Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Erwin Schrott (Escamillo) Stagediving mit seinen Fans ©  Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

CARMEN Die „Oper des Südens“ neu und packend inszeniert

Carmen, Ensemble mit altem Mercedes ©  Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Kriminelle Umtriebe und tödliche Leidenschaft sind verpackt in schönster Musik

Bei den ersten Takten der Ouvertüre wird von Dirigent Andrés Orozco-Estrada klargemacht, dass in den nächsten 2 ¾ Stunden die Post abgehen wird. Der bekannte Ohrwurm fliegt nur so aus dem Graben, in mörderischer Geschwindigkeit. Nur ein Orchester wie das der Wiener Staatsoper kann dieses Tempo in solcher Brillanz bewältigen, wie man sie am Abend der Online-Premiere von CARMEN am 21. Februar 2021 erleben durfte. Georges Bizet hat mit diesem Werk einen Dauerläufer geschaffen, eine „Oper des Südens“, wie es Friedrich Nietzsche geschrieben hat, die keine Scheu vor einfach scheinenden Mitsingmelodien hat und gleichzeitig mit Sex & Crime den Zuschauern die Gänsehaut über den rücken laufen lässt. Kurz gesagt, Carmen ist „volkstümlich“ und will daher immer wieder gehört und gesehen werden. Als Regisseur wurde daher von Direktor Bogdan Roščić als wahrer Goldgriff Calixto Bieito engagiert, ein Spanier, der sich von Natur aus in den Seelenlandschaften der handelnden Personen – Soldaten, Stierkämpfer und Roma – bestens zurecht findet.

Piotr Beczała (Don José), Anita Rachvelishvili (Carmen) © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Die Angst vor einem das Original zerstörenden Regietheater war jedoch unbegründet. Calixto setzt seine Handlung in den 1970er-Jahren an. Schauplatz ist die spanische Exklave Ceuta, ein Hotspot des Schmuggels. Mit einer Auffahrt bejahrter Mercedes-Limousinen wird klargestellt, wer dort am Werk ist, um Tabak, Geld und Menschen illegal über die Grenze zu bringen. Dazu kommt eine Personenführung, die bisher unbeachtete, teils überraschende Aspekte in den einzelnen Charakteren deutlich macht. Die Produktion wird übrigens in der Originalsprache Französisch gesungen.

Vera-Lotte Boecker (Micaëla ), Piotr Beczała (Don José) © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Um dieses Konzept umsetzen zu können, braucht es ein Ensemble, das nicht nur grandios singt, sondern auch das Schauspiel beherrscht. So besticht Vera-Lotte Boecker als Micaëla nicht nur durch ihren hellen Sopran. Als hübsches bürgerliches Mädchen legt sie ungewohntes Selbstbewusstsein an den Tag, wenn sie, nachdem sie „ihren“ Don José von Carmen und der Bande losgeeist hat, mit einem Schlag in die Armbeuge samt zornig geballter Faust den Anwesenden ihre Meinung kundgibt.

Einen Bösewicht der Sonderklasse – geil, aufgeblasen und brutal – gibt Peter Kellner. Sein Zuniga, Offizier und damit Don Josés Vorgesetzter, ist zum Fürchten und man empfindet beinahe Genugtuung, wenn er im Verlauf des Geschehens kurzerhand zusammengeschlagen wird.

Wäre aber schade um diesen prächtigen Bass, wenn er und seine Gegner nicht die Tricks vom Heumarkt beherrschen würden. Bariton Erwin Schrott hingegen ist elegant und fesch, als Escamillo also die ideale Besetzung. Er kann nur höhnisch lachen, wenn sich Don José gegen ihn stellt, wenngleich Einspringer Piotr Beczała mit traumhaft weichem Tenor in berückenden Kantilenen bei Carmen gute Chancen haben müsste. Anita Rachvelishvili reüssiert als Männer verzehrendes Weib. Hinter vordergründiger Weichheit von Körper und Stimme lässt sie den von ihr in den Untergang verlockten Liebhaber stahlhart an sich abprallen. Es kommt, wie es in der Novelle von Prosper Mérimée vorgesehen ist, zum tödlichen Showdown hinter der Arena, aus der man das Volk dem Matador zujubeln hört. Als Zuschauer, der die Premiere coronabedingt nur am Bildschirm verfolgen konnte, erwacht man aus einem düsteren Traum und schämt sich nicht, mit Komparsen, Chor, einem geheimnisvollen (nackten) Balletttänzer und dem glücklichen Leading Team vor dem leeren Haus am Ring begeistert zu applaudieren.

