Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Gregor Bloéb © Georg Soulek/Burgtheater

DER KANDIDAT Bizarre Wahlwerbung auf dem Rouletttisch

Der Kandidat Ensemble © Georg Soulek/Burgtheater

Sogar ein steinreicher Privatier wie Russek lässt sich zum Politiker ummodeln

Gustave Flaubert, in der Übersetzung von Carl Sternheim, gibt nicht wirklich schlüssig bekannt, warum eine der Parteien auf die Idee kommt, als Kandidaten den Privatier Russek (Gregor Bloéb) aufzustellen. Ist es das Geld, das er besitzt oder die unglückliche Idee seines Möchtegern-Schwiegersohnes Grübel (Florian Teichtmeister), einem Meister der Intrige, pardon Vernetzung. Was im Moment nach einem glatten Sieg ausschaut, wird durch die Gegenkandidatur eines windigen Fotografen namens Seidenschnur (Dietmar König) plötzlich zur Zitterpartie. Russek hat vom gängigen Politsprech nicht die geringste Ahnung und muss sich von seiner Rechtsanwältin Evelyn (Sabine Haupt) im Floskeln trainieren lassen. Geheimnisvolle Gestalten umschwirren den Neopolitiker wie Redakteur Bach (Sebastian Wendelin), der alte Graf Rheydt (Bernd Birkhahn) und dessen Sohn (Valentin Postlmayr), der auch als Moderator eine Konfronation der Kandidaten streng parteiisch, wie´s sich eben gehört, für Seidenschnur und gegen Russek lenkt.

Der Kandidat Ensemble Georg Soulek/Burgtheater

Die von Grübl begehrte Luise (Christina Cervenka) und Frau Russek (Petra Morzé) sind die nicht lebensunlustigen Damen im Haushalt des Kandidaten. Luise wird ganz sinnlich, wenn sie Seidenschnur ablichtet und Frau Russek möchte dem Drängen des jungen Journalisten Bach allzu gern nachgeben. Die Gesellschaft ist also durchaus einer Politsatire würdig und damit zeitlos, wenngleich das Stück bereits 1848 geschrieben und die Übertragung ins Deutsche Anfang des 20. Jahrhunderts angefertigt wurde.

Sebastian Wendelin, Petra Morzé Georg Soulek/Burgtheater

Georg Schmiedleitner hat diese Farce in ein Casino, besser gesagt, auf den Rouletttisch selbst verlegt. Wenn es heißt „Faites vos jeux!“, beginnt die Kugel zu rollen bis „Rien ne va plus“ um dann klappernd in einer der Zahlen liegen zu bleiben. Das Spiel wird nur angedeutet und zwingt die Darsteller zu halsbrecherischem Auf- und Abspringen von der Glücksscheibe. Die Beteiligten haben sichtlich Spaß an diesen Übungen, die ihre körperliche Fitness eindrucksvoll unter Beweis stellen.

An Gags wird nicht gespart. So verteilt Seidenschnur während der Konfrontation mit Russek kleine Geschenke im Publikum und sorgt mit Hilfe des Moderators, dass sein Kontrahent mit Sicherheit nicht zu Wort kommt. Am Ende des Tages wird einer der beiden gewonnen haben. Wer es ist, verschweigt uns Flaubert. Aber er schenkt dem alten Russek einen großen Monolog.

Darin zieht Bloéb alle Register nichtssagender Phrasen und legt souverän wie ein ausgezeichneter Absolvent der Parteischule rhetorische Meisterschaft im Schwafeln an den Tag. Bei genauem Hinsehen würde man aber keinem der auftretenden Stimmenfänger, so nach amerikanischem Anforderungsprofil, einen Gebrauchtwagen abkaufen, respektive das Kreuzerl vor seinen Namen malen, aber eben nur bei genauem Hinsehen, und wer macht das schon in einem Wahlkampf?

Der Kandidat Ensemble Georg Soulek/Burgtheater

Samuel Finzi, Mavie Hörbiger © Bernd Uhlig

KOMMT EIN PFERD IN DIE BAR und wird depressiv...

