Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die Rose von Stambul Solisten und Ensemble © Christian Husar

DIE ROSE VON STAMBUL will frei erblühen

Ivana Zdravkova, Sebastian Reinthaller © Christian Husar

Westlich gesinnte Türken als Wiener Operettengestalten

1916 wurde „Die Rose von Stambul“ in Wien uraufgeführt. Das Osmanische Reich, die heutige Türkei, war in diesen Tagen alliiert mit dem Deutschen Kaiserreich und der Österreich-Ungarischen Monarchie und kämpfte im Ersten Weltkrieg gegen Russland. Wenn ein Waffenbruder nun auf die Bühne gestellt wurde, musste er auch möglichst sympathisch gezeigt werden. So erfanden die beiden Librettisten Julius Brammer und Alfred Grünwald einen aufgeklärten jungen Türken, der, um sein westlich orientiertes Gedankengut unter die Landsleute zu bringen, unter dem Pseudonym André Léry romantische Literatur verfasst. Sein Lieblingsaufenthalt befindet sich in der neutralen Schweiz, wo auch der Showdown der die Handlung tragenden Liebesgeschichte stattfindet. Den Anfang macht allerdings eine Zwangsheirat, wie sie dortzulande heute noch gepflogen wird. Dass dabei die von Lérys Ideen infizierte Tochter des Paschas Kondja nicht mitmachen will, eröffnet ein amüsantes Verwirrspiel, denn der ungeliebte Bräutigam ist niemand anderer als Achmed Bey, alias André Léry.

Ivana Zdravkova, Sebastian Reinthaller © Christian Husar

Man taucht ein in eine Türkei, die man selbst noch vor ein paar Jahrzehnten erlebt hat, modern, westlich, liberal, ganz so wie sie Kemal Atatürk reformiert hat, bevor rückwärts gewandte Bestrebungen die Oberhand bekommen haben und die Zeit am Bosporus weit vor 1916 zurück zu drehen versuchen. Dazu gehört auch die Verschleierung der Frauen, gegen die angeblich sogar die Haremsdamen seinerzeit aufbegehrt haben. Leo Fall hat dazu eine Orient und Okzident genial übergreifende Musik geschaffen, mit einer sich gnadenlos ins Ohr krallenden Titelmelodie „O Rose von Stambul“, einem Walzer, bei dem sogar die unwillige Braut beinahe schwach wird.

Nadja Maleh, Ensemble © Christian Husar

Für die Bühne Baden ist dieses Kleinod der Silbernen Operettenära eine weitere Gelegenheit, sich in diesem Genre als eines der führenden Häuser zu behaupten. In der Regie von Thomas Smolej, die erfrischend das Humorige vor die dahinter lauernden bierernsten Probleme stellt, tritt man gern die Reise nach Istanbul und von dort weiter in ein sündteures Luxushotel vis-à-vis vom Matterhorn an. Sam Madwar hat dazu für die ersten beiden Akte einen luftleichten Orient auf die Bühne gestellt.

Die Gitter des Harems verschwinden wie von Zauberhand und über den Dächern von Serail und Moscheen erscheint im Schattentheater eine Romanze aus dem Rosengärtlein, ganz so, wie es sich die Fräuleins bei der Lektüre von André Léry erträumen. Sebastian Reinthaller darf als routiniert sicherer Achmed Bey mit der so gefühlvoll singenden Ivana Zdravkova als Kondja Gül sein übles Spielchen treiben, bis sie einem leid tut. Aber er hat seine Gründe: Er will, dass sie ihn um seinetwillen und nicht als sein Alterego André Léry liebt. Einfacher haben es die beiden Buffofiguren. Midili Hanum wird mit Verena Barth-Jurca zum quirligen Mädchen, das mit Alexander Kröner als den geborenen Fridolin aus den Zwängen der Tradition ausbricht und am Ende sogar seinen Vater (Stephan Paryla-Raky als waschecht komischer Berliner) um den Finger wickelt.

Matthias Trattner als Concierge Maxl und Nadja Maleh als dessen taffe Direktorin haben ihren Szenenapplaus wahrlich verdient, er mit Reimzwang beim Reden und einer sehenswert akrobatischen Einlage an der Bar, sie beim Begrüßen ihrer Gäste mit einem Schwyzerdytsch zum Zerkugeln. Michael Zehetner steht am Pult des solide aufspielenden Orchesters der Bühne Baden. Chor und Ballett beleben beide Welten, hie als türkische Gäste des Paschas (Roman Frankl), da als Skifahrer und tanzendes Personal.

