Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Gottfried Hansjakob: Ausführungsplanung für den Nordteil (Vorentwurf), 1976, Archiv Österreich

Gottfried Hansjakob: Ausführungsplanung für den Nordteil 1976, Photo: Archiv Österreichischer Landschaftsarchitektur an der BOKU University

DIE DONAUINSEL Als zur „Blauen“ eine „Neue Donau“ kam

Die Donauinsel © Foto: Klaus Pichler, Wien Museum

Die Donauinsel © Foto: Klaus Pichler, Wien Museum

Vom Hochwasserschutz zum Badestrand der Wiener

Böse Zungen behaupten, dass Wien nicht an der Donau, sondern neben der Donau liegt. Stimmt freilich nicht so ganz. Transdanubien ist zweifellos ein Teil der Stadt. Blickt man aber in die Vergangenheit, wird man keinen einheitlichen Wasserstrom sehen. Nachdem sich die Donau zwischen Leopoldsberg und Bisamberg durchgezwängt hatte, verlor sie sich in etliche Haupt- und Nebenarme. Erst in den 1870er-Jahren wurden die Wassermassen mit einem Durchstich in das heutige Bett gezwungen. Damit war aber noch lang nicht Schluss mit den Hochwässern, die immer wieder die tief liegenden Wohnbereiche überschwemmten; trotz des dabei angelegten Inundationsgebietes, das neben seiner Funktion als „Wilder Wiese“ der Sicherung der Schifffahrt diente. Als 1954 der zweite und der 20. Bezirk neuerlich unter Wasser standen, setzte eine Diskussion ein, die nach immerhin 15 Jahren zu einem Gemeinderatsbeschluss führte. Eine Insel sollte parallel zum Hauptstrom eine Neue Donau schaffen, um bei andrängenden Wassermassen als Entlastungsgerinne zu dienen. Nach langen politischen Querelen und Ausschreibungen von Wettbewerben wurde am 29. Mai 1972 der Spatenstich und 1988 die offizielle Fertigstellung der Donauinsel gefeiert.

Die Donauinsel, Ausstellungsansicht

Die Donauinsel, Ausstellungsansicht

Die Donauinsel, Ausstellungsansicht

Die Donauinsel, Ausstellungsansicht

Eine Ausstellung im Wien Museum zeigt das Werden dieser gigantischen Anlage, die in ihren Dimensionen sogar den Bau der Ringstraße übertrifft. Auf der Länge von 21 Kilometern war ein Naturraum entstanden, der nicht nur für Tiere und Pflanzen einen neuen Biotop schuf, sondern seither auch den Menschen Raum für deren Freizeitgestaltung bietet. Auf Schautafeln und Fotos werden Details der Planung gezeigt, das Donaukraftwerk Freudenau vorgesellt und stolz auf landschaftliche Strukturen wie der ausgeklügelten Baumbepflanzung verwiesen. So spricht man gerne von einem „grünen Maschinenraum“, da das Areal eine Reihe von Anlagen beherbergt, die der urbanen Infrastruktur dienen. Ein Beispiel dafür ist eine Desinfektionsanlage im Grundwasserwerk, von der aus der Trinkwasserbedarf der Metropole bedient wird. Für die Brücken stellt die Insel eine Zwischenstation dar. Immerhin queren neben dem Individualverkehr auch drei U-Bahn-Linien den Strom, die eine entspannte Anreise zu sommerlichem Vergnügen ermöglichen.

Technikfreaks werden ihre Freude an den zahlreichen fachlichen Informationen haben, während Nostalgiker den Film „Donauzwilling im Doppelbett“ genießen. Darin erklärt Waltraut Haas ihrem Ehemann Erwin Strahl in charmanter Weise die Vorzüge dieses Projekts. Wer nicht in die Ferne fahren will, kann auf kurzem Weg von Balkonien an den „Lido von Wien“ reisen, um dort einen feinen Strandurlaub, sogar mit FKK, mit beeindruckender Aussicht auf die futuristisch anmutende Skyline rund um die UNO-City zu verbringen. Die Donauinsel wurde längst neben ihrer ursprünglichen Funktion als Schutz vor dem Hochwasser zum „Freiraum für alle“, der mit dem Donauinselfest als eines der größten Open-Air-Festivals Millionen Menschen anzieht; was freilich eingefleischte Insulaner ob der damit einhergehenden Belastungen die Stirn runzeln lässt. Es mag Irritationen geben, wenn Jogger ihre Runden vorbei an rauchenden Grillplätzen drehen, Radfahrer und Hundebesitzer aneinandergeraten und Familien unterschiedlichster Herkunft nebeneinander in der Sonne liegen. Doch auch in diesem Punkt wird Abhilfe geboten, es ist allein die gewaltige Größe der Insel, die bei einigermaßen gutem Willen ein konfliktfreies Miteinander ermöglicht.