Samuel Finzi in Videoprojektion © Bernd Uhlig

Beinharte Abrechung eines jüdischen Stand Up Comedian mit seinem Leben

David Grossman war sichtlich gerührt, als er beim Schlussapplaus auf die Bühne des Akademietheaters gebeten wurde und dort allein den Beifall entgegennehmen dufte. Er ist der Verfasser des Romans, den Dušan David Pařízek zu einem Zweipersonenstück dramatisiert hat. Es handelt sich dabei um eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen und dem Deutschen Theater in Berlin. „Kommt ein Pferd in die Bar“ könnte der Anfang eines Witzes sein, dessen Pointe man aber nie erfährt. Er ist einer von den Kalauern, die der Fahrer eines Militärfahrzeuges dem kleinen Dovele erzählt, um ihm die Fahrzeit zum Begräbnis seiner Mutter zu verkürzen und ihn eventuell auch aufzuheitern. Der längst in die Jahre gekommene Dov Grinstein erinnert sich daran just während eines Abends, an dem er sein Publikum in einer kleinen israelischen Stadt am Lachen halten soll. Dov schießt zuerst einen Gag nach dem anderen ab, bewahrt nicht einmal die Shoa und erschossene Araber vor seinen Späßen und greift dabei kräftig in die untersten Laden. Dafür ist er ja bekannt und engagiert, dass er keine Geschmacklosigkeit auslässt.

Samuel Finzi, Mavie Hörbiger © Bernd Uhlig

Dabei unternimmt er Ausflüge in die Zuschauerreihen. Ganz zufällig sitzt dort eine junge Frau, die den Stand Up Comedian noch als jungen Burschen gekannt hat. Er hat sie nie irgendwo nach hinten ziehen wollen, hat sich nicht über ihre Statur lustig gemacht, sondern sie liebevoll Pitz, die Kleine, genannt, und ist die meiste Zeit auf seinen Händen gelaufen. Sie kommt zu ihm auf die Bühne, wird zum Korrektiv seines Selbstmitleids und verhehlt nicht ihre Zuneigung zu diesem verrückten Kerl. Ihre schüchternen Eingriffe erlauben Dov eine beinharte Abrechung mit seinem Leben, das er mit dem zotigen Ausdruck „Hurensohn“ bilanziert.

 

Im Akademietheater sind Samuel Finzi Dov Grinstein und Pitz Mavie Hörbiger. Dušan David Pařízek führt Regie und baut mit einer Live-Kamera, die auf den Hintergrund projiziert wird, spannende weitere Ebenen ins Geschehen ein. Es liegt einzig und allein an einem grandiosen Samuel Finzi, dass bei diesem Lebensbericht seines Helden die Zuschauer bei der Stange gehalten werden.

Er spielt überzeugend den jüdischen Komiker, dem nach und nach die Heiterkeit abhanden kommt und die Verachtung vor sich selbst anwächst. Mavie Hörbiger umwebt ihn wie ein hilfsbereiter Engel, der jedoch erfolglos bleibt, wenn es darum geht, aus diesem Gov einen Menschen mit Gefühlen für andere als seine verstorbenen Eltern zu machen, auch nicht das Close up auf sein mit Blut verschmiertes Gesicht oder ihr reizendes Lachen über einen kindlichen Witz mit einer Schnecke.

Samuel Finzi als Gov Grinstein © Bern Uhlig

Der Rüssel Ensemble © Reinhard Werner/Burgtheater

DER RÜSSEL Amüsant absurder Klimawandel

Der Elefant auf dem Bergesgipfel © Reinhard Werner/Burgtheater

Wolfgang Bauers Wahrnehmung alpenländischer Tropenträume

Ein rotoranger Elefant auf einem Sturm umtosten Bergesgipfel? Ja, das gibt´s! Blöderweise verfängt der sich aber im Herrgottswinkel des Häuschens, das Familie Tilo bewohnt. Derart bewegungsunfähig wird er zum Objekt der Bewunderung und löst überdies einen rapiden Klimawandel in dieser kargen Gegend aus. Anstelle des Gipfelkreuzes erhebt sich eine gewaltig Palme, Bananen werden geerntet und der örtliche Greißler macht ein Millionengeschäft mit Tropenkleidung. Stefan Tilo, ein unternehmungslustiger Träumer, hat den Elefanten in den Ort gebracht und meint deswegen, er sei auch der Urheber der glücklichen Konjunktur. Der Erfolg steigt ihm zu Kopf, mit dem Ergebnis, dass er am Ende am Kreuz hängt.

 

Wie weit Wolfgang Bauer einfach nur Spaß am Verrückten hatte oder doch ein ernstes Anliegen hatte, das zu beurteilen überlässt er dem Zuschauer. „Der Rüssel“, viel mehr sieht man vom Elefanten nicht, ist bereits 1962 entstanden; der Autor war gerade 21 Jahre jung.

