Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Erwin Bail, Anna Dangel, Christine Renhardt © Rolf Bock

NACHTS SCHLAFEN DIE RATTEN DOCH Packendes Erzähltheater

Claudio Falvay, Anna Dangel © Rolf Bock

Geschichten eines Wanderers über die offenen Grenzen zwischen Leben und Tod

Die Botschaft von Wolfgang Borchert ist klar. Wenn dich irgendwer zum Krieg einteilen will, „Dann gibt es nur eins! Sag nein!“ Er weiß aus eigenem leidvollen Erleben, wie der Befehl andere zu töten alle Menschen gleichermaßen zerstören kann. Borchert war nie einer der nach der Waffe gegiert hat, aber musste trotzdem hinaus an die Front des Zweiten Weltkrieges. Mehrere Verletzungen brachten den zum Panzergrenadier ausgebildeten jungen Mann in Lazarette und der Verdacht, sich einer der Verwundungen selbst beigebracht zu haben, sogar ins Gefängnis. Dass er das Maul nicht halten konnte und das Niederschreiben seiner Überzeugung nicht zu unterdrücken schaffte, brachte ihm 1940 eine Verhaftung und ein Verhör bei der Gestapo ein und 1942 eine Untersuchungshaft wegen mündlicher und brieflicher Äußerungen „gegen Staat und Partei“ und die zur Strafe verhängte „Frontbewährung“ in der grausamen Kälte des russischen Winters. Bei einem Heimaturlaub waren es wieder politische Witze, die den dabei als Kabarettist tätigen Borchert erneut ins Gefängnis brachten.

Anna Dangel, Christine Renhardt © Rolf Bock

Entlassen wurde er erst durch „Feindbewährung“. Bei Kriegsende war er bereits schwer von Krankheit gezeichnet und hatte nur mehr zwei Jahre Zeit, seine bitteren Erfahrungen in ein literarisches Werk zu gießen. In kürzester Zeit entstanden das Schauspiel „Draußen vor der Tür“, neben dem Prosaband „Die Hundeblume“ 22 Erzählungen und als Testament des todkranken Dichters das Antikriegsmanifest „Dann gibt es nur eins!“. Am 20. November 1947 starb der sechsundzwanzigjährige Wolfgang Borchert, einen Tag vor der Uraufführung seines einzigen Dramas und wenige Tage vor der Veröffentlichung des Geschichtenbandes „An diesem Dienstag“.

 

Das Theater Experiment hat aus diesen düsteren Geschichten packendes Erzähltheater geschaffen. Erwin Bail und Fritz Holy, die beiden Betreiber dieser mutigen Kleinbühne im 9. Wiener Gemeindebezirk, haben die Kraft von Wolfgang Borcherts Texten auf wechselnde Erzähler und einige Personen mit Dialogen aufgeteilt. Vor dem Bühnenbild, das Erwin Bail in dunklen Farben und abstrakt anmutender Malerei dem düsteren Inhalt angepasst hat, spielen Claudio Falvay, Rafael Witak, Anna Dangel und Christine Renhardt kurze Episoden, die jedoch das große Anliegen des Dichters in seinem ganzen Umfang erahnen lassen. Als Passagiere einer eiskalten Straßenbahn irgendwann im November sinnieren sie mit gespenstischer Übereinstimmung über Stimmen der Toten (Stimmen sind da) oder lassen ein liebeswilliges Mädchen an einer frustrierten Giraffe, einem jungen Mann, der eben aus dem Krieg heimgekehrt ist (Bleib doch Giraffe), scheitern. Die Grenzen zwischen Leben und Tod hebt vollends „Radi“ auf, der gefallen ist und doch ein Mädchen besucht, von dem er weiß, dass sie ihn, als er noch ihr Mitschüler war, heimlich ausgelacht hat. Aber die beiden jungen Leute finden zu einer Übereinstimmung. Wie riecht Erde?

Neben seinem Skelett in Russland gleich wie in der Heimat! Der Titel des Abends stammt aus „Nachts schlafen die Ratten doch“, in dem ein neunjähriger Bub den bei einem Bombenangriff ums Leben gekommenen vierjährigen Bruder bewacht, damit ihn nicht die Ratten fressen. Jede der Szenen ergreift den Zuschauer auf ihre eigene Weise. Bis 3. November 2018 hat man noch Gelegenheit, diese auch nach mehr als 70 Friedensjahren hoch aktuelle Warnung im theater experiment in ihrem tiefsten Sinn zu erleben.

Rafael Witak, Claudio Falvay © Rolf Bock
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