Model der Donauinsel in der Ausstellung

Model der Donauinsel in der Ausstellung

Wissen für alle, Isotype Ausstellungsansicht © Klaus Pichler, Wien Museum

Wissen für alle, Isotype Ausstellungsansicht © Klaus Pichler, Wien Museum

WISSEN FÜR ALLE – ISOTYPE Die Bildsprache aus Wien für die Welt

Manuela Mark, Thomas Hamann, Making-Of ISOTYPE, 2025

Manuela Mark, Thomas Hamann, Making-Of ISOTYPE, 2025

Von der (sozial-)demokratischen Volksbildung mit beredten Symbolen zum allgegenwärtigen Piktogramm

Viele Nutzer der Social Media ziehen Emojis den Buchstaben vor. Sie drücken mit einem Klick auf ein Smiley mehr aus als sie mit ihren längst des Schreibens ungewohnten Fingern in mühsam getippten Sätzen sagen könnten. Unbekannt dürfte all denen aber sein, dass sie User von Piktogrammen sind, von Symbolen, ohne die heutzutage niemand mehr die Kofferabholung auf einem chinesischen Flughafen oder den Restroom als verwirrender Ausdruck für die Toilette eines Hotels in Manhattan fände. Gedacht waren diese Zeichen jedoch ursprünglich für das hehre Ziel der Wissensvermittlung. ISOTYPE, ein Kryptogramm für International System of Topographic Picture Education, ist die offizielle Bezeichnung der Bildsprache, die in den 1930er-Jahren als „Wiener Methode der Bildstatistik“ ihren Siegeszug in die Welt angetreten hat. Geboren wurde sie im Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, einer Institution des Roten Wien. Dessen Leiter war der Philosoph und Ökonom Otto Neurath (1882-1945), der neben der Grafikerin und späteren Ehefrau Marie Reidemeister und dem Künstler Gerd Arntz als Erfinder dieser leicht fasslichen Methode zur Vermittlung komplizierter Sachverhalte gilt.

Bildstatistik „Wohndichte in Großstädten“, 1930, Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum,

Bildstatistik „Wohndichte in Großstädten“, 1930, Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, Otto and Marie Neurath Isotype Collection, University of Reading

Piktogramm aus dem „Picture Dictionary“ des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien, 1930–1933

Piktogramm aus dem „Picture Dictionary“ des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien, 1930–1933; Grafik: Gerd Arntz

Das Motto von Neurath war „Wörter trennen, Bilder verbinden“. Mit Tafeln voll mit bunten Symbolen, den sprechenden Zeichen, wurden der Bevölkerung im Rahmen von Wanderausstellungen wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Zusammenhänge anschaulich nahegebracht.

Mit dieser „Augenfreude“ wurde das Publikum durch Befragungen in einen produktiven Austausch mit Expertenwissen eingebunden. Obgleich diese Methode bald auch in Berlin, London, Moskau und anderen Städten verwendet wurde, erntete Otto Neurath hierzulande keinen Dank, mehr noch, er zog nach Schließung seines Museums durch den Ständestaat ab 1934 die Flucht in die Niederlande vor, wo er als Jude nach der deutschen Besetzung nach England weiterziehen musste. 1945 starb Otto Neurath im Exil. Ihm und seiner Erfindung wird nun bis 5. April 2026 im Wien Museum in einer Sonderausstellung gedacht. Die Führung übernehmen dort passender Weise Piktogramme. Empfangen wird man von einem Kunstwerk, dem Video „Isotype im Bewegtbild“ mit Musik der Band „Orchestral Manoeuvres in the Dark“, illustriert und animiert von Henning M. Lederer. Über diverse Themenkreise wird der Bogen von den Ursprüngen im Roten Wien über die Internationalisierung bis zur aktuellen Bedeutung für Wissensvermittlung gespannt und gleichzeitig ein neues Bewusstsein für die optische Lenkung unseres Dasein vermittelt.

