Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Wien Museum Baustelle Februar 2021

ALMOST Zwei „Weltreisen“ am Bauzaun Karlsplatz

Wien Museum Baustselle mit Bild vion Henry Moores Plastik am Karlsplatz

150 Jahre trennen die Idee, die ganze Welt in Wien zu erleben

Als anno 1873 die damalige Residenz- und Hauptstadt der gewaltigen Monarchie zu einer Weltausstellung lud, gab es noch keine Großraumflugzeuge, die zu Schleuderpreisen jeden Hausmeister in die entferntesten Winkel unseres Planeten bringen. Eineinhalb Jahrhunderte später stehen wir vor geschlossenen Gates am Airport und erleben eine ähnliche Situation wie damals. Was einst schlicht Geld- und Gelegenheitsmangel war, sind nun Einschränkungen, die wir von einem Virus auferlegt bekamen, das offenbar die Durchmischung der Menschheit nicht goutiert. Dank des Wien Museums kommt die exotische Ferne jedoch zu uns und begnügt sich mit dem Zaun vor der zu Hoffnungen berechtigenden Baustelle, um den Betrachter in zwei Zeitebenen hinaus zu exotischen Destinationen zu führen. Vergilbte Schwarzweiß-Fotos, die seinerzeit als Souvenirs verkauft wurden, sind Zeugen der Verbeugungen vor den Mitgliedsländern der Weltausstellung. Die Coloraufnahmen dazwischen stammen von Wojciech Czaja, einem Architekturjournalisten und Publizisten, der mit seiner Vespa das heutige Wien bereist hat.

„Brunnen des Sultan Achmed II.“  Foto: György Klösz/Wiener Photographen Association © Wien Museum

Mit geübtem Blick entdeckte er das Reizvolle scheinbarer Fremde und lichtete es geschickt ab. „Beinahe“, oder weil es offenbar nicht mehr anderes geht, auf gut Kuratorendeutsch „ALMOST“, lädt nun zu „Wiener Weltreisen 1873/2020“ ein, als eine Art Ersatzdroge für vom Fernweh geplagte Weltenbummler. Zeit spielt keine Rolle. Erstens ist die Ausstellung bis 28. März 2021 täglich 24 Stunden geöffnet, zweitens darf das reisefreudige Auge unbehindert von Passkontrollen und Security Checks zwischen Fin de Siècle und der Gegenwart vagabundieren.

Almost Costa Brava, 4., Mozartplatz  © Wojciech Czaja

Von der „Kirgisischen Kibitka“ geht es mit einem kurzen Senken des Kopfes nach Kuwait City in der Margetinstraße in Simmering und vom „Chinesischen Zimmer“ nach St. Petersburg in der Zelinkagasse mitten in der City. Las Vegas liegt in Floridsdorf (Andreas Hofer-Straße) und die Alhambra in Hietzing (Hermesvilla im Lainzer Tiergarten). Bezüglich originalgetreuer Nachbauten haben wir längst das Staunen verlernt, das einst den Menschen beispielsweise vor der „Egyptischen Baugruppe“ den Mund offen stehen ließ. Japanischer Garten bleibt Japanischer Garten, was sowohl die historische Aufnahme von György Klösz als auch das Foto von Wojciech Czaja beweisen. „Jedes Einfangen von Bildern ist automatisch manipulativ.

Oft reicht es, ein Fragment aus dem räumlichen Kontext zu reißen, schon ist man ganz woanders“, stellt Czaja als sanfte Warnung vor sein Bemühen, die Großstadt als ein Minimundus zu betrachten, und meint dennoch nichts anderes als die deutsche Schriftstellerin Judith Schalansky in ihrem „Atlas der abgelegenen Inseln“ (2009), wo sie schreibt: „Wenn der Globus rundherum bereisbar ist, besteht die eigentliche Herausforderung darin, zu Hause zu bleiben und die Welt von dort aus zu entdecken.

