Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausschnitt aus dem Fries Gemma Gemma von Oskar Laske

GEMMA GEMMA in die Zukunft eines neuen Museums

Rendering Wien Museum Neu, September 2018  © CWR ARCHITEKTEN

Ein buntes Sammelsurium aus ausstellungswürdigen Objekten als Abschluss einer Ära

Brav stellen sich die Tiere paarweise vor der Arche Noahs an, als ob sie wüssten, dass es nur dort drinnen ein Überleben gibt. Es gibt keine Feindseligkeiten zwischen Fuchs und Hase, stolzem Löwen und tollpatschigem Flusspferd oder all den zänkischen Vögeln, die alle offenbar die Gefahr der Sintflut spüren und deswegen für die Zeit der großen Überschwemmung einen Burgfrieden geschlossen haben. Wie groß ist die Freude, wenn sie nach 40 intensiven Regentagen wieder aus dem hochseetüchtigen Interimsstall entlassen werden und die Hänge des Berges Ararat hinunter springen und fliegen dürfen. Oskar Laske, Architekt und Maler, hat die biblischen Geschehnisse auf einem Fries von 80 Metern Länge festgehalten. Seine Rezipienten waren Kinder, so ist auch alles anschaulich und bilderbuchartig dargestellt. Breite, aneinander gereihte Einzelbilder schmückten ab 1918 vier Räume des Rodauner Kriegswaisenheimes.

Julius Tandler, Arzt und Gesundheitsstadtrat, 1930  Herbert Böckl © Wien Museum

1943 wurde es aufgrund von Umbauarbeiten abgenommen. Es wurde dem Historischen Museum der Stadt Wien samt Laskes originalen Hängeplänen übergeben und ist erstmals in einer großen Auswahl zu sehen. Etliches wurde bereits renoviert und gesichert. Was üblicherweise in Werkstätten abseits der Öffentlichkeit passiert, wird in den kommenden Wochen zu einem Anziehungspunkt für wissenschaftlich Interessierte. Sie können an Ort und Stelle Restauratoren bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen, wenn diese an den Tafeln Reinigungs- und Festigungsarbeiten durchführen.

BMW-Zentrale in München, 1973  Karl Schwanzer Foto: Sigrid Neubert © Wien Museum

Der Titel des Frieses „Gemma, gemma“ ist gleichzeitig Programm für das 1959 eröffnete Wien Museum am Karlsplatz, das die Fährnisse einer längeren Schließzeit unbeschadet überstehen muss. Es war hoch an der Zeit, das von Oswald Haerdtl geplante Gebäude für die Zukunft fit zu machen. Geplant ist mehr Platz für Ausstellungen. Es soll adäquate Flächen für Vermittlung und Schulklassen geben, dazu funktionale Räume für Veranstaltungen und (nicht unwichtig) ansprechende Kulinarik.

Kurz gesagt, das Wien Museum neu soll ein Zentrum der Stadt und ein attraktives Angebot für unterschiedlichste Zielgruppen werden, würdig einer Kulturmetropole, deren Museum über eine stattliche Anzahl von hochkarätigen Sammlungen verfügt, und nicht zuletzt, um im ästhetischen Sinn dem barocken Sakralbau daneben die östliche Seite des Karlsplatzes aufzuwerten. Die Ehre der Erneuerung fällt Direktor Dr. Matti Bunzl zu, der mit großem persönlichen Einsatz an die Erneuerung herangeht. Er wird bis 3. Februar 2019 jeden Freitag von 15 bis 17 Uhr vor Ort sein und in einer „öffentlichen Sprechstunde“ Wünsche und Anregungen von Besuchern entgegennehmen.

 

Neben dem Fries verabschiedet sich das Museum in die Umbauphase mit Fotos (Sigrid Neubert) von drei Bauten von Karl Schwanzer, dessen Archiv im Mai 2018 mit tausenden Zeichnungen, Plänen, Filmen, Büchern, Möbelstücken und Modellen übernommen wurde. Der Verein der Freunde des Wien Museums zeigt ganz nach dem Motto „tue Gutes und sprich darüber“ Ankäufe von 1987 bis 2018. Zu sehen sind Gemälde, wertvolle Kupferstiche, Pressefotografie, Uhren und Modeartikel. Den 100 Jahren unserer  Republik (wenn auch mit kurzen Unterbrechungen) haben der Chef persönlich und Gerhard Milchram mit einem Gang durch die Jahrzehnte Referenz erwiesen.

Aus jeder der Dekaden wurde ein charakteristischer Gegenstand ausgewählt, um Geschichte daran aufzuhängen. Dazu zählt unter anderem auch der Tennisschläger des letzten mit absoluter Mehrheit regierenden Bundeskanzlers Bruno Kreisky um 1975 und das Kleid, das Conchita Wurst 2014 am Life Ball getragen hat. Es sind durchwegs museale Versatzstücke eines ständigen Wandels: Aus zwei wurden drei Großparteien und aus der bärtigen Sängerin ist ganz unprätentiös wieder ein Mann geworden.