Piktogramm aus dem „Picture Dictionary“ des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien, 1930–1933

Piktogramm aus dem „Picture Dictionary“ des Gesellschafts- und Wirtschaftsm. in Wien, 1930–1933; Grafik: Gerd Arntz und Mitarbeiter; Otto and Marie Neurath Isotype Collection, University of Reading

Ausstellungsansicht Uhrenmuseum

Ausstellungsansicht Uhrenmuseum

DIE UHR IM AMETHYSTKREUZ ist in die Sammlung zurückgekehrt

Die Uhr im Amethystkreuz

Die Uhr im Amethystkreuz

Ein britischer Sammler hat sich großherzig von einem immens wertvollen Stück getrennt.

Der Bestand des Uhrenmuseums am Schulhof 2 geht auf zwei private Sammlungen zurück. Zum einen sind es die Objekte von Rudolf Kaftan, der auch der erste Leiter dieses Museums war. Die beachtliche Anzahl von Taschenuhren befand sich im Besitz der Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach. Teile davon waren in den Wirren des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen. Mit in Verstoß geraten war auch das Highlight dieser Sammlung. Sechs Zentimeter misst dieser Anhänger in Form eines Kreuzes, der in seinem Inneren eine Uhr verbirgt. Das Gehäuse besteht aus feuervergoldetem Messing und ist von einem zu einem Kreuz geschnittenen Amethyst geprägt. Dahinter taucht das Ziffernblatt auf und in einer dritten Schicht wieder ein Kreuz. Die Rückseite ist passend zum Rahmen mit Arabesken aus Silber verziert.

Christina Schwarz, Matti Bunzl, Veronica Kaup-Hasler und Simon Bull bei der Übergabe

Christina Schwarz, Matti Bunzl, Veronica Kaup-Hasler und Simon Bull

Die Taschenuhren-Sammlung von Marie von Ebner-Eschenbach

Die Taschenuhren-Sammlung von Marie von Ebner-Eschenbach

Das praktische und doch sakral wirkende Kleinod stünde jedem Prälaten als Zeichen seiner Würde an. Doch die Signatur des Meisters, die den Wiener Uhrmacher Christoph Schöner (1660-1709) als Hersteller ausweist, lässt einen anderen Zweck vermuten. Der Handwerker heiratete, wie es damals Brauch war, die Witwe eines Kleinuhrmachmeisters und konnte ab 1681 selbständig eine erfolgreiche Werkstätte betreiben. Die Materialien Silber als Symbol der Reinheit und Amethyst als Zeichen für Hoffnung und Verheißung sind ein Hinweis darauf, dass Schöner diese Uhr seiner Frau Anna Barbara als Hochzeitsgeschenk gefertigt hat. Schon Ebner-Eschenbach hat 1870 angeblich ein Vermögen dafür bezahlt. Nach ihrem Tod 1916 wurde das teure Stück mit der Inventarnummer U 322 in die Sammlung des Uhrenmuseums aufgenommen, nach 1945 blieb dort nur der Vermerk, dass es verschwunden sei.

Die Uhr im Amethystkreuz

Die Uhr im Amethystkreuz

Der britische Uhrensammler Simon Bull war bei seinen Recherchen dahinter gekommen, dass die Spur der rechtmäßig von ihm erworbenen Uhr nach Wien führte. Den ausgewiesenen Experten für wertvolle Uhrmacherkunst irritierte dort offenbar die Lücke in der Sammlung des Uhrenmuseums. Er nahm mit dem dafür zuständigen Wien Museum Kontakt auf. Tabea Rude, Sammlungsverantwortliche für die Uhren, bestätigte ihm, dass es sich um die kostbare Uhr aus der Sammlung Ebner-Eschenbach handelte. Was nun geschah, darf ohne Übertreibung als Sensation bezeichnet werden. Der leidenschaftliche Sammler Simon Bull beschloss, diese Preziose dem Museum zu schenken. Am 18. Juni 2025 wurde die Uhr einer hoch erfreuten Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler übergeben. Neben herzlichen Dankesworten betonte sie: „Solche mäzenatische Freigiebigkeit ist beispielgebend und ein wertvoller Beitrag im Sinne kultureller Teilhabe. Jetzt kann die wunderbare Uhr von allen gesehen und bestaunt werden.

