Kultur und Weindas beschauliche MagazinAusstellungsansicht "Feminist Futures Forever", Belvedere 21 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien FEMINIST FUTURES FOREVER Ein Baugerüst für Kunst aus Frauenhand
Die langjährige Generaldirektorin des Belvedere Stella Rollig hat stets auf das Sichtbarmachen weiblicher Kunst größten Wert gelegt. Zu ihrem Abschied hat sie dieses Anliegen in einer opulenten, das Belvedere 21 füllenden Ausstellung verwirklicht. „Feminist Futures Forever“ (bis 8. März 2026) umfasst 238 internationale Künstlerinnen oder besser gesagt deren Werke. Sie alle vereint der Wille zu einem Ausbruch aus einem vermeintlichen Mangel an Anerkennung. Feminismus steht auf ihrem gemeinsamen Banner geschrieben. Gemeint sind damit jedoch nicht Männer hassende Blaustrümpfe, sondern Frauen, die, wie Stella Rollig sagt, angesichts des weltweiten Erstarkens rechtskonservativer, autoritärer und misogyner Kräfte mit ihren Werken eine Vision für eine gerechte Welt vorantreiben.
Dank des politischen Einsatzes der Bundesministerin für Frauenangelegenheiten Johanna Dohnal konnte im damaligen Museum des 20. Jahrhundert VALIE EXPORT eine legendäre Ausstellung initiieren. „Kunst mit Eigen-Sinn“ war 1985 die erste internationale Schau von und mit Frauen in einem österreichischen Bundesmuseum. Darauf aufbauend wurde die jetzige Schau in lockerer Hängung und unaufdringlicher Aufstellung der Skulpturen über das gesamte Gebäude verteilt. Die tragenden Elemente sind Steher von Baugerüsten, die als Architektur erstaunlich viel Freiraum vermitteln und dennoch Räume für die einzelnen Objekte schaffen. Begrüßt wird man vom Beginn des Lebens. PUSH IT steht als Motto über dem Geburtenbett von VALIE EXPORT, einer Geburtenabstraktion von Ingeborg Strobl oder den chromatischen Überlagerungen von Moucle Blackout, einer Schlüsselfigur der österreichischen Nachkriegsavantgarde, mit dem Titel „Neue Wege bricht neue Welt aus“ (1996). Rauchen, heute ein gesellschaftliches No Go, war dereinst eine Möglichkeit der Selbstbestimmung gegenüber den Männern und ein Zeichen für Gleichberechtigung. Vielleicht hat Sarah Lucas schon 1996 geahnt, wie problematisch Tabakkonsum einmal sein wird, als sie die „Portable Smoking Area“ entworfen hat.
Den Kampf um den Platz in der Welt oder nur im öffentlichen Raum als sicherer Ort hat Anna Jermolaewa mit der ukrainischen Balletttänzerin Oksana Serheieva 2023 im Video „Rehearsal for Swan Lake“ ebenso thematisiert wie Karin Mack, die 1983 in einer Fotomontage einfach eine Zugfahrt rekonstruiert hat. Ein zeitloser Aufreger und ein noch lange nicht gelöstes Problem ist das Geld oder anders gesagt „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Zu sehen sind dazu unter anderem die Standfotografien „A Woman´s Work Is Never Done“ von Constanze Ruhm aus einem Film des Jahres 2024. Ein wesentlicher Streitpunkt des Feminismus ist auch das Schlafzimmer.
Nancy Spero, Sheela and Wilma, 1985, Ankauf von der Galerie Lelong, New York, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien © Bildrecht, Wien 2026 STELLPROBE der Sammlung aus dem letzten Jahrzehnt
Mehr als 150 Kunstwerke sind dennoch nur ein kleiner Teil dessen, was in der Dekade seit dem Amtsantritt von Generaldirektorin Stella Rollig angekauft, geschenkt oder auf Dauer geliehen wurde. Eine solche Leistungsschau musealen Bewahrens soll überzeugend vor allem den Eindruck von einer der Grundaufgaben des Museums vermitteln. Für die Gestaltung der Präsentation wurde deswegen ein renommierter österreichischer Künstler engagiert. Dem Kärntner Heimo Zobernig wurde abgesehen vom Untergeschoss, in dem sich zeitgleich die in Shanghai geborene Miao Ying unter „Come, Sit, Stay“ kritisch mit der KI auseinandersetzt, der übrige Teil des Belvedere 21 zur Verfügung gestellt. Zobernig schuf im Erd- und Obergeschoss, aber auch im Blickle Kino und im Skulpturengarten eine Bühne, auf der für ein Stationentheater geprobt wird. Das Ensemble ist erst bei der „Stellprobe“ angelangt, der Phase einer Inszenierung, bei der Provisorien noch die endgültige Ausstattung ersetzen.
