Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Georges Balanchine symphony in c © Ashley Tailor

Georges Balanchine symphony in c © Ashley Tailor

IM SIEBTEN HIMMEL auf drei grundverschiedene Arten tanzen

Marco Goecke fly paper bird © Ashley Tailor

Marco Goecke fly paper bird © Ashley Tailor

Von Walzer und Polka über die Ekstase des Papiervogels zur Tutu-Romantik eines Georges Bizet

Ein Ballettabend mit „An der schönen blauen Donau“, „Annenpolka“, „Sphärenklänge“ und dem „Radetzky-Marsch“, klingt recht nach Neujahrskonzert, nach der beliebten Österreichwerbung, die als Donauweibchen und fesche Dragoner kostümierte Tänzer zur Musik der Philharmoniker an malerischen Plätzen mit den Klängen von Strauß, egal ob von Vater Johann, Sohn Schani oder dessen melancholischem Bruder Josef ungeniert in die Welt hinaus walzen und zuletzt sogar im Takt mitklatschen lassen. Martin Schläpfer, Leiter des Wiener Staatsballetts, hatte jedoch völlig andere Ideen, diese Ikonen unserer Unterhaltungsmusik in Schrittfolgen und rhythmische Bewegung umzusetzen. Patrick Lange am Pult des Staatsopernorchesters trägt seinen Teil dazu bei, indem er die von diesen Stücken gewohnte Schönheit im Graben umsetzt, ungerührt vom Geschehen auf der Bühne. Solisten und Ensemble fordern dort das Publikum heraus, sich Gedanken zu machen, was mit dem Wienerischen Dreivierteltakt alles möglich ist.

Martin Schläpfer marsch, walzer, polka © Ashley Tailor

Martin Schläpfer marsch, walzer, polka © Ashley Tailor

Georges Balanchine symphonie in c © Ashley Tailor

Georges Balanchine symphonie in c © Ashley Tailor

Kleine Episoden erzählen von Paaren, die sich kreuzweise ver- und entlieben, angeregt von der intimen Haltung beim Linkswalzer, ohne diesen aber tatsächlich zu tanzen; denn bei den ruhigen Stellen gibt es lebendige Bewegung, um bei vollem Orchester und mitreißendem Rhythmus unvermittelt statisch zu werden. Die Tänzer scheinen in diesem Moment allzu sehr von der Erotik der jeweiligen Partner angeregt, was seinerzeit schließlich dazu geführt hat, den Walzer als unsittlich zu verunglimpfen und als eine Erfindung des Teufels zu verdammen – bis zum Marche militaire, gewidmet dem großen Feldherren. Dessen Melodie ist derartig unmilitärisch, dass der Solist einfach seine Sicht der Dinge in einer der wohl unkonventionellsten Choreographien zu diesem Werk mit entsprechendem Humor schildern kann.

 

Wie kämpfende Insekten attackieren einander in „fly paper bird“ die Tänzer. Zugrunde liegen dieser brandneuen Choreographie von Marco Goecke die beiden Teile „Stürmisch bewegt. Mit größter Vehemenz“ und das seiner geliebten Alma gewidmete „Adagietto. Sehr langsam“ aus der Symphonie Nr. 5 cis-Moll von Gustav Mahler. Die Bewegungen sind eckig, ähnlich einem alten Film mit zu wenigen Bildern pro Sekunde. Zum Einsatz kommt der gesamte Körper, Muskeln, Schultern, Hände, bis zu den Fingern haben ihre spezielle Funktion, um in höllischem Tempo Sequenzen der Instrumentalisten bis zu den Sechzehntelläufen mit atemberaubender Präzision sichtbar zu machen. Unterbrochen wird die Klangpracht durch das eher geraunte als rezitierte Gedicht „Mein Vogel“ von Ingeborg Bachmann, dessen Text jedoch im Programmheft nachzulesen ist.

Martin Schläpfer marsch. walzer, polka © Ashley Tailor

Martin Schläpfer marsch. walzer, polka © Ashley Tailor

Hörbares Ah und Schön! geht durch die Reihen des Publikums, wenn sich der Vorhang zu „symphony in c“ hebt und es gibt Szenenapplaus. Vor einem leuchtend blauen Hintergrund stehen Tänzerinnen in konventionellen weißen Tutus, die auf der Spitze schwebend die ersten Takte der Symphonie C-Dur von Georges Bizet begleiten. Der Komponist war gerade 17 Jahre alt, als er dieses Werk komponiert hat. Es wurde als Jugendsünde abgetan und zu seinen Lebzeiten weder gedruckt noch aufgeführt. Was der Musikwelt damit beinahe verloren gegangen wäre, hat George Balanchine beim ersten Anhören zu einer Choreographie inspiriert. Man kann die vier Sätze durchaus als kuschelweiche Romantik bezeichnen, ohne sich über harmonischen Tiefgang oder über Anklänge, derer sich der Studiosus freilich bedient hat, den Kopf zerbrechen zu müssen. Aber was passt dazu besser, als klassisches Ballett, das mit seiner Leichtigkeit jeder Erdenschwere entflieht und die Menschen durch Virtuosität verzaubert.

