Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ricardo Frenzel Baudisch (Pedrillo), Matjaž Stopinšek (Belmonte) © Christian Husar

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL ganz ohne Ecken und Kanten

Thomas Weissengruber (Bassa Selim), Jay Yang (Konstanze) © Erich Wellenhofer

Wenn im Orchester der Türke so richtig dreinhaut und der Muselmann dennoch Größe zeigt...

Bei der Uraufführung von „Die Entführung aus dem Serail“ anno 1782 gab es noch die Hohe Pforte, die zwar immer wieder Anstalten machte, den Goldenen Apfel, also Wien, zu pflücken. Ernst war dieses Ansinnen aber nicht mehr gemeint. Seit der letzten großen Belagerung waren mehr als 100 Jahre vergangen und alles, was türkisch war, in der Hauptstadt der Monarchie Mode geworden. Man liebte den Kaffee und das Kipferl, richtete sich die Salons in orientalischer Mode ein und war verrückt nach der Musik, die mit den Janitscharen nach Westen gekommen war. Die Wiener Komponisten des ausgehenden 18. Jahrhunderts schufen eine Reihe von türkischen Märschen. Das heißt, sie ließen das Stück mit einer fröhlichen zarten Melodie beginnen, die jedoch nach ein paar Takten von einem fürchterlich einbrechenden Wirbel abgelöst wurde und so darstellen wollte, wie die osmanischen Heere einst grausam in eine angeblich hierzulande herrschende Idylle eingebrochen waren. Wolfgang Amadé Mozart war vom Reiz dieser klanglichen Polarität ebenfalls angetan.

Matjaž Stopinšek (Belmonte), Krzysztof Borysiewicz (Osmin) © Christian Husar

In der Ouvertüre von „Die Entführung aus dem Serail“ lässt er nach kurzer Einleitung die Batterie, bestehend aus Gran Cassa, Becken und Triangel, über den darob aufgeschreckten Zuhörer hereinfallen, was in einigen Nummern später immer wieder anklingt. Im Großen und Ganzen bleibt er aber seiner üblichen Kompositionsweise treu, wenn er seine Protagonisten in feinsten Arien ihren Liebesschmerz beklagen lässt. Er macht auch bei Osmin, dem Haremswächter, diesbezüglich keine Ausnahme. Der Bass hat zwar sehr viel zu singen und muss sich dabei wild aufführen, bleibt aber in melodischer Verwandtschaft mit den analogen Gestalten anderer Mozartopern.

Krzysztof Borysiewicz (Osmin), Ricardo Frenzel Baudisch (Perdillo) © Erich Wellenhofer,

Von einer Moda ala turka kann heute bestenfalls am Kebabstand gesprochen werden. Mozarts Oper ist aber zeitlos, weniger ihrer hehren Aussage wegen, mit der Bassa Selim die von ihm teuer gekauften Sklaven samt deren Entführer Belmonte freilässt. Es ist die Musik, die einfach nie aus der Mode kommt, ganz einfach weil sie genial ist. Mit Franz Josef Breznik am Pult des Orchesters der Bühne Baden ist die Garantie für eine feine Interpretation der teils gefährlich durchsichtigen Partitur gegeben.

Bei der Inszenierung des Hausherrn Michael Lakner gibt es keine Experimente. Das Bühnenbild ist ansprechend und die Kostüme sind stimmig. Da in einem Kurtheater auch das Ballett nicht fehlen darf, verbreiten die Tänzer unter der Leitung von András Virág orientalisches Flair. Solid von Christoph Huber einstudiert ist der Chor, der sich in der Klangwelt kriegerischer Janitscharen wacker schlägt. Bei den Solisten machen die Koreanerin Jay Yang als Konstanze mit großem Sopran und der „Mozarttenor“ Matjaž Stopinšek als Belmonte das Zuhören zum wahren Vergnügen.

Als Blondie darf Juliet Petrus hell kichern, mit steilem Schopf frech sein und ihrem Freund Pedrillo (Ricardo Frenzel Baudisch) eine Ohrfeige verpassen. Osmin (Krzysztof Borysiewicz) versteht sich bestens auf Blödeln, wird aber – ganz Buffo-Bass – in der Tiefe sehr dezent. Thomas Weissengruber spricht einen würdigen Bassa Selim, dem man die wahren Gefühle zu seiner Sklavin abnimmt, und der es sogar über sich bringt, statt Rache Vergebung zu üben und damit der ganzen Geschichte ein Happy End zu verleihen.

Ricardo Frenzel Baudisch (Pedrillo) © Christian Husar
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