Der Rüssel Szenenaufnahme © Reinhard Werner/Burgtheater

Er hat sich einfach nichts darum geschissen, auch später nicht, was irgendwer von seiner Dichtung halten möge. Er hat einfach geschrieben und hat seinen Ideen freien Lauf gelassen. Das Schöne daran, man merkt auch im Jahr 2018 keine Spur von Patina, wenn diese „komische Tragödie in elf Bildern“ nur entsprechend rotzfrech inszeniert wird. Christian Stückl hat sich 100prozentig daran gehalten. Im Akademietheater werden die wilden 1960er-Jahre beschworen und man fühlt sich, sofern man dafür alt genug ist, zurückversetzt in die Zeiten, als vom Grazer Forum Stadtpark aus erfrischende Entrüstungswellen durch die Literaturszene schwappten. Absurd und gerade deswegen alles andere als sinnlos, das ist das Resümee dieses Abends mit Wolfgang Bauer und seinem Elefanten.

Der Rüssel, Szenenaufnahme © Reinhard Werner/Burgtheater

Branko Samarovski und Barbara Petritsch sind die noch sehr rüstigen Großeltern von Florian Tilo (Sebastian Wendelin), dem Elefantendompteur. Als seine Freundin und spätere Ehefrau namens Kellerbirn Anna lässt Stefanie Dvorak das liebe Landmädel als letzter Tropfen Vernunft am Größenwahn von Stefan scheitern. Seine zwei Brüder Schoscho (Simon Jensen) und Gregor (Christoph Radakovits) sind zwei Jägerburschen, die auch beim ärgsten Gewitter Blitz und Donner trotzen.

Im Übrigen dürfen sie aber eher als reizend unterbelichtet gelten. Bürgermeister Trauerstrauch (Falk Rockstroh) wäre etwas mehr Fremdenverkehr in seiner Gemeinde nicht unrecht, aber dagegen steht ganz entschieden Kaplan Wolkenflug, den Markus Meyer ganz offensichtlich als einen alpinen Don Camillo anlegt. Der Kriegsgewinnler schlechthin ist der Kolonialwarenhändler Kuckuck. Peter Matić ist nichts blöd genug, um es nicht mitzumachen, und wenn´s eine mehr als kuriose Kostümierung ist, die er als lebendes Model seiner Kundschaft als Tropenkleidung vorträgt.

Dirk Nocker webt etwas verloren als Willenmantel, der Reporter, durch das Geschehen. Eine musikalische Sensation ist die Gesangskapelle Hermann. Die Herren Simon Gramberger, Bernhard Höchtel, Robert Pockfuß, Joachim Rigler, Simon Scharinger und Stephan Wohlmuth bieten von den Comedian Harmonists über Shosholoza bis zum Kärntner Liadle Gesangskunst vom Feinsten und spielen dabei noch gekonnt mit, wenn es darum geht, das Ensemble in einer übermütigen Polonaise von der Bühne hinaus in das Foyer zu führen.

Der Rüssel Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Tobias Moretti, Vergissmeinnicht-Chor © Reinhard Werner/Burgtheater

ROSA ODER DIE BARMHERZIGE ERDE als berührende Schau auf das Ende

Mariia Shulga, Tobias Moretti © Reinhard Werner/Burgtheater

Das gnädige Vergessen im fröhlichen Wartesaal des Todes

Désiré war Bibliothekar, der sich spielend Titel, Autoren und Inhalte der Bücher merkte und begeistert Shakespeare-Verse rezitierte. Er kann einfach nicht vergessen, so auch seine erste Liebe, Rosa, die in seiner Erinnerung zu Julia wird und in seinem Gedächtnis immer mehr Platz einnimmt. Ganz im Gegensatz zu der Frau, die ihm zwei Kinder geboren hat und mit der er noch verheiratet ist. Sie heißt Moniek, er nennt sie aber nur Camilla, so gründlich hat er sie vergessen, behauptet er, der den Demenzkranken nur spielt. Die Aufnahmeprüfung hat er mit Auszeichnung bestanden, bestätigt ihm seine Tochter Charlotte. Er hält konsequent die Realität von sich fern, auch in für ihn schweren Momenten, als Charlotte ihm gegenüber von ihrer Verzweiflung spricht. Aber nur so kann bei Rosa sein, seiner Julia. Sie ist ihm diesbezüglich ein Stück vorausgegangen, verbringt ihre letzten Tage in diesem Pflegeheim in dumpfer Wahrnehmungslosigkeit und hat aufgrund ihres Gedächtnisverlusts keine Ahnung, wie nahe ihr Romeo ist. Grausam ist die Tatsache, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt.

