Kultur und Wein

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Conférencier Oliver Baier in Aktion © Christian Husar

DIE BLAUE MAZUR Jiddeln und Schwuchteln wie vor 100 Jahren

Sieglinde Feldhofer (Blanka), Martha Hirschmann (Gretl), Clemens Kerschbaumer (David) © C. Husar

Kurz und gut: eine „wiederentdeckte“ Lehároperette im Sommer-Corona-Stil

Franz Lehár wäre gewiss gerührt gewesen. Michael Lakner, Chef der Bühne Baden, hat – im Gegensatz zu vielen Intendanten dieses Genres – alles unternommen, um dem Großmeister der Operette zum 150. Geburtstag ein würdiges Geschenk zu bereiten. Erwählt wurde dafür das mit heurigem Jahr exakt 100 Jahre alte Werk „Die blaue Mazur“. Was zur Zeit seiner Entstehung ein Riesenerfolg war, verkam in der Zwischenzeit zu einem Archivstück, aus dem man bestenfalls einzelne Nummern in Operettenkonzerten plünderte. Lakner konnte, oder besser, wollte das von den Librettisten Leo Stein und Bela Jenbach verfasste Buch nicht ohne eigene, sehr intensive Bearbeitung dem Publikum vorsetzen. Die Chorszenen und das Ballett, abgesehen von einem Miniauftritt eines Tanzpaares, wurden gestrichen, um dem Babyelefanten auch auf der Bühne eine Auftrittschance zu geben. Die Reihen der Zuschauer waren ohnedies radikal gelichtet, um den gesetzlichen Vorgaben gerecht zu werden. Statt der gewohnten 600 waren bei der Premiere knapp 200 Personen.

Sieglinde Feldhofer (Blanka), Clemens Kerschabumer (David) © Christian Husar

Sie wurden vom Conférencier Oliver Baier launig eingeschworen, doch die fehlenden Klatschhände durch dreifach starken Applaus zu ersetzen. Baier füllt mit seinen witzigen Kommentaren genial auch inhaltliche Löcher und lässt gerne übersehen, dass einst in Polen nur getaufte Juden, die Neophyten, einen Adelstitel erhalten hätten. Hier aber darf David Graf Szplimanski seine Hochzeit mit einer Bande von hemmungslos jiddelnden Freunden nach mosaischem Ritus feiern, und das in Wien knapp nach dem Ersten Weltkrieg, als längst alle Adelstitel abgeschafft waren. Ähnlich fügt sich auch die humorig homophile Szene mit der Männerrunde um Clemens Freiherr von Reiger in diese humanistisch engagierte Sicht auf eine in der Geschichte versunkene Gesellschaft, von der Lehárs Operetten zeitlos ihre komische Energie beziehen.

Die jiddelnden Freundesrunde des Grafen © Christian Husar

Clemens Kerschbaumer ist ein energischer David Graf Szpilmanski, der lediglich im Walzerlied „Ich darf nur eine lieben“ wehleidig wird. Immerhin gibt er ein Lotterleben auf, um die in ehelicher Treue resolute Blanka von Lossin, ein edles Waisenmädchen, zu heiraten. Die strahlende Sopranistin Sieglinde Feldhofer hat für alle Fälle „Dieses kleine Medaillon“, das ihr die Mutter vermacht hat. Als sie das Gejammer ihres frisch Angetrauten heimlich mit anhört, öffnet sie enttäuscht die Kapsel.

Sie findet darin die Adresse von Mutters platonischem Freund. Der dort genannte Clemens Freiherr von Reiger (Thomas Zisterer) verlebt seine Tage in Gesellschaft zweier „gleichgepolter“ Freunde. Leopold Baron Abwatsch (Thomas Weinhappel) und Albin Edler von Unbedarft (Philippe Spiegel) dürfen ohne eine Spur von Political Correctness schwuchteln, was das Zeug hält. Die Vermittlungsperson zwischen gräflichem Ansitz und dem Palais des warmen Barons ist der helle Tenor Ricardo Frenzel Baudisch, der sich hie als Lebemann Baruch, und da als braver Student Benjamin von Blumenstijn gibt und am Ende den eigentlichen Störfaktor, die von David abgelegte Geliebte Gretl Aigner (Martha Hirschmann als erfischend geschertes Wiener Mädel vom Wiener Hofballett), heiratet. Nichts steht nunmehr im Wege, bei der blauen Mazur, dem letzten Tanz des Festes, restliche Zweifel an gegenseitiger Liebe zu überwinden. Leid tun kann einem Beppo Binder, der neben einigen anderen Rollen auch den malträtierten Gatten einer dominanten Russin gibt.

Mit blonder Perücke zeigt ein fleißig als Schauspieler einspringender Oliver Baier, wie man einer „überragenden“ Dame zu gehorchen hat. Franz Josef Breznik schafft mit dem kleinen Orchester, dessen Bläser abstandshalber aus den vorderen Logen der Sommerarena spielen, eine sanfte Begleitung der Sängerriege. Nach gut eineinhalb Stunden bleibt von diesem zügigen und gaudigen Abend das Gefühl, dass einem kaum was abgegangen ist. Ob ein solcher Umgang mit der Operette nicht letztendlich sogar Schule macht?!

Schwuchteln unter sich: Von Unbedarft (P. Spiegel), Baron Anwatsch (T. Weinhappel) © Christian Husar
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