Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Lourenço Ferreira in Fly Paper Bird © Ashley Taylor

Lourenço Ferreira in Fly Paper Bird © Ashley Taylor

IM SIEBTEN HIMMEL auf drei grundverschiedene Arten tanzen

Aleksandra Liashenko, Jackson Carroll in Marsch, Walzer, Polka © Ashley Taylor

Aleksandra Liashenko, Jackson Carroll in Marsch, Walzer, Polka © Ashley Taylor

Von Walzer und Polka über die Ekstase des Papiervogels zur Tutu-Romantik eines Georges Bizet

Ein Ballettabend mit „An der schönen blauen Donau“, „Annenpolka“, „Sphärenklänge“ und dem „Radetzky-Marsch“, klingt recht nach Neujahrskonzert, nach der beliebten Österreichwerbung, die als Donauweibchen und fesche Dragoner kostümierte Tänzer zur Musik der Philharmoniker an malerischen Plätzen mit den Klängen von Strauß, egal ob von Vater Johann, Sohn Schani oder dessen melancholischem Bruder Josef ungeniert in die Welt hinaus walzen und zuletzt sogar im Takt mitklatschen lassen. Martin Schläpfer, Leiter des Wr. Staatsballetts, hatte jedoch völlig andere Ideen, diese Ikonen unserer Unterhaltungsmusik in Schrittfolgen und rhythmische Bewegung umzusetzen.

Patrick Lange am Pult des Staatsopernorchesters trägt seinen Teil dazu bei, indem er die von diesen Stücken gewohnte Schönheit im Graben umsetzt, ungerührt vom Geschehen auf der Bühne. Solisten und Ensemble fordern dort das Publikum heraus, sich Gedanken zu machen, was mit dem Wienerischen Dreivierteltakt alles möglich ist. Kleine Episoden erzählen von Paaren, die sich kreuzweise ver- und entlieben, angeregt von der intimen Haltung beim Linkswalzer, ohne diesen aber tatsächlich zu tanzen; denn bei den ruhigen Stellen gibt es lebendige Bewegung, um bei vollem Orchester und mitreißenden Rhythmen unvermittelt statisch zu werden. Die Tänzer scheinen in diesem Moment allzu sehr von der Erotik der jeweiligen Partner angeregt, was seinerzeit schließlich dazu geführt hat, den Walzer als unsittlich zu verunglimpfen und als eine Erfindung des Teufels zu verdammen – bis zum Marche militaire, gewidmet dem großen Feldherren. Dessen Melodie ist derartig unmilitärisch, dass der Solist einfach seine Sicht der Dinge in einer der wohl unkonventionellsten Choreographien zum Radetzkymarsch mit entsprechendem Humor schildern kann.

Ketevan Papava in Marsch, Walzer Polka © Ashley Taylor

Ketevan Papava in Marsch, Walzer Polka © Ashley Taylor

Wie kämpfende Insekten attackieren einander in „fly paper bird“ die Tänzer. Zugrunde liegen dieser brandneuen Choreographie von Marco Goecke die beiden Teile „Stürmisch bewegt. Mit größter Vehemenz“ und das seiner geliebten Alma gewidmete „Adagietto. Sehr langsam“ aus der Symphonie Nr. 5 cis-Moll von Gustav Mahler. Die Bewegungen sind eckig, ähnlich einem alten Film mit zu wenigen Bildern pro Sekunde. Zum Einsatz kommt der gesamte Körper. Muskeln, Schultern, Hände, bis zu den Fingern haben ihre spezielle Funktion, um in höllischem Tempo Sequenzen der Instrumentalisten bis zu den Sechzehntelläufen mit atemberaubender Präzision sichtbar zu machen.

 M- Kimoto, K. Hashimoto,  A. Liashen, T Nakanome in Symphony in c © Ashley Taylor

M- Kimoto, K. Hashimoto, A. Liashen, T. Nakanome in Symphony in c © Ashley Taylor

Unterbrochen wird die Klangpracht durch das eher geraunte als rezitierte Gedicht „Mein Vogel“ von Ingeborg Bachmann, dessen Text jedoch im Programmheft nachzulesen ist.

