Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 Ausstellungsansicht „Ugo Rondinone. Akt in der Landschaft“  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht „Ugo Rondinone. Akt in der Landschaft“ Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

UGO RONDINONE Ruhender „Akt in der Landschaft“

Loch im two standing landscapes with sunrise and sunset mit Nude

Loch im two standing landscapes with sunrise and sunset mit Nude

Mit gläubiger Beschaulichkeit durch Kunst-erfüllte Räume wandeln

Es gibt wohl nur mehr wenige Galerien auf dieser Welt, in denen die Werke des 1964 in der Schweiz geborenenen Ugo Rondinone noch nicht ausgestellt gewesen wären. Deswegen verwundert es, dass dem Belvedere 21 die Ehre zuteil wurde, in Österreich die erste Einzelausstellung dieses Künstlers auszurichten. Kurator Axel Köhne kann deshalb nicht genug begeistert sein: „Akt in der Landschaft lässt Gattungen, Begriffe und Rollen verschwimmen und ist immer wieder an die Wahrnehmung der Besucher*innen zurückgebunden. Die Ausstellung bildet gegen die Zumutungen und die Geschwindigkeit der neoliberalen Welt eine fast unzeitgemäße magische Projektionsfläche, die sich einer eindeutigen Lesart entzieht und ein semantisches Rauschen und Vibrieren zulässt. Hat die rationale Moderne die Welt entzaubert, so arbeitet Rondinone an unserer melancholisch-romantischen Rückverzauberung.“ In eine Festfanfare des Jubels stößt auch Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere, angesichts der von ihr konstatierten Erschöpfung, Melancholie und unerfüllbaren Sehnsucht als Gemütszustände der Gegenwart: „Ugo Rondinone, der Magier, schafft ein Sinnbild dieser inneren Welt als Raum der Unwirklichkeit, in dem Weltschmerz sich an schierer Schönheit bricht.

Ugo Rondinone, rain cloud, 2019

Ugo Rondinone, rain cloud, 2019

 Ugo Rondinone, yellow clock, 2016  Foto: Stefan Altenburger, Courtesy of studio rondinone

Ugo Rondinone, yellow clock, 2016 Foto: Stefan Altenburger

Was ist nun tatsächlich in dieser Schau zu sehen, die dermaßen tröstlich und bewegend angekündigt wird? Ins Auge springen im ersten Moment salopp verstreut im Erdgeschoss kauernde menschliche Figuren. Und die Landschaft, wie sie im Untertitel versprochen wird? Doch! Eine solche umgibt den Raum und schwappt durch die Fensterfronten mit grünender Helligkeit herein, um den vielen Platz zwischen den Objekten freundlich mit Licht auszufüllen. Es herrscht tatsächlich eine ruhige, meditative Atmosphäre, die lautes Sprechen oder eilige Bewegung verbietet. Man will die 14 lebensgroßen „nudes“ nicht aufstören. Es sind Wachsabgüsse von Tänzern weiblichen und männlichen Geschlechts, die sichtlich bemüht sind, von einander den größtmöglichen Abstand zu halten, während sie ihren Muskeln zwischen Pas de Deux und Spitzentanz Entspannung gönnen. Was man natürlich nur bemerkt, wenn man den Saaltext eingehend liest, ist die Zusammensetzung des Materials dieser aus bis zu 20 Einzelteilen zusammengesetzten Akte. Sie enthalten Erdpigmente von verschiedenen Kontinenten der Welt, was wiederum bei genauer Betrachtung feine farbliche Abstufungen ergibt. Ob man davon beeindruckt ist oder nicht, aber man erfährt, dass die Körper auf diese Weise unterschiedliche Erdteile in sich tragen und zugleich Individualität und Diversität versinnbildlichen.