Slávka Slávka Zámečníková, Anita Rachvelishvili, Peter Kellner © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Das verratene Meer, Vera-Lotte Boecker, Bo Skovhus © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

OPER AM BILDSCHIRM Notlösung oder Zukunft?

Die Fledermaus, Georg Nigl, Camilla Nylund © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Ernsthafte Kritik ist auch vom Sofa aus möglich

Ein Beitrag von Gastautor Robert Waloch

Bis 2. November 2020 konnte das Wiener Publikum trotz Corona-bedungener Einschränkungen noch das volle Angebot der Theater und Konzertsäle nutzen! Sie alle sind seither geschlossen, obwohl es zuvor keine einzige Infektion der Gäste gegeben hatte, was den strikten Vorsichtsmaßnahmen zuzuschreiben (und zu danken) war, die – epidemiologischen Auflagen gemäß – für alle Besucher galten. Das unvergleichliche Erlebnis im Zuschauerraum wird wohl länger nicht möglich sein, Streaming über PC und TV soll der Ausweg für diesen Verlust sein. Kann dieses Angebot, das es zuvor schon als kulturelle Zusatz-Nutzung gab, nun zur gültigen Kompensation für verloren gegangene Live-Begegnung werden?

Die von der Politik auferlegte Schließung ist nicht nur für das Publikum ein herber Schlag, sie stellt die davon betroffenen Institutionen, deren Verantwortliche, ihr Personal und die Künstler auch vor massive wirtschaftliche Probleme. Selbst die vom Staat (also vom Steuerzahler) finanzierten Wiener Bundestheater sind davon nicht ausgenommen. Wenn nun von der für Kunst und Kultur zuständigen Staatssekretärin Andrea Mayer zu vernehmen ist „Vielleicht ist es besser, länger zuzusperren“ („Standard“, 12. Dezember 2020), wird damit allen weiteren Versuchen kurzfristig erstellter Spielpläne eine Absage erteilt. Die weiterhin nicht erreichte Inzidenz der Infektionszahlen bildet dafür die Basis. Die Pläne in Burg & Oper und ringsherum sind zum Scheitern verurteilt - und die nicht nur auf kulturelle Direktionsräume begrenzte Verzweiflung wächst.

Die Staatsoper reagierte darauf, als sie mit September 2020 ihr mit Kosten für den Nutzer verbundenes Streaming-Angebot beendete und den einstigen Abonnenten nun Woche für Woche - kostenlos - Aufführungen aus früheren Jahren anbietet.

Tosca, Anna Netrebko, Yusif Eyvazov © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Außerdem wurde mit dem ORF eine Programmleiste etabliert, die ausgewählte Opernabende auf den Bildschirm bringt - davon soll nun dieser auf den engen Wohnzimmer-Bereich reduzierte Kulturspaziergang berichten.

Tosca, Wolfgang Koch, Anna Netrebko © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Tosca: Drei Vorstellungen waren im Dezember geplant, in denen Anna Netrebko erstmals in Wien die Titelpartie der Puccini-Oper interpretieren sollte. Alle Abende waren – zu Höchstpreisen – ausverkauft, und wer eine Karte ergattert hatte, hoffte inständig auf die Realisierung der Begegnung. Dazu kam es aber nicht, denn die Termine mussten - so wie zuvor in München und nachher in London - abgesagt werden. Frau Netrebko kam aber für eine einzige Wiedergabe doch in den Genuss,

