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Sozialdemokratischer Wahlaufruf für die erste Parlamentswahl der Republik, 1919  © ÖNB, Bildarchiv

DIE ERKÄMPFTE REPUBLIK in frühen Pressefotos

Aufmarsch der Arbeiterräte vor dem Parlament, 12. November 1919  Foto: Richard Hauffe © Wien Museum

Als aus der Jahrhunderte gewohnten Welt eine vollkommen andere wurde

Die Begeisterung, mit der man vier Jahre zuvor in den Krieg gezogen war, war gründlich erloschen. Tausende Tote und Verwundete, nichts mehr zum Fressen und zum Heizen und keine Aussicht auf Verbesserung der Lage. Gerade in diesem absoluten Tiefpunkt, in den das Land, das zuvor als stolze Monarchie halb Europa ausgemacht hatte und nun zu einem kargen Rest zwischen Boden- und Neusiedlersee geschrumpft war, wurden die Weichen für eine wenige Monate zuvor noch undenkbare Zukunft gestellt. Österreich wurde 1918 bereits kurz nach Kriegsende zu einer Republik. Der Kaiser, dessen Haus seit fast 800 Jahren regiert hatte, hatte den Thronverzicht geleistet. 1917 wurde ihm noch wie selbstverständlich zugejubelt, jetzt war er eine Persona non grata, den sein eigenes Volk in das Exil schickte. Zum Glück ergriffen besonnene Männer das Ruder und steuerten das schlingernde Schifflein durch die raue politische See, die in diesen Tagen von wilden Straßenkämpfen hochgepeitscht war.

Wahlkampf für die erste Parlamentswahl der Republik  © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Alles hätte ganz anders ausgehen können. Statt der demokratisch gesinnten Volkswehr hätte eine Rote Garde dreinschlagen können, um eine Räterepublik abzusichern, was das Elend wohl nur verlängert hätte. So aber bildete sich eine republikanische Regierung, die im Februar 1919 demokratisch durch eine Wahl legitimiert wurde. Erstmals hatten auch Frauen das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, auch aktiv und erfolgreich in der Politik mitzureden. Seit damals war die Straße zur Bühne geworden, auf der sich ab nun erbitterte Wahlkämpfe abspielten, zu denen Alfred Polgar 1920 schrieb: „An Häusermauern, an Hütte, Pissoir, Palast entfaltet sich das Bilderbuch der Wahlplakate.“ Kurz gesagt, Österreich war zu dem geworden, wie wir es heute kennen.

Wiener Kinder, die zur Erholung nach Schweden fahren © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Mit der Ausstellung „Die erkämpfte Republik 1918/19 in Fotografien“ (bis 3. Februar 2019) zeigt das Wien Museum den von Pressefotografen dokumentierten Umsturz. Im Mittelpunkt steht das Werk des bedeutendsten Fotografen dieser Zeit, Richard Hauffe. Ein Konvolut seiner Aufnahmen hat sich im Wien Museum erhalten und wird hier erstmals in seiner Gesamtheit präsentiert. In zwölf Kapiteln werden diese beiden Schicksalsjahre anhand von Fotografien aufgearbeitet, ergänzt mit Aussagen von Journalisten und Wissenschaftlern.

Zu sehen sind aber auch Tagebucheintragungen, Briefe und Erinnerungen wie von der Ziegelarbeiterin Marie Toth oder dem Facharbeiter Albert Lang. Dank einer nunmehr freien Presse wurden Fotos veröffentlicht, um die in den Blättern vertretene Meinung zu dokumentieren. Abgelichtet wurden aber nicht nur die entscheidenden Personen. Man wagte sich auch, das Elend deutlich zu machen, mit verhungernden Kindern, mit Menschen, die sich auf abgeernteten Feldern um die letzten Rüben raufen oder im Abfall nach Essbarem wühlen. Dank der Fotos sind die Gesichter derjenigen erhalten geblieben, die für ihre Ansichten auf die Straße gingen und demonstrierten. So berichtet „Das Interessante Blatt“ am 24. April 1919 von Straßenkämpfen in Wien und zeigt auf dem Titelbild von Richard Hauffe die berittene Polizei, die gegen die wütende Menge ausgerückt ist. Genauso ist dort am 12. Juni 1919 zu lesen, dass der Friedensvertrag von Saint Germain nicht annehmbar sei. Neben Reparationszahlungen und Gebietsverlusten war das sogenannte Anschlussverbot an Deutschland ein Stein des Anstoßes.

Sogar sozialdemokratische Politiker wie Otto Bauer waren überzeugt, dass dieses Deutschösterreich allein nicht überleben konnte. Trotzdem wurde am 21. Oktober 1919 daraus die Republik Österreich, die zwar noch knapp zwei Jahrzehnte lang durch die Anfänge der Demokratie taumelte, von 1938 bis 45 überhaupt verschwand, aber seit 1945, immer begleitet und bewacht von aufmerksamen Pressefotografen und Journalisten und einer freien Presse, zu einem der stabilsten Länder der Welt herangewachsen ist.

Kriegsheimkehrer auf dem Zugdach, Wien, November 1918 © ÖNB / ANNO / Wien Museum
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