Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Knapp vor der Katastrophe: Ines Hengl-Pirker (Babette), Marina Petkov (Raclette), Ryta Tale

Knapp vor der Katastrophe: Ines Hengl-Pirker (Babette), Marina Petkov (Raclette), Ryta Tale (Jeanette) © Bettina Frenzel

BEATLES AN BORD Yeah! Yeah! Yeah! in der alten Tupolew

Ines Hengl-Pirker, Marina Petkov, Ryta Tale © Bettina Frenzel

Ines Hengl-Pirker, Marina Petkov, Ryta Tale © Bettina Frenzel

Drei tolle Stimmen vertreiben sogar auf einem Horrortrip die Flugangst

Von Wien nach Paris mit Jet Baguette ist nur was für wirklich Mutige. Der Kapitän ist über 80 und säuft wie ein Loch, der Co-Pilot liegt in mehrere Teile zerschnitten in den Fächern fürs Handgepäck und die Maschine, eine betagte Tupolew, hat auch schon bessere Tage gesehen. Die drei Stewardessen mit dem neckischen Baguette auf ihrem Käppi sind jedoch bester Dinge. Babette, Jeanette und Raclette wissen, wie man die Passagiere bei Laune hält, sogar dann, wenn es an eine Notlandung auf der Donau oder gar im Atlantik zwischen hungrigen Haien geht. Angeblich sind einst die Beatles mit diesem Flugzeug nach Moskau geflogen. Sie haben ihre Songs zwischen den Sitzen an Bord gelassen und geben so dem Trio Gelegenheit, einen Hit nach dem anderen wieder auszupacken und damit tolle Stimmung unter den verängstigten Fluggästen zu verbreiten.

 

Bei „Beatles an Bord“ handelt es sich um ein Comedy Musical des deutschen Autors Enrique Keil. Seine drei Protagonistinnen sind Französinnen, die auch im ärgsten Chaos allein mit ihrem reizend verschluckten Hs unbezwingbaren Charme verströmen. Für die Tschauner Bühne sind Ines Hengl-Pirker und Ryta Tale (bürgerlich: Michael Postmann) die beiden Stewardessen, die mit der scheinbaren Saftschubse Marina Petkov gar nicht fein umgehen.

Als Stimme des im Rausch lallenden Kapitäns aus dem Cockpit lässt sich Markus Richter vernehmen, der an sich für Regie und die musikalische Leitung zuständig ist. Er hat dafür gesorgt, dass die Beatlessongs in einer Weise über die Rampe gehen, wie man sie wohl noch nicht gehört hat; nämlich in der Bearbeitung des Vollprofis Terry Chladt. Bei „Help“ ist die Walküre zu vernehmen, „Let it Be“ endet als flotter Tango und „All My Loving“ verirrt sich im LSD-Trip. Yeah! Yeah! Yeah! Die einzelnen Arrangements wurden auf die drei Darstellerinnen perfekt zugeschnitten. Hengl-Pirker ist der helle Mezzosopran, der dunkle Alt gehört naturgemäß Ryta Tale und die groovige Rockröhre zur kleinen Petkov, die sich damit beeindruckend bei ihren großgewachsenen Kolleginnen durchsetzt. Wer bei einer derart stimmgewaltigen Crew noch Angst vor einem Absturz hat, der ist selber schuld. Das Publikum war mitgerissen, machte bei diversen Rettungsübungen willig mit und ließ am Ende seine Begeisterung energisch über den Notlandeplatz auf der Maroltingergasse hallen.

Ryta Tale vor den beiden Kolleginnen © Bettina Frenzel

Ryta Tale vor den beiden Kolleginnen © Bettina Frenzel

Der eingebildete Kranke, Ensemble © Bettina Frenzel

Der eingebildete Kranke, Ensemble © Bettina Frenzel

DER EINGEBILDETE KRANKE Molières modernes Musical. Malade?

Der eingebildete Kranke, Ensemble © Bettina Frenzel

Der eingebildete Kranke, Ensemble © Bettina Frenzel

Hypochonder sind eine zeitlose Spezies, genau wie deren raffinierte Ärzte.

