Kultur und Weindas beschauliche MagazinAusstellungsansicht, Otto Muehl. Kunst am Abgrund Foto: WIENER AKTIONISMUS MUSEUM © Bildrecht, Wien 2026 KUNST AM ABGRUND Otto Muehl und sein frühes Werk Vor dem WAM (Wiener Aktionismus Museum) protestieren Menschen gegen eine Ausstellung, die demjenigen Mann gewidmet ist, der ihr Leben zerstört hat. Drinnen versucht Direktor Prof. Dr. Klaus Schröder mit den Argumenten eines Kunstexperten die Schau zu rechtfertigen. Eine emotionale Diskussion entbrennt, dreht sich aber bald im Kreis. Die Opfer, die von Otto Muehl in der Kommune missbraucht wurden, bleiben zutiefst verletzt auf der Strecke. Bis 10. Jänner 2027 sind unter dem Titel „Kunst am Abgrund“ dessen Werke zugänglich. Es wirbt nicht gerade für Verständnis, doch ein eigenes Kapitel widmet sich der Gründung der Kommune, die auf unrühmliche Weise Eingang in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gefunden hat. Es erzählt von deren Gründung, ihrer Entwicklung am Friedrichshof und vor allem ihren gesellschaftlichen und sozialtheoretischen Hintergründen. Nicht verschwiegen wird das Scheitern des Projekts. Otto Muehl wurde rechtskräftig zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt; unter anderem wegen Unzucht mit Unmündigen, Beischlaf mit Unmündigen und Vergewaltigung eines vierzehnjährigen Mädchen (Quelle: Stenographisches Protokoll des Bundesrates der 636. Sitzung). Ein Zeitungsartikel des Standard (4. April 2026), verfasst von vier damals bereits erwachsenen Mitgliedern der „Mühl-Sekte“, stellt, wie sie schreiben, unmissverständlich fest, das seine Kunst nicht harmlos ist, vielmehr dessen Propaganda fortschreibt.
Warum wurde also nicht von der Ausstellung Abstand genommen? Eine Antwort darauf versuchen deren weitere sechs Kapitel zu geben. Direktor Schröder ist gleichzeitig Gestalter und hat sich auf Muehls künstlerische Entwicklung von den frühen 1960er-Jahren bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1990 konzentriert. Er betont dessen Radikalität in aktionistischer Malerei und die Destruktion des Tafelbildes. Gezeigt werden Beispiele von Aktionen aus der Kernzeit des Wiener Aktionismus, der, so Schröder, von allen international geübten Richtungen am weitesten gegangen sei.
Hermann Nitsch, Blutbild, 1963 Blut, Kasel auf Jute © kunstdokumentationen HERMANN NITSCH 1960 bis 1965 Zeit der Grundlagen des späteren Werks
Die „Blutorgel“ war der Startschuss für den Wiener Aktionismus, ist Direktor Klaus Albrecht Schröder überzeugt. 1962 hatten sich Adolf Frohner, Otto Muehl und Hermann Nitsch in Muehls Kelleratelier „einkerkern“ lassen. Nach drei Tagen präsentierten sie ein Manifest, als Gründungsurkunde einer Art der Kunstausübung, die sich nach anfänglich heftiger Ablehnung und harten Konflikten mit den Behörden als „Wiener Aktionismus“ die ihm zustehende Anerkennung erkämpft hat. Die künstlerischen Wege der drei Gründungsväter haben sich bald danach wieder getrennt, geblieben ist der Nimbus des Unerhörten, der wilden Performance und des Paradoxons, dass das Abstoßende gewaltige Anziehungskraft sowohl auf dessen Kritiker als auch auf begeisterte Anhänger ausübte.
Hermann Nitsch (1938-2022) hatte 1957 eine Stelle als Gebrauchsgrafiker am Technischen Museum Wien angenommen. Im dortigen Atelier entstanden kleinformatige Arbeiten auf Holzfaserplatten und älteren Bildträgern in Form von ersten Rinn- und Wachsbildern im Sinn des Informel. Zur weiteren Entwicklung erklärt Klaus Albrecht Schröder: „Um 1960 eröffnet sich Nitsch ein Weg zur Verwirklichung seines eigenen Anspruchs: Durch den Malprozess sollen physische und psychische Extremerfahrungen durchlebt, verdrängte Impulse freigelegt und überwunden werden, um so zu einer gesteigerten Daseinserfahrung zu gelangen. Nitsch beschüttet und bespritzt Leinwände und nennt die Arbeiten „Schüttbilder“. Er lässt Farbe vertikal über die Leinwand herab rinnen und bezeichnet seine Resultate als ‚Rinnbilder‘. Ende 1960 gibt es die erste Malaktion.
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