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Szenenfoto aus Tristan und Isolde

TRISTAN und der HOLLÄNDER Das Wunder von Mikulov

Szenenfoto aus "Der fliegende Holländer" © Gesine Görlich-Fletzberger

Fotos zu diesem Artikel © Gesine Görlich-Fletzberger
 

Zwei respektable Wagnerpremieren trotz ätzender Widrigkeiten

Das Amfiteátr in der südtschechischen Stadt Mikulov ist alles andere als eine Opernbühne. In der lieblosen Betonarchitektur lässt der Ostblock grüßen, draußen meinen junge Leute, in ihrem Kaffeehaus jenseits eines ebenfalls nicht unlauten Spielplatzes partout Disco veranstalten zu müssen, während auf der anderen Seite die Streicher zartes Pianissimo zelebrieren und Sänger gegen eine nicht vorhandene Akustik der Freiluftarena ankämpfen. Dazu kommt ein Wettergott, der es nicht immer gut gemeint und heftige Gewitter geschickt hat, die nicht nur jeden Musiker samt Instrument ins Trockene flüchten ließen, sondern auch die hölzernen Sitzbänke gründlich tränkten. Trotzdem ist der Traum des Intendanten in Erfüllung gegangen. Peter Svensson hat seine Weinviertler Festspiele durchgezogen. Das Publikum wurde mit zwei Werken von Richard Wagner belohnt, das von diesem Wunder bestimmt anderen Wagnerianern und allgemeinen Opernfreunden berichten wird, wodurch sich im nächsten Jahr die heuer noch etwas schütter besetzten Reihen im Rund der Arena wohl füllen werden.

Tomasz Konieczny (Holländer) © Gesine Görlich-Fletzberger

Auf dem Programm standen „Der fliegende Holländer“ und „Tristan und Isolde“. Bei einem Holländer wie Tomasz Konieczny vergisst man gern alle die Einbußen, die Wagner outdoor zwangsläufig erleiden muss. Die Mächtigkeit seines Bassbaritons erfüllte den Schauplatz mit all der Verzweiflung und der Todessehnsucht dieses von einem Fluch durch die Meere dieser Welt getriebenen Kapitäns. Jedes Wort war klar zu verstehen und auch ohne emotionale Gestik wurden die von Hoffnung erweckten Gefühle Senta gegenüber vermittelt. Dass Anna Gabler als die vom Seefahrer Daland (Franz Hawlata als humoriger Vater) verhökerte Tochter von solch stimmlicher Übermacht hingerissen ist, macht ihren leisen, doch ergreifenden Freitod begreiflich.

Da hat Erik, der biedere Jäger (Michael Heim), natürlich keine Chance. Sentas Amme (Marisa Altmann-Althausen) blieb eher im Hintergrund, ebenso wie der etwas irritiert wirkende Weinviertler Festspielchor. Positiv aufgefallen ist hingegen Aleš Briscein als Steuermann, dessen Tenor das Tosen der Meereswogen strahlend übertönte. Am Pult stand Levente Török, der mit dem Philharmonischen Orchesters Györ die passende Klangkulisse zu den beeindruckenden Projektionen (Regie: Isao Takashima) beisteuerte.

Anna Gabler  (Senta) © Gesine Görlich-Fletzberger

Peter Svensson hat es sich nicht nehmen lassen, bei der Premiere von „Tristan und Isolde“ die Titelpartie zu singen. Die Regie von Edmund Emge, die ebenfalls auf Projektionen mit Andeutungen der einzelnen Schauplätze (was anders wäre auf der kahlen Bühne kaum möglich) setzt, kann nicht verhindern, dass man dieser Oper als gerade nicht erklärter Wagnerfan die Länge anmerkt.

