Kultur und Wein

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Faces, Ausstellungsansicht

FACES Vom Porträt zum Kunstmotiv: Photographien

Lotte (Auge)  Max Burchartz © Bildrecht Wien 2020

Von der Verwandlung durch Licht über Großaufnahmen zur Landschaft des Gesichts

Schön wollten die Menschen abgelichtet werden. Wenn man zum Photographen ging, wurde das beste Gewand angelegt, die Frisur vom Figaro des Vertrauens aufgetürmt und der freundlichste Blick aufgesetzt, wenn der Photograph hinter der Kamera unter seinem Tuch verschwand und mit dem Befehl: „Achtung, herschauen!“ einen Arm hoch streckte, bevor er exponierte. In den 1920er- und 30er-Jahren begann jedoch eine völlig neue Behandlung des Porträts. Sofern es sich ein photographischer Handwerker finanziell leisten konnte, begann er damit Kunst zu schaffen. Das Material war immer das Gesicht, das ihm Tausende Möglichkeiten bot, über die jeweilige Persönlichkeit hinaus Facetten aus den einzelnen Zügen seines Gegenübers herauszuarbeiten. Experimentiert wurde mit dem Licht, das den Schwarzweißbildern wesentlich mehr Schichten verlieh als es die Farbfotografie später je schaffte.

Kopf mit Taschenlampe  Oskar Nerlinger © Sigrid Nerlinger

Auftrag von Öl auf der Haut, ein Ausreizen der Mimik und die Wahl ungewöhnlicher Ausschnitte zeitigen eine Verfremdung, die den Blick des Betrachters bis heute fasziniert. Es waren Rollenspiele, vom Stummfilm beeinflusst, mit denen Mode- und Atelierporträts inszeniert wurden. Das Gesicht wurde zur Maske, die wie eine Skulptur modelliert wurde und sich in tiefen Hell-Dunkel-Kontrasten zu einem Richtung Abstrakte gehenden Kunstwerk entwickelte. Die Kamera wurde näher geschoben, bis das kleinste Detail rund um Mund, Auge und Nase zur faszinierenden Landschaft wurde, die sich vom ursprünglichen Motiv, dem Gesicht des Photographierten, vollkommen gelöst hatte.

Verwandlungen durch Licht, 604  Helmar Lerski © Nachlass Gelmar Lerski, Museum Folkwang Essen

„FACES. Die Macht des Gesichts“ (bis 24. Mai 2021) zeigt in den Tietze Galleries diese Entwicklung anhand einer Reihe von Beispielen, die damit eine beinahe vergessene Kunstrichtung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder zum Leben erweckt. Im Mittelpunkt steht Helmar Lerski, 1871 in Strasbourg als Israel Schmuklerski geboren, der sich im Alter von 39 Jahren der Photographie zuwandte und in seinen Porträts mit einer außergewöhnlichen Inszenierung des Gesichts mit Licht begann. Angeregt dazu wurde wohl von seiner Tätigkeit als Kameramann beim Stummfilm, unter anderem bei Metropolis von Fritz Lang. Noch in Berlin entstand die Serie „Köpfe des Alltags“. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft emigrierte er 1932 nach Palästina und schuf dort „Araber und Juden“ und „Verwandlungen durch Licht“. Gleichzeitig arbeiteten in Deutschland die Photographinnen Marta Astfalck Vietz und Gertrud Arndt, die sich selbst ablichteten.

Astfalk Vietz verbarg ihr Gesicht hinter Masken. Dazu hüllte sie den Körper in transparente Spitze, um vereint mit gekonnter Lichtregie erotische Aufnahmen mit künstlerisch vertieften Hintergrund hervorzubringen. Die im Bauhaus als Weberin ausgebildete Arndt setzte auf ausdrucksvolles Mienenspiel, um Frauentypen ihrer Zeit darzustellen. Am Bauhaus Dessau wirkte László Moholy-Nagy als Lehrer, Theoretiker und Künstler, der mit Scherenschnitten experimentierte, die er direkt auf das Fotopapier legte. Vertreten war er mit diesem Programm 1929 in Stuttgart und Wien.

Er legte damit der photographischen Avantgarde einen Grundstein und war Mentor dieser neuen Sicht des Porträts. Freilich wurde diese Kunst auch, zumindest aus heutiger Sicht, missbraucht. Gesucht wurde das Volksgesicht als Typus der „Blut und Boden“-Ideologie. Erna Lendvai-Dirksen, Erich Retzlaff und Rudolf Koppitz fanden ihre „authentischen“ Motive in den Gesichtern von Bauern und Arbeitern. Koppitz spielte so dem austrofaschistischen Ständestaat in die Hände, Retzlaff und Lendvai-Dircksen veröffentlichten ihre Werke in auflagenstarken Bildbänden, um dem Porträtphoto eine rassisch-völkische Konnotation zu verleihen. Helmar Lerski und Leni Riefenstahl sollten sich auf neutralem Boden noch einmal treffen. Seine Regiearbeit „Avodah“ (Arbeit) lief 1935 auf der Biennale in Venedig gleichzeitig mit ihrem Propagandafilm „Triumph des Willens“, beides als Ansammlung von pathetischen Nahaufnahmen, jedoch aus zwei ideologischen Welten, die einander nicht ferner sein konnten.

Maskenselbstbildnis Nr. 22  Gertrud Arndt © Bildrecht Wien 2020
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