Kultur und Wein

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Ausstellungsansicht, Otto Muehl. Kunst am Abgrund Foto: WIENER AKTIONISMUS MUSEUM © Bildrecht, Wien

Ausstellungsansicht, Otto Muehl. Kunst am Abgrund Foto: WIENER AKTIONISMUS MUSEUM © Bildrecht, Wien 2026

KUNST AM ABGRUND Otto Muehl und sein frühes Werk

Der Ziegenbock, Symbol des Triebes, 1985

Der Ziegenbock, Symbol des Triebes, 1985

Eine verletzende Hommage für einen Sexualstraftäter

Vor dem WAM (Wiener Aktionismus Museum) protestieren Menschen gegen eine Ausstellung, die demjenigen Mann gewidmet ist, der ihr Leben zerstört hat. Drinnen versucht Direktor Prof. Dr. Klaus Schröder mit den Argumenten eines Kunstexperten die Schau zu rechtfertigen. Eine emotionale Diskussion entbrennt, dreht sich aber bald im Kreis. Die Opfer, die von Otto Muehl in der Kommune missbraucht wurden, bleiben zutiefst verletzt auf der Strecke. Bis 10. Jänner 2027 sind unter dem Titel „Kunst am Abgrund“ dessen Werke zugänglich. Es wirbt nicht gerade für Verständnis, doch ein eigenes Kapitel widmet sich der Gründung der Kommune, die auf unrühmliche Weise Eingang in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gefunden hat. Es erzählt von deren Gründung, ihrer Entwicklung am Friedrichshof und vor allem ihren gesellschaftlichen und sozialtheoretischen Hintergründen. Nicht verschwiegen wird das Scheitern des Projekts. Otto Muehl wurde rechtskräftig zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt; unter anderem wegen Unzucht mit Unmündigen, Beischlaf mit Unmündigen und Vergewaltigung eines vierzehnjährigen Mädchen (Quelle: Stenographisches Protokoll des Bundesrates der 636. Sitzung). Ein Zeitungsartikel des Standard (4. April 2026), verfasst von vier damals bereits erwachsenen Mitgliedern der „Mühl-Sekte“, stellt, wie sie schreiben, unmissverständlich fest, das seine Kunst nicht harmlos ist, vielmehr dessen Propaganda fortschreibt.

Materialaktion Nr. 1: Versumpfung eines weiblichen Körpers – Versumpfung einer Venus, 1963 Wohnung

Materialaktion Nr. 1: Versumpfung eines weiblichen Körpers – Versumpfung einer Venus, 1963 Wohnung Muehl, Obere Augartenstraße 14a/20, 1020 Wien, mit: „Babsi“, Foto: Ludwig Hoffenreich Sammlung WIENER AKTIONISMUS MUSEUM Foto: WIENER AKTIONISMUS MUSEUM / Manuel Carreon Lopez, © Bildrecht, Wien 2026

Das Ohr - Waschschüssel - Hinrichtung, Jänner 1966 Materialaktion Nr. 25 Farbfotografie

Das Ohr - Waschschüssel - Hinrichtung, Jänner 1966 Materialaktion Nr. 25 Sammlung WIENER AKTIONISMUS MUSEUM Foto: WIENER AKTIONISMUS MUSEUM / Simon Veres © Bildrecht, Wien 2026

Warum wurde also nicht von der Ausstellung Abstand genommen? Eine Antwort darauf versuchen deren weitere sechs Kapitel zu geben. Direktor Schröder ist gleichzeitig Gestalter und hat sich auf Muehls künstlerische Entwicklung von den frühen 1960er-Jahren bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1990 konzentriert. Er betont dessen Radikalität in aktionistischer Malerei und die Destruktion des Tafelbildes. Gezeigt werden Beispiele von Aktionen aus der Kernzeit des Wiener Aktionismus, der, so Schröder, von allen international geübten Richtungen am weitesten gegangen sei.

Es folgen die von der Maltechnik und ihrer Wirkung auf die Betrachtenden gänzlich anders gelagerten Politikerporträts von Ho Chi Minh, Konrad Adenauer oder Mao Tse-tung. Dazu kommen Beispiele plastischer Arbeiten wie der Ziegenbock. Das mit Ton karg überzogene Metallgestell auf rostigen Eisenplatten als Standflächen soll das Gegenbild zur traditionellen Bildhauerei darstellen und wird doch – ob gewollt oder nicht – zur Metapher für die Persönlichkeit des Künstlers. Eingehende Informationen auf Wandtexten begleiten die, so Schröder, sorgsam ausgewählten Werke. Er versichert auch, dass bewusst Arbeiten, auf denen Opfer erkennbar sind, weggelassen wurden. Seine Antwort auf die Frage, warum es diese Ausstellung gibt: Muehls Kunst sei komplexer, widersprüchlicher und letztlich scharfsinniger als seine Gesellschaftsutopie. Während diese an ihrem Anspruch scheitert, den Menschen verändern zu können, hielte seine Kunst an den Widersprüchen des Menschen fest.

