteran des 2. Weltkrieges und hat das Trauma nicht verwunden. Er hat für seinen Sohn anstelle von Liebe nur Schläge. Trotzdem wird er für den misshandelten John zur Idealfigur. Tochter Jen wird offenbar von der väterlichen Brutalität verschont. Sie lehnt den Vater dennoch ab. Sie ist sieben Jahre älter als John und wird zur sanften, aber bestimmenden Erzieherin des Heranwachsenden. Als Jen das Elternhaus verlässt und Jahre später als Hippie heimkehrt, ist ihr Bruder bereits auf dem Weg in den Krieg, in den die USA Mitte der 1960er- bis in die 70er-Jahre verwickelt waren. Als John gefallen ist, schwört sie vor dem unter Stars & Stripes aufgebahrten Bruder, bei ihrem eigenen Sohn alles besser zu machen. Doch als Helicoptermom nervt sie den Buben so sehr, dass die Situation gefährlich nahe der mit ihrem Bruder kommt.

Denise Jastraunig, Lukas Müller © Barbara Pálffy

Denise Jastraunig, Lukas Müller © Barbara Pálffy

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

Alle die Auseinandersetzungen, als Geschwister oder später zwischen Mutter und Sohn wurden von Andrew Lippa und Tom Greenwald zu einem hinreißenden Musical für zwei Personen und einem Trio aus Klavier, Cello und Schlagzeug verdichtet. In der Intimität des Theaters Spielraum ging am 18. Jänner 2026 die österreichische Erstaufführung in der Übersetzung von Timothy Roller erfolgreich über die Bühne. Regisseur Robert G. Neumayr und Bühnenbauer Marc Rothschild brauchen nur ein paar Regale, in denen Fotoalben und vor allem Fernsehgeräte stehen, die neben Jahreszahlen Ausschnitte der Reden von Präsidenten wie John F. Kennedy oder Richard Nixon abspielen und das Publikum mit dem jeweils historischen Hintergrund auf dem Laufenden halten.

Zwei multifunktionale Kisten (u. a. Mottenkiste, Sarg, Grab) ergänzen das bescheidene Inventar. Denise Jastraunig und Lukas Müller sind zum blitzschnellen Tausch der von Anna Pollack hinterlegten Kostüme angehalten. John wird vom Kleinkind, das den Weihnachtsmann nicht erwarten kann, zum Baseballspieler und erscheint letztlich in einer feschen Uniform, bevor er im zweiten Teil wieder vom Teddybär zum Teenager heranreift und den von seiner Mutter feierlich übergebenen Baseball-Handschuh seines Onkels brüsk als unbrauchbar ablehnt. Jen wandelt sich vom braven Mädchen zur ausgeflippten Weltverbesserin und in den 1980ern als Mutter zum peinlich kreischenden Fan ihres sportlichen Sohnes. Dank der Gesangsstimmen der beiden, sie haben beachtliche „Röhren“, erinnern die Solonummern an gestandenes Musical, in dem die kleine Welt dieser durchschnittlichen amerikanischen Familie einer Gesellschaft, die derzeit eher sorgenvoll nach drüben blickt, in einer nachvollziehbaren, sehr menschlichen Weise nachgebracht wird.

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

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