Nicole Car, Juan Diego Flórez, Monika Bohinec © Wiener. Staatsoper/Michael Pöhn

FAUST Große Stimmen und ein zwiespältiges Regiedebüt

Faust Gounod, Bühne der Wr. Staatsoper © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Gounods klangvolle Korrektur eines französischen Missverständnisses

Charles Gounod war beim ersten Lesen von Goethes Drama überzeugt, dessen Faust mit seiner Musik Facetten abgewinnen zu können, die auch mit den weisesten Worten nicht auszudrücken sind. Die beiden Librettisten Jules Barbier und Michel Carré dachten wohl eher an ein weniger an tiefer Welterkenntnis interessiertes Publikum und konzentrierten sich auf die tragisch endende Liebesgeschichte. Der gealterte Faust leidet wie ein Hund unter dem Verlust seiner Jugend, die in erster Linie offenbar nur dazu gedient hat, mit Mädchen lustvollen Sex zu erleben. Damit hat es der Teufel in Gestalt des Méphistohélès relativ leicht, den geilen Greis zum bekannten Pakt zu überreden und die beiden Protagonisten in das Verderben zu stürzen. Warum sich Gounod mit dieser Vorlage zufrieden gegeben hat, wird umso weniger verständlich, je intensiver man sich in seine Komposition hineinhört. Die Orchesterklänge zwischen und unter dem Gesang setzen die Gedankentiefe des deutschen Dichters durchaus kongenial um. Davon überzeugt ist zumindest Bertrand de Billy. Er hat am 29. April 2021 die Premiere in der Wiener Staatsoper am Pult geleitet.

Adam Palka (Méphistophélès) © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Für Fans von klassischer Literatur ohne das dafür nötige Gehör ist dieses Werk damit nahezu ein Skandal, der aber an den Musikfreunden seit der Uraufführung am 19. März 1859 spurlos vorbei gegangen ist und „Faust (Gounod)“ bis in die Gegenwart herauf zu einer der beliebtesten französischen Opern gemacht hat.

Nicole Car (Marguerite) mit Live-Kamera © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Mit einem heißblütigen Doktor Faust in Person von Juan Diego Flórez und der attraktiven Sopranistin Nicole Car als Marguerite wird die erotische Anziehungskraft zweier großer Liebender nachvollziehbar. Es bräuchte dazu gar nicht höllischer Hilfe. Méphistophélès Adam Palka, ein junger polnischer Bass, macht sich aber allein von Stimme und Ausstrahlung absolut unentbehrlich. Mit behaarten Beinen, Schwanz und einem dämonischen Gehabe wird er zum soliden Träger der an sich seichten Handlung. Die lebenslustige Marthe (Monika Bohinec) stören die teuflischen Hufe und das Gepränge eines Medizinmannes keineswegs, wenn sie den Bösen mit betörendem Alt in ihr Bett lockt. Als brüderlicher Sympathieträger, aber auch als tapferer, des Tötens kundiger Soldat fungiert Ètienne Dupuis in der Rolle des Valentin. Der in Marguerite verliebte Knabe Siébel wird von Kate Lindsey gesungen, die aber nie darüber klar sein darf, ob sie nun eine Hosenrolle oder nicht doch eine lesbische Frau spielt. Sie tritt in einem Fummel auf, der eher einer Kokotte zustünde.

Auf diese Gattung weiblicher Darsteller, die man üblicherweise in der Operette findet, scheint es Regisseur Frank Castorf abgesehen zu haben. Für ihn zählt auch Marguerite zu den leichten Weibern der Pariser Gesellschaft. Nix da mit der beim Gretchen beschworenen Unschuld und Bescheidenheit. Sie hat vom ersten Moment an lasziv zu sein, ist bereits mit beachtlichem Schmuck behängt, als ihr Faust das verführerische Geschmeide vor die Tür stellt und raucht genüsslich die Opiumpfeife zu (unhörbarer) Radiomusik. Seltsam dazu passend: Der Cola-Automat. Es wird demonstrativ aus der typischen Flasche getrunken, der Schriftzug findet sich in unübersehbarer Leuchtschrift über einem Lokal und der Chor schwenkt fröhlich Coca-Cola-Fähnchen.

 

Eine Sensation ist aber die Bühne selbst. Auf dem Drehteller steht ein in sich verschachteltes Paris mit Cafe´ Or Noir, der Metrostation Stalingrad, dem düsteren, von Schlangen besetzten und mit afrikanischen Masken ausgestatteten Labor von Méphistophélès, der Kammer von Marguerite und Marthe, der Kirche u. v. m. Für Einblicke und bewegende Nahaufnahmen sorgen Tobias Dusche und Daniel Keller mit Live-Kameras und die sehr spontane Videoregie von Martin Andersson.

