Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Robert Weithas, Kristián Pokorný, Keisuke Nejime  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Robert Weithas, Kristián Pokorný, Keisuke Nejime © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

EIN DEUTSCHES REQUIEM Hochemotionale Musik und dazu – Tanz?

Marian Furnica, Ioanna Avraam, Zsolt Török  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Marian Furnica, Ioanna Avraam, Zsolt Török © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Über den Versuch, Ästhetik der Bewegung und biblische Botschaften zu verbinden

Als Johannes Brahms das Requiem „Für den Menschen“ komponiert hat, war wohl sein letzter Gedanke, dass dieser gewaltige Ausdruck von Glauben und Vertrauen in die von der Bibel überlieferten Tröstungen jemals mit einem Ballett unterlegt werden könnte. Martin Schläpfer, Leiter des Wiener Staatsballetts, war dennoch von Komposition und Inhalt derart angetan, dass er zu „Ein deutsches Requiem“ eine Choreographie geschaffen hat. Beleuchtet von jeweils zwei Lichtbalken in einem dunkelgrauen Bühnenraum wirken über 60 entsprechend gewandete Tänzer; Schwarz in der „Farbe“ der Trauer und Weiß wohl für das Leben, das – so heißt es im 1. Korintherbrief bei Paulus (VI. Satz) – nach einer Verwandlung mit dem Schall der letzten Posaune wieder beginnen wird. Links und rechts vor der Bühne, sogar in den ersten Logen singt der Chor jubelnd: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ Dazu tönt aus dem Graben mächtig tiefes Blech, überhöht von einem Klangrausch der Streicher (Dirigent: Christoph Altstaedt). Um zu verstehen, warum bei der Stelle im Corps de Ballett nicht unbändige Freude ausbricht, sondern eher seltsame Figuren, immer wieder bestehend aus Männern, die Frauen mit abgewinkelten Beinen tragen, diese doch großartigen Heilsversprechungen ausdrücken, muss man tief in das Ideenreich Schläpfers eindringen.

Ensemble  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Ensemble © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Ketevan Papava, Marcos Menha  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Ketevan Papava, Marcos Menha © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Er hat schon mehrmals Musik sakralen Charakters einer Choreographie zugrunde gelegt, um darin mit den Körpern der Tänzer eine Realität jenseits der einer Bühne erahnen zu lassen. Stellenweise ist man fasziniert, wie direkt der Tanz die Komposition überhöht, beispielsweise beim Jesaja-Text im II. Satz. Bei den Worten „Freude und Wonne“ tritt ein Solist aus dem Ensemble heraus, schreitet frontal auf das Publikum zu und läuft mit großen Bewegungen auf dem Stand, um sich mit einer kurzen Drehung wieder in das Dunkel des Hintergrundes zurück zu ziehen. Im V. Satz gibt es einen „Pas de deux“ zwischen Sopranistin Athanasia Zöhrer und Solistin Claudine Schoch, die diesen Part ausschließlich auf der Spitze (eines Fußes, der andere ist unbeschuht) bestreitet. Man vergisst ätherische Schwäne, Nymphen und Sylphiden, wenn sie damit Texte wie „Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ in ihre Sprache des Tanzes übersetzt. Bariton Alexandre Beuchat meistert respektabel die für seine Stimmlage haarige Partie. Er verkündet unter anderem Weisheiten Salomos und Frohbotschaften aus der Offenbarung Johannis. Der Tanz setzt dabei immer wieder auf gegenteiligen Ausdruck. Sobald die Klänge innig und leiser werden, füllt sich die Bühne oder umgekehrt, wenn das Tutti des Orchesters aufbraust, sind nur wenige Paare am Werk. Es gibt allerdings eine Brücke zum offenen Tor des Verständnisses: Mit einem Kunstgriff – Schläpfer lässt die Tänzer barfuß auftreten – werden die Bewegungen erdig und machen nachvollziehbar, was Matthäus in 5,4 verspricht: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“

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