Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Šejla Kamerić, "Liberty", 2015 Courtesy Galerie Tanja Wagner, Berlin

DER WERT DER FREIHEIT oder doch noch viel mehr Vorschriften?

Igor Grubić, "366 Liberation Rituals (Against Trash)", 2008—2009 Courtesy Igor Grubić, Zagreb

Ein Wegweiser durch das Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten und Wechselwirkungen

Freiheit endet dort wo die des anderen anfängt. So einfach wäre die Formel, die sich an Kants Kategorischen Imperativ anlehnt und jedem sein Recht lässt. Dass dem nicht so ist, wissen wir alle. Wozu bräuchten wir Reglementierungen, sprich, einen Wust an Vorschriften, die unser Zusammenleben einigermaßen erträglich machen; was mit dem Kebap in der U-Bahn anfängt und mit immer neuen Feinsteuerungen in der Straßenverkehrsordnung endet. Wenn sich nun Künstler darüber Gedanken machen, geht´s natürlich nicht so einfach ab. Diese Herrschaften denken in anderen Dimensionen als unsereins Kleingeist und lassen uns allein bei ihren Werken sinnieren, was das alles mit dem „Wert der Freiheit“ (bis 10. Februar 2019 im Belvedere 21) zu tun haben könnte. Es zahlt sich aber aus, die Ausstellung anzuscheuen und darüber zu diskutieren. Man hat schon beim Eintreten Zeit dazu, denn Eva Grubinger hat unter dem Titel „Crowd“ genau das Gegenteil als kurzfristige Sperre hingestellt. Sie lässt den ungeordneten Haufen von Besuchern lediglich mittels Tensatoren in das Belvedere 21 eindringen.

Tobias Zielony, Videostill aus "Maskirovka", 2017 Courtesy Tobias Zielony und KOW, Berlin

Tensatoren sind die Bänder, die man vom Flughafen kennt und die den Passagier zwingen, sich säuberlich anzustellen und jeden chaotischen Ellbogentypen seine Freiheit aufzugeben.

 

Irgendwann hat man die Aufforderung nachzurücken befolgt und steht einer stacheligen LIBERTY gegenüber. Die bosnische Šejla Kamerić weiß wovon sie spricht und will mit dieser Installation nicht nur Tauben vom Landen und sonstwas abhalten, sondern das Biestige jeder Freiheit sichtbar machen.

Hiwa K, Videostill aus „May 1“, 2009 Courtesy Hiwa K, KOW, Berlin and Prometeogallery di Ida Pisani

Man kann sich leicht stechen, wenn man sich zu sehr auf Demokratie und die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz beruft. Was natürlich ganz von den jeweiligen Machthabern abhängt. Derlei regierende Exemplare schrecken nicht vor Inhaftierung missliebiger Journalisten und goscherten Freidenkern zurück. So besehen ist ihre Liberty zumindest wehrhaft gegen Despoten, die mit mehr oder eher weniger freien Wahlen zur Unterdrückung ihrer Untergebenen berufen wurden – aber dabei dürfte es sich nur um einen Wunschtraum der Künstlerin handeln.

Einer, dem man ebenfalls glauben muss, ist der Kurde Hiwa K. Er flüchtete aus dem Irak und kam vorerst zur Musik, wo er als Profi-Gitarrist arbeitete, bis es ihm offenbar zu dumm wurde, wie lässig die Deutschen den Umtrieben gegenüberstehen, mit denen sein Volk von unfreundlichen Nachbarn drangsaliert wird. Also wurde er Künstler und zeigt auf seine Weise auf, wie Demokratisierung mit Füßen getreten wird. Das eindrucksvolle Beispiel in May 1 ist das Scheren des Kopfes eines Demonstranten, um diesen mit dem Verlust seines natürlichen Kopfschmucks zu erniedrigen.

Wieder zurück am Balkan zeigt Igor Grubić in einer Fotodokumentation einer Aktion im öffentlichen Raum in Zagreb 366 Liberation Rituals. Sie alle haben sich im Belvedere 21 getroffen, um ihre persönliche Position zu diesem Thema den Besuchern in einem nach wie vor freien Österreich so deutlich wie es eben nur Kunstwerke zu machen vermögen. Was den Wust an kleinlichen Vorschriften in unserem Land anbelangt, so wäre dafür das richtige Format eher eine kabarettistische Veranstaltung.