 Ausstellungsansicht „Ugo Rondinone. Akt in der Landschaft“  Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht „Ugo Rondinone. Akt in der Landschaft“ Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Einzeln herausgepickt werden sie für die Betrachter durch kreisrunde Löcher in zwei mächtigen Wänden. Dazu muss man wissen, dass es sich dabei ebenfalls um ein eigenständiges Werk Rondinones handelt: „two standing landscapes with sunrise and sunset“ (2021). Diese über vier Meter hohen, 18 Meter bzw. 16 Meter breiten und mehrere Tonnen schweren Raumteiler wurden extra für das Belvedere 21 geschaffen, offensichtlich um die Tragfähigkeit der Decke zu testen. Eher erdgebunden ist auch die „winter cloud“ (2019), die aus gewichtigen Steinbrocken besteht und deshalb schwerlich als Wolke über den Himmel ziehen könnte. Luftig leicht nehmen sich dagegen die 2016 entstandenen Uhren ohne Zeiger, betitelt mit „red clock“, „blue clock“ und „yellow clock“, aus. Die einzigen Hinweise auf die Stunde, die es auf ihnen geschlagen hat, sind deren Farben für die blaue Stunde, die Mittagssonne und den Sonnenuntergang, ähnlich wie die das Innen und Außen verbindenden Folien an den Glasscheiben der Fassade. Sie wollen mit „when the sun goes down and the moon comes up“ (2021) zum Sinnieren und emotionalen Begreifen anregen. Dazu braucht es allerdings einiges an guten Willen und Vertrauen in die Lauterkeit eines als Konzept-, Medien- und Installationskünstlers international hoch gepriesenen Ugo Rondinone.

Ausstellungsansicht "Avantgarde und Gegenwart © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht "Avantgarde und Gegenwart © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

AVANTGARDE UND GEGENWART Neues und „historisch“ Zeitgenössisches

 Agnieszka Polska, Eclipse, 2012  © Courtesy the artist and Zak Branicka Gallery, Berlin

Agnieszka Polska, Eclipse, 2012 © Courtesy the artist and Zak Branicka Gallery, Berlin

Ein überzeugender Nachweis, wofür Belvedere und Artothek des Bundes Geld ausgegeben haben

140 Positionen, wie es im Kuratorensprech heißt, erfüllen den ersten Stock des Belvedere 21 mit der Freiheit von Farben und Formen. Zumeist ist nur ein einzelnes Werk der jeweiligen Künstler, ausgewählt von Luisa Ziaja, die diese Fülle in sechs Erzählstränge gegliedert hat. Die ältesten Beispiele stammen aus den 1930er-Jahren, die jüngsten sind eben erst entstanden und wurden entweder vom Belvedere oder von der Artothek des Bundes angekauft. Ganz bewusst will man die Stunde Null der österreichischen Gegenwartskunst nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ansetzen. So treffen die Besucher gleich beim Aufgang auf ein Gemälde von Albert Paris Gütersloh, dem Mentor der Malerei in der Zwischenkriegszeit. Er verstand sich, so berichtet der Wandtext, prächtig mit den Mächtigen des Ständestaates und gedachte seine Bedeutung auch den Nationalsozialisten anzudienen. Die neuen Herren unter dem Hakenkreuz hatten aber wenig Verständnis für seine Kunst. Sie wurde für entartet erklärt und Professor Gütersloh seines Amtes enthoben. Mehr dazu erfährt man aus dem Begleitheft zur Ausstellung. Es erklärt an dieser Stelle den vielschichtigen Hintergrund von „An-Sammlungen und gebrochenen Realitäten“. Ein Ausspruch des deutschen Philosophen Walter Benjamin sollte zu Denken geben, demnach Sammlungen „niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein“ sein können. Zwei mahnende Beispiele sind Arbeiten der Künstlerinnen Marie-Louise von Motesiczky oder Trude Waehner, die vor den Nazis gerade noch emigrieren konnten.