Otto Muehl (1925 – 2013) Moshe Dajan, 1967 Siebdruck 58,5 x 40,5 cm Sammlung WAM

Otto Muehl, Moshe Dajan, 1967, Sammlung WIENER AKTIONISMUS MUSEUM Foto: WIENER AKTIONISMUS MUSEUM / Manuel Carreon Lopez © Bildrecht, Wien 2026

Hermann Nitsch, Blutbild, 1963 © kunstdokumentationen

Hermann Nitsch, Blutbild, 1963 Blut, Kasel auf Jute © kunstdokumentationen

HERMANN NITSCH 1960 bis 1965

Zeit der Grundlagen des späteren Werks

Hermann Nitsch, Reliktmontage, 2007 © Simon Veres

Hermann Nitsch, Reliktmontage, 2007 © Simon Veres

Frühe, noch nie gezeigte Schütt- und Rinnbilder, Malaktionen und Reliktmontagen

Die „Blutorgel“ war der Startschuss für den Wiener Aktionismus, ist Direktor Klaus Albrecht Schröder überzeugt. 1962 hatten sich Adolf Frohner, Otto Muehl und Hermann Nitsch in Muehls Kelleratelier „einkerkern“ lassen. Nach drei Tagen präsentierten sie ein Manifest, als Gründungsurkunde einer Art der Kunstausübung, die sich nach anfänglich heftiger Ablehnung und harten Konflikten mit den Behörden als „Wiener Aktionismus“ die ihm zustehende Anerkennung erkämpft hat. Die künstlerischen Wege der drei Gründungsväter haben sich bald danach wieder getrennt, geblieben ist der Nimbus des Unerhörten, der wilden Performance und des Paradoxons, dass das Abstoßende gewaltige Anziehungskraft sowohl auf dessen Kritiker als auch auf begeisterte Anhänger ausübte.

Hermann Nitsch, 1969 bis 1965, Ausstellungsansicht © Wiener Aktionismus Museum

o.: Hermann Nitsch, 1969 bis 1965, Ausstellungsansicht © Wiener Aktionismus Museum

r.: Hermann Nitsch, Ludwig Hoffenreich, 3. Aktion, 1963 © kunstdokumentationen

Hermann Nitsch, Ludwig Hoffenreich, 3. Aktion, 1963 © kunstdokumentationen

Hermann Nitsch (1938-2022) hatte 1957 eine Stelle als Gebrauchsgrafiker am Technischen Museum Wien angenommen. Im dortigen Atelier entstanden kleinformatige Arbeiten auf Holzfaserplatten und älteren Bildträgern in Form von ersten Rinn- und Wachsbildern im Sinn des Informel. Zur weiteren Entwicklung erklärt Klaus Albrecht Schröder: „Um 1960 eröffnet sich Nitsch ein Weg zur Verwirklichung seines eigenen Anspruchs: Durch den Malprozess sollen physische und psychische Extremerfahrungen durchlebt, verdrängte Impulse freigelegt und überwunden werden, um so zu einer gesteigerten Daseinserfahrung zu gelangen. Nitsch beschüttet und bespritzt Leinwände und nennt die Arbeiten „Schüttbilder“. Er lässt Farbe vertikal über die Leinwand herab rinnen und bezeichnet seine Resultate als ‚Rinnbilder‘. Ende 1960 gibt es die erste Malaktion.

Farbe wird geschüttet, gespritzt und mit dem ganzen Körper auf die Bildfläche gebracht. Noch ist man an Vorbilder wie das Action Painting erinnert, das den Malvorgang zum eigentlichen Kunstgeschehen erhebt. Doch begleitend dabei waren bereits rituelle Handlungen wie die Kreuzigung eines geschlachteten Lammes als Symbol des Opfers, das viele Jahre später in das Zentrum seines Gesamtkunstwerks, dem „Orgien Mysterien Theater“ rückt. Das dritte Thema sind die Reliktmontagen, in denen Taschentücher, Pflaster und Menstruationsbinden auf grobes Leinen appliziert werden. Wieder ist der Kern der Aussage die Verletzlichkeit des Menschen, verbunden mit christlicher Symbolik, die schon damals in barocken Kaseln ihren Ausdruck fanden. So besehen sind die fünf Jahre, die hier beleuchtet werden, die Ouvertüre eines Lebenswerks, das Hermann Nitsch als einen der bedeutendsten Künstler Österreichs in die internationale Kunstgeschichte eingehen ließ.

Hermann Nitsch, Ohne Titel, 1963, Sammlung Jaegers © Foto: Manfred Thumberger

Hermann Nitsch, Ohne Titel, 1963, Sammlung Jaegers © Foto: Manfred Thumberger

WAM Lögo 300