Kultur und Weindas beschauliche MagazinSamantha Steppan, Simon Brader. Lara Bumbacher © Fabian Steppan VENEDIG IM SCHNEE so wahrscheinlich wie Mödling am Meer
Hand aufs Herz, wer von uns hat das noch nie erlebt: Man ist zu Freunden eingeladen, aber knapp davor spießt es sich in der eigenen Partnerschaft. Der Besuch wird dennoch angetreten. Der schwelende Streit führt jedoch dazu, dass einer der beiden Betroffenen streikt und partout das Maul nicht aufmacht. Der Franzose Gilles Dyrek hat 2010 diese unangenehme Grundsituation in eine prickelnde und vor allem bissige Komödie verwandelt. Verpackt sind darin neben althergebrachten Beziehungskisten höchst aktuelle Probleme, mit denen die sogenannte „moderne Gesellschaft“ schwer zurande kommt. Wie geht man im trauten Kreis Einheimischer mit einer Fremden um, einer Frau, die weder unsere Sprache noch unsere Umgangsformen kennt, aber jedes Mitleid verdient, da sie offenbar eine aus ferner Heimat Geflüchtete ist? So wird mit Wortwitz, überraschenden Wendungen und nicht zuletzt mit Slapstick aus einer harmlosen Begegnung eine turbulente Satire. In Mödling wurde diese wunderbare Farce nach gut einem Jahrzehnt für unsere Bühnen wieder entdeckt und ist nun bis 25. Juli 2026 (so es nicht erwartungsgemäß Zusatzvorstellungen gibt) im Konzerthof der Stadtgemeinde zu erleben. Altersmäßig passt das Ensemble unter der Regie des ebenfalls noch jungen Clemens Fröschl bestens in die Rollen, die ihnen von Gilles Dyrek zugedacht wurden. Die Bühne besteht aus Pressspanplatten, denn Nathalie (Samantha Steppan) und Jean-Luc (Simon Brader) sind erst dabei, ihr ein trautes Heim einzurichten. Die eher provisorische Bleibe, so denkt das verliebte Pärchen, werde sicherlich auch den Besuch nicht stören, wenngleich sich die beiden Freunde seit ihrem Studium nicht mehr gesehen und nun eher zufällig getroffen haben.
Paul Wiborny, Stephanie-Christin Schneider, David Czifer, Elsa Schwaiger © Fabian Steppan DER GOTT DES GEMETZELS Genüsslich beim Streiten zusehen
Es sind zwei vordere Zähne, die von Ferdinand Reille durch einen Schlag mit einem Stock ins Gesicht von Bruno Houillé beschädigt wurden. Die französische Autorin Yasmina Reza nimmt diesen Vorfall zum Anlass, die Eltern der beiden Knaben miteinander bekannt zu machen. Beide Ehepaare, wohnhaft in Paris, wähnen sich höchst kultiviert und wären bereit, das Malheur in eben dieser Weise zu bereinigen. Doch aus der anfangs distanziert freundlichen Diskussion wird nach und nach ein veritabler Streit, der aus allen vier Beteiligten Kontrahenten mit wechselnden Koalitionen macht. Die dünnen Fassaden, aufgetragen aus erwachsener Vernunft, bröckeln dramatisch, bis jede und jeder der Beteiligten ganz im Sinne eines unerbittlichen Gottes des Gemetzels in seinen Schwächen vorgeführt ist. Angesichts dieser bis zu körperlichen Übergriffen reichenden Auseinandersetzung erscheint die Rauferei der Buben nahezu unbedeutend und macht den eigentlichen Reiz dieser Komödie aus.
Das neue THEATER / AB / HOF unter der Intendanz von Clemens Fröschl, Samantha Steppan und David Czifer gibt mit diesem gern und oft gespielten Stück seinen absolut gelungenen Einstand im „Konzerthof“ des Stadtamts Mödling. Samantha Steppan als Regisseurin lässt die beiden Elternpaare mit ungemein realistischen Emotionen aneinander und ineinander prallen. Stephanie-Christin Schneider als Véronique Houillé gibt die sozialkritische Schriftstellerin und eine Mutter, die keinen Spaß versteht, wenn es um das Wohlsein ihrer Kinder geht. Sie weigert sich beharrlich, ihrem Sprössling zumindest eine Teilschuld an seinem ramponierten Gebiss anzulasten. Eine derartige Uneinsichtigkeit ist freilich jedem Versuch einer gedeihlichen Verhandlung bzw. Lösung abträglich.
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