Karlsplatz im Winter, von der Terrasse des neuen Wien Museums aus gesehen

Karlsplatz im Winter, von der Terrasse des neuen Wien Museums aus gesehen

WINTER IN WIEN Die Stadt als Schneekugel ohne Schnee

Ausstellungsansicht Winter in Wien mit Schneekugeln

Ausstellungsansicht Winter in Wien mit Schneekugeln

Urbane Nostalgie um die weiße Pracht und Mahnung zum evidenten Klimawandel

Schnee ist in Wien zum seltenen Vergnügen geworden. Geblieben ist das Salz, das von den Räumungsdiensten nach wie vor reichlich ausgestreut wird; es könnte ja doch einmal frieren, wenngleich die Gefahr in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen ist. Zumindest das Weiß des Winters ist damit geblieben, nur eben in chemisch anderer Form. Aber sind hohe Haufen zusammen geschobenen Schnees in den Gassen wirklich so ersehnt? Bekanntlich ist es nach ein paar Stunden dreckiger Gatsch, der uns in den Schuhsohlen in die Wohnungen folgt und beim Blick aus dem Fenster bestenfalls Grant und Melancholie erweckt. Sei´s drum, irgendwie sollte Schnee einfach dazugehören, wenn auf den Christkindlmärkten der Punsch dampft, Heiligabend die Kerzerl am Christbaum brennen und am Silvesterabend die Sektkorken knallen.

Franz Holluber (Fotograf): 1., Stephansplatz - Allgemein - Blick gegen Rotenturmstraße - im Winter,
Georg Emanuel Opitz: Eislaufen im zugefrorenen Hafen des Wiener Neustädter Kanals vor dem Stubentor,

o.: Georg Emanuel Opitz: Eislaufen im zugefrorenen Hafen des Wiener Neustädter Kanals vor dem Stubentor, 1805, Wien Museum, Foto: TimTom, Wien Museum.

l.: Franz Holluber (Fotograf): 1., Stephansplatz - Allgemein - Blick gegen Rotenturmstraße - im Winter, 1909, Foto: TimTom, Wien Museum.

Dank der Ausstellung des Wien Museums mit dem Titel „Winter in Wien. Vom Verschwinden einer Jahreszeit“ (bis 16. März 2025) wissen wir, dass es in unseren Breiten zuletzt 2012 weiße Weihnachten gegeben hat. Diese ernüchternde Nachricht ist jedoch nur eines der vielen sehenswerten Details, die diese Schau zwischen elegischer Erinnerung und eine bedenklich stimmenden Aussicht auf die Zukunft pendeln lassen. Vier Kapitel unterteilen den musealen Winter: Weiße Pracht – Kalte Stadt – Eisiges Vergnügen – Dunkle Jahreszeit. Anhand dieser Themen schaffen Gemälde, historische Fotos, Plakate oder soziale Dokumentationen ein wie in Eis erstarrtes Bild der kalten Jahreszeit von einst und jetzt. So wird ausführlich über das Heizen berichtet. Aus den mit Restholz aus dem Wienerwald befeuerten Kanonenöferln, an denen die Ärmsten ein Mindestmaß an Wärme gewonnen haben, ist mit Kohle, Erdöl und Erdgas ein komfortables Raumklima geworden, allerdings mit dem bitteren Beigeschmack, dass durch den damit veranlassten Ausstoß von Kohlendioxyd die Erwärmung der Atmosphäre auf der Temperaturskala flott nach oben getrieben wird. Was behindert den Ausstieg aus fossilen Energieträgern? Hat irgendwer eine Antwort auf diese Frage?