 

Hörbares Ah und Schön! geht durch die Reihen des Publikums, wenn sich der Vorhang zu „symphony in c“ hebt und es gibt Szenenapplaus. Vor einem leuchtend blauen Hintergrund stehen Tänzerinnen in konventionellen weißen Tutus, die auf der Spitze schwebend die ersten Takte der Symphonie C-Dur von Georges Bizet begleiten. Der Komponist war gerade 17 Jahre alt, als der dieses Werk komponiert hat. Es wurde als Jugendsünde abgetan und zu seinen Lebzeiten weder gedruckt noch aufgeführt. Was der Musikwelt damit beinahe verloren gegangen wäre, hat George Balanchine beim ersten Anhören zu einer Choreographie inspiriert. Man kann die vier Sätze durchaus als kuschelweiche Romantik bezeichnen, ohne sich über harmonischen Tiefgang oder über Anklänge, derer sich der Studiosus hörbar bedient hat, den Kopf zerbrechen zu müssen. Aber was passt dazu besser, als klassisches Ballett, das mit seiner Leichtigkeit jeder Erdenschwere entflieht und die Menschen durch Virtuosität verzaubert.

Like a dog with two tails, Ensemble © Ashley Taylor

Like a dog with two tails, Ensemble © Ashley Taylor

PLATTFORM CHOREOGRAPHIE Vom Tanz zur Kreativität im Ballett

Sarah Branch & Herren in fall no further © Ashley Taylor

Sarah Branch & Herren, fall no further von Tessa Magda © Ashley Taylor

Sechs Werke, gestaltet von Mitgliedern des Wiener Staatsballetts

Den Anfang macht das Rotkäppchen, the Red Riding Hood, das in mehrfacher Ausführung ein Rudel böser Wölfe an die Leine nimmt. László Benedek erzählt diese eigenwillige Fassung des Märchens mit einem Tanzensemble und dem „Jäger“ Alexandre Beuchat (Bariton). Die Musik von Jason Hill, Alex Heffes oder Ronald Blackwell entspricht dem wilden Charakter des Inhalts, der sich vor einem freundlichen Wald abspielt, aber bald in eigene ungezügelte Seelenlandschaften und Gefühlswelten abdriftet. Tempo, Tempo ist das Motto des folgenden „Wanted“ von Trevor Hayden. Bonnie und Clyde sind auf der Flucht oder begehen einen ihrer Überfälle, um am Ende gemeinsam tot zu sein. Im mitreißenden Rhythmus von Banjo und Fidel tanzen der Choreograph selbst und Iliana Chivarova gegen den Rest der Welt. Sen 0815 (Choreographie: Martin Winter) ist ein eher beschaulicher Traum, der zu mächtig eingespielter Musik (man spürt die Bässe in den Sitzen beben) von Johann Sebastian Bach einen Mann vorstellt, dessen Leben ohne große Ereignisse abläuft und in der U-Bahn-Station Karlsplatz seine Erfüllung findet.

sen 8015, Una Zubovic, Cosmin Marinescu, Mila Schmidt, Keisuke Nejime © Ashley Raylor
red riding hood, Ensemble © Ashley Taylor

o.: red riding hood, Ensemble © Ashley Taylor

l.: sen 8015, Una Zubovic, Cosmin Marinescu, Mila Schmidt, Keisuke Nejime © Ashley Taylor

 

Nach der Pause dieses an sich kurzen Abends lässt Tessa Magda mit „fall no further“ die Männerwelt alles andere als gut aussehen. Sarah Branch lässt die Herren Riccardo Franchi, Keisuke Nejime, Aleksandar Orlić, Nicola Rizzo und Felipe Vieira über Sessel stolpern und an ihr abprallen, bis auf einen, an den sie sich schließlich anlehnen kann. „Shadows“ von Adi Hanan (Israel) erinnert an drei Zirkusartisten, die mit ihren Körpern lebende Skulpturen bilden. Sveva Gargiulo, Kristián Pokorný und Duccio Tariello scheinen unzertrennlich zu sein, wenn sie die Musik von Mark Eliahu (Israel) im Tanz interpretieren. Von überschäumender Freude, die der Titel der Choreographie von Gabriele Aime verspricht, merkt man nicht viel, obwohl „like a dog with two tails“ wie ein Hund mit zwei Schwänzen wackeln heißt. Das Ensemble ist jedoch grau in grau gekleidet und erscheint unisex. Die Musik kommt aus einem Grammophon, das laut Aime für „das innere Kind in uns“ steht. Das Resümee: Die sechs Damen und Herren sind Mitglieder des Wiener Staatsballetts, die mit ihren Arbeiten am Freitag, 16. Dezember 2022 in der Wiener Volksoper vielversprechende Aussichten für die Zukunft des klassischen Balletts geliefert haben.

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