Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die alte Johanna, Ensemble © Barbara Pálffy

Die alte Johanna, Ensemble © Barbara Pálffy

DIE ALTE JOHANNA Erinnerungen an die Zeit als ledige Dirn

Die alte Johanna, Ensemble © Barbara Pálffy

Die alte Johanna, Ensemble © Barbara Pálffy

Ein harsches Frauenschicksal aus gar nicht so ferner Vergangenheit

Vor dem eigenen Haus muss gründlich gekehrt werden, ist die erste Botschaft der Frauen, wenn sie den Besen schwingend aus der im Hintergrund zum Trocknen aufgehängten Wäsche treten und damit klar machen, dass sie mit ihrem Dasein als Wasch- und Putzfrau nicht zufrieden sind. Mit dieser fröhlich-kritischen Einleitung führen sie jedoch zu einer Geschichte, die von einer Frau erzählt, die von der unbezahlten Bauernmagd über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wirren der 1930er- und 40er-Jahre zu einer letztlich geachteten Urgroßmutter aufgestiegen ist. Brigitte West, Mara Christine Koppitsch und Fanny Fuhs sind die Vertreterinnen von drei Generationen, für die ein Name steht: Johanna. Sie war eine ledige Dirn von einer ledigen Dirn von einer ledigen Dirn, von der sich die Mutter beizeiten getrennt hat, um selbst einigermaßen über die Runden zu kommen. Johanna war kein Einzelfall. Auf den Bauernhöfen wurde jede Menge Arbeitskräfte gebraucht. Das Geld war allerdings gluach, wie in der Gegend von Gloggnitz finanzieller Mangel bezeichnet wird. Also bediente man sich der hilflosen Wesen, die sonst ja eh keiner wollte, und nützte sie nach Kräften aus. Schuhe waren unerreichbarer Luxus, wobei die Füße in der noch warmen Kuhflade gewärmt wurden. Johanna konnte noch von Glück reden, dass der Bauer nicht über sie hergegangen ist, um sie dann als Schwangere vom Hof zu weisen.

Brigitte West, Simon Brader, Fanny Fuhs © Barbara Pálffy

Brigitte West, Simon Brader, Fanny Fuhs © Barbara Pálffy

Adrian Stowasser, Fanny Fuhs, Brigitte West © Barbara Pálffy

Adrian Stowasser, Fanny Fuhs, Brigitte West © Barbara Pálffy

Alles das hat Johanna der Schriftstellerin Renate Welsh erzählt, die dazu 1979 einen Roman herausgegeben und diese Erinnerungen nun im Theaterstück „Die alte Johanna“ aufgearbeitet hat. Am 15. April 2026 feierte es seine Uraufführung im Theater Spielraum. Mit faszinierend einfachen Mitteln hat Nicole Metzger diese in ihrer Art besondere Biografie ergreifend umgesetzt. Zwei Männer ergänzen das weibliche Ensemble, die allesamt in verschiedensten Rollen die Lebensstationen dieser wahrhaftigen Heldin begleiten. Simon Brader kommt einigermaßen gut weg.

Als Knecht Ferdl, Filialleiter eines Supermarkts und zu Ehren eines Professors gekommener Sohn Thomas sind ihm an sich neutrale Rollen zugedacht. Seinen großen Auftritt hat er als Peter, einem Nebenerwerbslandwirt, Arbeiter im Braunkohlebergwerk und Sozialist. Er wundert sich, dass eine so kleine Ortschaft wie die ihre von einem Hollerbusch in die Reichen da oben und in die Roten da unten geteilt sein kann. Er heiratet Johanna und hängt ihr ein ordentliches Schüpperl Kinder an. Obwohl die Grube geschlossen wird, schafft er es mit ihrer Hilfe, die Notzeiten zu überstehen und die stattliche Familie durchzubringen. Adrian Stowasser hat es wesentlich schlechter erwischt. Der Lehrer will dem Kleinhäuslerkind die Weiterbildung absprechen und, weil ihm der Weg zu weit ist, bringt der Gemeindearzt eines der Kinder beinahe um, da er es trotz Symptomen einer Krankheit impft. Der Lahnbauer, Johannas erster Arbeitgeber, ist überheblich, unmenschlich und geldgierig. Diesen dreien gegenüber lässt Johanna keine Altersmilde walten, obgleich ihr der Humor geblieben ist, auch als der Tod in der finsteren Ecke steht, um mit ihr über den Rest ihrer noch verbliebenen Tage zu verhandeln.

