Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Reinhard Alessandri, Verena Barth-Jurca © Christian Husar

Reinhard Alessandri, Verena Barth-Jurca © Christian Husar

GRÄFIN MARIZA Klangvoll feudale Reminiszenzen

Ballett beim Criminal Tango © Christian Husar

Ballett beim Criminal Tango © Christian Husar

Wenn das Ballett eigene Geschichten erzählt, dann ist das die „andere“ Operette

Hochadel und Geld waren einst nicht immer Geschwister. Bei entsprechend finanziellen Aussichten sah die aufgehaltene gräfliche Hand gnädig über Standesunterschiede hinweg. Ähnlich verhielt es sich, wenn der verblichene Glanz eines würdigen, uralten Wappens durch eine satte Geldheirat wieder aufpoliert werden konnte. Julius Brammer und Alfred Grünwald, die Librettisten von „Gräfin Mariza“, ließen das Vermögen in einer Frau von hohem Stand zusammenlaufen, die überdies ausnehmend reizvoll ist und daher für weniger begüterte, wenngleich blaublütige Familien und deren männliche Sprosse ungemein attraktiv erscheint. Es leuchtet irgendwie ein, dass diese Dame nicht auf den ersten besten Anwärter eingeht, sich viel eher vor dem gewaltigen Andrang an Verehrern schützen will. Dass sie dazu eine List erfindet, die ihr eine möglichst gelassene Suche nach dem geeigneten Kandidaten eröffnet, ist nur ein Teil der Handlung. Der andere Teil ist der Gutsverwalter, dessen Charme sie schließlich erliegt. Damit alles in den „besten“ Kreisen verbleibt, muss dieser mindestens Graf, wenn auch ein verarmter, sein. Das Erstaunliche an dieser Konstellation ist aber nicht so sehr die recht unwahrscheinliche Liebesgeschichte. Es wäre ja keine Operette, wenn sich nicht zwei junge Leute kennenlernten und nach einigen Verwicklungen am Ende ehelichten.

Reinhard Alessandri, Cornelia Horak © Christian Husar

Reinhard Alessandri, Cornelia Horak © Christian Husar

Uschi Plautz, Oliver Baier © Christian Husar

Uschi Plautz, Oliver Baier © Christian Husar

Verwunderlich ist das Datum der Uraufführung: 1924! Adelstitel waren bereits einige Jahre lang abgeschafft. Publikum und Darsteller lebten in einer demokratischen Republik, der Kaiser war rüde vertrieben worden und kein Mensch verbeugte sich mehr vor Freiherren oder Baronessen. Aber man goutierte die Standesdünkel, wohl aus nostalgischen Empfindungen heraus, oder war es der Zauber der Musik, die der Magier ohrgängiger Melodien Emmerich Kálmán dazu komponiert hatte?

 

Die Begeisterung für dieses Werk hat erstaunlicherweise bis in unsere Tage angehalten. Dank eines solide aufspielenden Orchesters unter der Leitung von Christoph Huber, einem launig agierenden Ensemble, wunderbaren Solisten und überraschenden Regieeinfällen kann auch die Bühne Baden mit der Mariza einen Erfolg verbuchen. Der Stoff schreit geradezu nach Persiflage. Dass diese eher sanft ausgefallen ist, ist Leonard Prinsloo zu verdanken. Der Regisseur bremst zwar in keiner Weise die Schmiere. Gefühlswallungen dürfen hemmungslos übertrieben werden, doch mit dem entsprechenden Augenzwinkern, das sagt, bitte, nehmt das nicht wirklich ernst! Als Kontrapunkt und Anlass zum Grübeln taucht das Ballett über das ganze Stück verteilt in Aufmachungen auf, die so gar nichts mit ungarischer Folklore und Zigeunerromantik zu tun haben. Während der Ouvertüre tanzt eine südamerikanische Gangsterbande ihren Criminal Tango, diesen aber mit bestechender Präzision (Ltg. Anna Vita), um z. B. nach der Pause als eine Horde von Ratten die Einrichtung der ohnehin karg möblierten Bühne (Monika Biegler liebt offenbar graue, kahle Wände) zu devastieren.

Benjamin Plautz, Reinhard Alessandri © Christian Husar

Benjamin Plautz, Reinhard Alessandri © Christian Husar

Thomas Malik, Thomas Zisterer © Christian Husar

Thomas Malik, Thomas Zisterer © Christian Husar

Wohltuende Farbe bringen der Gesang und nicht zuletzt das schauspielerische Können der Solisten. Als Fürst Populescu muss sich Thomas Malik mit dem flotten Baron Koloman Zsupán (Thomas Zisterer) Knurrduelle liefern und sorgt damit für erfrischende Heiterkeit. Dass beide Deppen sind, daran besteht kein Zweifel. Die reizende Lisa (Verena Barth-Jurca) sieht im Fall von Zsupán liebevoll darüber hinweg. Außerdem verfügt sie über eine entscheidende Eigenschaft: Sie ist arm. Der begüterte Großvater des feschen Herrn aus Varaždin hat nämlich verfügt, dass sein Enkel nur ein mittelloses Mädchen ehelichen darf, wohl um frisches Blut in die degenerierte Mischpoche zu bringen. Eine umwerfend komische Alte ist Uschi Plautz, die unter ihrer abenteuerlichen Perücke jedoch die praktische Intelligenz einer Fürstin Bozena Cuddenstein zu Chlumetz aufblitzen lässt. Ihr zur Seite steht Penizek, alias Oliver Baier, als verlässlicher Spaßmacher. In strengem Businessoutfit erteilt Manja (Jerica Steklasa) Weissagungen für ein Happy End. Bis es aber dahin kommt, verlangt Graf Tassilo von Endrödy-Wittemburg dem Tenor Reinhard Alessandri einiges an fordernden Arien ab, der ausgerechnet beim zentralen Hit, dem „Komm, Zigány, komm, Zigány, spiel mir was vor“, ohne Bühnengeiger auskommen muss. Aber er greift damit der spröden Mariza ans Herz. Cornelia Horak scheint es Spaß zu machen, Männer zu quälen, und das mit einem wunderhübschen Sopran, der sich locker über den Chor hinaus erhebt. Als betuchte und umschwärmte Gräfin könnte sie sich solche Eskapaden leisten, wären da nicht die Liebe und die verdammt schön schluchzenden „Zigeunergeigen“.

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