Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Illustration aus dem besprochenen Buch

DUNKLES WIEN Schlaglichter in die verdrängten Tiefen einer Stadt

Illustration aus dem besprochenen Buch

Ein Sachbuch, das Mut zum Lesen braucht

Zum Teil sind die einzelnen Artikel gruseliger als jede Horrorfiktion, vor allem deswegen, weil sie eine Realität beschreiben, die mancherseits ganz gern vergessen worden wäre. Das bewährte Duo Robert Bouchal und Johannes Sachslehner hat sich dazu auf die Suche nach „Orten des Schreckens und des Verbrechens“ in der Donaumetropole gemacht. „Dunkles Wien“ (erschienen im Styria Verlag) klingt beinahe harmlos angesichts dessen, was in den Eingeweiden der Stadt in den Lichtkegel ihrer Taschenlampen gerückt ist und später bei der eingehenden Recherche in verstaubten Archiven die gespenstische Gestalt unfassbarer menschlicher Schicksale angenommen hat. Entstanden ist ein Buch wider das Verschweigen einer Geschichte, die nachdenklich macht, weil sie von Menschen geschrieben wurde, die sich wohl auf den ersten Blick gar nicht so sehr von uns Nachgeborenen unterscheiden mögen und die dennoch so grausam waren, dass man deren Handeln heute im Rückblick nur schwerlich oder überhaupt nicht begreifen kann.

Dunkles Wien Cover 900

Es sind Moritaten, bei denen einem das Lachen vergeht, weil als Moral an deren Ende nicht selten das Böse triumphiert und anstelle des unschuldigen Opfers der ungerechte Henker rehabilitiert wurde.

 

Unter dem Motto „Was Straßen und Häuser erzählen“ beginnt der Abstieg in die Unterwelt in der Bankgasse im Ersten Bezirk. Der äußere Schein der prächtigen Palais, die sich dort aneinander reihen, wird bereits an der Nummer 1-3, Ecke Herrengasse 17 kräftig abgedunkelt. Einst stand an dieser Stelle das Haus „Zu den fünf Morden“. Erzählt wird dazu der schaurige Hergang der Bluttat, die schon bald danach vom Nürnberger Meistersinger Kurt Haß in Verse gefasst und in einer Flugschrift verbreitet wurde. Vier Jahrhunderte später geriet das Gebäude gegenüber in die Schlagzeilen. Einer der Gäste des Hotels Klomser war der homosexuelle Oberst Alfred Redl, der als Spion unehrenhaft in die Geschichte einging. Detailliert werden dessen letzten Stunden beschrieben, bis zum Tod, der trotz anderweitiger Bedenken schließlich als Selbstmord hingestellt wurde.

Illustration aus dem besprochenen Buch

Ein paar Schritte weiter verweisen Fahne und Wappen auf die Botschaft von Ungarn. Den Autoren wurde gestattet, die Kellerräume zu betreten und sich am Ort von politischen Umtrieben umzusehen. Entdeckt wurden vermutliche Hafträume, in denen es bis zur Exekution von missliebigen Gegnern des kommunistischen Regimes während des Kalten Krieges gekommen sein soll. Das Erstaunliche daran: Was in diesem Buch geschrieben steht, wurde seitens der Ungarn nicht dementiert.

Orte des Schreckens waren stets auch die Narrenhäuser, von denen es in Wien etliche gegeben hat. So ist von der Kopfschussstation, offiziell der Privatirrenanstalt von Bruno Görgen, zu lesen oder von der Svetlin´schen Privatheilanstalt, der sogar Alexander Girardi nur durch Fürsprache seiner Freundin Katharina Schratt beim Kaiser persönlich entgangen ist. Bittere Zeilen berichten über die Euthanasie am Spiegelgrund, in dem von Otto Wagner erbauten Psychiatrischen Krankenhaus, besser bekannt als Steinhof. Mindestens 3.200 Patienten, durchwegs Kinder, waren für die nationalsozialistischen Schergen „Ballastexistenzen“ und „unnütze Esser“ und wurden im Sinne einer perversen Wissenschaft getötet. Einer der an diesem Massenmord beteiligten Ärzte war Dr. Heinrich Groß, der es nach dem Krieg zu einem der prominentesten Gerichtsgutachter gebracht hat. Er ist nur ein Beispiel für die vielen ungesühnten Verbrechen an finsteren Orten, egal ob es sich um Asylhäuser, verborgene Labyrinthe oder einen Tunnel, durch den der Tod geflogen ist, gehandelt hat.

