Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der König und ich, Ensemble © Christian Husar

DER KÖNIG UND ICH als musicalischer Weg vom Barbaren zum Gentleman

Darius Merstein-MacLeod, Patricia Nessy © Christian Husar

Ein solide geführter Ausflug in kolonialistische Vergangenheit

Fernöstliche Diktatoren, und nicht nur die, sind bekannt für Kopf ab ohne großes Tamtam. Früher nannte man sie eben Könige, die aber das gleiche Verhaltensmuster an unkomplizierter Grausamkeit ihren Untertanen gegenüber zeigten. Für den Komponisten Richard Rodgers und dem Librettisten Oscar Hammerstein II fand sich ein Prachtexemplar dieser üblen Sorte in Siam, dem heutigen Thailand. Um diesen König zu einer der Hauptfiguren eines Musicals zu machen, musste dieser zumindest im Ansatz Besserungswillen zeigen, der sich unter anderem im Engagement einer englischen Lehrerin für einen Teil seiner 63 Kinder manifestierte. Diese Mrs. Anna Leonowens hatte eine fesche Witwe zu sein, die unter Umständen das Interesse des Despoten erregt. Mit ihrer britischen Erziehung, die von vornherein als kultiviert angenommen wird, erregt sie zwangsläufig Anstoß in einem Reich, in dem die Menschen nur in Froschhaltung vor den Herrscher treten. Wenn diese beiden Einstellungen nun aufeinanderprallen, war in den Augen der Macher bereits genügend Handlung geboren.

Thomas Weissengruber, Patricia Nessy © Christian Husar

Sie wurde auch begeistert aufgenommen, hie der wilde Barbar in der Gestalt eines Yul Brunner und da die selbstbewusste Lady in Person von Deborah Kerr, die als Kassenhit des Jahres 1956 unter dem Titel „The King and I“ die Kinos stürmen ließen. Am Anfang stand jedoch das gleichnamige Musical (Uraufführung am 29. März 1951 in New York City), das sich auf einen Roman von Margaret Landon stützte. Der anhaltende Erfolg des Bühnenstücks beruhte ebenfalls zum guten Teil auf dem glatzköpfigen Frauenschwarm Yul Brunner, dem einfach jeder Übergriff in Menschenrechtn warmem Herzens verziehen wurde.

Ann Mandrella, Ensemble © Christian Husar

Viele Jahrzehnte später steht „Der König und ich“ auf dem Programm der Bühne Baden. Wenngleich sich manches in der Zwischenzeit an unseren Einstellungen zum Postkolonialismus englischer Prägung grundlegend verändert hat, so bleibt doch die Musik zeitlos. Es gibt zwar keine Ohrwürmer, aber genügend hübsche Melodien, die Sängern und Orchester (Leitung: Christoph Huber) Gelegenheit geben, international geschultes Können zu zeigen. Dazu kommen die Volksszenen und hübsches Theater im Theater.

In einem überdimensionalen Chinarestaurant (Ausstattung: Monika Biegler) sorgen Chor und Ballett in ostasiatisch angehauchten Verkleidungen für Schwung und Folklore. Der Chef, also der König, ist Darius Merstein-MacLeod, der sich stets zum Bösesein aufraffen muss, weil er im Grunde ein netter Kerl wäre, müsste er nicht seine Mitbewohner kujonieren. Ihm gegenüber steht Patricia Nessy als englische Lady, anfangs wegen ihres Lehrerinnendaseins als Sir bezeichnet, die auf dem siamesischen Hof westliches Gedankengut zu verankern versucht. Angereist ist die Offizierswitwe mit ihrem Sohn Louis (Jonas Zeiler), der sich in der Folge mit Kronprinz Chulalongkorn (hat wohl nichts mit dem dort genossenen Langkornreis zu tun) anfreundet, der alternierend von Melvin Hirschmann und Jonas Tonnhofer gespielt wird. Nachdem zu Beginn die Verkehrssprache nicht geklärt ist, hat Robert Kolar einen Kurzeinsatz als Dolmetscher. Im weiteren Verlauf des Geschehens gibt es aber kaum mehr Probleme mit der Verständigung. Der gesamte Hof spricht wunderbares Englisch (hier Deutsch), das die kleine Tuptim (Valerie Luksch) von Haus aus beherrscht, dennoch als eine der vielen Nebenfrauen des Königs auf ihren Geliebten Lun Tha (Beppo Binder) verzichten muss. Mit einem ungemein erotischen Timbre in ihrer Stimme fällt Ann Mandrella auf, die als schöne Lieblingsfrau des Königs Lady Thiang vermittelnd einzugreifen versucht.

Absolut aus der Rolle fällt Thomas Weissengruber als Sir Edward Ramsay. So flegelhaft benimmt sich kein Engländer. Zuerst übersieht er den König, klopft ihm dann kumpelhaft auf die Schulter und macht vor dessen Augen Anna Leonowens Avancen. Das hätte Regisseur Leonard Prinsloo bemerken müssen, es hätte ihm auch auffallen sollen, dass alles zu lang und breit ausgespielt ist, mit wenig prickelnden Texten, wäre da nicht die solide Bühne Baden, die per se genügend Charme auch für ein solches Musical aufbringt.

