Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Samantha Steppan, Simon Brader. Lara Bumbacher © Fabian Steppan

Samantha Steppan, Simon Brader. Lara Bumbacher © Fabian Steppan

VENEDIG IM SCHNEE so wahrscheinlich wie Mödling am Meer

Schneekugel, Lara Bumbacheer, David Czifer © Fabian Steppan

Schneekugel, Lara Bumbacheer, David Czifer © Fabian Steppan

Alle sind damit gemeint und trotzdem begeistert von dieser Satire mit französischem Esprit.

Hand aufs Herz, wer von uns hat das noch nie erlebt: Man ist zu Freunden eingeladen, aber knapp davor spießt es sich in der eigenen Partnerschaft. Der Besuch wird dennoch angetreten. Der schwelende Streit führt jedoch dazu, dass einer der beiden Betroffenen streikt und partout das Maul nicht aufmacht. Der Franzose Gilles Dyrek hat 2010 diese unangenehme Grundsituation in eine prickelnde und vor allem bissige Komödie verwandelt. Verpackt sind darin neben althergebrachten Beziehungskisten höchst aktuelle Probleme, mit denen die sogenannte „moderne Gesellschaft“ schwer zurande kommt. Wie geht man im trauten Kreis Einheimischer mit einer Fremden um, einer Frau, die weder unsere Sprache noch unsere Umgangsformen kennt, aber jedes Mitleid verdient, da sie offenbar eine aus ferner Heimat Geflüchtete ist? So wird mit Wortwitz, überraschenden Wendungen und nicht zuletzt mit Slapstick aus einer harmlosen Begegnung eine turbulente Satire.

Samantha Steppan, David Czifer © Fabian Steppan

Samantha Steppan, David Czifer © Fabian Steppan

Simon Brader, David Czifer © Fabian Steppan

Simon Brader, David Czifer © Fabian Steppan

In Mödling wurde diese wunderbare Farce nach gut einem Jahrzehnt für unsere Bühnen wieder entdeckt und ist nun bis 25. Juli 2026 (so es nicht erwartungsgemäß Zusatzvorstellungen gibt) im Konzerthof der Stadtgemeinde zu erleben. Altersmäßig passt das Ensemble unter der Regie des ebenfalls noch jungen Clemens Fröschl bestens in die Rollen, die ihnen von Gilles Dyrek zugedacht wurden. Die Bühne besteht aus Pressspanplatten, denn Nathalie (Samantha Steppan) und Jean-Luc (Simon Brader) sind erst dabei, ihr ein trautes Heim einzurichten. Die eher provisorische Bleibe, so denkt das verliebte Pärchen, werde sicherlich auch den Besuch nicht stören, wenngleich sich die beiden Freunde seit ihrem Studium nicht mehr gesehen und nun eher zufällig getroffen haben.

David Czifer ist Christophe, der es offenbar zu Geld gebracht hat, zumindest zu einem teuren Cabrio, mit dem nobel vorgefahren wird. Geheimnisvoll ist seine Begleitung. Lara Bumbacher wird als Patricia vorgestellt. Trotz beinahe übertriebener Freundlichkeit der Gastgeber bleibt sie schweigsam und ihr Gesicht angefressen sauer. Gesteigert wird ihre üble Stimmung noch durch das lästige Turteln von Nathalie und Jean-Luc, die sich penetrant nur mit „Chouchou“ (Herzchen) anreden. Irgendwann steigt die Neugier nach der Identität von Patricia, die der Hafer juckt. Sie äußert sich in einer unverständlichen, slawisch klingenden Sprache und gibt als Herkunft das Land „Chouvénia“ an. Da der Groschen nicht fällt, entdecken die beiden Chouchous ihr Herz für Flüchtlinge und tragen unnötiges Zeug als Spenden zusammen, sogar die von Nathalie geliebte Kugel mit „Venedig im Schnee“. Der Riss im Chou Chou wird damit deutlich und setzt die freizügigen Geber, letztlich aber auch Christophe, dem herzlichen Lachen eines Publikums aus, das sich durchaus in einer der handelnden Personen wiederfinden könnte.