 

50 DINGE, DIE MAN IN FRIAUL GETAN HABEN MUSS

Illustration aus dem besprochenen Buch

Man glaubt gar nicht, was man in Friaul noch alles nicht gekannt hat

Das Stück Land südlich von Kärnten stellt für den Nordländer, zu dem wir in irgendeiner Form ja auch gehören, ein beliebtes Entree in das Wunschland Arkadien dar. Es bietet zwischen Karawanken, Karnischen Alpen und der Adria alles, was unsere Vorstellungen von Italien vollends erfüllen kann. Kein Wunder, dass Friaul als Reiseziel beliebt ist, wenngleich es leider allzu oft nur durchfahren wird, um in südlichere Gefilde vorzustoßen. Wer aber einmal bei Udine von der Autostrada abgefahren ist, scheint in ein Wunderreich eingetaucht zu sein. Weingärten überziehen sanfte Hügel, die Colli, malerische Täler mit ungebändigten Flüssen locken immer weiter hinein ins Gebirge bis hinauf zu schneebedeckten Gipfeln oder man treibt sich in der Ebene, dem Friuli Grave herum, in der ein Besucher unweigerlich an mediterrane Gestade geführt wird, um dort bei il sole und dolce far niente zu stranden. Um alle die Attraktionen auf dieser Reise auch wahrnehmen zu können, bedarf es selbstverständlich eines kundigen Führers. Zu leicht könnte sonst eine der zumeist unscheinbaren Sensationen, die allenthalben auf ihren Bewunderer warten, übersehen werden.

50 Dinge, die man in Friaul getan haben muss Cover

Zumindest „50 Dinge, die man in Friaul getan haben muss“ zählen Reinhard M. Czar und Gabriela Timischl in ihrem bei Styria erschienen Buch auf. Sie versprechen Überraschendes, Genussvolles und Unterhaltsames für Friaul-Insider und jene, die es werden wollen. Man staunt tatsächlich, dass sich Friaul auch als Skigebiet empfiehlt. Die Autoren bringen den Leser zur Produktionsstätte des berühmten Montasino, den man an sich bis dato nur aus gut sortierten Feinkostläden gekannt hat. Man spaziert mit ihnen durch Tarvisio, hört den Standlern im neuen Markt in ihrer Vielsprachigkeit zu oder besucht den ehemaligen Grenzort Pontebba, dessen Schönheiten erst auf den zweiten Blick bemerkt werden. Freilich geht´s in diesem Buch auch auf fromme Wallfahrt.

Friaul verfügt über einige dieser Gnadenstätten, die man mithilfe dieses Buches durchaus leicht finden kann. Lavenda di Venzone, Prosciutto aus San Daniele, die Gubana aus Cividale oder schlicht Knoblauch, der aus dem Val di Resia allerdings zu den besten seiner Art in der ganzen Welt zählt, sind die Ziele kulinarischer Pilger. Im Vorbeigehen wird ein Weinkeller besucht und der autochthone Friulano verkostet. Man taucht ein in die Geschichte von Palmanova, der Stadt vom Reißbrett, und besichtigt in Aquileia die letzten Reste verfallener römischer Größe, bevor man das Traumziel der Wiener Touristen seit über hundert Jahren erreicht. Nirgendwo sonst als in Grado kann man einen echten Boreto, eine Fischsuppe, essen und mit dem Boot von Insel zu Insel durch eine einzigartige Lagune hüpfen. Den Abschluss macht Triest, in der man als eine der 50 Pflichtaufgaben unbedingt einen Kaffee trinken sollte oder man fährt mit der Straßen- bzw. Bergbahn hinauf in den Karst, um sich dort in einer Osmize bei einem Glas vom besten Terrano an der Aussicht über die friulanische Côte d'Azur zu erfreuen.

Gabriela Timischl auf dem friulanischen Holzweg
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Schloss Schönbrunn und seine „geheime“ Geschichte

Vom Kaiserschloss zum Schlossmuseum

Das Schloss der österreichischen Schlösser, das ist Schönbrunn; eine Marke nicht nur für Wien, sondern für das ganze kleine Österreich, das von der Monarchie übriggeblieben ist. Zu Recht wird es als Tourismusmagnet bezeichnet und ist dennoch auch für die eigenen ehemaligen Untertanen ein Anziehungspunkt geblieben. Wo sonst als im Garten von Schönbrunn mit seinen akkurat geschnittenen Alleen und einer alles überragenden Gloriette ließe es sich so einfach und doch feudal lustwandeln.

