Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Kapitel „Elektrizität“ © Technisches Museum Wien/Franzi Kreis

Kapitel „Elektrizität“ © Technisches Museum Wien/Franzi Kreis

WISSENSCHAFT IM WANDEL

mit wesentlichem Einfluss auf unser Leben

Das Universum als Uhrwerk © Technisches Museum Wien/Franzi Kreis

Das Universum als Uhrwerk © Technisches Museum Wien/Franzi Kreis

Ein Blick in die DNA der Sammlungen von neun naturwissenschaftlichen Disziplinen

Als 1561 der süddeutsche Gelehrte Philippus Imsserus (1500-1570) die astronomische Prunkuhr vollendet hatte, war man überzeugt, einen Meilenstein in der Erforschung des Himmels gesetzt zu haben. Mit ausgefeilter Mechanik zeigte dieser Automat neben der Urzeit und den Jahreszeiten die Planetenbahnen, allerdings noch im Sinn des geozentrischen Weltbildes. Erde und Mensch waren Mittelpunkt der Welt, um den sich die Gestirne ehrfürchtig drehen. Noch im selben Jahr wurde diese Uhr an Kaiser Ferdinand I. verkauft und hat so den Weg in das Technische Museum gefunden. Mittlerweile wurde sogar das kurz darauf entstandene heliozentrische Weltbild verworfen und hat einer Wissenschaft Platz gemacht, die Vorgänge im Weltall bis zur chemischen Zusammensetzung von fernen Sonnen in fremden Galaxien zu beschreiben imstande ist.

Detailansicht: Quantenoptiklabor © Technisches Museum Wien/Franzi Kreis

Detailansicht: Quantenoptiklabor © Technisches Museum Wien/Franzi Kreis

Stereotaktisches Neurochirurgie System zur präzisen Navigation im Gehirn – Grundlage

Stereotaktisches Neurochirurgie System zur präzisen Navigation im Gehirn – Grundlage moderner minimal invasiver Eingriffe und Neurostimulation © Technisches Museum Wien

Es sind Schätze, die für die neue Dauerausstellung „Wissenschaft im Wandel“ aus den Sammlungen des Museums hervorgeholt und präsentiert werden. Attraktiv sind freilich die Objekte aus früherer Zeit. So ist die Elektrisiermaschine aus dem 18. Jahrhundert als Szenerie aufgebaut, in der eine am Fortschritt interessierte Gesellschaft dieser Zeit deren Wirkungsweise bewundert. Wilhelm Herschl hat um 1790 mit dem von ihm entwickelten Spiegelteleskop den Planeten Uranus entdeckt. Es ist ebenso vertreten wie ein Stück Pechblende aus St. Joachimsthal, das als Ausgangsstoff für die Entdeckung des Elements Radium gilt. Damit ist ein großer Name verbunden: Marie Curie, deren Elektroskop in der frühen Radioaktivitätsforschung als zentrales Instrument eingesetzt wurde.

Ungeahnte Einblicke in die kleinsten Teile der Materie bot das erste Elektronenmikroskop, das von Siemens entwickelt worden war. Zu jedem der neun wissenschaftlichen Disziplinen gibt es über den historischen Rückblick aber auch die Darstellung der Gegenwart. Ein Beispiel dafür ist ein transparentes Gehirnmodell aus den 1950er-Jahren, das nur mehr als Modell einer veralteten Denkweise steht. Wie grundlegend sich die Forschung gewandelt hat, wird an den dafür eingerichteten Stationen auch für Laien erfahrbar gemacht. Sogar spröde Kapitel wie „Teilchenphysik“ oder die „Quantentheorie“ wollen begriffen werden und werden mit einem dicht verdrahteten Labor und einer verkleinerten Nachbildung der Anlage CERN zu attraktiven Hinguckern. Frageinseln laden zur kritischen Reflexion über „Wem gehört das Wissen?“ oder zu „Wissenswegen, Umwegen, Irrwegen“ und sind, das ist das wahrhaft Erstaunliche, für Kinder ab zwölf Jahren vorgesehen. Hauptsache ist die Neugier, die den Menschen von Anfang an dazu gebracht hat, nichts als selbstverständlich hinzunehmen, sondern wie schon Dr. Faustus danach zu suchen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Großes transparentes Gehirnmodell aus den 1950er Jahren mit Lichtsignalen – Visualisierung

Großes transparentes Gehirnmodell aus den 1950er Jahren mit Lichtsignalen – Visualisierung neurologischer Forschung und Gehirnfunktionen © Technisches Museum Wien

