Kultur und Weindas beschauliche MagazinÖyvind Fahlström, Meatball Curtain (for R. Crumb), 1969 KAWS. ART & COMIX „Please mind the gap“ bei Kunst & Comic
Brian Donnelly (*1974) alias KAWS begann seine Laufbahn als Graffiti-Künstler auf der Straße. Seine „Opfer“ waren Plakate und darauf die strahlenden Gesichter der Werbung. KAWS übermalte deren Augen mit Kreuzen, verwandelte sie damit in Comicfiguren und schuf sich damit ein Markenzeichen und offenbar auch eine wirtschaftliche Basis. Denn aus dem Sprayen wurden bald Skulpturen, seine COMPANIONs, die teils selbstbewusst, aber auch schüchtern oder traurig im öffentlichen Raum und dank der japanischen Firma Bounty Hunter in den Kinderzimmern als Spielzeug auftauchten. Es scheint sich um niedliche Zeitgenossen zu handeln, mit rundlichen Körpern, die an das herzige Michelinmännchen erinnern, die aber auch als Monster oder Aliens auftreten und sich wie in „The Architect“ (2024) zu einem Memento mori verfinstern, wenngleich Toons an sich unsterblich sind, wie es im Movie „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ heißt. Seine Werke stehen bis 27. September 2026 in der Albertina Modern im Zentrum der Schau „KAWS. ART & COMIX“, die von Angela Stief und Florian Waldvogel in freundlichem Kontakt mit dem Künstler gestaltet wurde. An Attraktivität wurde nicht gespart. Zur Begrüßung bestrahlt die Lampe von Roy Lichtenstein den Eingang in ein kleines Abenteuer. Mutige dürfen in einen ziemlich vollbesetzten Waggon der New Yorker U-Bahn einsteigen, der von Red Grooms, Mimi Gross & The Ruckus Construction Co. als „skulpturales Comicbuch“ des urbanen Lebens geschaffen wurde, und auf dem letzen freien Sitz Platz nehmen. Die Warnung „Please mind the Gap“ soll hier nicht das Stolpern verhindern, vielmehr ist es ein Hinweis auf die Grenze zwischen bildender Kunst und Comics, die in dieser Ausstellung durch eine Reihe prominenter Positionen aufgehoben ist.
Es ist der gelungene Versuch, das sogenannte „Schundheftl“ aus seiner Schmuddelecke heraus zu holen und zum Motiv der Kunst zu erklären. Pop Art richtet sich an die breite Masse und an deren Vorlieben für zugängliche und vor allem unterhaltsame Inhalte. Sie darf aber auch irritieren, wie die Pink-Panther-Gemälde von Katherine Bernhardt und Micha Wille, die sich in ungewöhnlicher Interpretation vom unbeschwert frechen Helden der Zeichentrickfilme lösen.
Tanzbild, Ausstellungsansicht TANZBILD Gefrorene rhythmische Bewegungen
Die Magie des Tanzes auf eine Fotografie zu übertragen, ist bis heute eine beachtliche Herausforderung. Obwohl die Bildsensoren moderner Kameras extrem kurze Verschlusszeiten bieten, ist und bleibt es eine Aufgabe des Blicks und der jeweiligen Reaktionsfähigkeit, den Solisten im kraftvollen Sprung oder die Primaballerina in scheinbarer Schwerelosigkeit über dem Corps de ballett schweben zu lassen. Nur wenige verfügen über dieses Können. Daran hat sich seit dem Beginn der Fotografie nichts geändert. Am Beginn musste man sich in den nur mit Tageslicht ausgestatteten Ateliers mit gestellten Posen begnügen. Aber schon in den 1870er-Jahren schufen technische Errungenschaften die Möglichkeit, Tanz in Bewegung auf Platte zu bannen. Es war mühsame Pionierarbeit, bis einzelne Abläufe festgehalten werden konnten und damit in faszinierender Weise das menschliche Auge ergänzt und in seiner Wahrnehmung übertroffen wurde. Ergebnisse waren Dokumentationen der verschiedenen Stile des Tanzes, von künstlerischen Gesten über klassisches Ballett bis zur Dynamik des ländlichen Tanzes im Freien; Stars wurden auf die Titelseiten von Magazinen gedruckt und Revuen buhlten mit lasziv die Beine hoch schmeißenden Mädchen um ihr Publikum.
Mit „Tanzbild“ (bis 7. Juni 2026) wird in der Albertina Modern ein wahrhaft ausführlicher Überblick über diese Entwicklungen geboten. Nahezu alle der gezeigten Objekte stammen aus der Fotosammlung der Albertina und aus der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt oder aus dem Bestand der Dauerleihgaben der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Die meist kleinformatigen Arbeiten werden mit Videos und dadurch mit bewegten Bildern ergänzt. An der Kamera waren sowohl Männer als auch Frauen tätig: Erwin Blumenfeld, Atelier d´Ora, Hugo Erfurth, Trude Fleischmann, Rudolf Koppitz, Lisette Model, Charlotte Rudolph oder Anton Josef Trčka. Sie lichteten legendäre Größen wie Josephine Baker, Isadora Duncan, Sebastian Droste, Anna Pawlowa, Harald Kreutzberg und die Schwestern Wiesenthal ab und sicherten ihnen quasi für die Ewigkeit einen Fixplatz in der Ruhmeshalle des Tanzes.
Marina Abramović , Sleeping Under the Banyan Tree, 2010, © Courtesy of the Marina Abramović Archives / Bildrecht, Wien 2025 MARINA ABRAMOVIĆ Was alles ein weiblicher Körper erträgt
Geboren wurde Marina Abramović 1946 in Belgrad in einem von Tito regierten Jugoslawien. Ihre Eltern wurden aufgrund ihres Einsatzes im Partisanenkrieg gegen die deutsche Wehrmacht als Helden gefeiert und mit Staatsämtern belohnt. Marina erlebte damit als Kind hautnah die Zwänge der kommunistischen Ideologie, die einerseits körperliche Disziplin und andererseits ein Aufgaben eigner Meinungen forderte. Umso erstaunlicher ist, dass die heranwachsende Frau sich der Kunst des freien Westens zuwandte. Sie suchte nach der Nische, die in diesen Jahren noch nicht von meist männlichen Malern und Bildhauern besetzt war. Es war die Performance, der Einsatz des eigenen, vor allem weiblichen Körpers, der ihr die Aufmerksamkeit der Kunstwelt ermöglichte. Ähnlich wie im Wiener Aktionismus war damit eine extreme Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst verbunden, mit Schmerz, totaler Erschöpfung und realer Lebensgefahr.
Weiß ist hier die Farbe des Todes. Im Kopfhörer ist die von einer Frau gesungene, später verbotene Nationalhymne aus der Zeit Titos zu hören. Vor der Projektion finden sich in einer Vitrine persönliche Erinnerungsstücke und Fotografien, von denen eine ihren Vater bei einer Siegesparade in stolzer Reiterpose zeigt.
Dieses emotional hoch aufgeladene Statement ist das Plakatmotiv einer gewaltigen Retrospektive für Marina Abramović, die in der Albertina Modern in Kooperation mit dem Bank Austria Kunstforum bis 1. März 2026 deren teils bereits legendäre Auftritte intensiv erleben lässt. Einige der historischen Performances werden live nachgestellt. So stehen ein Mann und eine Frau (trainiert in der mental und körperlich anspruchsvollen „Abramović Method“) in einem Türrahmen einander nackt gegenüber. Will man auf die andere Seite gelangen, muss man sich, die natürliche Scheu vor unwillkürlichen Berührungen unterdrückend, dazwischen durchzwängen.
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