Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Miller House, Palm Springs, 1936/37  Foto: David Schreyer 2017

RICHARD NEUTRA Architekt von Wohnhäusern in Kalifornien

Ohara House, Silver Lake, Los Angeles, 1961  Foto: David Schreyer 2017

Amerikanische Moderne mit Wiener Wurzeln

Zum international erfolgreichsten österreichischen Architekten wurde Richard Neutra (1892-1970) – fast möchte man sagen – typischerweise in den USA. Daran mag es auch liegen, dass sein Werk hierzulande kaum bekannt ist. Seit 1925 war seine Wahlheimat Kalifornien. Zuvor hatte der Sohn einer jüdischen Familie an der Technischen Hochschule in Wien studiert und war bereits zu Beginn auch in die private Bauschule von Adolf Loos aufgenommen worden. Loos schwärmte von seinem Aufenthalt in Amerika und erweckte auch in Neutra den Wunsch, selbst in die USA zu reisen. In erster Linie ging es Neutra darum, angeregt von Reproduktionen des Werks von Frank Lloyd Wright neuartige Bautechniken zu studieren. Der Erste Weltkrieg und ein Fronteinsatz in Bosnien-Herzegowina machten die Reisepläne vorerst zunichte. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie gab es für den jungen Architekten in Wien kaum Perspektiven. Nach Tätigkeiten bei einem Landschaftsplaner in Zürich und einem Atelier in Berlin gelang Neutra 1923 die lang ersehnte Ausreise in die Vereinigten Staaten.

Richard Neutra, um 1960  © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung

Mit seiner Frau Dione bezog er zwei Jahre später in Los Angeles zunächst bei dem Otto Wagner-Schüler Rudolph M. Schindler Quartier. Gemeinsam mit ihm erhielt Neutra die Möglichkeit, eine Reihe von Wohnhäusern zu errichten. Aus einer Mischung von Wiener Prägung und dem Interesse an lokaler Baukultur der Pueblo-Indianer unter Verwendung innovativer Bautechniken und Materialien entstand eine genuin amerikanische, von historischen europäischen Stilen unabhängige Architektur. Heute zählen diese Wohnhäuser zu den bedeutendsten Bauten der kalifornischen Moderne.

Oyler House, Lone Pine, 1959  Foto: David Schreyer 2017

Das Wien Museum, zur Zeit im MUSA neben dem Rathaus untergebracht, würdigt das Wirken des „verlorenen Sohnes“ in der Ausstellung „RICHARD NEUTRA Wohnhäuser für Kalifornien“ (bis 20. September 2020). Anlass ist sein 50. Todestag, dem auch mit der begleitenden Publikation „Los Angeles Modernism Rivisited, Häuser von Neutra, Schindler, Ain und Zeitgenossen“, erschienen im Verlag Park Books, Rechnung getragen wird. Verantwortlich für das Buch zeichnen zwei Autoren.

Andreas Nierhaus ist Kunsthistoriker und Kurator der Architektursammlung des Wien Museums. Seine Texte basieren auf Interviews mit den Bewohnern, in denen diese ihr Verhältnis zum jeweiligen Bauwerk schildern. Die Illustrationen stammen von David Schreyer, einem ausgebildeten Architekten, der seinen persönlichen Schwerpunkt auf die Architekturfotografie verlegt hat. Ihm ist es gelungen, die faszinierende Raumökonomie im Bild festzuhalten. Die Fotos werden in der Ausstellung von Modellen ergänzt, an denen die gestalterische Reduktion und das kluge Reagieren auf die schwierigen klimatischen Bedingungen durch große Glasflächen dreidimensional sichtbar werden. Gebaut wurden die Häuser ursprünglich für die Vertreter der Mittelschicht.

Sie waren eher klein, boten aber erstaunliche Wohnqualität und erfüllen die Intention Neutras nach einem „naturnahen“ Leben. Dass diese Kunstwerke des Wohnens einmal erschwinglich waren, ist Geschichte. Mittlerweise sind sie ausgesprochene Luxusimmobilien, die man, wenn man es sich leisten kann, einfach besitzen muss, schließlich gilt Richard Neutra als einer der prominentesten Architekten der USA, der 1949 auf dem Zenit seines Ruhmes durch ein Titelbild des „Time“-Magazins geehrt wurde.

Freedman House, Pacific Palisades, Los Angeles, 1949  Foto: David Schreyer 2017
Wien Museum Logo 300

Statistik