Im Bann der Bahn, Ausstellungsansicht

Im Bann der Bahn, Ausstellungsansicht

IM BANN DER BAHN Geschichte einer technischen Revolution

Im Bann der Bahn, Ausstellungsansicht

Im Bann der Bahn, Ausstellungsansicht

Eine Zeitreise durch 200 Jahre Eisenbahn vorbei an historischen Objekten mit einem Blick in die Zukunft

1825 wurde erstmals die Eisenbahn zwischen den englischen Städten Stockton und Darlington neben Kohletransport auch für den Personenverkehr eingesetzt. Man war sich wohl kaum bewusst, welche Revolution des Reisens damit verbunden war. Für Stefan Zweig war es eine „Sternstunde der Menschheit“, wenn er in einer dieser literarischen Miniaturen feststellt, dass man sich durch diese Erfindung zum ersten Mal in der Geschichte rascher als mit den schnellsten Pferden von A nach B bewegen konnte. Hierzulande sollte es noch einige Jährchen dauern, bis die erste Eisenbahn von einer Lokomotive gezogen, die k.k. privilegierte Kaiser Ferdinands-Nordbahn, von Floridsdorf nach Deutsch-Wagram rollte. Der 23. November 1837 gilt offiziell als Eröffnungsdatum der ersten Dampfeisenbahn in Österreich. Stolz wurde die in Newcastle upon Tyrne gebaute Lokomotive „Austria“ getauft. Das von ihr zuvor gebaute Modell ist nun eines der Glanzstücke der Sonderausstellung „Im Bann der Bahn. 200 Jahre Eisenbahn“ (bis 2. August 2026), die in anschaulicher Weise deren Entwicklung durch zwei Jahrhunderte erleben lässt.

Modelleisenbahnanlage

Modelleisenbahnanlage

Im Bann der Bahn, Ausstellungsansicht

Im Bann der Bahn, Ausstellungsansicht

Mit dem Stichwort „Eisenbahn“ eröffnet sich ein weites Feld an Wissenswertem. So nähert man sich auch TMW diesem Phänomen aus verschiedenen Blickwinkeln. Fragen wie „Was hat es mit den einem Laien schwer verständlichen Signalanlagen auf sich?“ werden ebenso beantwortet wie die nach dem tieferen Sinn der Einführung einer „Bahnzeit“ schon im 19. Jahrhundert. Ein digitales Interaktivum, das in Zusammenarbeit mit den ÖBB entstanden ist, erweckt das historische Streckennetz zum Leben und erklärt die damit einhergehenden Veränderungen der Geographie. In einer multimedialen Zeitreise besteigt man den Zug anno 1827, als bei uns erste Pferdeeisenbahnen eingesetzt wurden, hält an entscheidenden Stationen, um das Angebot an Informationen zu nutzen, und genießt die Weiterfahrt bis in das Jahr 2040 mit bis dahin zu verwirklichenden Projekten.

Zu sehen sind dabei eine Reihe von Bildern wie das bunte Werbeplakat für das „Wagon Restaurant“ um 1950 oder der graue Druck mit dem „Gießhaus in der Lokomotivfabrik Wiener Neustadt“, aber auch historische Details wie die herrschaftlichen Kutschen, aus denen die ersten Waggons zusammengesetzt waren, und kapiert am Bahnsteig der Gegenwart die Funktionsweise einer digitalen automatischen Kupplung. Nicht nur für Kinder gedacht ist die „Ingenieurskunst im Kleinformat“. Was aussieht wie Spielzeug sind ernsthafte Modelle, die in monatelanger Handarbeit aus Originalmaterialien gefertigt wurden, um ihre Tauglichkeit im späteren Großen zu testen. Dabei wird jedoch nicht auf den Homo ludens (der spielende Mensch) vergessen. Er darf zumindest zusehen, wenn an Wochenenden eine Modelleisenbahn durch unsere reizvollen Landschaften braust. Speziell gefordert sind die Kinder, die in der Rätselrallye „Spark Express“ durch die Ausstellung geführt werden; um zuletzt zur gemeinsamen Erkenntnis mit den Erwachsenen zu gelangen, dass die Eisenbahn nie nur an Schienen gebundene Technik war, sondern bis heute eines der faszinierendsten Phänomene unserer Freiheit darstellt.

Werbeplakat, um 1950, Quelle: Technisches Museum Wien/Archiv

Werbeplakat, um 1950, Quelle: Technisches Museum Wien/Archiv

Technisches Museum Wien

Technisches Museum Wien

MORE THAN RECYCLING Bitte umdenken statt wegwerfen!

