Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


24 Préludes © © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

24 préludes: Arne Vandervelde, Maria Yakovleva, Marcos Menha, Alexey Popov © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

BEGEGNUNGEN Die abstrakte Vereinigung von Musik und Tanz

lux umbra: Sinthia Liz, Sveva Gargiulo, Ensemble  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

lux umbra: Sinthia Liz, Sveva Gargiulo, Ensemble © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Von Chopin über Christof Dienz zu Beethoven – ein Wechselbad der Gefühle

Mit Martin Schläpfer ist ein neuer Geist in die Produktionen des Wiener Staatsballetts eingezogen. Der Leiter dieses großartigen Ensembles fordert nicht nur von dessen Mitgliedern Höchstleistungen, er verlangt auch vom Publikum ein für dieses doch neues Engagement. Das Bühnenbild ist extrem reduziert, teils einfärbig, gestaltet nur vom Licht. Seine Choreographien erzählen nur wenig und wenden sich damit an die Fantasie der Zuschauer, die in ihren eigenen Köpfen die Geschichten entstehen und ablaufen lassen müssen. Musik und Tanz werden durch Abstraktion verbunden. Den Beweis dafür hat er mit der Uraufführung „in sonne verwandelt“ geliefert. Im Orchestergraben sitzt der finnische Pianist Johannes Piirto am Flügel und spielt das Klavierkonzert Nr. 4 von Ludwig van Beethoven. Auf der Bühne wird getanzt. Die Verbindung von Schläpfer und Beethoven beschränkt sich jedoch auf Bewegungen, mit denen Sechszehntelläufe sichtbar gemacht werden. Auf Stimmung und Emotionen wird verzichtet. So bewegen sich im zweiten Satz, dem Andante con moto, die Solisten Calogero Failla, Yuko Kato und Claudine Schoch in virtuos artistischer Weise, lassen aber kaum auf eine Verbindung mit dem düsteren, marschartigen Unisono des Orchesters und dessen Dialog mit dem innigen Legato des Klaviers schließen. Zwei von einander getrennte Welten beschließen einen Abend unter dem Motto „Begegnungen“.

Calogero Failla, Yuko Kato  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

in sonne verwandelt: Calogero Failla, Yuko Kato © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

lux umbra: Lourenço Ferreira, Marcos Menha, Rebecca Horner  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

lux umbra: Lourenço Ferreira, Marcos Menha, Rebecca Horner © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Dagegen sind „24 préludes“ von Frédéric Chopin in der Bearbeitung für Orchester von Jean Françaix zu Beginn wahre Plauderwasteln. Der russische Tänzer und Choreograph Alexei Ratmansky hatte zu jeder der vielgestaltigen Miniaturen eine neue Idee. Er lässt Liebepaare zueinander finden, um sie elegant wieder zu trennen, Burschen tragen Schaukämpfe um eine der Schönen aus und Mädchen verführen Herren zum erotischen Pas de deux. Am meisten schätzt er jedoch die prickelnde Menage-à-trois in beliebigen Kombinationen. Es sind zarte piano Klänge, die sich mit Gefühlsaufwallungen im Mezzoforte mischen, und wenn es dramatisch wird, knurren und bellen im bedrohlichem Fortissimo Bass- und Kontrabasstuba. Aber man braucht keine Angst zu haben. Alles geht gut aus, wenn jeweils vier Damen (Rebecca Horner, Maria Yakovleva, Aleksandra Liashenko, Liudmila Konovalova) und vier Männer (Marcos Menha, Arne Vandervelde, Denys Cherevychko, Alexey Popov) im Schlussakkord zusammen gefunden haben. Störend war bei der Premiere nur der Zwischenapplaus, der bei jedem finalen Erreichen der Tonika zögerlich eingesetzt und die heilige Stille zwischen den einzelnen Nummern zerrissen hat.

In Sonne verwandelt: Kristián Pokorný  © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

in sonne verwandelt: Kristián Pokorný © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Ein ähnliches Erlebnis bietet „lux umbra“, ebenfalls eine Uraufführung, die im zweiten Teil des Abends in die Sphäre zeitgenössischer Kompositionen führt. Die einzige Lichtquelle des Raums ist ein Fenster, hoch oben in einer dunklen Wand, unerreichbar für den Solisten Marcos Menha, der sich mit einem faszinierenden Bewegungsrepertoire aus diesem Gefängnis befreien will. Mit Rebecca Horner und Lourenço Ferreira bekommt er Gesellschaft, die nun im Trio und später gemeinsam mit dem Ensemble die ungewohnte, aber zu Fantasieausflügen inspirierende Tonsprache von Christof Dienz in der ergreifenden Choreographie von Andrey Kaydanovskiy hinreißend umsetzen. Am Ende der drei Teile wurde das Wiener Staatsballett mit Bravorufen und tosendem Beifall belohnt; ein Erfolg, der nicht zuletzt auch dem Orchester der Volksoper Wien und einem souveränen Gerrit Prießnitz am Pult zu verdanken ist.

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