Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Eszter Hollósi und Berni Feit im Pornoladen © Bettina Frenzel

GRILLPARZER IM PORNOLADEN bei frustriertem SM

Bernie Feit und Eszter Hollósi bei SM aktiv © Bettina Frenzel

„Des Meeres und der Liebe Wellen“ schwemmen zwei Menschen durch die Weiten seltsamer Sex-Praktiken

Er war der letzte männliche Souffleur am Burgtheater. Als auch sein Posten mit einer Frau besetzt wurde und er als Portier und Heizer unzufrieden war, übernahm er die Stelle des Verkäufers in einem Sexshop. Wir schreiben das Jahr 1994, da waren Beate Uhse und Co. noch nicht nach Österreich vorgedrungen. Also lernte der Mann während kundenloser Stunden zwischen Dildos und Gummipuppen im Selbststudium die Chiropraktik, um sicher zu gehen, dass ihm keine Frau mehr den Job streitig machen könne. Es muss so einen armen Kerl irritieren, wenn eines Tags eine elegante Dame sein Geschäft betritt und beraten zu werden wünscht. In diesem Spannungsfeld hat Willard Manus sein Stück „Love Boutique“ angesetzt. Peter Turrini hat daraus eine Wiener Fassung geschrieben und das Ganze mit „Grillparzer im Pornoladen“ tituliert, was weit zutreffender ist als das Wort Love, weil in diesem Stück von Liebe nur am Rande die Rede ist. Im Grund ist es eine Abrechung zweier frustrierter Zeitgenossen, die den und die jeweils andere nichts anderes als Stellvertreter für ihren eigenen Jammer sehen.

Eszter Hollósi und Berni Feit beim SM mit ihm als Henker © Bettina Frenzel

Er hasst die Frauen, die für ihn alles Irre sind. Sie ist voll beladen mit Enttäuschungen, die ihr der eigene Mann und die Herren an ihrem Arbeitsplatz, einer TV-Redaktion, zugefügt haben. Als Medium zum Abreagieren eignet sich dazu bestens eine sogenannte Masochismusvorführung. Ein Mensch, angetan mit Ledermieder und Knebelhalsband, hilflos hängend an einem Kettengestell, lässt sich bühnenwirksam foltern, zu Geständnissen zwingen und ganz ungeil zum bemitleidenswerten Würstel degradieren.

Bernie Feit in seinem Pornoladen beim Studium der Chiropraktik © Bettina Frenzel

In der Inszenierung von Josef Maria Krasanovsky durchleiden Eszter Hollósi und Berni Feit diese gute Stunde gegenseitiger Quälerei. Zwischen zwei Zuschauertribünen ist der „Love Shop“ aufgebaut, um möglichst unmittelbare Anteilnahme der Zuschauer zu ermöglichen. Die Nähe zum Porno wirkt tatsächlich ungemein abstoßend, zugleich aber auch anziehend und schafft nebenbei genügend Lacher seitens derer, die sich mit derlei Sex-Spielzeug bisher wenig anzufangen wussten.

Man staunt, dass unappetitliche Plastikwürste tatsächlich Leute antörnen und aufblasbare Mädchen und Burschen mit entsprechender Ausstattung im Bett beschlafen werden können. Gummivulva und Klistierspritze werden genüsslich vorgeführt und vom Verkäufer samt Preis und Gebrauchsanweisung angepriesen. Aber sowohl Hollósi als auch Feit schaffen es, die wahren menschlichen Tragödien hinter dem Spaß sichtbar zu machen und nehmen dabei auf sich nicht geringste Rücksicht, wenn ihr hochroter Kopf zeigt, dass sie fast am Ersticken sind oder mit der vielschwänzigen Peitsche keineswegs zimperlich aufeinander einschlagen.

Es geht darum, die Unmöglichkeit zu zeigen, aus der Einsamkeit eigener Bedürfnisse auszubrechen. Diese bestehen nicht aus Vibratoren mit dreifacher Geschwindigkeit, sondern im Wunsch der Überwindung von Enttäuschungen, die Grillparzer in „Des Meeres und der Liebe Wellen“ konfliktreich beschrieben hat. Es war das letzte Stück auf der Burg, bei dem er souffliert hat, und es ist auch die Metapher für ihre Hassliebe auf den Ehemann, der ihr in einer längst gestorbenen Beziehung jede Befriedigung versagt.

Eszter Hollósi und Berni Feit beim Massieren © Bettina Frenzel
SCALA Logo 300

Statistik