Tennisschläger „Spear Head“ aus dem Besitz von Bruno Kreisky, um 1975  © Wien Museum

Sozialdemokratischer Wahlaufruf für die erste Parlamentswahl der Republik, 1919  © ÖNB, Bildarchiv

DIE ERKÄMPFTE REPUBLIK in frühen Pressefotos

Aufmarsch der Arbeiterräte vor dem Parlament, 12. November 1919  Foto: Richard Hauffe © Wien Museum

Als aus der Jahrhunderte gewohnten Welt eine vollkommen andere wurde

Die Begeisterung, mit der man vier Jahre zuvor in den Krieg gezogen war, war gründlich erloschen. Tausende Tote und Verwundete, nichts mehr zum Fressen und zum Heizen und keine Aussicht auf Verbesserung der Lage. Gerade in diesem absoluten Tiefpunkt, in den das Land, das zuvor als stolze Monarchie halb Europa ausgemacht hatte und nun zu einem kargen Rest zwischen Boden- und Neusiedlersee geschrumpft war, wurden die Weichen für eine wenige Monate zuvor noch undenkbare Zukunft gestellt. Österreich wurde 1918 bereits kurz nach Kriegsende zu einer Republik. Der Kaiser, dessen Haus seit fast 800 Jahren regiert hatte, hatte den Thronverzicht geleistet. 1917 wurde ihm noch wie selbstverständlich zugejubelt, jetzt war er eine Persona non grata, den sein eigenes Volk in das Exil schickte. Zum Glück ergriffen besonnene Männer das Ruder und steuerten das schlingernde Schifflein durch die raue politische See, die in diesen Tagen von wilden Straßenkämpfen hochgepeitscht war.

Wahlkampf für die erste Parlamentswahl der Republik  © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Alles hätte ganz anders ausgehen können. Statt der demokratisch gesinnten Volkswehr hätte eine Rote Garde dreinschlagen können, um eine Räterepublik abzusichern, was das Elend wohl nur verlängert hätte. So aber bildete sich eine republikanische Regierung, die im Februar 1919 demokratisch durch eine Wahl legitimiert wurde. Erstmals hatten auch Frauen das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, auch aktiv und erfolgreich in der Politik mitzureden. Seit damals war die Straße zur Bühne geworden, auf der sich ab nun erbitterte Wahlkämpfe abspielten, zu denen Alfred Polgar 1920 schrieb: „An Häusermauern, an Hütte, Pissoir, Palast entfaltet sich das Bilderbuch der Wahlplakate.“ Kurz gesagt, Österreich war zu dem geworden, wie wir es heute kennen.

Wiener Kinder, die zur Erholung nach Schweden fahren © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Mit der Ausstellung „Die erkämpfte Republik 1918/19 in Fotografien“ (bis 3. Februar 2019) zeigt das Wien Museum den von Pressefotografen dokumentierten Umsturz. Im Mittelpunkt steht das Werk des bedeutendsten Fotografen dieser Zeit, Richard Hauffe. Ein Konvolut seiner Aufnahmen hat sich im Wien Museum erhalten und wird hier erstmals in seiner Gesamtheit präsentiert. In zwölf Kapiteln werden diese beiden Schicksalsjahre anhand von Fotografien aufgearbeitet, ergänzt mit Aussagen von Journalisten und Wissenschaftlern.

Zu sehen sind aber auch Tagebucheintragungen, Briefe und Erinnerungen wie von der Ziegelarbeiterin Marie Toth oder dem Facharbeiter Albert Lang. Dank einer nunmehr freien Presse wurden Fotos veröffentlicht, um die in den Blättern vertretene Meinung zu dokumentieren. Abgelichtet wurden aber nicht nur die entscheidenden Personen. Man wagte sich auch, das Elend deutlich zu machen, mit verhungernden Kindern, mit Menschen, die sich auf abgeernteten Feldern um die letzten Rüben raufen oder im Abfall nach Essbarem wühlen. Dank der Fotos sind die Gesichter derjenigen erhalten geblieben, die für ihre Ansichten auf die Straße gingen und demonstrierten. So berichtet „Das Interessante Blatt“ am 24. April 1919 von Straßenkämpfen in Wien und zeigt auf dem Titelbild von Richard Hauffe die berittene Polizei, die gegen die wütende Menge ausgerückt ist. Genauso ist dort am 12. Juni 1919 zu lesen, dass der Friedensvertrag von Saint Germain nicht annehmbar sei. Neben Reparationszahlungen und Gebietsverlusten war das sogenannte Anschlussverbot an Deutschland ein Stein des Anstoßes.

Sogar sozialdemokratische Politiker wie Otto Bauer waren überzeugt, dass dieses Deutschösterreich allein nicht überleben konnte. Trotzdem wurde am 21. Oktober 1919 daraus die Republik Österreich, die zwar noch knapp zwei Jahrzehnte lang durch die Anfänge der Demokratie taumelte, von 1938 bis 45 überhaupt verschwand, aber seit 1945, immer begleitet und bewacht von aufmerksamen Pressefotografen und Journalisten und einer freien Presse, zu einem der stabilsten Länder der Welt herangewachsen ist.

Kriegsheimkehrer auf dem Zugdach, Wien, November 1918 © ÖNB / ANNO / Wien Museum
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