Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Tom Wagenhammer, Eduard Martens, Bernardo Ribeiro, Angelo Konzett © Bettina Frenzel

EQUUS Die eifersüchtige Gottheit und ihr Priester

Angelo Konzett, Angela Ahlheim, Ensemble © Bettina Frenzel

Gefangen in der Erotik der Pferde – ein dramatischer Befreiungsversuch

Was bringt einen jungen Mann dazu, etlichen Pferden die Augen auszustechen? Bis dahin gab es keinerlei Beanstandungen. Der Stallbursch mistete gründlich aus und striegelte die Pferde ganz wie es sich gehört. Dann das! Bei Gericht wäre man mit ihm keineswegs gnädig gewesen, hätte es nicht eine Richterin gegeben, die ein tief sitzendes Problem in dessen Seele ahnte. Sie erwirkte statt des Arrests einen Spitalsaufenthalt und die Behandlung bei einem Psychologen. Der englische Dramatiker Peter Shaffer lässt nach kurzer Einleitung damit sein Stück „Equus“ beginnen, nämlich mit dem ersten Treffen von Alan Strang mit Dr. Martin Dysart. Es entspinnt sich ein zäher Zweikampf zwischen dem Patienten, der Fragen mit lautem Absingen von Werbeslogans beantwortet, und dem geduldigen Arzt, dem derlei Verhalten keineswegs fremd erscheint. Mit einfühlsamen Fragen und sanftem Eingehen auf die Trotzreaktionen schafft es Dr. Dysart, den Jungen zum Reden zu bringen. Man macht Bekanntschaft mit einer Familie, die nicht unwesentlich zu den Störungen beigetragen hat. Vater Frank Strang ist Drucker und Altsozi.

Tom Wagenhammer, Angelo Konzett © Bettina Frenzel

Sein Atheismus steht konträr zur Bigotterie seiner Frau Dora, einer gewesenen Lehrerin. Man trifft aber auch Jill Mason, ein fröhliches, unkompliziertes Mädchen, das sich in Alan verliebt. Sie hat ihn zum Gestüt von Harry Dalton gebracht. Die wahren Hauptpersonen sind aber die Pferde. Equus ist der Leithengst mit dem Stallnamen Nugget, der Alan beherrscht und mit ganzer Person für sich einnimmt; so sehr, dass sich ein zutiefst erotisches Verhältnis abseits jeder Art von Sodomie zwischen Mensch und Tier entwickelt. Ihn daraus zu befreien und die unverständliche Tat zu klären, ist nun die kaum lösbare Aufgabe des Seelenarztes Dr. Dysart.

Christina Saginth, Anselm Lipgens © Bettina Frenzel

Wie stellt man Pferde auf die doch nicht überragend große Bühne der Scala? Regisseur Sam Madwar hat eine beeindruckende Antwort gefunden. Schauplatz ist der Pferdestall, in dem durch ein Geländer die mit Holzbänken ausgestattete Praxis des Psychologen abgegrenzt wird. Die Pferde sind Schauspieler. Tom Wagenhammer (auch als Reiter am Strand), Eduard Martens und Bernardo Ribeiro stolzieren mit der Eleganz von Vollblütern in schmuckem SM-Riemenzeug durch die Szene.

Sie sind die Götter, die von Alan Strang seit seiner Kindheit heiß verehrt werden. Der blutjunge Angelo Konzett wird voll und ganz zu diesem Pferdenarren, nimmt in keiner Weise auf sich Rücksicht. Nackt auf dem Rücken eines seiner Idole reitend brüllt er einen Orgasmus hinaus, um später an seiner Unfähigkeit, eine Frau zu lieben, mitreißend zu verzweifeln. Mit Anselm Lipgens als sympathischem Dr. Martin Dysart, assistiert von seinem Pfleger Robert Stuc, wird diese Auseinandersetzung so weit getrieben, dass am Schluss der Therapeut an sich und seinen Methoden zu zweifeln beginnt. Was sind Lügen und was ist Wahrheit, Tricks oder ehrlich gemeinte Hilfe?

Auf die beiden Protagonisten versuchen die umsichtige Richterin Heather Salomon (Christina Saginth), der von Sturheit geplagte Vater (Christoph Prückner) und die sowohl gegen die Pferde als auch gegen ihren Gatten machtlose Mutter (Birgit Wolf) auf ihre Weise einzuwirken. Jill Mason ist das Mädchen, das auch durch seinen makellosen Körper, den ihr Angela Ahlheim mutig verleiht, gegen die Macht von Equus den Kürzeren zieht, aber als Lichtblick für Alan (und das Publikum) Hoffnung verspricht.

Christoph Prückner, Anselm Lipgens, Angelo Konzett © Bettina Frenzel
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