Verena Barth-Jurca, Alexander Kröner, Maria Penyaz, Jan Bezak © Christian Husar

Beppo Binder, Reinhard Alessandri, Robert Kolar, Ensemble © Christian Husar

FATINITZA Ein frech schillerndes Operetten-Kleinod

Regina Riel, Bea Robein, Ensemble © Christian Husar

Transgender-Spaß trotz Krieg und Soldateska

Wie es sich für eine ordentliche Operette gehört, müssen zwei Liebende über eine Reihe von Hindernissen hinweg zueinander finden. Begleitet werden sie dabei von Intrigen, Missverständnissen und süßschmerzlichen Enttäuschungen. Über all dem liegt Musik, die in die Ohren geht und die Welt um die beiden Hauptgestalten mit dem Plüsch großer Melodien und warmer Akkorde verzaubert. Das alles gilt natürlich auch für „Fatinitza“, die Franz von Suppé zu einem Libretto von Camillo Walzel und Richard Genée vertont hat. Das Datum der Uraufführung am 5. Jänner 1876 ließe aber kaum vermuten, dass ein scheinbar vollkommen modernes Thema die Handlung trägt. Ein Mann wird zur Frau und wieder zum Mann. Der Geschlechtswechsel vollzieht sich zwar spielerisch, denn Wladimir Dimitrowitsch Samoiloff, ein Leutnant der russischen Armee, kann seiner großen Liebe Lydia nur in der Verkleidung als türkisches Mädchen näher kommen. Blöderweise verliebt sich deren Onkel, General Graf Timofey Gawrilowitsch Kantschukoff, heiß in die angebliche Fatinitza.

Bea Robein (Fatintza), Reinhard Alessandri (General Kantschukoff) © Christian Husar

Nur mehr rasche Flucht rettet sie bzw. ihn aus der verfänglichen Situation. Bei der Belagerung einer türkischen Festung taucht ein Bekannter des Leutnants auf. Der deutsche Journalist Julian von Golz hat die ungewöhnliche Lovestory zu einem Theaterstück verarbeitet und will dieses nun von den ohnehin gelangweilten Belagerern aufgeführt sehen, selbstverständlich mit Samoiloff in der Titelrolle. Es kommt, wie es kommen muss. Der General erscheint, die Liebe zu Fatinitza flammt erneut auf. Er löst damit einen tollen Wirbel und Cultur Clash aus, den nur das Ableben der fernen Fatinitza und die Heirat von Samoiloff und Sylvia beilegen können.

Thomas Zisterer (Julian von Golz), Franz Suhrada (Izzet Pascha) © Christoph H. Breneis

Allzu oft steht dieses schillernde Meisterwerk von Suppé nicht auf den Programmen der ohnehin wenigen Häuser, die noch Operette pur zu spielen imstande sind. Die Bühne Baden ist eine der bewundernswerten Ausnahmen. Leonard Prinsloo hat den von Robert Kolar witzig und flott umgearbeiteten Text mit einem Ensemble, das Humor vom Feinsten versteht, und dem routinierten Orchester der Bühne Baden unter Franz Josef Breznik raffiniert zwischen Zeiten und Geschlecht inszeniert.

Als geheimnisvolle Kommentare gleiten über die Rückwand surrealistisch anmutende, dennoch romantische Projektionen, während vorne auf einer schiefen Ebene ein Chor von russischen und türkischen Soldaten gemeinsam mit dem Ballett und einem Quartett wacker singender Haremsdamen die Solisten umkreist. Aus der ursprünglichen Sprechrolle des Izzet Pascha macht Franz Suhrada einen fröhlich singenden Oberbefehlshaber, der sogar zum Kismet launig zeitnahe Ideen hat, die er im Duett mit dem Bariton Thomas Zisterer als Julian von Golz durchdekliniert. Robert Kolar muss sich als Sergeant Bieloscurim einiges an Misshandlungen gefallen lassen, zumal dann, wenn der oberste Boss, eben General Kantschukoff in Person des Tenors Reinhard Alessandri auftaucht und sich trotz ansprechender Stimme als Peitschen schwingender Berserker aufführt. Beppo Binder als Leutnant Safonoff weicht hingegen recht geschickt den Aggressionsausbrüchen seines Chefs aus.

Die Lacher auf seiner Seite hat Robert R. Herzl, wenn er im Diskant den Harem scheucht oder als alter Pope am Rollator fast von der Bühne rollt. Regina Riel mit durchsetzungsfähigem Sopran lässt bei ihrer Lydia nichts anbrennen. Sie hat nur ein Ziel, und zwar den hübschen Leutnant Samoiloff. Dabei stört es sie nicht im Geringsten, dass dieser meiste Zeit im Fummel herumrennt. Aber schließlich ist Bea Robein selbst eine attraktive Frau mit großer Stimme, die ja nur so tut als wäre sie ein Mann.

Bea Robein (Leutnant Samoiloff), Ensemble © Christian Husar
Bühne Baden Logo 300

Statistik