Ballett der Bühne Baden © Christian Husar

Die Rose von Stambul Solisten und Ensemble © Christian Husar

DIE ROSE VON STAMBUL will frei erblühen

Ivana Zdravkova, Sebastian Reinthaller © Christian Husar

Westlich gesinnte Türken als Wiener Operettengestalten

1916 wurde „Die Rose von Stambul“ in Wien uraufgeführt. Das Osmanische Reich, die heutige Türkei, war in diesen Tagen alliiert mit dem Deutschen Kaiserreich und der Österreich-Ungarischen Monarchie und kämpfte im Ersten Weltkrieg gegen Russland. Wenn ein Waffenbruder nun auf die Bühne gestellt wurde, musste er auch möglichst sympathisch gezeigt werden. So erfanden die beiden Librettisten Julius Brammer und Alfred Grünwald einen aufgeklärten jungen Türken, der, um sein westlich orientiertes Gedankengut unter die Landsleute zu bringen, unter dem Pseudonym André Léry romantische Literatur verfasst. Sein Lieblingsaufenthalt befindet sich in der neutralen Schweiz, wo auch der Showdown der die Handlung tragenden Liebesgeschichte stattfindet. Den Anfang macht allerdings eine Zwangsheirat, wie sie dortzulande heute noch gepflogen wird. Dass dabei die von Lérys Ideen infizierte Tochter des Paschas Kondja nicht mitmachen will, eröffnet ein amüsantes Verwirrspiel, denn der ungeliebte Bräutigam ist niemand anderer als Achmed Bey, alias André Léry.

Ivana Zdravkova, Sebastian Reinthaller © Christian Husar

Man taucht ein in eine Türkei, die man selbst noch vor ein paar Jahrzehnten erlebt hat, modern, westlich, liberal, ganz so wie sie Kemal Atatürk reformiert hat, bevor rückwärts gewandte Bestrebungen die Oberhand bekommen haben und die Zeit am Bosporus weit vor 1916 zurück zu drehen versuchen. Dazu gehört auch die Verschleierung der Frauen, gegen die angeblich sogar die Haremsdamen seinerzeit aufbegehrt haben. Leo Fall hat dazu eine Orient und Okzident genial übergreifende Musik geschaffen, mit einer sich gnadenlos ins Ohr krallenden Titelmelodie „O Rose von Stambul“, einem Walzer, bei dem sogar die unwillige Braut beinahe schwach wird.

Nadja Maleh, Ensemble © Christian Husar

Für die Bühne Baden ist dieses Kleinod der Silbernen Operettenära eine weitere Gelegenheit, sich in diesem Genre als eines der führenden Häuser zu behaupten. In der Regie von Thomas Smolej, die erfrischend das Humorige vor die dahinter lauernden bierernsten Probleme stellt, tritt man gern die Reise nach Istanbul und von dort weiter in ein sündteures Luxushotel vis-à-vis vom Matterhorn an. Sam Madwar hat dazu für die ersten beiden Akte einen luftleichten Orient auf die Bühne gestellt.

Die Gitter des Harems verschwinden wie von Zauberhand und über den Dächern von Serail und Moscheen erscheint im Schattentheater eine Romanze aus dem Rosengärtlein, ganz so, wie es sich die Fräuleins bei der Lektüre von André Léry erträumen. Sebastian Reinthaller darf als routiniert sicherer Achmed Bey mit der so gefühlvoll singenden Ivana Zdravkova als Kondja Gül sein übles Spielchen treiben, bis sie einem leid tut. Aber er hat seine Gründe: Er will, dass sie ihn um seinetwillen und nicht als sein Alterego André Léry liebt. Einfacher haben es die beiden Buffofiguren. Midili Hanum wird mit Verena Barth-Jurca zum quirligen Mädchen, das mit Alexander Kröner als den geborenen Fridolin aus den Zwängen der Tradition ausbricht und am Ende sogar seinen Vater (Stephan Paryla-Raky als waschecht komischer Berliner) um den Finger wickelt.

Matthias Trattner als Concierge Maxl und Nadja Maleh als dessen taffe Direktorin haben ihren Szenenapplaus wahrlich verdient, er mit Reimzwang beim Reden und einer sehenswert akrobatischen Einlage an der Bar, sie beim Begrüßen ihrer Gäste mit einem Schwyzerdytsch zum Zerkugeln. Michael Zehetner steht am Pult des solide aufspielenden Orchesters der Bühne Baden. Chor und Ballett beleben beide Welten, hie als türkische Gäste des Paschas (Roman Frankl), da als Skifahrer und tanzendes Personal.

Verena Barth-Jurca, Alexander Kröner, Maria Penyaz, Jan Bezak © Christian Husar
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