Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Pieter Bruegel d. Ä. Die Hasenjagd, 1560 (Detail) © ALBERTINA, Wien

DIE FRÜHE RADIERUNG als erste Bilderflut am Ende des Mittelalters

Daniel Hopfer Tod und Teufel überraschen zwei Frauen © The Metropolitan Museum of Art, New York

Die Handschrift des Künstlers auf der Druckplatte

Am Anfang stand wie in vielen Bereichen der griechische Satz des Philosophen Heraklit Πόλεμος πάντων μὲν πατήρ ἐστι, auf gut Deutsch: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Ende des 15. Jahrhunderts beherrschten Waffenschmiede in ihren Werkstätten das Ätzen von Eisen, um Kriegsgerät wie Schwerter oder Rüstungen zu verschönern. Das bemerkte auch der deutsche Druckgrafiker Daniel Hopfer, dem Holzschnitt und Kupferstich zuwenig persönliche Gestaltungsmöglichkeiten boten und außerdem große technische Erfahrung und Meisterschaft im Umgang mit dem jeweiligen Material voraussetzten. In den 1490er-Jahren begann er mit geätzten, „radierten“ Metallplatten Abzüge auf Papier herzustellen. Auf dem glattem Eisen wurde dazu ein dünne Wachschicht aufgezogen, in diese konnte der Meister nun frei zeichnen, indem er den Belag wegkratzte, oder wie die Lateiner zu sagen pflegen „radere“. Die nun frei geschabten Flächen erlaubten der Essigsäure das Metall anzugreifen.

Lucas van Leyden Maximilian I., 1520 © ALBERTINA, Wien

Es entstanden Vertiefungen, die Druckfarbe aufnahmen. In der Presse wurde die Zeichnung nun seitenverkehrt auf das Papier gedruckt. Die Radierung als neues Tiefdruckverfahren war geboren. Wenngleich es sich um eine sensationelle Erfindung handelte, blieb sie anfangs doch in Augsburg, der Heimatstadt von Hopfer, wo sie lediglich dem ebenfalls dort ansässigen und im gleichen Metier arbeitenden Hans Burgkmair d. Ä. bekannt und von ihm versucht wurde.

Albrecht Dürer, der in diesen Jahren erste Erfolge mit dem Holzschnitt und dem Kupferstich feierte, begann erst nach 1515 mit dem neuen Verfahren zu experimentieren. Auch ihn faszinierte die freie Beweglichkeit der Radiernadel, die ihm ein Arbeiten wie mit der Feder erlaubte und dennoch in großer Anzahl vervielfältig werden konnte. Ab diesem Moment trat die Radierung ihren Siegeszug an und schuf ein Massenmedium, das einer großen Zahl von Menschen den Erwerb von Kunst ermöglichte.

Albrecht Dürer Landschaft mit Kanone (Die große Kanone), 1518 © Albertina, Wien

Die Albertina darf sich im Besitz einer unvorstellbar großen Anzahl von diesen frühen Radierungen rühmen. So war es längst an der Zeit, dieser Technik und den sehenswerten Ergebnissen eine Ausstellung zu widmen. Über 100 Exponate geben unter dem Titel „Die frühe Radierung. Von Dürer bis Bruegel“ (bis 10. Mai 2020 in den Tietze Galleries) einen Einblick in die Frühzeit dieser Technik. Stolz werden viele berühmte Hauptwerke präsentiert, aber auch Entdeckungen, mit denen die Experimentierfreudigkeit der Meister nachvollzogen werden kann. Schon Daniel Hopfer ließ es nicht beim einfachen Strich bewenden. In einem ungemein witzigen Memento mori zeigt er zwei eitle Damen vor dem Spiegel, die darin einen halbverwesten Körper als Tod und dahinter einen großen und auf dessen Kopf einen kleinen Teufel mit gefährlichem Spieß sehen müssten.

Es gibt auf dieser Radierung bereits Schattierungen und körperliche Rundungen, wie sie in den alten Techniken undenkbar waren. Damit wird die Ausstellung zu einem Rundgang durch eine vergangene Welt, die in ihrer Unmittelbarkeit bis heute lebendig zu uns spricht, dazu kommt eine Einführung in das Thema Radierung in einer Virtine mit dreidimensionalen Gegenständen wie Feder, Druckfarbe und Chemikalien, um neben dem Kunstgenuss auch das Verfahren dem Besucher auf wundersam einfachem Weg zu erklären.

Hieronymus Cock Ruinen auf dem Palatin, 1550 © ALBERTINA, Wien
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