Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Drew Sarich und Ensemble © Christian Husar

KUSS DER SPINNENFRAU als Erlösung von den Qualen hinter der Wand

Artur Ortens, Tamim Fattal, Drew Sarich, Franz Josef Koepp, Martin Berger © Christian Husar

Die geniale Vereinigung von der Zelle eines Gefängnisses mit dem Glamour der Filmwelt

Der eine ist Ästhet, Schaufensterdekorateur, der andere Revolutionär, politischer Agitator. Gegensätzlicher könnten die beiden Männer nicht sein, die es in eine gemeinsame Zelle eines Gefängnisses irgendwo in Südamerika verschlagen hat. Dennoch kommen sie sich näher und aus der anfänglichen Abneigung, die vor allem der Marxist Valentin dem scheinbar unbekümmerten Treiben von Molina entgegenbringt, wird letztendlich Freundschaft und sogar Zuneigung. Molina wurde arretiert, weil er, so das Urteil, mit einem Minderjährigen Sex hatte. Das interessiert seine Bewacher aber wesentlich weniger als die Kontakte seines Zellengenossen, die er ausspionieren soll. Es geht um den Namen von Valentins Freundin, über den man sich Zugang zu den Aufrührern erwartet. Brutalität ist ein Hilfsausdruck für die Vorgehensweise der Schergen. Es wird körperlich gefoltert und es werden psychologische Druckmittel eingesetzt. So wird Molina mitgeteilt, dass seine über alles geliebte Mutter im Sterben liege und er sie nur sehen könne, wenn er mit ihnen kooperiert.

Kuss der Spinnenfrau Ensemble © Christian Husar

Die Schreie der anderen Mitgefangenen versuchen die beiden mit dem Erzählen von Filmen zu übertönen. Molina ist Cineast und verehrt den Star Aurora, deren Streifen er auswendig kann. Nur eine Rolle von ihr, die der Spinnenfrau, deren Kuss tötet, ist ihm ein Gräuel. Er fühlt, dass sie ihn verfolgt und dass er ihr nicht entkommen wird. Dennoch ist ihm die Treue zu seinem Freund wichtiger als die Freiheit, die ihm zwar kurz geschenkt wird, jedoch nur, um ihn bei einem Telefonat mit Valentins Freundin Marta zu betreten und wieder hinter Gitter zu bringen, wo die Spinnenfrau bereits auf ihr nun williges Opfer wartet.

Drew Sarich, Ann Mandrella, David Rodriguez, Artur Ortens, Franz Josef Koepp © Christian Husar

Es ist eine düstere Geschichte, die nach einem Roman des argentinischen Schriftstellers Manuel Puig „El beso de la mujer araña“ und dem Drehbuch für das Filmdrama „Kiss of the Spider Woman“ von John Kander (Musik) und Fred Ebb (Texte) Anfang der 1990er-Jahre zu einem Musical umgearbeitet wurde. Darin wird Anklage gegen das widerrechtliche Vorgehen einer lateinamerikanischen Junta geführt, aber genauso auf die feinen Nuancen menschlicher Empfindungen eingegangen.

Man könnte es makaber nennen, wenn wild dreinschlagende Wachposten gleich darauf Ballett tanzen oder als Chor mitreißende Melodien schmettern. Eingebaut in das dicht gemalte Bild, das diese Handlung vermittelt, wird jedoch alles logisch und von der immer wieder erscheinenden Spinnenfrau zur vielschichtigen Aufarbeitung des Gegensatzes von Kerker und Filmwelt überhöht. In Baden hat Werner Sobotka Regie geführt und hat die Grenzen zwischen Realität und Fiktion so gekonnt aufgehoben, dass es nie die kleinste Unklarheit gibt, in welcher der Welten man sich als Zuschauer gerade befindet. Dazu braucht es natürlich eine raffiniert durchgestylte Bühne (Karl Fehringer/Judith Leikauf), ein perfektes Lichtdesign (Michael Grundner) und ein Orchester, das den rhythmischen und instrumentalen Anforderungen dieser Musik gewachsen ist (Leitung: Christoph Huber).

Artur Ortens, Martin Berger © Christian Husar

Das Wichtigste bleiben dennoch die Solisten, die sich mit beachtlichen Stimmen hören lassen können. Drew Sarich ist ein Molino, der den homosexuellen Burschen ohne Scheu vor Lachern schwuchteln lässt, um auch das bittere Gefühl eines mit sich unglücklichen Menschen auszudrücken, wenn er berührend über Marta sinniert, dass es ihr Glück ist, eine Frau sein zu dürfen. Valentin wird mit Martin Berger zum vierschrötigen Marxisten, aus dem niemand je ein Geständnis prügeln könnte.

Franz Josef Koepp als Gefängnisaufseher beißt sich an beiden die Zähne aus, lediglich den ai-Beobachter (Beppo Binder in der kürzesten Rolle seiner Bühnenlaufbahn) kann er kühl abblitzen lassen. Molinas Mutter (Andrea Huber) kämpft zuletzt sogar vom Rollstuhl aus um ihren Sohn, dem sie in besseren Jahren als Platzanweiserin in einem Kino die Liebe zum Film vermittelt hat.

Die alles entscheidende Marta (Elisabeth Ebner) ist hübsch und lebt in besten Verhältnissen, will aber im Ernstfall nichts von den Troubles wissen, in die ihr Freund durch seine Aktivitäten geraten ist. Aurora, die Traumfigur, erscheint als erotische, von Männern umschwirrte Diva des Kinos der 1930er-Jahre, wird aber zur geheimnisvollen Todesbringerin, die Molina längst in ihrem Netz gefangen hat, das ihre Darstellerin Ann Mandrella mit unwiderstehlichem Gesang für ihn gewebt hat.

