Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ensemble in Adagio Hammerklavier  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

HOLLANDS MEISTER Gemälde, geschaffen aus Tanz und Musik

Maria Yakovleva, Andrey Teterin in Symphony of Psalms  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Drei Choreographien der Tanzmoderne in der Wiener Volksoper vereint

„In Schräglage“ könnte man den englischen Ausdruck „skew-whiff“ übersetzen. Er steht als Motto zum Tanz, mit dem Gioachino Rossinis Ouvertüre zu „La gazza ladra“ (Die diebische Elster) ihren körperlichen Ausdruck fand. Wie jeder Takt dieser von Heiterkeit perlenden Musik ein Lächeln in die Gesichter der Zuhörer zaubert, so machen auch Sol León & Paul Lightfoot in ihrer Choreographie gleich zu Beginn deutlich, dass es um Spaß geht, der sich allerdings in einem virtuosen Bewegungsrepertoire der Tänzer verwirklicht, in dem Schnelligkeit, Technik und Ausdruck mit einem kleinen Hauch Skurrilität vereint werden. Es darf gelächelt werden, wenn ein Solist beeindruckend mit dem Arsch wackelt, heimlich geküsst wird oder sich die drei Herren Davide Dato, Denys Cherevychko und Masayu Kimoto um die einzige Frau (Fiona McGee) im Ensemble matchen und dabei abenteuerliche Balzrituale und Schaukämpfe aufführen. Dass es sich um einen Macho, eine Trauerweide und einen coolen Girlboss handelt, muss man dem Programmheft glauben. In ihrer Körpersprache sind die drei Typen nicht zu unterscheiden.

Denys Cherevychko, Davide Dato in Skew-Whiff  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Offen bleibt auch, wer mit seinem amourösen Einsatz am Ende Erfolg hat. Paul Lightfood, der mit seiner Partnerin Sól Leon diese Arbeit ursprünglich für das Nederlands Dans Theater (NDT) geschaffen hat, will dazu auch nicht mehr sagen als „fast wie ein vertanzter Kauderwelsch“, der hinter der Idee zu dieser Kreation steht. An Turbulenz kann der Tanz allemal mit den Verwirrungen von Rossinis Oper mithalten und in der Phantasie des Zuschauers das altmeisterliche Bild einer übermütigen Gesellschaft Anfang des 19. Jahrunderts zaubern.

Ensemble in Adagio Hammerklavier  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Musik von Ludwig van Beethoven kann auch getanzt werden. Der Beweis für diese kühne Ansage wird angetreten, wenn drei Paare (Olga Esina – Robert Gabdullin, Ketevan Papava – Roman Lazik, Liudmila Konovalova – Andrey Teterin) mit drei ausgedehnten Pas de deux und dazwischen Gruppensequenzen das Adagio aus der Sonate Nr. 29 B-Dur op. 106 im Tanz meditieren. Anders kann man die berührende Choreographie eines Hans von Manen zu „adagio hammerklavier“ kaum bezeichnen.

Der Tempoangabe des Komponisten angepasst gilt sie gleichsam als Alterswerk, als Opus summum sowohl für ihn als auch für Beethoven. Für den Konzertsaal erschlossen wurde diese Sonate erst nach dessen Tod. Am Klavier sitzt für die Volksoper Shino Takizawa, die jeden Ton ebenso auskostet wie das Ensemble auf der Bühne die dazu erdachten Bewegungen. Zeit spielt keine Rolle. Sie ist einfach in Fülle vorhanden, sowohl für die Musik als auch für den Tanz und nicht zuletzt für Beschaulichkeit im Auditorium.

 

„Exaudi orationem meam, Domine, et deprecationem meam. Auribus percipe lacrimas meas. Ne sileas, ne sileas!“ tönt ein gemischter Chor aus den Lautsprechern, während acht Paare mit dem Ausdruck ihrer Körper flehen: „Erhöre mein Gebet, o Herr, und mein Flehen. Dein Ohr eröffne meinen Tränen. Bleib nicht stumm!“ Die geistlichen Worte stammen aus dem Psalm 38, mit dem Igor Strawinski seine „Symphonie de Psaumes für Chor und Orchester“ einleitet. Choreograph ist Jiří Kylián, der 1968 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings seine Heimat verlassen hatte und bald zum NDT gestoßen war. Seine Liebe zur slawischen Musik war ihm geblieben.

Sie drückt sich auch in seinem tänzerischen Werk aus. Die Bühne, gestaltet von William Katz, und gedämpftes Licht schaffen die erhabene Stimmung orthodoxer Liturgie. Dahinter steht eine geheimnisvolle Zahlenmystik, die der „symphonie of psalms“ gemeinsam mit Schritten und Figuren eine spürbar strenge Struktur verleiht. Nur so kann letztlich ein befreiendes „Alleluia“ ertönen, das diesem Stück die goldene Farbe einer Ikone des dritten Großen des Modern Dance verleiht.

Alice Firenze, Kiyoka Hashimoto in Symphony of Psalms  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
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