Lara Bumbacher © Fabian Steppan

Lara Bumbacher © Fabian Steppan

 Paul Wiborny, Stephanie-Christin Schneider, David Czifer, Elsa Schwaiger © Fabian Steppan

Paul Wiborny, Stephanie-Christin Schneider, David Czifer, Elsa Schwaiger © Fabian Steppan

DER GOTT DES GEMETZELS Genüsslich beim Streiten zusehen

Der Gott des Gemetzels, Ensemble © Fabian Steppan

Der Gott des Gemetzels, Ensemble © Fabian Steppan

Aus „Shakespeare in Mödling“ wurde ein begeisterndes „Theater ab Hof“.

Es sind zwei vordere Zähne, die von Ferdinand Reille durch einen Schlag mit einem Stock ins Gesicht von Bruno Houillé beschädigt wurden. Die französische Autorin Yasmina Reza nimmt diesen Vorfall zum Anlass, die Eltern der beiden Knaben miteinander bekannt zu machen. Beide Ehepaare, wohnhaft in Paris, wähnen sich höchst kultiviert und wären bereit, das Malheur in eben dieser Weise zu bereinigen. Doch aus der anfangs distanziert freundlichen Diskussion wird nach und nach ein veritabler Streit, der aus allen vier Beteiligten Kontrahenten mit wechselnden Koalitionen macht. Die dünnen Fassaden, aufgetragen aus erwachsener Vernunft, bröckeln dramatisch, bis jede und jeder der Beteiligten ganz im Sinne eines unerbittlichen Gottes des Gemetzels in seinen Schwächen vorgeführt ist. Angesichts dieser bis zu körperlichen Übergriffen reichenden Auseinandersetzung erscheint die Rauferei der Buben nahezu unbedeutend und macht den eigentlichen Reiz dieser Komödie aus.

Paul Wiborny, Elsa Schwaiger © Fabian Steppan

Paul Wiborny, Elsa Schwaiger © Fabian Steppan

David Czifer, Elsa Schwaiger, Stephanie-Christin Schneider © Fabian Steppan

David Czifer, Elsa Schwaiger, Stephanie-Christin Schneider © Fabian Steppan

Das neue THEATER / AB / HOF unter der Intendanz von Clemens Fröschl, Samantha Steppan und David Czifer gibt mit diesem gern und oft gespielten Stück seinen absolut gelungenen Einstand im „Konzerthof“ des Stadtamts Mödling. Samantha Steppan als Regisseurin lässt die beiden Elternpaare mit ungemein realistischen Emotionen aneinander und ineinander prallen. Stephanie-Christin Schneider als Véronique Houillé gibt die sozialkritische Schriftstellerin und eine Mutter, die keinen Spaß versteht, wenn es um das Wohlsein ihrer Kinder geht. Sie weigert sich beharrlich, ihrem Sprössling zumindest eine Teilschuld an seinem ramponierten Gebiss anzulasten. Eine derartige Uneinsichtigkeit ist freilich jedem Versuch einer gedeihlichen Verhandlung bzw. Lösung abträglich.

Ihr Gatte Michel (David Czifer), ein Händler mit Metallgeschirr, sieht die Sache wesentlich pragmatischer, zumal er zugeben muss, selbst einst ein Bandenchef gewesen zu sein und überdies den Goldhamster seiner achtjährigen Tochter herzlos auf der Straße ausgesetzt zu haben. Ihnen gegenüber steht die elegante Annette Reille (Elsa Schwaiger), eine Vermögensberaterin. Sie neigt dazu, im Stress kotzen zu müssen und verliert ihre Souveränität vollends, als eine Rumflasche die Runde macht und sie zu herzhafte Schlucke davon nimmt. Paul Wiborny ist ein Alain, dem das Handy wesentlich wichtiger als ein Friedensschluss ist. Er lässt die anderen bei diesen Anrufen lautstark wissen, dass er als Rechtsanwalt den Skandal eines Pharmazie-Unternehmen zu decken versucht. Nicht nur für die Kampfhähne, sondern auch für das vom ständigen Klingeln genervte Publikum ist es eine Wonne, als sein Smartphone in der Schbeibe seiner Gemahlin landet. Es sind die feinen Gags, derentwegen man diese Farce auf unsere Gesellschaft immer wieder anschauen und dabei seine reiste Freude an den Querelen anderer haben kann.

David Czifer © Fabian Steppan

David Czifer © Fabian Steppan

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