Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Jan Bülow, Vögel auf der Bühne © Matthias_Horn

VÖGEL zerflattern irrationalen Hass auf die Liebe

Jan Bülow, Deleila Piasko © Matthias_Horn

Auch vier Sprachen sind nicht imstande, Brücken zwischen Menschen zu schlagen

46 Chromosomen enthalten alle Informationen eines Menschen. Eitan Zimmermann weiß das ganz genau. Er studiert dieses Fach und ist sich auch bewusst, dass jegliche Verbohrtheit von wegen ethnischer Abstammung nur eine unbedeutende Äußerlichkeit ist. So hat er auch nicht das geringste Problem, sich in die bildhübsche Wahida, einer Doktorandin in Geschichte, zu verlieben. Eitan ist der Sohn eines deutsch-jüdischen Paares, sie hat ihre Wurzeln in Palästina. Ort des ersten Treffens ist eine Universitätsbibliothek in New York. Dass alles doch nicht so einfach ist, stellt sich spätestens beim Pessachfest heraus, zu dem Eitan seine Eltern in die USA eingeladen hat, um ihnen seine Braut vorzustellen. Vater David will nichts von der Araberin wissen. Es kommt zum familiären Zerwürfnis, das auch seine Mutter Norah und Großvater Etgar nicht kitten können. Bei einer Reise des jungen Paares nach Israel geraten die beiden in Jerusalem in einen Bombenanschlag, bei dem er schwer verletzt wird. Ziel der Reise wäre ein Treffen mit Eitans Großmutter Leah Kimhi gewesen.

Eli Gorenstein, Salwa Nakkara © Matthias_Horn

Diese schaltet sich erst auf intensives Drängen von Wahida in das Geschehen ein. Am Krankenbett des Studenten versammeln sich Eltern und Großeltern, um die Abneigung von Palästinensern und Juden auszustreiten. Nach und nach wandelt sich jedoch das bis dahin eindeutige Problem zweier Feindschaften zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, die am Ende alles relativiert und dennoch zum tragischen Schluss kommt, dass sich damit ganz einfach nicht leben lässt. Was sich hier so geheimnisvoll liest, ist in diesem Stück eine Grundwahrheit, die Menschen, deren Stammbaum mit den Eltern abreißt, fassungslos vor der Ignoranz einander bis aufs Blut bekämpfender Nationen und Religionen im Regen stehen lässt. Man sollte sich ein Beispiel an den Vögeln nehmen, die jegliche Grenzen fliegend überwinden.

Nadine Quittner, Jan Bülow © Matthias_Horn

Wajdi Mouawad, ein kanadischer Schriftsteller mit libanesischer Herkunft, hat das Thema in das viersprachige Stück „Vögel“ verpackt. In der Inszenierung des israelischen Regisseurs Itay Tiran im Akademietheater sind dies Englisch, Deutsch, Arabisch und Hebräisch. Gelöst wird die sprachliche Vielfalt mit Untertiteln, die auf die Kulissen hinter den Schauspielern projiziert werden, leider teilweise aber nur sehr schlecht zu lesen sind. Man kriegt dennoch recht gut mit worum es geht.

Die einzelnen Darsteller machen dieses Manko durch geschickte Gestik und Mimik wunderbar wett. Jan Bülow ist der Student Eitan, der mit seinem sanguinischen Temperament und einer bestechenden Freiheit im Denken Wahida (Deleila Piasko), die schwarzhaarige Schönheit im roten Kleid, für sich gewinnt. Dessen Mutter (Sabine Haupt) ist blond, schlank und eine Reminiszenz an das deutsche Fräuleinwunder, das in der DDR als Kommunistin aufgewachsen ist und erst spät erfahren hat, dass sie Jüdin ist. Anders gelagert ist diesbezüglich ihr Gatte David (Markus Scheumann), der sich seit seinen ersten Lebenserinnerungen als Teil der jüdischen Tradition sieht und die damit verbundenen Verpflichtungen gegenüber dem ewig verfolgten auserwählten Volk befolgt.

Großvater Etgar hat mit Eli Gorenstein die Verkörperung eines weisen Greises gefunden, der, angestiftet von seiner mundflinken Ex-Gattin Leah (Salwa Nakkara), sich schließlich durchringt, die große Lüge seines Lebens dem „Sohn“ zu beichten. Was es damit auf sich hat, will hier nicht verraten werden. Zur Ergänzung: Yousef Sweid ist Wazzan, der ebenso wie Nadine Quittner als Soldatin Eden für kluge Momente in einer Handlung sorgt, die trotz ihres sperrigen Inhalts mitreißt und Diskussionen anregt.

Jan Bülow © Matthias_Horn
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