Zwischen der traumhaften Ouvertüre, die mit dem Orchester der Weinviertler Festspiele unter Matthias Fletzberger in jeder Phrase die Idealisierung der Liebe deutlich macht und ans Herz greift, und der überirdisch schönen Verklärung Isoldes, dem „Liebestod“, mit dem süß schmerzlichen Oboensolo vor den letzten Takten war man den ausführlichen Verhandlungen eines enttäuschten König Marke (Günther Groissböck), eines aggressiven Melot (Thomas Markus), des ruppigen Kurvenal (Thomas Johannes Mayer), einer listigen Brangäne (Hermine May) und des Liebespaares ausgeliefert. Martina Serafin als Isolde und der ihr durch Zaubertrank hilflos verfallene Tristan verstanden es dennoch mit Ausdruck und Kraft ihrer Stimmen, das Publikum über gut dreieinhalb Stunden bei der Stange zu halten. Um der Gerechtigkeit ihren Raum zu lassen: Wagners Musik bietet auch in dieser Oper mit jedem Takt genug Stoff zum Hinhören, auch wenn der Text nicht immer ganz verständlich ist und sich irgendwann die Härte der Bänke durch den Sitzpolster schmerzlich bemerkbar macht.

Peter Svensson (Tristan) © Gesinde Görlich-Fletzberger

Thomas Konieczny, Nadine Weissmann mit Wache Wala! © Prettypictures Buchacher

WEINVIERTLER FESTSPIELE Operngenuss ohne Grenzen

Intendant Peter Svenson als Siegfried am Amboss © Gesine Görlich-Fletzberger

„Not Only Wagner“ als gefeierte Benefiz-Eröffnungsgala

Opernsänger Peter Svensson hat Mut, ein wahrer Jung Siegfried, der nicht nur Nothung wieder mit wuchtigen Schlägen zusammen zu schmieden versteht. In Zeiten wie diesen wagt er den Start eines Open-Air-Festivals, das sich keinem Geringeren als Richard Wagner widmet. Die Spielorte sind Poysdorf und Mikulov/Nikolsburg. Am So., 2. August 2020, wurde mit „Not Only Wagner“ erfolgreich ein Versuchsballon gestartet. Stars der Oper wie die Herren Kurt Riedl, Peter Edelmann oder Thomas Weinhappel und die Damen Daniela Fally, Nadine Weissmann oder Andrea van der Smissen gaben Kostproben aus populären Opern, stets bedroht von dunklen, regenschweren Wolken, die eine Verlegung der Pause nach vorne erzwangen, der Stimmung aber keinerlei Abbruch antun konnten.

 

Das Amfiteatr Mikulov ist also von den räumlichen Gegebenheiten geeignet für große Wagner-Besetzung. Noch im August werden dort „Tristan und Isolde“ und „Der fliegende Holländer“ in voller Klangpracht zu erleben sein.

Daniela Fally mit "Glitter and be gay" von Bernstein © Prettypictures Buchacher

Die Besetzung der Sängerriege ist beachtlich. So sind beim Tristan u.a. Martina Serafin, Magdalena Anna Hofmann, Günther Groissböck, Daniel Kirch, Thomas Johannes Mayer, René Pape, Peter Svensson) unter der Musikalischen Leitung von Matthias Fletzberger am Werk. Der Holländer bietet Solisten wie Anna Gabler, Csilla Boros, Tomasz Konieczny, Franz Halata, Michael Heim und dem jungen aufstrebenden Dirigenten Levente Törek.

 

Mit „Sigi´s Abenteuern“ wird „Der Ring des Nibelungen“ für Kinder und, kein Erwachsener braucht sich dafür zu genieren, für Opernanfänger aufbereitet. Dass dort weniger Musiker Platz haben, ist für Svensson kein Problem. Mit geschickten Arrangements ließe sich auch diese Opernmusik adäquat von einem kleinen Instrumentalistenensemble umsetzen, ohne ihre Wirkung zu verlieren.

Es ist Teil dieses von Idealismus und nicht zuletzt der Energie der rührigen Präsidentin Eva Walderdorff getragenen Festivals, den einzigen Open-Air-Sommerfestspielen weltweit, die sich zur Gänze dem Werk Richard Wagners widmen. Wenngleich das Motto „grenzenlos“ gilt, so ist doch für Besucher aus Österreich für Mikulov ein Reisepass erforderlich. Von Drasenhofen sind es jedoch nur fünf Kilometer in die malerische Stadt und von Wien dank der A5 eine Autofahrt von 45 Minuten.

Bildbeschreibung unter dem Foto

Thomas Weinhappel, Thomas Johannes Mayer, Eva Walderdorff, Peter Svensson, Daniela Fally, Matthias Fletzberger © prettypictures Buchahcer

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