sich in der seit 3. April 1958 gezeigten Produktion dieses Thrillers – nun also in der 619. Aufführung! - mit großen Vorgängerinnen (wie Tebaldi, Nilsson, Price, Caballé, Scotto oder Rysanek) zu vergleichen und sich in dieser Liste passend einzureihen, was ihr – in aktueller Bewertung! - auch gelang. Hoffentlich kann sie nun ermessen, welch optisch unsäglichen Fetzen sie bei der Inaugurazione der Scala-Saison 2019 trug. Nicola Benois hatte für Margarethe Wallmanns Wiener Regie die nach wie vor weltweit beispielhafte Ausstattung geschaffen, die bis heute ein nicht unwesentlicher Teil der Gesamtwirkung ist. Nun drehte sich am Bildschirm alles um dieses lang ersehnte Wiener Rollendebüt, dem im leeren Haus aber die Interaktion zwischen Publikum und Sängerin fehlte – ein „Vissi d'arte“ ohne Applaus nach dem finalen „...cosi“ zeigt den Mangel solcher Übertragungen prompt auf. Das gilt natürlich auch für „E lucevan le stelle“ - und somit ist von Yusif Eyvazov als Cavaradossi die Rede, dem nicht vorgeworfen werden kann, an seiner Technik nicht zu arbeiten, das passende Volumen hatte er ja immer schon. Das Timbre hingegen wird weiterhin wohl Geschmackssache sein. Wie auch immer, er muss damit leben, als tenorales Anhängsel seiner Frau beurteilt zu werden – und da hapert es wohl an der Gleichwertigkeit. Auch Wolfgang Kochs Baron Scarpia ist eine gute Besetzung, so man nicht unbedingt Kaliber wie Tito Gobbi oder George London zum Vergleich heranzieht - der zweite Akt bot jedenfalls packendes Spiel.

Am Dirigentenpult Bertrand de Billy als Organisator im Auftrag der Partitur. In den Zeitungen war zu lesen, der ORF habe die Übertragung mit neun Kameras begleitet – das daraus resultierende Bild im Haus mag dadurch zu hell gewesen sein, der Zuschauer daheim auf der Couch wurde hingegen mit Düsternis konfrontiert, die einiges an Fantasie (oder Kenntnis des Inhalts) brauchte, um an den drei römischen Schauplätzen mit dabei zu sein...

Todca, Anna Netrebko © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Der Rosenkavalier: Diese musikalische Neueinstudierung – die 385. Aufführung der aus 1968 stammenden Regie von Otto Schenk! – brachte einige Wien-Debüts, allen voran Günther Groissböck als Baron Ochs auf Lerchenau. Wie schon beim ersten Einsatz bei den Salzburger Festspielen zeigte er das ganze Spektrum dieser Rolle, die ja einst als Titel für die Strauss-Oper vorgesehen war. Stimmlich beeindruckte er nicht nur mit einem endlos gehaltenen „Heu“ im ersten, sondern auch mit beeindruckend klingender Walzer-Seligkeit im zweiten Akt – dessen extrem tiefer Finalton verleitete ihn aber zu grimassieren, was die ORF-Kameras leider unbedingt im Großformat festhalten mussten (diesmal gelang ihnen allerdings die für die TV-Übertragung wesentliche Ausleuchtung gut).

Der Rosenkavalier, Martina Serafin © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Martina Serafin ließ als Marschallin in manchen Momenten stimmlich an ihre Wagner-Rollen erinnern, als wesentliches Plus bot sie aber die Möglichkeit, den Wiener Dialekt in ihre Monologe einzubringen („Siehgst es, da gehts', die alte Fürstin Resi“). Die Großaufnahmen im ersten Akt zeigen einige Versuche, sich den jungen Liebhaber eher vom Hals zu halten – davon abgesehen eine Besetzung, die auf Wiederholung hoffen lässt. Das gilt auch für Erin Morley als brillant schnatternde Sophie, weniger hingegen für Daniela Sindram als Octavian, für die eher die optische als die stimmliche Umsetzung der Rolle spricht. Ein prächtiger Herr von Faninal – auf den Spuren von Erich Kunz – ist Jochen Schmeckenbecher. Luxus pur für die Arie des Sängers: Piotr Beczala! Wiens neuer musikalischer Direktor Philippe Jordan weiß im Ausloten extremer Valeurs zu beeindrucken, manchmal ginge es auch ohne diese.

