Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Auch für Nichtschwimmer, Ausstellungsansicht

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AUCH FÜR NICHTSCHWIMMER Vom Tröpferlbad zur Bäderhauptstadt

Amalienbad © Wien Museum Inv.-Nr. 238149/55

Amalienbad © Wien Museum Inv.-Nr. 238149/55

100 Jahre Amalienbad als Anlass für ein paar informative Längen durch das Badegeschehen im Roten Wien

Mit dem Waschsalon im Karl Marx Hof wurde den Bewohnern schon in den 1920er-Jahren Gelegenheit zu gründlicher Sauberkeit geboten. Seit etlichen Jahren betreiben in den ehemaligen der Hygiene dienenden „Nassräumen“ Lilli Bauer und Werner T. Bauer ein Museum mit dem Schwerpunkt „Geschichte des Roten Wien“. Als Thema für eine Sonderausstellung bot sich heuer das Jubiläum „100 Jahre Amalienbad“ und im Zuge dessen eine Aufarbeitung des städtischen Bäderwesen in der Ersten Republik, in der sich bis zu deren Verbot im Ständestaat die Sozialistische Partei in Wien einer absoluten Mehrheit erfreute und den bis heute positiv nachklingenden Ruf eines „Roten Wien“ begründete.

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  Strombad Kuchelau, Herrenabteilung © MA 44

Strombad Kuchelau, Herrenabteilung © MA 44

Die Runde durch eine lesefreundlich aufgearbeitete Geschichte an reich illustrierten Wänden führt zuerst außen herum, wo die Entwicklung des städtischen Bäderwesens erzählt wird. So ist zu erfahren, dass 1887 das erste „Tröpferlbad“ eröffnet wurde. Gemeint waren damit Reihen von Duschen, die jedoch bald durch Einzelkabinen ergänzt wurden. Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden 18 weitere Volksbäder und später in vielen der neuen Wohnhausanlagen Gemeinschaftsbäder. Den Menschen ging es jedoch nicht nur um Reinlichkeit. Auch die Proletarier wollten sich im Wasser vergnügen. Anfangs waren es die Strombäder, die der weniger begüterten Arbeiterschaft das Plantschen ermöglichten. Dazu wurden zu beiden Seiten des Donaukanals und im Kuchelauer Hafen Becken angelegt. Entsprechende bauliche Maßnahmen sorgten dafür, dass die Badenden vor den im Kanal treibenden Fäkalien bewahrt wurden. Filme aus dieser Zeit zeigen das fröhliche Treiben in den doch einigermaßen beengten Anlagen. Es folgten die Strand- und Sommerbäder wie das Gänsehäufel, das vom Naturheilkundler Florian Berndl gegründet und zum größten Freibad des Kontinents ausgebaut wurde. Nach Unregelmäßigkeiten des Betreibers wurde es von der Stadt übernommen und ist Teil einer beachtlichen Zahl von Möglichkeiten, die den Wienern an heißen Sommertagen Abkühlung bieten.

Amalienbad, Schwimmhalle © MA 44

Amalienbad, Schwimmhalle © MA 44

Auch für Nichtschwimmer, Ausstellungsansicht

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Das erste „Luxusbad der Arbeiterschaft“ entstand in Favoriten. Am 8. Juli 1926 wurde von Bürgermeister Karl Seitz das Amalienbad eröffnet. Benannt ist es nach der Favoritner Gemeinderätin Amalie Pölzer und war damals die größte und modernste Badeanlage Wiens; ein Hallenbad, das, so Seitz, Körperkultur in die breitesten Massen des Volkes dringen lassen sollte. Gedacht war an alles. Neben zwei Dampfbädern und einer Heil- und Kurabteilung war die überglaste Schwimmhalle für Sportveranstaltungen konzipiert, bei denen auf Tribünen die Wettkämpfe verfolgt werden konnten.

Noch im selben Jahr wurde der „obligatorische Schwimmunterricht für die Wiener Schuljugend“ beschlossen, mit dem Argument, dass dadurch „eine größere Widerstandskraft gegen bacilläre Infektionen der Atmungsorgane“ einhergehe. An Kritik seitens der Konservativen wurde nicht gespart. Moniert wurden die exorbitanten Kosten, der Standort eines Prachtbaus in avantgardistischer Architektur inmitten eines Arbeiterbezirkes sei eine Provokation oder wie die christlichsoziale Reichspost schrieb: „Auch Proletarier brauchen Bäder. Also baute man ihnen einen kostspieligen Badepalast, in dem sie sich gar nicht heimisch fühlen.“ Sogar Redakteure können sich irren. Das Amalienbad wurde gestürmt und durfte schon im Jahr darauf den einmillionsten Badegast begrüßen. Es galt als „mitteleuropäische Sehenswürdigkeit“, die von internationalen Fachleuten besucht wurde und auch nach kriegsbedingten Beschädigungen und Umbauten bis heute als Leistungsbeweis für die umsichtige Politik einer damals im eigentlichen Sinn des Wortes „sozialistischen Partei“ angesehen werden darf.

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