MORE THAN RECYCLING Ausstellungsansicht

MORE THAN RECYCLING Ausstellungsansicht

Kreislaufwirtschaft wird nicht nur vorgestellt, sie will auch angewendet werden.

Haben wir in wenigen Jahren vergessen, was über den Rest unserer Geschichte eine Selbstverständlichkeit war? Gemeint ist der sorgsame Umgang mit den Dingen, die wir täglich brauchen. War früher ein Krug zerbrochen, wurde er mit einem feinen Drahtgitter wieder dicht gemacht, damit er auch für die kommenden Generationen noch brauchbar war. Das Loch im Socken wurde gestopft und das krachende Radio fachkundig repariert. Eine Ausstellung im Technischen Museum Wien will nicht nur an derlei Tugenden erinnern, sondern auch zum Nach- und Umdenken anregen. Dazu braucht es allerdings einen radikalen Wechsel von längst erstarrten Perspektiven. „More than Recycling“ (bis 30. Dezember 2026) berichtet über die Möglichkeit, nein!, besser die Dringlichkeit zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft.

Standgläser mit künstlichen Düngemitteln © Technisches Museum Wien

Standgläser mit künstlichen Düngemitteln © Technisches Museum Wien

Ein T-Shirt als Eingang zum Bereich „Textil“ © Technisches Museum Wien

Ein T-Shirt als Eingang zu „Textil“ © Technisches Museum Wien

An einem Förderband mit verschiedensten Objekten soll die provokante Frage „Kann das weg oder ist es schon Kulturgut?“ beantwortet werden; individuell, da jede und jeder von uns andere Prioritäten setzt. Was für ein Museum bereits ein sammelwürdiger Schatz ist, würde bei so manchem leichten Herzens im Müll landen. Das Wegwerfmodell hat in unserer Gesellschaft einen festen Platz und soll nun durch nachhaltige Kreislaufwirtschaft ersetzt werden. Ein interaktiver „Utopiepfad“ führt als roter Faden durch einzelne Kapitel, in denen immer neue Entscheidungen gefragt sind.

MORE THAN RECYCLING, Ausstellungsansicht

MORE THAN RECYCLING, Ausstellungsansicht

Es beginnt mit „Reduce and Refuse“ und einem Besorgnis erregenden Blick auf die Landwirtschaft. Querschnitte durch Ackerböden zeigen die verheerenden Folgen menschlichen Leichtsinns, dem Mutter Erde ihr Auslaugen durch Monokulturen und Überdüngung verdankt. Nicht nur dort im Großen, auch am eigenen Leib ist Reduktion gefragt. Ein monumentales T-Shirt steht als Portal zur Textilindustrie, deren verschwenderische Problematik Punkt für Punkt an einer durchgehenden Kleiderstange wie in einer überdimensionalen Boutique aufgehängt ist.

„Rethink and Recycle“ wendet sich an die Architektur und die Kunststoffproduktion. Plastik, dieses unverzichtbare Elixier unseres Daseins, wird einem fairen Datencheck unterworfen, mit der Betonung seiner Notwendigkeit, aber auch der von ihm verursachten Umweltschäden. Leihen statt kaufen, nutzen statt besetzen sind die Leitsätze in „Reuse and Repair“. Die essentielle Frage, die zum täglichen Mantra werden sollte, ist „Was brauche ich wirklich?“ Man darf staunen, mit wie wenig man auskommt ohne zu darben. So ist zu erfahren, wie Ressourcen-schonend beispielsweise „Sharing“, „Leihläden“ oder die „Bibliothek der Dinge“ sein können. Zuletzt geht es ans Reparieren. Eine „100-jährige“ Waschmaschine wäre keine Utopie. Es gäbe keine Berge von Elektroschrott, auf denen wertvolle Rohstoffe ungenutzt vergammeln. Es sind viele Botschaften, teils aber in Englisch, was ihre Verständlichkeit für ein großteils auf Schulwissen angewiesenes Publikum nicht gerade einfacher macht und große Anliegen unverbindlich erscheinen lässt.