Ausstellungsansicht "Der Wert der Freiheit" Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Polly Apfelbaum, "Face (Geometry)( Naked) Eyes", 2016 © Belvedere, Wien, / Foto: Sandro Zanzinger

POLLY APFELBAUM Teppiche im Farbenrausch der 68er

"Deep Purple, Red Shoes", 2015 (Detail) © Belvedere, Wien, 2018 / Foto: Johannes Stoll

Aufgelegte Konzeptkunst im Sinne des „Potential of Women“

Zuerst heißt es: Schuhe aus! Und Schlapfen an! Stella Rollig, Genreraldirektorin des Belvederes, nennt es eine erste Aktion, an der sich der Besucher des Belvedere 21 beteiligt, so er die Ausstellung „Happiness Runs“ (bis 13. Jänner 2019) der US-amerikanischen Künstlerin Polly Apfelbaum betreten will. Mit ihren farbenfrohen Teppichen konterkariert sie die herbe Architektur dieses Pavillons der modernen Kunst. Sie schafft einen Hauch von Gemütlichkeit, denn man hockt sich gern auf den mit Kunst bedeckten Boden, erstens ist er nicht so kalt wie der Beton dazwischen und zweitens kann man die bei einem Museumsbesuch üblicherweise ohnehin strapazierten Füße entspannen. In dieser entspannten Stellung liest man mit Vergnügen die kleine Broschüre, in der ein Teppich nach dem anderen mit Titel und kurzer Erklärung vorgestellt wird. „The Potential of Women“ stammt beispielsweise aus 2017 und besteht aus vier identen Objekten, auf denen die Frontalansicht eines abstrahierten weiblichen Kopfes mit schwarzer Bobfrisur in Orange und Pink vor einem hellbraunen Hintergrund.

Polly Apfelbaum, Stella Rollig, Esther vorne sitzend

Zu erfahren ist auch, dass sich das Motiv auf ein Symposium anno 1963 bezieht, das sich mit der Emanzipation der Frau beschäftigte. Diese Diskussionsrunde, die hauptsächlich aus Männern bestand, verfehlte damals glatt ihre Ziele. Da es sich weniger um den emanzipatorischen Prozess als um die Frau als Forschungsobjekt drehte, brachte sie Polly Apfelbaum auf die Idee, mit gleichem Titel und Sujet das Thema Gleichstellung in, wie es dort wörtlich zu lesen ist, seiner historischen und gegenwärtigen Dimension zu hinterfragen.

Ausstellungsansicht: Polly Apfelbaum. Happiness Runs © Belvedere, Wien, 2018 Foto: Sandro Zanzinger

Die 68er-Jahre hat Polly Apfelbaum als Teenager erlebt, sie ist Jahrgang 1955. Aber der Aufbruch, der sich dieser Tage ereignete, wurde von ihr bewusst wahrgenommen und in ihr späteres Arbeiten miteinbezogen. Hierzulande war sie bis dato unbekannt, also muss man den Recherchen der Ausstellungsgestalter glauben, die herausgefunden haben, dass Polly Apfelbaum seit Ende der 1980er-Jahre aus der amerikanischen und der internationalen Kunstszene nicht mehr wegzudenken ist.

So auch, dass für ihr vielschichtiges Œuvre eine hybride Ästhetik, in der Traditionen aus Skulptur, Malerei, Handwerk, Design und Installation ineinander übergehen, charakteristisch ist. Sie bemüht sich, die Grenzen zwischen Kunst (von ihr stammen Konzept und Idee) und Handwerk (die Teppiche werden in Mexiko von Männern gewebt) auszuloten. Apfelbaum ist zudem zutiefst überzeugt, dass die Summe aus dieser Begegnung, kurz das Kunsthandwerk, mit dem Stigma der Häuslichkeit und Weiblichkeit behaftet und darob umgehend zu überwinden sei.

Es gibt also eine Menge Möglichkeiten, diese Teppiche zumindest gedanklich zum Fliegen zu bringen. Treibstoff für ein entsprechendes Abheben sind die hemmungslos freundlichen Farben. „Deep Purple, Red Shoe“ oder „Rainbow Nirvana Houndstooth“, das für eine Gruppenausstellung des französischen Modehauses Dior 2012 entstand, bringen Happiness ins Laufen. Houndstooth ist übrigens ein schottisches Muster, dem sich nur Männer bedienen durften und das erst Dior für die Damenwelt zugänglich gemacht hat.

"Face (Geometry)( Naked) Eyes", 2016 (Detail) © Belvedere, Wien, 2018 / Foto: Johannes Stoll
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