Mara Christine Koppitsch, Fanny Fuhs © Barbara Pálffy

Mara Christine Koppitsch, Fanny Fuhs © Barbara Pálffy

JOHN & JEN Von großer Schwester zu Helicoptermom

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

Amerikanisches Familienleben als berührendes Kammer-Musical

Dad ist Veteran des 2. Weltkrieges und hat das Trauma nicht verwunden. Er hat für seinen Sohn anstelle von Liebe nur Schläge. Trotzdem wird er für den misshandelten John zur Idealfigur. Tochter Jen wird offenbar von der väterlichen Brutalität verschont. Sie lehnt den Vater dennoch ab. Sie ist sieben Jahre älter als John und wird zur sanften, aber bestimmenden Erzieherin des Heranwachsenden. Als Jen das Elternhaus verlässt und Jahre später als Hippie heimkehrt, ist ihr Bruder bereits auf dem Weg in den Krieg, in den die USA Mitte der 1960er- bis in die 70er-Jahre verwickelt waren. Als John gefallen ist, schwört sie vor dem unter Stars & Stripes aufgebahrten Bruder, bei ihrem eigenen Sohn alles besser zu machen. Doch als Helicoptermom nervt sie den Buben so sehr, dass die Situation gefährlich nahe der mit ihrem Bruder kommt.

Denise Jastraunig, Lukas Müller © Barbara Pálffy

Denise Jastraunig, Lukas Müller © Barbara Pálffy

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

Alle die Auseinandersetzungen, als Geschwister oder später zwischen Mutter und Sohn wurden von Andrew Lippa und Tom Greenwald zu einem hinreißenden Musical für zwei Personen und einem Trio aus Klavier, Cello und Schlagzeug verdichtet. In der Intimität des Theaters Spielraum ging am 18. Jänner 2026 die österreichische Erstaufführung in der Übersetzung von Timothy Roller erfolgreich über die Bühne. Regisseur Robert G. Neumayr und Bühnenbauer Marc Rothschild brauchen nur ein paar Regale, in denen Fotoalben und vor allem Fernsehgeräte stehen, die neben Jahreszahlen Ausschnitte der Reden von Präsidenten wie John F. Kennedy oder Richard Nixon abspielen und das Publikum mit dem jeweils historischen Hintergrund auf dem Laufenden halten.

Zwei multifunktionale Kisten (u. a. Mottenkiste, Sarg, Grab) ergänzen das bescheidene Inventar. Denise Jastraunig und Lukas Müller sind zum blitzschnellen Tausch der von Anna Pollack hinterlegten Kostüme angehalten. John wird vom Kleinkind, das den Weihnachtsmann nicht erwarten kann, zum Baseballspieler und erscheint letztlich in einer feschen Uniform, bevor er im zweiten Teil wieder vom Teddybär zum Teenager heranreift und den von seiner Mutter feierlich übergebenen Baseball-Handschuh seines Onkels brüsk als unbrauchbar ablehnt. Jen wandelt sich vom braven Mädchen zur ausgeflippten Weltverbesserin und in den 1980ern als Mutter zum peinlich kreischenden Fan ihres sportlichen Sohnes. Dank der Gesangsstimmen der beiden, sie haben beachtliche „Röhren“, erinnern die Solonummern an gestandenes Musical, in dem die kleine Welt dieser durchschnittlichen amerikanischen Familie einer Gesellschaft, die derzeit eher sorgenvoll nach drüben blickt, in einer nachvollziehbaren, sehr menschlichen Weise nachgebracht wird.

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

Lukas Müller, Denise Jastraunig © Barbara Pálffy

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