Bereich Bauwirtchaft, Ausstellungsansicht

Bereich Bauwirtchaft, Ausstellungsansicht

Rundgang durch die Radioentwicklung bis in die Gegenwart © Technisches Museum Wien/Franzi Kreis

Rundgang durch die Radioentwicklung bis in die Gegenwart © Technisches Museum Wien/Franzi Kreis

100 JAHRE RADIOGESCHICHTE Ausstellungen erzählen analog und online

Zeitungsinserat für den Detektor Ingelen „U7“, 1928, Quelle: Technisches Museum Wien/Archiv

Zeitungsinserat für einen Detektor, Quelle: TMW/Archiv

Der lange Weg vom „Hallo, hallo, hier Radio Wien“ zur digitalen Radiowelt DAB+

Am 1. Oktober 1924 schlug die Geburtsstunde für eine Dienstleistung, ohne die unser Dasein seither unvorstellbar ist. Information und Unterhaltung kamen nicht mehr direkt oder gedruckt auf Papier, sondern über den Äther an unsere Ohren. Das Radio trat mit diesem Tag in Österreich einen unvergleichlichen Siegeszug an. Saßen zu Beginn noch ganze Orchester vor den Mikrophonen, wurden daraus bald die Schellacks, aus diesen wieder die Vinyl-Platten, gefolgt von Tonbändern und der CD, bis ein Knopfdruck genügte, um die gewünschte Musik aus dem elektronischen Speicher zu fischen. Ähnliches gilt für die Gestaltung der Sendungen, wobei sich die gute alte Live-Ansage bis heute erhalten und seine Radiostars geschaffen hat.

Detektorempfänger Martian Big Four (Blairco), 1923/24 © Technisches Museum Wien

Detektorempfänger Martian Big Four (Blairco), 1923/24 © TMW

100 Jahre Radiogeschichte, Ausstellungsansicht

100 Jahre Radiogeschichte, Ausstellungsansicht

Das technische Museum Wien hat dazu die Jubiläumsausstellung „100 Jahre Radio. Als Österreich auf Sendung ging“ gestaltet und widmet der Entwicklung des Hörfunks nicht nur eine stattliche Schaufläche, sondern mit der Österreichischen Mediathek die Möglichkeit, online den Verlauf der Geschichte zu erleben. Wenn beim Frühstück, im Auto oder dann im Büro die Musik und die Witzchen der Moderation eher ein unbeachtetes Dasein fristen, war es zu Beginn ein mühsames Geschäft, am Detektor mit Kopfhörer dabei zu sein, wenn die neuesten Nachrichten verlesen wurden. Die Machthaber wussten ganz genau, welche Bedeutung diese Erfindung hatte. Die Zeiten waren unruhig und die politischen Lager verfeindet. Wer im Studio saß, hatte die Möglichkeit, ungeniert Propaganda zu betreiben. So wurde die RAVAG zum Sprachrohr der Regierung des Ständestaates und der Volksempfänger nach 1938 mit dem Programm der Nationalsozialisten zum einzigen erlaubten Medium des Volkes. Leichte Entspannung trat nach 1945 ein, als die Besatzer der sowjetischen Zone zwar strenge Zensur auf Radio Wien ausübten, jedoch von der Sendergruppe Rot-Weiß-Rot vom Westen her überstrahlt wurden. Für Ablenkung von den Suchmeldungen und für Unterhaltung sorgten Sendungen wie „Was gibt es Neues?“ von Heinz Conrads, ein Pflichttermin wie der Kirchenbesuch am Sonntagmorgen.

Volksempfänger und Deutscher Kleinempfänger, 1938/39 © Technisches Museum Wien

Volksempfänger und Deutscher Kleinempfänger, 1938/39 © Technisches Museum Wien

Noch wurde bei der Suche das magische Auge beobachtet, das aber bald mit dem „Kofferradio“ Konkurrenz bekam und damit in den Haushalten für jeden Geschmack ein eigenes Gerät vorhanden war. Noch war der Betrieb in öffentlicher Hand. Als sich darob die Unzufriedenheit steigerte, wurden in Österreich ab 1995 private kommerzielle Sender zugelassen, bis 1998 das Rundfunkmonopol endgültig Vergangenheit war. UKW hat sich gegen andere Wellen durchgesetzt und bietet seit 2020 als technische Höchstleistung in Form des DAB+ (Digital Audio Broadcasting) für mehr als 80% der österreichischen Bevölkerung ungestörten Hörgenuss. Offlineprogramme und Streamingplattformen sind nur eine Erweiterung des gewaltigen Angebots. Anhand einer Reihe von Objekten ist diese unglaubliche Entwicklung innerhalb eines Jahrhunderts in der Ausstellung illustriert und schafft neben Nostalgie angesichts wunderschön designter Holzkästen und geheimnisvoller Apparaturen den subtilen Auftrag, unter Radiohören mehr zu verstehen als akustische Berieselung, wenn gerade keine andere elektronische Unterhaltung davon ablenkt.

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