Oper wird damit faszinierend streamtauglich, was dieser Premiere unglaublich gut getan hat. Sie war zwar live am Bildschirm und noch am selben Abend auf ORF III von einer für dieses Genre überwältigend großen Zuseherschar zu erleben, wird wohl aber auch dank vielseitig genutzter Bildschirme (Frontaufnahmen aus dem Algerienkrieg, stimmungsvolle nächtliche Stadtansichten, vergilbte Werbespots, usw.) einem im Saal anwesenden Publikum einen eindrucksvollen, oder wie Bogdan Roščić zu sagen pflegt, großartigen Opernabend bescheren.

Nicole Car (Marguerite), Étienne Dupuis (Valentin) © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Erwin Schrott (Escamillo) Stagediving mit seinen Fans ©  Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

CARMEN Die „Oper des Südens“ neu und packend inszeniert

Carmen, Ensemble mit altem Mercedes ©  Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Kriminelle Umtriebe und tödliche Leidenschaft sind verpackt in schönster Musik

Bei den ersten Takten der Ouvertüre wird von Dirigent Andrés Orozco-Estrada klargemacht, dass in den nächsten 2 ¾ Stunden die Post abgehen wird. Der bekannte Ohrwurm fliegt nur so aus dem Graben, in mörderischer Geschwindigkeit. Nur ein Orchester wie das der Wiener Staatsoper kann dieses Tempo in solcher Brillanz bewältigen, wie man sie am Abend der Online-Premiere von CARMEN am 21. Februar 2021 erleben durfte. Georges Bizet hat mit diesem Werk einen Dauerläufer geschaffen, eine „Oper des Südens“, wie es Friedrich Nietzsche geschrieben hat, die keine Scheu vor einfach scheinenden Mitsingmelodien hat und gleichzeitig mit Sex & Crime den Zuschauern die Gänsehaut über den rücken laufen lässt. Kurz gesagt, Carmen ist „volkstümlich“ und will daher immer wieder gehört und gesehen werden. Als Regisseur wurde daher von Direktor Bogdan Roščić als wahrer Goldgriff Calixto Bieito engagiert, ein Spanier, der sich von Natur aus in den Seelenlandschaften der handelnden Personen – Soldaten, Stierkämpfer und Roma – bestens zurecht findet.

Piotr Beczała (Don José), Anita Rachvelishvili (Carmen) © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Die Angst vor einem das Original zerstörenden Regietheater war jedoch unbegründet. Calixto setzt seine Handlung in den 1970er-Jahren an. Schauplatz ist die spanische Exklave Ceuta, ein Hotspot des Schmuggels. Mit einer Auffahrt bejahrter Mercedes-Limousinen wird klargestellt, wer dort am Werk ist, um Tabak, Geld und Menschen illegal über die Grenze zu bringen. Dazu kommt eine Personenführung, die bisher unbeachtete, teils überraschende Aspekte in den einzelnen Charakteren deutlich macht. Die Produktion wird übrigens in der Originalsprache Französisch gesungen.

Vera-Lotte Boecker (Micaëla ), Piotr Beczała (Don José) © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Um dieses Konzept umsetzen zu können, braucht es ein Ensemble, das nicht nur grandios singt, sondern auch das Schauspiel beherrscht. So besticht Vera-Lotte Boecker als Micaëla nicht nur durch ihren hellen Sopran. Als hübsches bürgerliches Mädchen legt sie ungewohntes Selbstbewusstsein an den Tag, wenn sie, nachdem sie „ihren“ Don José von Carmen und der Bande losgeeist hat, mit einem Schlag in die Armbeuge samt zornig geballter Faust den Anwesenden ihre Meinung kundgibt.

Einen Bösewicht der Sonderklasse – geil, aufgeblasen und brutal – gibt Peter Kellner. Sein Zuniga, Offizier und damit Don Josés Vorgesetzter, ist zum Fürchten und man empfindet beinahe Genugtuung, wenn er im Verlauf des Geschehens kurzerhand zusammengeschlagen wird.

Wäre aber schade um diesen prächtigen Bass, wenn er und seine Gegner nicht die Tricks vom Heumarkt beherrschen würden. Bariton Erwin Schrott hingegen ist elegant und fesch, als Escamillo also die ideale Besetzung. Er kann nur höhnisch lachen, wenn sich Don José gegen ihn stellt, wenngleich Einspringer Piotr Beczała mit traumhaft weichem Tenor in berückenden Kantilenen bei Carmen gute Chancen haben müsste. Anita Rachvelishvili reüssiert als Männer verzehrendes Weib. Hinter vordergründiger Weichheit von Körper und Stimme lässt sie den von ihr in den Untergang verlockten Liebhaber stahlhart an sich abprallen. Es kommt, wie es in der Novelle von Prosper Mérimée vorgesehen ist, zum tödlichen Showdown hinter der Arena, aus der man das Volk dem Matador zujubeln hört. Als Zuschauer, der die Premiere coronabedingt nur am Bildschirm verfolgen konnte, erwacht man aus einem düsteren Traum und schämt sich nicht, mit Komparsen, Chor, einem geheimnisvollen (nackten) Balletttänzer und dem glücklichen Leading Team vor dem leeren Haus am Ring begeistert zu applaudieren.

Slávka Slávka Zámečníková, Anita Rachvelishvili, Peter Kellner © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

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