Kultur und Wein

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Anni Albers, Constructing Textiles, Ausstellungsansicht

Anni Albers, Constructing Textiles, Ausstellungsansicht

ANNI ALBERS Nützliche Objekte werden zu Kunstwerken

Reproduktion eines Wandbehangs Nr. 81, 1925

Reproduktion eines Wandbehangs Nr. 81, 1925

Von den Bildwebereien am Bauhaus zu textilen Architekturen in den USA

Eine Ausstellung, die von Teppichen, Stoffmustern und weitergehenden textilen Designs dominiert wird, ist im Unteren Belvedere eine Überraschung. Die Leitung des Kunstmuseums hat sich jedoch für dieses Crossover mit der Angewandten entschieden, um eine hierzulande unbekannte Künstlerin seinem Klimt & Co. gewohnten Publikum nahezubringen. Die Rede ist von der 1899 in Berlin geborenen Anni Albers. Ihre Ausbildung begann 1922 am Bauhaus, in der sie mit der Weberei Handwerk und Kunst verband. Sie interessierte der experimentelle Umgang mit neuen Materialien, immer aber mit dem „Blick auf den Faden“, von dem sie sich leiten ließ. Anni wurde zur stellvertretenden Leiterin der Werkstatt und heiratete den Bauhaus-Künstler und –Lehrer Josef Albers. Die politischen Umstände in Deutschland, die auch die Schließung der Schule zur Folge hatten, ließen das Ehepaar 1933 in die USA emigrieren. In Übersee stellte sich prompt der Erfolg ein. Ihr Werk wurde in Ausstellungen gefeiert, die einen ersten Höhepunkt in einer Einzelpräsentation im Museum of Modern Art in New York erreichten.

Anni Albers, Alexander Reed, Halskette um 1940

Anni Albers, Alexander Reed, Halskette um 1940

Textile Beispiele zum Anfassen und Fühlen

Textile Beispiele zum Anfassen und Fühlen

Erzeugnisse aus Stoff können zugleich Gebrauchsgegenstände wie auch eigenständige Kunstwerke sein. Analogien dazu fand Anni Albers auf Reisen nach Mexiko, Peru und Chile. Die dabei gesammelten Textilfragmente verrieten eine über den alltäglichen Gebrauch weit hinausgehende Bedeutung, da sie den Status ihres Trägers in Muster, Farbe und Material signalisierten;

entstanden aber immer im System von Schuss- und Kettfaden. Erstaunlicherweise fühlte sich Albers durch das Diktat des klaren Rasters in der Weberei eingeschränkt. Sie begann sich Arbeiten auf Papier zuzuwenden, um sich von der strikten Vertikalität und Horizontalität zu lösen. Labyrinthartige Muster und von der strengen Ausrichtung befreite Kompositionen entstanden, um doch wieder organisierte Kunst in textilen Designs zu werden; im Ausdruck folgend den Gesetzen einer nach innen gewandten Architektur. Wichtig war auch die Oberfläche, der ungewöhnliche Materialien wie Stroh, Jute, Metallfäden oder Plastik, die ein überraschendes haptisches Erlebnis vermitteln. Beispiele aus allen ihren Schaffensphasen wurden nun für die Ausstellung „Anni Albers. Constructing Textiles“ (bis 16. August 2026) von den Kuratorinnen Brenda Danilowitz von der Josef und Anni Albers Foundation und Fabienne Eggelhöfer (Zentrum Paul Klee) nach Wien geholt, um einen entsprechenden Eindruck von der Vielseitigkeit dieser bedeutenden Künstlerin am Webstuhl zu vermitteln.

Anni Albers, Constructing Textiles, Ausstellungsansicht

Anni Albers, Constructing Textiles, Ausstellungsansicht

Ausstellungsansicht "Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe", Unteres Belvedere

Ausstellungsansicht "Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe", Unteres Belvedere Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

FRANZ XAVER MESSERSCHMIDT Zeitlose Kopfstücke für die Mitmenschen

Franz Xaver Messerschmidt Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Franz Xaver Messerschmidt Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Das Werk des Bildhauers geht weit über seine berühmten Charakterköpfe hinaus.

Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783) schuf sich bereits als barocker Bildhauer einen guten Namen. Von ihm stammen u. a. die mit allen Insignien ausgestatteten Statuen des Herrscherpaares Maria Theresia als Königin von Ungarn und Franz I. Stephan aus dem Hause Lothringen als deutscher Kaiser. Der Künstler konnte sich jedoch den aufkommenden Gedanken der Aufklärung nicht entziehen und begann die Menschen als Individuen, unabhängig von ihren Titeln und Ämtern, sogar ohne die damals unabdingbare Perücke zu porträtieren. Die Auftraggeber schätzen offenbar diese Wahrheitsliebe. Neben erlauchten Häuptern entstanden unter seinem Meißel Büsten der Ärzte Gerard van Swieten und Franz Anton Mesmer oder die des Schriftstellers Franz Christoph von Scheyb; also durchwegs von Persönlichkeiten, die nicht von der Geburt, sondern allein von ihrer Geisteskraft zu Bedeutung gelangt waren.

 Franz Xaver Messerschmidt, Sogenanntes Selbstbildnis lachend, um 1777–83  Szépművészeti Múzeum
Franz Xaver Messerschmidt Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

l.: Franz Xaver Messerschmidt, Sogenanntes Selbstbildnis lachend, um 1777–83 Szépművészeti Múzeum / Museum of Fine Arts, Budapest

o.: Ausstellungsansicht "Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe", Unteres Belvedere Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
 

Berühmt geworden ist Franz Xaver Messerschmidt allerdings durch ein Kuriosum. Der intensive Blick auf die Modelle hatte ihn wohl gereizt, auch deren komische Details in Stein zu hauen oder in Metall zu gießen. In großer Zahl entstanden seine „Kopfstücke“, die im weiteren Sinn des Wortes durchaus als schmerzhafte Malträtierung des Hauptes zu verstehen sind. Im Barock hatte man diebische Freude an grotesken Darstellungen sogenannter Zwerge, über die man sich in Parks oder als Radierungen in den Salons lustig machte. Messerschmidt zeigte den Spöttern nun deren eigene Visage, ohne allerdings Namen zu nennen. Die heute aufgrund woker Political Correctness als Charakterköpfe bekannten 49 Skulpturen bekamen im Lauf der Zeit eigenwillige Bezeichnungen, teils von einer übertriebenen Emotion, von komischer Mimik oder einem fragwürdigen Geisteszustand inspiriert. Sie wurden dem Gaudium des Publikums ausgesetzt und trotz Nachfrage auf dem privaten Markt von der Akademie der bildenden Künste in Wien noch 1825 abgelehnt.

Erst mit der Eröffnung des Österreichischen Barockmuseums im Unteren Belvedere kamen etliche dieser Köpfe neben Auftragswerken des Künstlers in sichere Hände – und Messerschmidt zu spätem Ruhm. Ihm zu Ehren wurde nun auch eine umfangreiche Ausstellung eben dort gestaltet. „Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe“ (bis 6. April 2026) zeigt in sehr luftiger Aufstellung dessen Plastiken, verbunden mit Texten zu seiner Vita und seinen Schaffensphasen, aber auch zu den Mythen, die sich bis zu einer Geisteskrankheit des Bildhauers verstiegen. Zum „mehr“ im Titel gehören auch Arbeiten von Zeitgenossen wie eine Auswahl von Blättern aus William Hogarths „A Rake´s Progress“, die in ähnlicher Weise die damalige Gesellschaft aufs Korn nimmt, oder damals erstmalig gezeigte Reaktionen wie im „Selbstbildnis“, auf dem Joseph Ducreux die Überraschung darstellt. Erschienen ist dazu ein Katalog, herausgegeben von Stella Rollig und dem Kuratorenduo Katharina Lovecky & Georg Lechner, mit ausführlichen Beiträgen einer Reihe hochrangiger Experten, deren Wissen weit über die genannten „Kopfstücke“ hinausgeht.

 Ausstellungsansicht "Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe", Unteres Belvedere

Ausstellungsansicht "Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe", Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

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