Sabine Haupt, Tobias Moretti © Reinhard Werner/Burgtheater

So muss diese Liebesgeschichte, die zu den rührendsten und schönsten der Weltliteratur zählt, unter den Vorzeichen des Verfalls der körperlichen und geistigen Kräfte bis zu ihrer Erfüllung in nebeneinander liegenden Gräbern in der barmherzigen Erde durchgespielt werden.

Tobias Moretti, Gertraud Jesserer © Reinhard Werner/Burgtheater

Luk Perceval hat das Buch von Dimitri Verhulst für dieses Stück mit Szenen aus Shakespeares Romeo und Julia verquickt. Um Romeo herum treten die Angestellten des Pflegeheimes und Moniek als Julia, Lorenzo, Mercutio oder Benvolio auf. Der Zuschauer wird damit in eine Zwischenwelt aus hehrem Theater und tristen Alltag geführt, die auf faszinierende Weise irritiert und dennoch immer wieder gefangen nimmt. Der Vergissmeinnicht-Chor besteht aus zwölf alten, äußerst disziplinierten Damen.

Er kommentiert das Geschehen von einer Arena aus, deren Mitte sich gnadenlos dreht und entweder wie eine Zentrifuge die Daraufstehenden auswirft oder sie zentripetal anzieht, um sie kaum mehr loszulassen (Bühne: Katrin Brack).

 

Verhulst und Shakespeare werden von Marta Kizyma (Aischa/Julia), Gertraud Jesserer (Moneik/Julia), Sabine Haupt als frustrierte Charlotte, Stefan Wieland (Pastor Dirk/Lorenzo), Sylvie Rohrer (Hauptschwester/Mercutio) und Daniel Jesch (Pfleger/Benvolio) stets deutlich getrennt und doch in jedem Fall dem Burgtheater bzw. Akademietheater gerecht dargestellt. Rosa (Mariia Shulga) ist in dieser Inszenierung eine Frau in jüngeren Jahren, aber doch älter als das Mädchen, mit dem Romeo seinen Auftritt bei einer Tanzveranstaltung auf dem Balkon verstolpert hat. Nur langsam und zögerlich findet Désiré zu ihr. Tobias Moretti spielt dabei einen alten Mann, der einen Demenzkranken auch nur spielt. Seine wachen Gedanken werden über Lautsprecher hörbar.

Sie sind stellenweise sarkastisch und reizen sogar zum Lachen, wenngleich das Ganze durchaus alles andere als lustig ist. Immer aber ist es die Sehnsucht nach der Liebe seines Lebens, der er sich nur mit Trippelschritten und gebeugtem Rücken zuwenden kann. Moretti lässt mit hartnäckigem Schweigen den langen Atem des Alterns spürbar werden und wenn er sich am Ende über die sterbende Rosa beugt, wagt man kaum Luft zu holen, um diese wundersame Stille zwischen zwei Menschen am äußersten Rand ihres Lebens nur ja nicht zu stören.

Getraud Jesserer, Stefan Wieland, Vergissmeinnnicht-Chor © Reinhard Werner/Burgtheater

Glasmenagerie Szenenfoto © Reinhard Werner, Patrick Bannwart

DIE GLASMENAGERIE Durchsichtig und mit viel Platz für die Zeit

Glasmenagerie Die Glastiere © Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Wenn aus dem goldenen Staub des Mondlichts eine kalte Regendusche wird

Der Untertitel lautet „Ein Spiel der Erinnerungen“, die sich streckenweise mit denen des Autors Tennessee Williams decken. In „Die Glasmenagerie“ tritt er selbst als Tom Wingfield auf, der die Geschichte seiner Familie erzählt. Tom ist stolz auf seinen Spitznamen Shakespeare, der ihm verpasst wurde, weil er während seiner Arbeit in einem Lagerhaus im Keller Gedichte schreibt. Seine Mutter Amanda wurde vor 16 Jahren von ihrem Mann sitzen gelassen und hat ihn und seine Schwester Laura aufgezogen. Das Mädchen ist behindert und verkriecht sich in der ärmlichen Dachwohnung, um mit der Schräge der Raumdecke sogar zu spielen. Ihre wahren Bezugsquellen sind Tiere aus Glas. Sie versucht den Redereien ihrer Mutter, die sich um eine verklärte Vergangenheit mit unzähligen Verehrern drehen, so weit es geht auszuweichen, ebenso wie ihr Bruder, der regelmäßig vorgibt, ins Kino zu gehen und spät nachts besoffen heimkehrt. Im Gegensatz zu Laura hat er Chancen, der beengten Misere und den nervenden Vorhaltungen seitens der Mutter erfolgreich zu entkommen.

