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Auf dem Rücken der Kamele, Ausstellungsansicht

Auf dem Rücken der Kamele, Ausstellungsansicht

AUF DEM RÜCKEN DER KAMELE Von Nordamerika aus in die Welt

Auf dem Rücken der Kamele, Ausstellungsansicht

Auf dem Rücken der Kamele, Ausstellungsansicht

Ob mit oder ohne Höcker, die Kameliden sind Träger der Zivilisation

Es gehört Mut dazu, einem Dromedar gegenüberzutreten. Mit überheblichem Blick schaut es von oben herab, jederzeit zum schmerzhaften Biss oder zum verhängnisvollen Tritt mit einem Hinterbein bereit, und es ist keinesfalls gewillt, sich Leute oder Lasten freiwillig aufladen zu lassen. Dass es trotzdem über Jahrtausende das beliebteste Trag- und Reittier im Orient war, hat es seiner Ausdauer und legendären Genügsamkeit zu verdanken. Das Wenige, das es frisst, wird in seinem Verdauungstrakt vollkommen verwertet, und dazu trägt es einen mächtigen Wasserspeicher auf dem Rücken, der ihm das Durchqueren von endlosen Wüsten ermöglicht. Ohne das Kamel wäre die Menschheit kaum in der Lage gewesen, sich auch in unwirtlichen Gefilden auszubreiten und nicht zuletzt große Reiche zu erobern und zu verwalten.

Alessandro Cinque, Alina – Alpaqueros 2021 © Alessandro Cinque

Alessandro Cinque, Alina – Alpaqueros 2021 © Alessandro Cinque

Taus Machacheva, Super Taus and a Camel Yasha, 2017, Foto: Imam Guseinov

Taus Machacheva, Super Taus and a Camel Yasha, 2017, Foto: Imam Guseinov Dank an Dzhamilya Dagirova, Naida Omarova In Auftrag gegeben von R&D Magazine

Es sind die Kameliden, wie sie im Fachausdruck zusammengefasst werden, die mit ihrer Domestizierung zu einem der wichtigsten Gefährten des Menschen geworden sind. Ihnen ist unter dem Titel „Auf dem Rücken der Kamele“ (bis 26. Jänner 2025) im Weltmuseum Wien und im Theseustempel die große Jahresausstellung gewidmet. Erstaunliches ist gleich zu Beginn zu erfahren: Sie stammen aus Nordamerika, aus Kanada. Die noch kleinen Tiere legten weite Wege zurück, über Landbrücken im Norden und Süden und gelangten so nach Asien und nach Südamerika. Je nach Erdteil entwickelten sie gänzlich verschiedene Erscheinungsformen. In der Alten Welt wurden daraus wahre Riesen wie Trampeltier und Dromedar. In den Anden wiederum waren es Lama und Alpaka, die als handlichere Ausgaben den Ureinwohnern in vielerlei Weise dienten. In etlichen Themenkreisen nähert sich die Ausstellung dem Phänomen Kamel, immer mit dem Blick auf die eng verflochtene Beziehung zwischen Tier und Mensch.

Melkmaschine für Kamele

Moderne Melkmaschine für Kamele

Josh Gluckstein, Rhia, Recycelte Stoffe

Josh Gluckstein, Rhia, Recycelte Stoffe

Von der dankbaren Rückschau „Alte Gefährten“ geht es um „universelle Nutztiere“, dem ein Fragezeichen nachgesetzt ist. Die Antwort sind filmische Arbeiten von Walter Dostal und Ibrahim Shaddad neben Objekten aus den Sammlungen des Hauses und heißt klar „Ja!“. In „Kamelkulturen“ wird ein weiter Bogen vom Tinka de Alpaca in Peru über das Bikaner Festival in Indien zu den Kamelrennen in der arabischen Welt gespannt. Auf eine militärische Episode verweist das Skelett eines Kamels, das in Tulln(!) gefunden wurde. 1783 standen die Türken vor Wien und hatten den Goldenen Apfel beinahe schon gepflückt, bevor sie doch zurückgeschlagen werden konnten. China wiederum verschob seine Grenzen erfolgreich mithilfe der Kamele nach Westen, was eine Serie von Kupferstichen aus dem 18. Jahrhundert anschaulich macht.

Vom „Kolonialismus“ waren vor allem deren südamerikanische Vertreter betroffen, als vor allem die wilden Guanakos von den Spaniern zugunsten europäischer Haustiere nahezu ausgerottet wurden. Immer wieder sind es Kunstwerke, die in die Schau eingebaut wurden und diese weiterführen. In „Sehnsuchtsorte“ sind es Bilder des Orientalisten Heinrich Müller, aber auch Holzdrucke und Zeichnungen aus Japan und China, neben zeitgenössischen Positionen, die als kritische Stimmen für spannende Kommentare sorgen. So dokumentiert in „Nutztier der Zukunft“ die Fotoserie von Alessandro Cinque den Versuch, aus Alpakas und wildlebenden Vikunjas wirtschaftliche Tiere zu züchten, gleichzeitig aber auch die dadurch entstehende Not der herkömmlichen Halter von Alpakas. Dass die allseits bescheidenen Kamele das Zeug zu Rettern des Planeten in sich haben, macht sie zu Hoffnungsträgern, sowohl als ökologisch optimale Lieferanten von Produkten wie Milch, Wolle und Fleisch, als auch aufgrund ihres einmaligen Immunsystems in der Biotechnologie. Es lohnt sich also, „Auf dem Rücken der Kamele“ im Zuge dieser Reise im Weltmuseum Wien eines der interessantesten Tiere näher kennenzulernen.

Mohamed Arejdal, Anatomy of a Traveler, 2019

Mohamed Arejdal, Anatomy of a Traveler, 2019

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