Andrea Huber, Drew Sarich © Christian Husar

Franz Födinger, Natalia Bezak, Ensemble © Gregor Nesvadba

DER VOGELHÄNDLER Präsenter Adam und absenter Fürscht

Ilia Staple, Clemens Kerschbaumer © Gregor Nesvadba

Tiroler Brauchtum in der Rheinpfalz als herzerwärmende Show

Carl Zeller hat mit „Der Vogelhändler“ einen Dauerbrenner geschaffen. Die Fülle der angenehm im Ohr haftenden Melodien wird kaum von einer andern Operette übertroffen. Damals, also zur Zeit ihrer Entstehung Ende des 19. Jahrhunderts, war es durchaus noch üblich, dass sich junge Tiroler im gesamten deutschen Sprachraum als Entertainer verkauften. Die Burschen waren kernig und die Mädchen nicht zimperlich. Das mochte man auch bei den feinen Gesellschaften. Der Tirolerhut wurde zum Symbol einer ganzen Unterhaltungsindustrie. Sehr viel hat sich, man beachte TV-Sendungen wie den Musikantenstadel, bis heute nicht geändert. Vielleicht rührt auch daher die Langlebigkeit, die diesen Liedern beschieden ist. Man könnte sich als bierernster Kulturbetrieb insofern distanzieren, dass man aus der lockeren Handlung eine humorlose Analyse gesellschaftlicher Phänomene mit Musikbegleitung macht. Dann wäre das Begrüßungslied des Adam mit „Grüß euch Gott, alle miteinander“ um kein bisschen weniger schwungvoll, aber dennoch blutleer.

Matjaž Stopinšek, Sébastien Soulès © Christian Husar

Wenn dieser junge Mann nun aber vor einer romantischen Waldschenke mit Pavillon mit seinem Vogelkäfig auf dem Rücken hereinstürmt, dann fühlt man sich auch als Zuschauer persönlich bei einer Zeitreise willkommen geheißen, die man allzu gerne mitmacht, um zu erleben, wie sich Adelige recht dumm anstellen und das einfache Mädchen, die Christel von der Post, am Schluss allen den Kopf zurechtrückt.

Verena Scheitz, Regina Riel, Ensemble © Christian Husar

Christa Ertl hat in Baden Regie geführt und einen Abend geschaffen, der kein Auge trocken lassen sollte. Die Bühne (Christof Lerchenmüller) besteht aus drehbaren Elementen und erlaubt auf offener Szene den Umbau vom Inneren des Schlosses in dessen Vorplatz, nachdem im ersten Akt der deutsche Wald den Hintergrund für die dramatische Zuspitzung in den diversen Beziehungskisten bildet. Dort, also vor dem Wirtshaus treiben sich die des Wilderns verdächtigen Dorfleute herum.

Dahinter steckt der kräftig singende Chor, angeführt von Bürgermeister Schneck (Franz Födinger), der dem windigen Baron Weps (Sébastien Soulés) ein Hausschwein für den Abschuss durch den Fürsten andreht, nicht ohne dafür ein Vermögen als Kaution zu erlegen. Echter Schwung kommt ins Geschehen, als Adam und sein Gefolge mit den Singvögeln auftaucht. Clemens Kerschbaumer ist die ideale Verkörperung des goscherten Naturburschen, der zwar stimmgewaltig die Sehnsucht besingt, endlich seine Braut heiraten zu können, aber umgehend auch mit der als einfaches Bauernmädchen verkleideten Kurfürstin flirtet. Regina Riel glänzt stets mit einer Innigkeit ihrer Stimme, steigert diese aber zum Atemanhalten in der Paradenummer „Als geblüht der Kirschenbaum“.

Beppo Binder, Artur Ortens, Ensemble © Gregor Nesvadba

Da der Fürscht, wie ihn Adam despektierlich nennt, selbst nie in Erscheinung tritt, übernimmt Matjaž Stopinšek als verschuldeter Graf Stanislaus dessen Rolle. Bei diesem schmelzend weichen Tenor braucht eine Frau schon ordentliche Widerstandkraft, um nicht schwach zu werden. Baronin Adelaide wäre ja sehr von ihm angetan, laut böswilligem Libretto(!) kann ihre Schönheit aber nicht mit dem Reichtum mithalten. Als Komödiantin und Coupletsängerin jedenfalls ist Verena Scheitz unübertroffen.

Für die Lacher sind freilich auch Artur Ortens (Professor Würmchen) und Beppo Binder (Professor Süffle) gut, wenn sie den Prodekan lustvoll verarschen. Im Grunde dreht sich aber alles um die hübsche Christel von der Post, als die Ilia Staple die Männer temperamentvoll erzieht.

Ihre Stimme ist gerade so hell wie das Glöckchen, das sie anschlagen soll, um den falschen Fürsten zu entlarven. Das Pünktchen auf dem i ist das Ballett, das ganz tirolerisch zu Holzhackerbuam mutiert und schuhplattelt, dass es eine Freude ist. Damit heben sie die Stimmung, nachdem Adam gemeinsam mit dem Orchester der Bühne Baden unter Franz Josef Breznik und dem mitsummenden Publikum das besinnliche „Wie mein Ahnl zwanzig Jahr“ mit aller Zeit dieser Welt zelebriert hat.

Maria Penyaz, Verena Scheitz, Karina Gieler © Christian Husar
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