Ansichtskarte: Donaustrom - Reichsbrücke, Winter 1929, Foto: Wien Museum

o.: Ansichtskarte: Donaustrom - Reichsbrücke, 1929, Foto: Wien Museum

r.: Anton Peschka: Winterlandschaft in Speising, 1955, Wien Museum, Foto: Birgit und Peter Kainz, Wien Museum

Anton Peschka: Winterlandschaft in Speising, 1955, Wien Museum, Foto: Birgit und Peter Kainz, Wien M

Ein Museumsbesuch darf auch Vergnügen machen, wofür der nostalgische Rückblick sorgt. Schifahren war einst ein städtisches Pläsier, das am Dreikönigstag 1986 sogar die Elite dieses Sports zu einem Weltcuprennen auf der Hohe-Wand-Wiese versammelt hat. Seit 2022 steht dort der Schlepplift still. Geblieben ist uns Sportlichen das Eis, zumindest künstlich um das Rathaus herum erzeugt, denn für die Eismeister, die natürliche Wasserflächen für die Schlittschuhe freigegeben haben, ist schon längst kein Bedarf mehr vorhanden. Unvermeidlich ist auch die Dunkelheit, durch die Zeitumstellung noch um eine Stunde nach vorn in den Tag hinein verlängert. Man begegnet ihr mit einem gewaltigen Lichterglanz indoor und outdoor gleichermaßen, ohne zu bedenken, dass Heizschwammerl, festliche Weihnachtsbeleuchtung und üppig illuminierte Ballsäle zu den schlimmsten Energiefressern gehören. Womit man wieder am Anfang steht, beim Verschwinden des Winters, dem wie uns Menschen ein Recht zusteht, der Klimaschutz, dieses leidige Thema, das uns allen schön langsam nicht egal sein sollte.

Maria Benke, Walfisch vom Gasthaus zum Walfisch im Prater, 1951, Foto: Birgit und Peter Kainz (WM)

Maria Benke, Walfisch vom Gasthaus zum Walfisch im Prater, 1951, Wien Museum, Foto: Birgit und Peter Kainz, Wien Museum

WIEN. MEINE GESCHICHTE in der Dauerausstellung durchwandern

Ausstellungsansicht in der zentralen Halle © Lisa Rastl

Ausstellungsansicht in der zentralen Halle © Lisa Rastl

Das große Werk ist vollendet! Das Museum der Stadt als offenes Haus für ihre Bürger.

Bevor man sich in die breit angelegten 3.300 m2 Ausstellungsfläche auf drei Etagen mit 1.700 Objekten begibt, sollte man bequem mit dem Aufzug in die Etage drei fahren. Ein Espresso im Café „trude und töchter“, am besten draußen auf der Terrasse, schafft Selbstbewusstsein. Auf Augenhöhe begegnen dem Besucher die Dachgeschosse von Musikverein, Künstlerhaus und gegenüber die Karlskirche mit Blick von oben auf deren mächtigen Portikus. Die dicht mit Bäumen bewachsene Grünfläche des Karlsplatzes dazwischen bietet optische Erholung und schafft die nötige Konzentration für das Unternehmen einer Stadtwanderung in der Vertikale von Raum und Zeit.

Ausstellungsanicht Zweite osmanische Belagerung © Lisa Rastl

Ausstellungsansicht Zweite osmanische Belagerung © Lisa Rastl

Ausstelllungsansicht Mittelalter © Lisa Rastl

Ausstelllungsansicht Mittelalter © Lisa Rastl

Das Architektenteam Ferdinand Certov, Klaudia Ruck und Roland Winkler hat über dem zu seiner Zeit absolut funktionalen Bau von Oswald Haerdtl (1959) ein Gebäude gestaltet, das einerseits mit seiner Mächtigkeit zu einem Powerplayer des Platzes geworden ist, anderseits aber mit heller Großzügigkeit einlädt, sich mit der wohlgeordneten Geschichte der Stadt Wien einzulassen. Schön, dass dank Direktor Matti Bunzl der Eintritt frei ist, damit hat man immer wieder die Möglichkeit, neue Facetten urbaner Vergangenheit und sogar dynamisch angelegter Gegenwart zu entdecken.

Ausstellungsansicht Ringstraßenzeit © Lisa Rastl

Ausstellungsansicht Ringstraßenzeit © Lisa Rastl

Was das Heute betrifft, so hat man auf die Menschen gesetzt, die darüber erzählen, warum sie hier sind oder hierher gekommen sind. Zweifellos ist die hohe Lebensqualität entscheidender Anstoß für ein enormes Wachstum der Einwohnerzahl, das wiederum eine Palette an Problemen des Zusammenlebens zeitigt. Doch trotz der bedenklichen Nähe von Kriegen geht es in Wien noch vergleichsweise friedlich zu. Komplikationen haben hier die Möglichkeit, sich in einer doch ausgezeichnet funktionierenden Infrastruktur und in einem erfrischenden Freizeitangebot zu verlaufen. Dass dem nicht immer so war, beweisen erschütternde Bilder aus den Jahren 1938 bis 1945, in denen die Wiener Gemütlichkeit in unbegreiflicher Weise in eine andere Menschen verachtende Grausamkeit umgeschlagen ist.