Glasmenagerie Szenenfoto © Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Er will sich nicht mit seinem schlecht bezahlten Job im Lagerhaus abfinden, dazu brennt er innerlich zu sehr, besessen von der Gewissheit, zu Höherem berufen zu sein. Ausgerechnet der einzige Bursch, in den sich seine Schwester als Teenager verliebt hatte, wird von ihm als Verehrer zum Abendessen eingeladen. Aus dem ehemaligen Tausendsassa ist mittlerweile aber ein biederer junger Mann geworden, der aus Mitleid in Laura Erwartungen weckt und sie küsst, umgehend aber vom schlechten Gewissen geplagt wird und heim zu seinem eigentlichen Girlfriend abrauscht.

Glasmenagerie Ensemble © Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Unter der Regie von David Bösch wird im Akademietheater die Glasmenagerie dem zerbrechlichen Grundmaterial entsprechend interpretiert. Die einzelnen Regungen der darin gefangenen Personen werden durchsichtig gemacht. Nichts kann versteckt werden, weder die mit verzweifelter Aufdringlichkeit an den Tag gelegte Betulichkeit der Mutter, noch die Zurückgezogenheit Lauras, die sehr gut weiß, dass sie keinem Burschen je gefallen und deswegen kaum geheiratet wird.

Sie ist eben ein seelischer und körperlicher Krüppel, der sich mit Glastieren abgibt statt einen Schreibmaschinenkurs zu besuchen. Der Zuschauer hat zwischen den knappen Dialogen viel Zeit einfach zuzuschauen, wie zu Abend gegessen, wie Karten gespielt oder ohne etwas zu tun dagesessen wird und es trotzdem nicht langweilig wird. Bösch hat viel Platz für die Zeit gelassen, die diesen paar Menschen in ihrer kleinen Mansarde in üppiger Fülle geschenkt ist.

 

Merlin Sandmeyer ist Tom, der noch voll Hoffnungen steckt. Er bringt immer wieder einen Schuss Humor, sogar leise Komik in seine Rolle und versteht es, seinen Tom nach und nach von der klammernden Mutter und geliebten Schwester zu trennen.

Sein Freund Jim O´Connor (Martin Vischer) ist laut Tennessee Williams ein netter junger Mann, der nach einem Durchhänger erste Schritte auf einer Karriereleiter wagt. Regina Fritsch ist eine trotz der Entbehrungen die erstaunlich jung gebliebene Mutter Amanda. Sie versteht es, ihre ohnehin kleine Umwelt virtuos zu kujonieren und blüht angesichts eines Schwiegersohnes in spe zur Eleganz eines in jeder Beziehung unsensiblen Vamps auf. Die etwas dickliche und schüchterne Laura Wingfield wird von Sarah Viktoria Frick mutig und wahrhaftig verkörpert. Sie lässt nie einen Zweifel aufkommen, dass sie weiß, wo es ihr mangelt und tastet sich bei ihrem Schwarm Jim O´Connor dennoch in eine Gefühlslandschaft vor, die ihr aus nachvollziehbaren Gründen verschlossen bleiben wird. Eine berührende Idee der Regie: Ihr Glück, das wie Goldstaub vom Mond her über sie gerieselt ist, wird am Schluss zur kalten Dusche mit dem Wasser, das sich am schrägen Dachfenster vom mittlerweile einsetzenden Regen gesammelt hatte.

Glasmenagerie Szenenfoto © Reinhard Werner, Patrick Bannwart

Hotel Strindberg Szenenfoto © Reinhard Werner / Burgtheater

HOTEL STRINDBERG oder besser doch ein Irrenhaus?