 

Im Pichler Verlag ist nun in der Reihe „Die geheime Geschichte von Österreichs Kulturgütern“ ein Band über das Schloss Schönbrunn erschienen. Martin Mutschlechner, Historiker und als Guide daselbst tätig, gibt darin sein umfangreiches Wissen über seinen Arbeitsplatz, mit Garantie einen der nobelsten der Welt, preis. So ist auch sein Buch wie eine spannende Führung aufgebaut. Er lädt den Leser ein, ihn ganz exklusiv auf einer Zeitreise durch die Geschichte von Schloss und Garten Schönbrunns zu begleiten.


Martin Mutschlechner: Schloss Schönbrunn. Die geheime Geschichte von Österreichs Kulturdenkmälern, Bd. 2, Pichler Verlag 2012, ISBN 978-3-85431-574-2, Preis € 19,99.


 

Auf diesem Weg herauf von einem Vorgängerbau, der Katterburg, trifft man 1569 Kaiser Maximilian II., einen leidenschaftlichen Jäger. Eine seiner ersten Maßnahmen war die Einrichtung eines Tiergartens. Damals verstand man darunter jedoch nichts anderes als ein Gehege für das Wild, das auf diesem engen Raum von der adeligen Gesellschaft leichter erlegt werden konnte. Bis zum modern geführten Zoo mit seiner möglichst artgerechten Tierhaltung und der Funktion als Arche Noah war es noch ein weiter Weg.

 

Man begegnet auch Maria Theresia und lernt sie Dank Mutschlechners detaillierter Geschichtskenntnis genauestes kennen, aber auch ihren Gatten Franz, den Kaiser im Hintergrund der „leider nicht“ Kaiserin und den Nachwuchs, der ihrem Motto gemäß „Kinder kann man nicht genug haben, darin bin ich unersättlich!“ bekanntlich sehr zahlreich war.

Sogar der „Steirer“ Erzherzog Johann hat mit dem Tirolerhof seine Spuren hinterlassen und selbstredend ist das umfangreichste Kapitel Kaiser Franz Joseph gewidmet, dessen Leben und Wirken mit Schönbrunn aufs Engste verbunden war und noch immer ist.

 

Spannend waren für das Schloss die Jahre nach dem Ende der Monarchie. Die junge Republik hatte sich vom imperialen Erbe zu distanzieren und noch ehe sich ein einigermaßen entspanntes Verhältnis entwickeln konnte, kamen die Jahre des Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg und dessen Ende, das für viele historische Bauwerke der Hauptstadt verheerend war. Schönbrunn war einigermaßen glimpflich davon gekommen, wurde wieder als Filmkulisse entdeckt und nicht zuletzt durch die „Sissi“-Trilogie zum Inbegriff einer verklärten Rückschau auf die „Kaiserzeit“ in ungebrochen strahlendem Schönbrunnergelb.

 

Ein Führer durch unterhaltsame Keller und geheimnisvolle Labyrinthe

Wiener Spaziergänge unterhalb der Stadt

Verlies unter dem Alten Rathaus mit den Resten der alten Ausschank

Wien hat mehr besuchenswerten Untergrund als nur den Dritten Mann und das Kanalnetz. Was man über der Erde sieht, also die schöne Fassade, ist möglicherweise nur ein Bruchteil einer ganzen Stadt in allen ihren Höhen und Tiefen. Wien ist seit seinem Bestehen gerade so gut nach unten wie nach oben gewachsen.

Bilder (© Pichler Verlag/Farbfotos Robert Bouchal) für Leseproben anklicken

Der Fotograf Robert Bouchal, spezialisiert auf besondere Stimmungen und außergewöhnliche Situationen, hat sich mit der Fremdenführerin und Buchautorin Gabriele Lukacs, sie bietet u.a. die beliebten Mystery Tours an, dort unten umgesehen. Das Ergebnis ist ein aufschlussreicher Führer durch viele bislang noch unbekannte Keller, Labyrinthe und fremde Welten in der „Geheimnisvollen Unterwelt von Wien“.