Das „Kurhotel St. Moritz“ liegt seit Neuestem am Flötzersteig. Geboten wird in diesem Sanatorium jeder Luxus, vorausgesetzt, die aufwändigen „Behandlungskosten“ werden pünktlich bezahlt. Der ins Burnout gerutschte Manager Axel ist einer der Patienten, die zur Überzeugung gekommen sind: „Krank sein, einfach krank sein, ist das Schönste, was es gibt!“ Er liebt alle seine Beschwerden inniglich, mehr als sein Geld, von dem offenbar in ausreichendem Maße vorhanden ist. Genau das Gegenteil trifft allerdings bei Klinikleiter Prof. Henkelmann zu. Der körperliche Zustand seiner Melkkuh ist ihm wurscht, seine Aufmerksamkeit gilt dessen Kontostand. Ähnlich reagiert die zweite Frau von Alex. Melitta kann nur schwer das Ableben ihres betuchten Gatten erwarten, um rechtzeitig dessen Vermögen zu erben. Schon der große Molière hat sich über die Dummheit der Hypochonder lustig gemacht. Das Duo Stanek & Brand hat unter dem bewährten Titel „Der eingebildete Kranke“ die ganze Geschichte ins Heute geholt. Mit Buch und Songtexten von Florian Stanek und der Musik von Sebastian Brand ist ein hinreißendes Musical entstanden, das inhaltlich nahe am Original ewige Wahrheiten wie Liebe, Sorge, Geldgier oder Falschheit mit Gesang, Tanz und Komik unterhaltsam abhandelt.

Sascha Ahrens, Martin Oberhauser © Bettina Frenzel

Sascha Ahrens, Martin Oberhauser © Bettina Frenzel

Sarah Baum, Marina Petkov © Bettina Frenzel

Sarah Baum, Marina Petkov © Bettina Frenzel

Wenn sich die Tschauner Bühne dieses Werks annimmt, dann darf kein Auge trocken bleiben – natürlich vor Lachen, was sonst?! Markus Richter ist nicht nur als Regisseur und musikalischer Leiter für den Erfolg verantwortlich, er hat selbst den Part des Chefarztes OA Prof. Henkelmann übernommen und dirigiert souverän sein Personal, pardon, Ensemble, das seine Wandelbarkeit in diversen Rollen unter Beweis stellt. So kümmern sich Ilvy Schultschik und Anja Štruc als stimmgewaltige Krankenschwestern um das Wohlergehen ihrer Patienten, lassen aber als Dr. Raff und Dr. Gier die wahre Natur so mancher Vertreter dieses Standes durchblicken.

Alexander Mikliss mutiert vom sympathisch tollpatschigen Clemens, Sohn des erbitterten Konkurrenten Axels und Geliebter von dessen reizender Tochter Angelika (Sarah Baum) zum vertrottelten Harald, Spross von Henkelmann und Medikus mit seltsamen Methoden. Als Stiefmutter Melitta beweist Sascha Ahrens ihr Talent, ebenso hinterhältig böse wie gleichzeitig ungemein attraktiv zu sein und damit ihren Gatten um den Finger zu wickeln. Ihren Meister findet sie erst in der klugen Toni, der Marina Petkov im Kittel einer Krankenschwester und kurzzeitig als geheimnisvoller Wunderarzt den nötigen Witz verleiht, mit dem sie Alex von allen seinen Krankheiten auf einen Schlag kuriert. Der gute Mann muss nur sterben, also nicht wirklich, nur so zum Schein, um zu erfahren, wem er tatsächlich am Herzen liegt. Martin Oberhauser ist dieser Alex Wagner, der zu einem guten Teil der Zeit am Klo seine Geschäfte verrichtet. Er hat leichtfertig seine offensichtliche Gesundheit und sein Geld einem fragwürdigen Medizinischen Team anvertraut und kann nach seinem vorgeblichen Ableben als Spätberufener den Traumberuf als Arzt ergreifen.