 

Eine Spur von Jubelstimmung ist in der Zwischenkriegszeit zu verspüren. Damals war das Rote Wien eine Insel, bis der Bürgerkrieg den Aufschwung jäh beendete. Mit Gemeindebauten und einer Reihe von sozialen Projekten war jedoch ein Grundstein zu späterem Wohlfühlen gelegt. Im Kapitel „Schönheit am Abgrund. Wien um 1900“ werden die herrschenden Gegensätze zwischen arm und reich thematisiert. Man könnte sich an die grandiosen Gemälde halten oder sich über den Sessel des längst als Judenhasser betrachteten Bürgermeisters Karl Lueger amüsieren.

Unwillkürlich ist man jedoch in eine Bande von Päderasten geraten. Peter Altenberg wird zwar die Eigenschaft als Verehrer von Frauen abgesprochen. Es heißt dort, er hätte die Weiblichkeit eher verachtet – und er war ein Lustmolch, der sich an Kindern vergangen hat. Im dazugehörigen Text wird mit einer seltsamen Selbstverständlichkeit berichtet, dass Herr Richard Engländer den Herkunftsort seiner 13-jährigen Geliebten als sein Pseudonym gewählt hat. Noch unangenehmer wird es ein paar Schritte weiter. Man steht in der Rekonstruktion des Wohnzimmers von Adolf Loos und sucht vergebens nach dem schreienden Kontext, mit dem dieser Sexualverbrecher versehen sein müsste. Ein winziger, unleserlicher Zeitungsausschnitt auf einem Bildschirm, mehr ist nicht zu finden. Und doch hat Loos wohl in diesem Raum acht bis zwölfjährige Kinder missbraucht, dort massenhaft pornographische Fotos von kleinen Mädchen gehortet und die Kinder im Namen der Kunst zu lasziven Posen verführt – zum Gruseln! Warum wird überhaupt die Erinnerung an solche Typen so ausdrücklich hochgehalten? Eine Randnotiz hätte genügt.

Teresa Feodorowna Ries, Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht, 1895, Wien Museum

Teresa Feodorowna Ries, Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht, 1895, Wien Museum, Foto: TimTom, Wien Museum

Große Ambitionen prägten die Ringstraßenzeit, denen Massenmigration aus den ärmsten Teilen der Monarchie entgegenstanden. Freundlicher wird es im Biedermeier und Vormärz, die den Wienern trotz Zensur und obrigkeitlicher Überwachung die Freude an Unterhaltung nicht nehmen konnten. Barock und Aufklärung werden unter der Frage: „Wie viel Ordnung muss sein?“ kritisch beleuchtet. Den beiden Protagonisten, Maria Theresia und Josef II., werden Abschaffung von Folter und Todesstrafe, Schulpflicht und zumindest dem Kaiser religiöse Toleranz zugeschrieben. Stolz erfüllt die Nachgeborenen, wenn sie ausführlich über das Ende der osmanischen Expansionsbestrebungen vor den Mauern Wiens informiert werden.

Ausstellungsansicht Biedermeier und Vormärz © Lisa Rastl

Ausstellungsansicht Biedermeier und Vormärz © Lisa Rastl

Gefäße in Tierform, um 1200 - 1100 v. Chr., Foto: TimTom, Wien Museum

Gefäße in Tierform, um 1200  v. Chr., Foto: TimTom, Wien Museum

Das Erdgeschoss ist der frühen Historie vom Mittelalter abwärts bis zur Urzeit gewidmet. Der Platz über der Donau war seit 8.000 Jahren immer wieder besiedelt, bis zu den Römern und dem Lager Vindobona. Über allem schwebt jedoch der Wal. „Walfisch Poldi“ mit der Provenienz Wurstelprater ist das untrügliche Zeichen dafür, dass die Wiener welcher Herkunft und Sprache auch immer von ihrer Stadt geprägt werden, mit der Zeit die typische Charaktereigenschaft erhalten, die auch große Herausforderungen mit einer grantig lächelnden Nonchalance zu überwinden imstande ist.

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