Curt Stenvert, Violinspieler in vier Bewegungsphasen © Belvedere, Bildrecht, Wien 2021

Curt Stenvert, Violinspieler in vier Bewegungsphasen © Belvedere, Bildrecht, Wien 2021

Maria Lassnig, Doppelselbstporträt mit Kamera, 1974 © Maria Lassnig Stiftung/ Johannes Stoll

Maria Lassnig, Doppelselbstporträt mit Kamera, 1974 © Maria Lassnig Stiftung/Johannes Stoll

Hat man sich von diesen düsteren Wurzeln gelöst, darf man in „Surrealen Narrativen“ baden. Sie durchziehen die ganze Schau. Wieder war eine weltweite Katastrophe Anlass zu dieser ins Absurde und Phantastische verschobenen Sicht der Realität. Der Surrealismus entstand um 1924, also bald nach dem Ersten Weltkrieg, und verbreitete sich von Frankreich aus über Europa bis in die ganze Welt. Auch die Österreicher Greta Freist und Gottfried Goebel haben sich der rätselhaften Bildsprache verschrieben, lange vor der Wiener Schule des Phantastischen Realismus mit Ernst Fuchs, Wolfgang Hutter oder Arik Brauer und späteren Strömungen, die bis ins Heute herauf reichen. Ähnlich sonderliche Blumen im zeitgenössischen Garten sind „Abstraktionen“, die bereits im Jugendstil gesät und ihre ersten Blüten im Kubismus, Futurismus und Konstruktivismus zeitigten. Aus 1939 stammt der faszinierend schwerelose „Diving Bird“ von Erika Giovanna Klien oder Kurt Stenverts „Violinspieler in vier Bewegungsphasen“ als gemalter Ausdruck neuer Musik um 1947. Als Weiterentwicklung dieser Richtung weg vom Gegenstand zeigen sich die „Formen des Informellen“, die in den 1950er-Jahren en vogue waren. Es war die Zeit allgemeiner Ablehnung.

Ashley Hans Scheirl, Neoliberal Surrealist © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Ashley Hans Scheirl, Neoliberal Surrealist © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

 VALIE EXPORT, Homometer, 1937  Foto: Johannes Stoll © VALIE EXPORT Bildrecht, Wien 2021

VALIE EXPORT, Homometer, 1937 Foto: Johannes Stoll © VALIE EXPORT Bildrecht, Wien 2021

Realistisch-gegenständliche Bildsprache wurde als Dienst an der Politik diskreditiert, Ordnung, Strenge und harmonische Komposition waren das Charakteristikum des verachteten Spießbürgertums. Markus Prachensky, dessen „Rouges différents sur noir – Liechtenstein“ ausgestellt ist, sah den Malakt manifestiert als Spur impulsiver Pinselstriche auf der Leinwand. Adolf Frohner entdeckte das Potential aufgefundener Reste in seinem Atelier als Kunstgegenstand, gleichzeitig standen er Pate für den Wiener Aktionismus, dem ein eigenes Kapitel in „Performative Körper“, von der Selbstbemalung eines Günter Brus bis Aktionsfotos von Hermann Nitsch, Otto Mühl und Rudolf Schwarzkogler gewidmet ist. Der letzte Abschnitt wird als „Re-Visionen“ bezeichnet und ist Werken gewidmet, deren Einordnung nur mit komplizierten bis unverständlichen Überlegungen erklärt werden kann. Aber auch dieses bunte Gemisch aus kreativen Hervorbringungen hat seinen Reiz und ist damit adäquater Teil der beeindruckenden Schau „Avantgarde und Gegenwart. Die Sammlung Belvedere von Lassnig bis Knebl“ (bis 19.02.2023).