Hotel Strindberg Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Die schicksalsschwere Welt von August Strindberg zur unterhaltsamen Collage im Heute verdichtet

Es gibt nichts Schöneres, als Leuten beim Streiten zuzuschauen. Alfred, ein außer Tritt geratener Regisseur und Drehbuchschreiber, und seine Gattin Charlotte, geweste Schauspielerin, schaffen es, mit ihrer lautstarken Auseinandersetzung, beflügelt vom dafür besten Treibstoff, dem Alkohol, sogar den Concierge zu veranlassen, um Ruhe zu bitten. Als Klimax kommt ans Licht, dass er nicht der Vater des gemeinsam aufgezogenen Mädchens ist. Damit ist Strindberg endgültig im Spiel. Bis dahin ist man auf Raten angewiesen, wie die durchaus heutigen Gestalten mit Smartphone, Googeln und SMS in die von düsteren Schicksalen beherrschte Welt Strindbergs einzuordnen sind. Es ist also durchaus angeraten, sich vor Besuch des Akademietheaters mit den Werken dieses schwedischen Dichters auseinanderzusetzen. Aber es zahlt sich aus. Simon Stone hat mit „Hotel Strindberg“ eine geniale Collage geschaffen, die einem Strindberg in ungemein kurzweiliger unterhaltsamer und vor allem in mitreißender Form nahebringt. Man könnte es durchaus auch als Soap bezeichnen.

Hotel Strindberg Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Es würde dem Stück trotz der Hinweise auf Netflix und ähnliche Unterhaltungsmöglichkeiten aber nicht gerecht, weil es erstens viel mehr Tiefgang hat als jede noch so ernsthaft daherkommende TV-Serie und zweitens die Handlungsstränge am Schluss in einem fantastischen, alle Realitäten aufhebenden Showdown gespenstisch vereinigt werden.

Michael Wächter, Aenne Schwarz © Reinhard Werner/Burgtheater

Die Bühne besteht aus Zimmern eines Hotels irgendwo in Wien, die sich in der letzten Pause in Rezeption und Frühstücksraum und zuletzt in die Zellen eines Irrenhauses verwandeln. In drei Stockwerke kann man jeweils hineinsehen und beobachten, wie sich drinnen neben dem überall laufenden Fernseher sonst noch tut. Eine junge Familie mit Baby legt ein seltsames Paarungsverhalten an den Tag, indem sie unverblümt erzählt, wie sie ein anderer Hotelgast von der Muttermilch befreit habe und dann seinen Finger in ihre Vagina gesteckt hat.

Er gerät darauf in höchste sexuelle Erregung und will mehr hören, was sie ihm aber abschlägt. In einem anderen Zimmer wartet eine junge Frau auf ihren verheirateten Liebhaber, trägt das T-Shirt des Mannes und versucht diesen verzweifelt zu erreichen. Immerhin ist er der Vater des Kindes, mit dem sie seit vier Monaten schwanger ist. An seiner Stelle erscheint aber dessen Ehefrau, die ihre „Nebenbuhlerin“ voll mit Pillen und Alkohol vorfindet und ihren Mann Michael, der alles andere als eine schwangere Freundin will, zu Hilfe holt. Eine reife Frau vergnügt sich mit ihrem Schwiegersohn im Stiegenhaus, während ihr Sohn an seiner Sucht zerbricht. Ein im Moment erfolgloser Autor erwürgt seine Frau, die ihn besucht hat, um gemeinsam die Scheidungspapiere zu unterschreiben, während ein paar Zimmer weiter eine alte Frau, gefesselt an den Rollstuhl, ihre Panik vor dem Gespenst Tod mit ihrem Ehemann bespricht. Obwohl darüber ein nacktes Paar relativ ungestört seiner Zweisamkeit frönt, gibt es keine Peepshow, denn die beiden treiben es im Finstern.

 

Zum Einsatz kommen Franziska Hackl, Barbara Horvath, Roland Koch, Caroline Peters, Max Rothbart, Aenne Schwarz, Michael Wächter, Martin Wuttke und Simon Zagermann

Sie erweisen sich als virtuos wandlungsfähig. Sie sind kaum wieder zu erkennen, wenn sie in verschiedensten Rollen auftreten und jeder der dargestellten Figuren ihren ausgeprägten Charakter verleihen. Mit ihrem schauspielerischen Können tragen sie einen nicht unwesentlichen Teil dazu bei, dass dieses in einem solchen Ausmaß kaum noch dagewesene Experiment, einen Autor wie August Strindberg in einem Stück zu verpacken, zu einem fesselnden Theatererlebnis wird.

Hotel Strindberg Szenenfoto © Reinhard Werner/Burgtheater

Link zum Akademie- & Burgtheater, Foto © Georg Soulek Burgtheater

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