Alexander Mikliss, Markus Richter © Bettina Frenzel

Alexander Mikliss, Markus Richter © Bettina Frenzel

Planet Tschauner, Ensemble © Bettina Frenzel

Planet Tschauner, Ensemble © Bettina Frenzel

PLANET TSCHAUNER A kosmisch komische Hetz´ und Gaudi

Jürgen Kapaun und Ensemble © Tschauner Bühne

Jürgen Kapaun und Ensemble © Tschauner Bühne

Mit Stand up Comedians und gesetzten Stars des Kabaretts unterwegs zwischen den Welten

Die ideale Astronauten-Nahrung sind zweifellos Knackwurst und Schwechater-Bier, zumindest auf der Tschauner Bühne, die den heurigen Spielsommer mit einer Komödie der utopischen Art eröffnet hat. Auf der Erde hat bezüglich der Raumfahrt UNOOSA das Sagen. Im Auftrag dieses Büros der Vereinten Nationen – mit Sitz in Wien – sind „Tschauner Enterprise“-Captain Jörg und sein Erster Offizier Mister Speck in den unendlichen Weiten des Alls unterwegs, und sie haben sich aufgrund eines mangelhaften Navis kräftig verirrt. Dabei entdecken sie allerdings einen neuen Planeten, der sich für terrestrische Besiedlung eignet. Für Captain Jörg ist es natürlich der „Planet Tschauner“, nicht aber für die Behörde, die ihn vorläufig „Nein“, doch nicht „Nein“, sondern „Nine“ tauft und den Captain wegen seiner Eigenmächtigkeit auf der Stelle suspendiert. Wird Jörg rehabilitiert oder gar festgenommen? Werden Außerirdische in Gestalt des bösen Lokus das Projekt vereiteln oder gewinnt doch die Liebe und gelingt damit auch außerirdisch die natürliche Vermehrung der beteiligten Menschen?

Eva D. auf Planet Tschauner © Bettina Frenzel

Eva D. auf Planet Tschauner © Bettina Frenzel

Eva D., Bernhard Viktorin, Thomas Schreiweis © Bettina Frenzel

Eva D., Bernhard Viktorin, Thomas Schreiweis © Bettina Frenzel

Man darf gespannt sein, was das Ensemble im Namen der einzigen Stegreifbühne Wiens an den jeweiligen Spielabenden daraus macht. Die Grundidee zu dieser turbulenten Sternenreise lieferte Thomas Schreiweis. Den Rahmen haben Regisseurin Anne Rab und Petra Fibich-Patzelt mit einem wahrhaft fantastischen Bühnenbild geschaffen, angefangen vom High-Tech-Space-Shuttle zum Mieten bis zu romantisch psychedelischen Schwammerln auf dem neuen Planeten.

Sigrid Dreger hat die Crew entsprechend spacig eingekleidet und Monika Krestan die Gesichter in den diversen Rollen mit der jeweils passenden Maske versehen. Ohne Musik geht auch im Weltraum nix! Deswegen hat Markus Richter eine Reihe von verlässlichen Mitsinghadern für diese Revue eingerichtet, zu denen Choreographin Daniela Lehner sowohl Erdlinge wie Aliens flott das Tanzbein schwingen lässt. Jürgen Kapaun webt ganz wie das Vorbild aus der Serie Star-Treck als Blondie durch die Galaxien, begleitet vom Spitzohr Mister Speck in der Person von Thomas Schreiweis, einem Waldviertler E.T. mit böhmischem Akzent. Für ordentliche Wuchteln sorgen auch die übrigen Beteiligten, sind sie doch allesamt bekannte Vertreter des Kabaretts. Eva D., Isabel Melli, Valerie Bolzano und Bernhard Viktorin geht der Schmäh garantiert nicht aus, um auch jede weitere Vorstellung von „Planet Tschauner“ als überraschend kosmisch komische Stegreif Revue auf der Tschauner Bühne zu landen.

Bernhard Viktorin © Tschauner Bühne

Bernhard Viktorin © Tschauner Bühne

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