Modell der Kirche des Karmelitinnenklosterprojekts © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

WOTRUBA, HIMMELWÄRTS Die Kirche auf dem Georgenberg

Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Hoch aufgetürmte Betonblöcke schaffen einen archaischen Kultplatz

Fritz Wotruba (1907-1975) war Bildhauer. Er hat in seinen Skulpturen dem Menschen eine kraftvolle Gestalt gegeben, reduziert auf dreidimensionale geometrische Formen wie Stele und Kubus, die seine Werke auf den ersten Blick erkennbar machen. Es waren mehrere Zufälle, dass er zum Schöpfer einer Kirche wurde. Es begann im Nachkriegsösterreich mit der Entführung der jungen Ökonomin Margarethe Ottilinger nach Russland und deren Gelöbnis, nach geglückter Heimkehr den Karmelitinnen ein neues Kloster zu stiften.

Fritz Wotruba, Skizze zu einer Architektur, 1966 © Harald Eisenberger / Belvedere, Wien

Ein Grundstück in Niederösterreich war bald gefunden und auf Anregung des damaligen Caritaspräsidenten Prälat Leopold Unger wurde der renommierte Künstler Fritz Wotruba mit dem Entwurf beauftragt. Der Orden empfand das geplante Bauwerk jedoch nicht mit seinem Auftrag zu Demut und Schlichtheit vereinbar. Nicht zuletzt aus finanzpolitischen Überlegungen (es wurde schließlich Kirchenbeitrag dafür verwendet) stoppte die Diözese Wien das Projekt. Das Bestreben, Wotrubas Pläne umzusetzen, blieb jedoch aktuell. So wurde gemeinsam ein Bauplatz gesucht. Auf dem Georgenberg in Wien-Mauer, wo eine neue Siedlung im entstehen war, wurde man fündig. Das ursprüngliche Patrozinium „Zur Heiligsten Dreifaltigkeit“ hat man beibehalten. Als alle möglichen Schwierigkeiten schließlich überwunden waren, einigten sich der Künstler und Architekt Fritz Gerhard Mayr nach intensiven Diskussionen auf Beton als Baumaterial. So konnte zwischen 1974 und 1976 auf dieser archaisch unmutenden Anhöhe einer der markantesten Sakralbauten Wiens entstehen. Der dadurch ausgelöste Entrüstungssturm legte sich bald und die „Wotrubakirche“ wurde zum Wahrzeichen und, wie es in einem protestantischen Kirchenlied heißt, zur festen Burg Gottes, deren dräuendes Äußeres durch Wärme und Helligkeit im Inneren auf wundersame Weise aufgehoben scheint.

Fritz Wotruba in seinem Atelier bei der Arbeit am Tonmodell © Belvedere, Nachlass Fritz Wotruba

45 Jahre sind seither ins Land gezogen. Der Georgenberg wurde mehr und mehr zur Kult- und Pilgerstätte, die Frömmigkeit und Kunstsinn vereint. Das halbrunde Jubiläum wurde nun für eine Ausstellung im Belvedere 21 genützt und diesem Solitär der Kirchenarchitektur eine Ausstellung gewidmet. „WOTRUBA. HIMMELWÄRTS“ (Kuratorin Gabriele Stöger-Spevak, bis 13. März 2022) zeigt die Genese dieser massiven Ansammlung von135 Betonkuben, die eng mit der Formensprache

Wotrubas verbunden ist, veranschaulicht mit Entwurfszeichnungen, Kirchenmodellen und ergänzenden plastischen Arbeiten aus den 1960er-Jahren. Dazu kommen internationale Vergleiche von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart, zu denen Schöpfungen von Le Corbusier oder Günther Domenig zählen. Ein Experimentalfilm von Thomas Draschan zur Wotrubakirche aus 2014 und Evy Jokhovas künstlerische Disziplinen überschreitende Auseinandersetzung mit der Architektur des Sakralbaus bieten anschauliche Vertiefung in die Materie. Die Ausstellungsobjekte stammen zum Großteil aus dem umfangreichen Nachlass Fritz Wotrubas, der 2011 der Österr. Galerie Belvedere anvertraut wurde und seitdem im Belvedere 21 für Forschung und Publikum zugänglich ist.

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