Trotz dieses scheinbar noch unfertigen Zustandes werden Publikum und Kritiker zur Besichtigung eingeladen. Sie dürfen zwischen verspiegelten Wänden und in einem Labyrinth, gebaut mit Kulissen aus dem Fundus des Volkstheaters, auf Entdeckungsreise gehen und sollen dabei feststellen, was alles, so Stella Rollig, für kommende Generationen bewahrt wird. Sie hat ihre Arbeit gut gemacht, zugleich einen öffentlichen Auftrag erfüllt und, wie sie sagt, den Blick in die Zukunft einer kontinuierlich wachsenden Sammlung geöffnet. Das Belvedere ist ein Museum der besonderen Art. Es besitzt Kunst aus beinahe einem Millennium, vom Mittelalter bis zur unmittelbaren Gegenwart. Die Oberfalkensteiner Altarflügel des Meisters von Möllbrücke stammen aus 1500/15, „Slow March“ von Sandra Mujinga wurde 2026 geschaffen. Den eigentlichen Schwerpunkt bilden Werke von Frauen. Künstlerinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts werden ins Bewusstsein gerückt, so auch die Feministische Avantgarde, die organisch in die zeitgenössische Kunst führt.
Ausstellungsansicht "Sandra Mujinga. Skin to Skin", Belvedere 21 Foto: Kunst-Dokumentation.com, Manuel Carreon Lopez / Belvedere, Wien 21ER-HAUS-FRAUEN bespielen das Museum im Schweizergarten
Stella Rollig., Generaldirektorin des Belvedere, hat die Dependance ihres Museums in diesem Frühling ihren Geschlechtsgenossinnen vorbehalten. Das Belvedere 21 wird auf allen drei Etagen zum Ort der Präsentation von Kunst, mit der Frauen ihre Anliegen an eine in ihren Augen von Männern beherrschten Welt in jeweils ganz persönlicher Weise sichtbar machen. Als erste an der Reihe war im Jänner die norwegisch-kongolesische Künstlerin Sandra Mujinga. In „Skin to Skin“ (bis 31. Mai 2026) lädt sie, so Kurator Axel Köhne, dazu ein, Körper anders als bisher zu denken, nicht als klar abgegrenzte Einzelwesen, sondern als kollektive, fluide und widerständige Präsenz. Gemeint sind damit 55 identische überlebensgroße Figuren, gehüllt in dunkelgraue Gewänder. Entstanden ist damit eine Ansammlung von gespenstischen Klonen, deren Begegnung vielerlei Deutungen, von Science-Fiction bis zum Albtraum, offen lässt.
Die Österreicherin Friedl Kubelka ist als Friedl vom Gröller bekannt für künstlerische Fotografie und tiefsinnige Kurzfilme. Nur wenige wissen, dass sie auch im bildnerischen Sektor aktiv ist. Unter dem Titel „Nicht daheim und doch zuhause“ (bis 7. Juni 2026) beweisen im Untergeschoß kleinformatige Gouachen ihr zeichnerisches Können. Dazu Co-Kurator Dietmar Schwärzler: „Fragmentierte Handlungsbögen, widersprüchliche Blickwinkel und uneindeutige Situationen prägen sowohl die gemalten Bilder als auch die Laufbilder. Slapstickhafte Momente stehen neben existenziellen Fragestellungen, Traumlogiken neben analytischen Setzungen.“ Entstanden sind die Blätter seit den 1970er-Jahren im kleinen Atelier in der Gartengasse in Wien, das trotz seiner Enge auch als Schul- und Wohnraum gedient hat. Das Belvedere 21 darf sich rühmen, weltweit als erstes Museum Objekte aus diesem Bestand der Öffentlichkeit zeigen zu dürfen.
Mit der amerikanischen Künstlerin Sue Williams ist eine Legende in den ersten Stock des Belvedere 21 eingezogen. Gemeinsam mit der von der Kraft ihrer Werke tief bewegten Stella Rollig und der Kuratorin Luisa Ziaja hat sich Williams für „What Now“ (bis 7. Juni 2026) als Titel entschieden. Unter den kleinen, noch von comichafter Gegenständlichkeit geprägten Zeichnungen der frühen Jahre fällt „Try to Be More Accammodating“ (Versuchen Sie, entgegenkommender zu sein) auf. Ein Frauengesicht wird von Penissen malträtiert, bis es blutet. Die prophetische Verbindung zur Gegenwart mit den Umtrieben eines Jeffrey Epstein und seiner „Freunde“ liegt auf der Hand.
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