Die Flederemaus, Michael Laurenz, Camilla Nylund © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Die Fledermaus: Am Silvester-Abend sollte die auf ORF III (zeitversetzt) gezeigte Übertragung wohl dazu beitragen, passend zu Corona „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“ mitzusingen. Doch von entrückter Champagner-Stimmung war im nun wieder düsteren Bild nur wenig zu spüren. Die Besetzung entsprach kaum den Erwartungen, die bei dieser Produktion wohl möglich sind, waren da doch einst – und nicht nur in der Premiere dieser aus 1978 stammenden Schenk-Regie –

große Namen (und entsprechende Stimmen) zu erleben, wie etwa Lucia Popp und Bernd Weikl als Ehepaar Eisenstein sowie Brigitte Fassbaender (Orlofsky) und Edita Gruberova als Adele. In dieser Rolle war nun mit lebhaftem Koloratursopran Regula Mühlemann die erfreuliche Ausnahme, ihrer Herrin – Camilla Nylund als Rosalinde – fehlte es an ähnlicher Quirligkeit leider, da klang immer wieder der großer Wagner-Sopran durch, was bei Nahaufnahmen durch ungünstige Kostümierung noch optische Unterstützung fand – der berühmte Czardas klang dementsprechend. Sowohl ihr Gatte Gabriel (Georg Nigl) wie auch ihr Gspusi Alfred (Michael Laurenz) waren kaum geeignet, den stimmlichen Anforderungen gerecht zu werden; Jochen Schmeckenbechers Gefängnisdirektor Frank lieferte dafür vokalen Ersatz. Okka von der Damerau transferierte als Orlofsky bajuwarischen Charme (?) von der Isar (wo's auch eine „Fledermaus“ in Schenk-Regie gibt) an die Donau. Gratulation hingegen dem aus Hannover stammenden Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart, Cornelius Meister, der am Dirigentenpult zeigte, worauf es bei Johann Strauß ankommt.

Werther, Piotr Beczala, Gaelle Arquez © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Werther: Jules Massenets für Wien komponiertes Werk wird an der Staatsoper seit 1986 in der Regie von Andrej Serban gezeigt, die in der von Peter Pabst gestalteten Bühne ihr Zentrum in einem riesigen Baum findet, unter dessen ausladenden Ästen sich ein TV-Gerät ebenso wie eine Hollywood-Schaukel finden. Die dem Briefroman von Goethe entnommene Titelrolle gestaltete nun erstmals Piotr Beczala, der sich würdig in die von José Carreras und Alfredo Kraus gesetzten Spuren reihte.

Er ist heute sicher der mit Abstand führende lyrische Tenor, was schon sein Auftritt im ersten und – vor allem – seine Arie im dritten Akt („Pourquoi me reveiller“) klangvoll bewies. Seine Charlotte, Gaelle Arquez, hatte ihren von Massenet vorgegebenen Höhepunkt mit der Briefszene („Ses lettres“), die ihren satten Mezzo zum Leuchten brachte. Als ihre kleine Schwester Sophie erfreute Daniela Fally, Clemens Unterreiner als Charlottes (einst durch deren Mutter vorbestimmter) Gatte Albert lieferte das übliche Bild eines auf seinen Rechten beharrenden Biedermanns. Die Partitur war bei Bertrand de Billy in den besten Händen; manches blieb trotzdem blass, das liegt aber am Komponisten!

Das verratene Meer: Als erste neue Produktion der Saison 2020/21 wurde die Inszenierung dieser Oper von Hans Werner Henze vorgestellt – allerdings nicht über den Bildschirm, sondern nur in Form einer Radio-Übertragung der von Simone Young als Dirigentin geleiteten Premiere, die auch als Livestream angeboten wurde. Weitere Aufführungen des Werks sind für 2021 geplant, so sie zustande kommen, wird davon zu berichten sein.

Das verratene Meer, Vera-Lotte Boecker © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Statistik