FElix Salten Im SChatten von Bambi Ausstellungsansicht © Foto: Klaus Pichler

FELIX SALTEN Der Intellektuelle mit einem Herz für Bambi

Felix Saltens Presseausweis für das Jahr 1933  © Wienbibliothek im Rathaus

Wien um 1900: Keine Kultur ohne die Meinung eines Berufenen

Gleichermaßen Freunde wie geschätzte Feinde von Felix Salten (1689-1945) waren die großen Kunst- und Kulturschaffenden des Fin de Siècle und der folgenden Jahrzehnte bis 1938. In diesem Jahr wurde österreichische Kultur brutal vernichtet. Deren Protagonisten waren zum großen Teil Juden, deren Wirken bis heute für ganze Epochen steht; für den Jungenstil, für die Secession, für die Kaffeehausliteratur und für den Zionismus Wiener Prägung, der letztendlich zur Gründung von Israel geführt hat. Bei jedem dieser Bereiche lieferte Felix Salten seinen Beitrag. Er war Kulturkritiker, schrieb selbst Stücke und Prosa, war engagierter Repräsentant des Judentums und war sich nicht zu bequem, als Funktionär System in die ungeordneten Haufen Kreativer zu bringen. Er war Mitstreiter des literarischen Netzwerks Jung-Wien, erster Präsident des österreichischen PEN-Clubs und ganz allgemein ein Motor der Wiener Moderne. Schließlich war er durch seine vielseitige Tätigkeit in einer Reihe von Netzwerken bestens eingebunden. Er galt als kompetenter Rezensent für literarische Neuerscheinungen.

Werbeplakat für den Film Bambi, 1951  © Wienbibliothek im Rathaus

Viel beachtet waren seine Besprechungen von Theaterpremieren und Kunstausstellungen und gern gelesen waren seine Beiträge als Feuilletonist und die eigenen dichterischen Schöpfungen, die in einer erstaunlichen Bandbreite vom Theater und dem damals noch jungen Film über Romane bis zu seinen Tierbüchern erschienen. Dass er der Erotik, ja sogar der Pornographie nicht abgeneigt war, beweist „Albertine“, die ihn in die unausrottbare Nähe zu „Josephine Mutzenbacher“ gerückt hat. Zum Welterfolg wurde jedoch dank Disneys Verfilmung „Bambi“, die ihm selbst allerdings kein Vermögen eingebracht hat, da Salten die Rechte dazu bereits vorher verkauft hatte.

Felix Salten (1.v.l.) mit Max Reinhardt (4.v.l.) 1933 © © Wienbibliothek im Rathaus

Das Wien Museum widmet derzeit im MUSA und in der Wienbibliothek im Rathaus Felix Salten anlässlich des 75. Todestages am 6. September eine Ausstellung. „IM SCHATTEN VON BAMBI“ (bis 25. April 2021) wird Salten taxfrei zum Entdecker der Wiener Moderne ernannt. Grundlage der Schau ist der Nachlass, der in der Wienbibliothek verwahrt wird. Eben dort wird anhand seiner Briefsammlung, seinen Büchern und Manuskripten das umfangreiche literarische Schaffen gewürdigt.

Im MUSA (Felberstraße 6-8) geht es um die bisher kaum gewürdigte Rolle als Kunstkritiker im Umfeld von Gustav Klimt. Fotos eröffnen den Rundgang. Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Hermann Bahr und Karl Kraus, der übrigens von Salten zwei kräftige Watschen abgefangen hat, sind Vertreter einer Szene, die für Salten ein fruchtbares Biotop bedeutet hat. Unter Gemälden aus dem Wien Museum ist Saltens Meinung über die Bilder zu lesen als großteils zutreffende Beurteilung der Werke. Das Zentrum aber bildet seine Vita.

Sie erzählt über erfolgreiche Jahre in Wien, über die Flucht vor den Nazis und seinen Tod im Schweizer Exil. Zu sehen ist ein Mensch, der zu seiner Herkunft gestanden ist, wenngleich als assimilierter Jude, dem aber das Schicksal seiner Volksgemeinschaft nahe am Herzen gestanden ist, wie so vielen, die für eine Hochblüte der österreichischen Kultur gesorgt hatten und aufgrund ihres Judentums von einem auf den anderen Tag nichts anderes als Schädlinge wahren Deutschtums verunglimpft waren.

Felix Salten Ausstellungsansicht © Foto: Klaus Pichler
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