Robert Bouchal/Gabriele Lukacs: Geheimnisvolle Unterwelt von Wien. Keller, Labyrinthe, Fremde Welten. Pichler Verlag 2011, ISBN 978-3-85431-567-4, Preis € 24,99

 

Allein ein guter Teil des geselligen Lebens unserer so lebensfrohen Stadt spielt sich unter Erde ab. Sogar der Wein schmeckt einfach besser, wenn man einige Stufen zu ihm hinabgestiegen ist und ihn in einem der romantischen Ziegelgewölbe verkostet. Ähnliches gilt für den Jazz. Diese Musik braucht einfach den Underground, um richtig erdig zu klingen, was wiederum zu einer erstaunlichen Anzahl von Jazzkellern in einer Stadt der Klassik und des Walzers geführt hat.

 

Dazu kommen die Werkstätten und Lagerräume, die man mangels genügend Platz auf der Oberfläche nach unten verlegt hat. Es gibt noch die Eisgruben, in deren gleichmäßig temperierter Tiefe man einst mit dicken Eisblöcken die Winterkälte für den heißen Sommer speicherte, und es finden sich Brunnenröhren, in denen der Sage nach fallweise ein schröcklich´ Basilisk gehaust hat.

 

Das Wiener Kellerleben hat also Tradition, genauso wie der Tod, dem in der Finsternis verzweigter Grüfte in barocker Schaurigkeit gehuldigt wird. „Wenn´s amoi aus wird sein“, wird man nach unten begeben. Es muss ja nicht gleich ein Mord passieren, um nach dem Ableben in einem Untergeschoss auf den Jüngsten Tag warten zu müssen, wenngleich, Kellerleichen sind in Wien keine Seltenheit – siehe etliche Kriminalfälle von einst und jüngst.

Die geheime Geschichte des Stephansdoms

Mystische Botschaften verborgen im Stein

Es muss gar nicht Dan Brown erfunden haben, und es dürfen ohne weiteres seriöse Forschungsergebnisse sein, wenn es darum geht, mit Kirchen-Geschichten einen Leser zu fesseln. Für uns Heutigen erscheint vieles in der Kirche geheimnisvoll, weil zeitfern und unserem Denken fremd. Bei genauem Hinsehen erkennt man jedoch rasch, dass uns diese prickelnden Geheimnisse vielfach lediglich abhanden gekommenes Wissen beschert.

 


 

Leseproben verbergen sich unter den Bildern.

 


 

Hasmann erzählt darin teils nahezu unglaubliche Geschichten, die sich im, um und unter dem Stephansdom ereignet haben. Sie handeln vom Halbmond auf dem Stephansturm, dem Zahnwehhergott, elektromagnetischen Energiefeldern, Vulva und Penis als unverhüllte Sexualsymbolik und mehr. Sie wurden übersichtlich in Themenkreise verpackt, die mit anregenden Titeln wie „Gönner, Frömmler und Fanatiker“, „Mysteriöses rund um den Dom“ oder „Leichen und Reliquien“ nicht nur Neugier wecken, sondern dem Leser die unbekannten Seiten eines scheinbar alten Vertrauten auf spannendem Weg entdecken.


Ein in jedem Sinn gewaltiges Beispiel dafür ist unser Steffl, der Stephansdom mitten in Wien, gleichzeitig mitten in Österreich und in gewissem Sinne mitten in Europa. Man braucht sich nur mit ihm einzulassen. Wer sich in dieser Absicht durch das Portal am Heidentor dem Trubel der City entzieht, wird nach dem Gitter, das streng Touristen von Betern trennt, im gedämpften Licht von der tiefen Ruhe dieses sakralen Raumes umfangen. Der Blick, der vor langsamer werdenden Gedanken vorerst ziellos herum schweift, wird bald an Fragen hängen bleiben, die sich an den zahllosen Details dieser beredten Architektur stellen.

 

Um das Raunen, das über Jahrhunderte in die Gegenwart dringt, in verständliche Messages zu wandeln, muss man sich allerdings mit Wissen eindecken. Es gibt dazu eine reiche Auswahl an Lesestoff, der nun mit einem äußerst praktischen Büchlein bereichert wurde: Der Stephansdom (Gabriele Hasmann). Erschienen ist es im Pichler Verlag, der mit diesem Band 1 die verheißungsvolle Serie „Die geheime Geschichte von Österreichs Kulturdenkmälern“ (Herausgeber: Johannes Sachslehner) eingeleitet hat.

 


 

Hasmann, Gabriele: Der Stephansdom. Die geheime Geschichte von Österreichs Kulturdenkmälern, Band 1, Pichler Verlag, Wien 2011, ISBN 978-3-85431-555-1, Preis € 19,95.

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