Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Oswald Tschirtner beim Bemalen der Südfassade (1983) © Johann Feilacher

OSWALD TSCHIRTNER Nur Kopffüßler können sich so konzentrieren

Signatur Oswald Tschirtner an der Fassade des Museum Gugging © NÖ Museum Betriebs GmbH, Müller

Eine Personale für den Virtuosen Flächen füllender Reduktion

Während seiner Kriegsgefangenschaft in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg erfasste den blitzgescheiten jungen Oswald Tschirtner (1920-2007) eine psychische Erkrankung. Zuvor hatte er noch mit Auszeichnung in den Fächern Kunst, Philosophie und Religion maturiert. Sein ursprünglicher Berufswunsch Priester zu werden, wurde durch den Einsatz im Reichsarbeitsdienst 1938 vereitelt, denn unmittelbar darauf folgte die Einberufung zur deutschen Wehrmacht. Der Hölle von Stalingrad konnte er gerade noch entkommen, wurde aber weiter nach Südfrankreich geschickt. Was immer der Grund war, aber die seelischen Strapazen dürften seinem Geisteszustand so zugesetzt haben, dass er „verwirrt aufgegriffen wurde“. Wieder in der Heimat wurde Tschirtner ab 1947 aufgrund intensiver Halluzinationen dauerhaft hospitalisiert und am 16.12.1954 in der N. Ö. Landes-Heil- und Pflegeanstalt Gugging aufgenommen. Leo Navratil (Primarius von 1956 bis 1986) wurde auf sein herausragendes künstlerisches Talent im Zuge der Zeichentestmethode aufmerksam.

Oswald Tschirtner: Menschen (1980) © Privatstiftung - Künstler aus Gugging

Navratil hatte mit dem Zeichnen zu diagnostischen Zwecken begonnen und bald erkannt, dass hinter den von seinen Patienten angefertigten Blättern viel mehr als nur persönlich aufschlussreiche Kritzeleien steckten. Es war Kunst, die dabei entstand, die berührte und der eine Kraft innewohnte, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden musste. Art brut war damals bereits ein Begriff, wobei der Zusatz „brut“ keineswegs, wie oft vermutet, auf „roh“ hindeutet, sondern vom Qualitätsmerkmal „brut“ beim Champagner, also mit wenig Zucker, abgeleitet wurde. 1970 wurden neben anderen auch Tschirtners Arbeiten erstmals 1970 in einer Ausstellung der Galerie nächst St. Stephan gezeigt. Auf Anhieb erregten diese Werke das Interesse der österreichischen Avantgarde, die mit den Künstlern aus Gugging in intensiven Kontakt traten.

Oswald Tschirtner: Der Neusiedler See 1972 © Privatstiftung – Künstler aus Gugging

Aus der Klinik wurde im Zuge von Umstrukturierungen das „Haus der Künstler“ und das „museum gugging“. Nachfolger von Leo Navratil und jetziger Leiter ist Johann Feilacher, der Tschirtner anlässlich von dessen 100. Geburtstag am 24. Mai 2020 eine Personale mit dem Titel „oswald tschirtner.! das ganze beruht auf gleichgewicht“ gewidmet hat. 260 Werke spannen den Bogen von Klein- zu Großformaten und spiegeln seine unterschiedlichen Schaffensperioden und Facetten wider. Allen Zeichnungen und Gemälden mit der Signatur O. T. ist eines gemeinsam: Wenige, aber sehr ausdrucksstarke Striche füllen selbst große Flächen. Tschirtners Hang zur Konzentration führt bis zur extremen Reduktion, die sich beispielsweise bei der Sintflut mit zwei waagrechten Linien, eine für die Erde und die andere für das Wasser, begnügt oder das Phänomen Schneefall in sauber angeordneten Ringerln auf den einfachsten Punkt bringt. Die wahren Stars sind jedoch die Kopffüßler, geheimnisvolle, zu einer rumpflosen Einheit verwachsene geschlechteslose Wesen.

Sie treten einzeln auf oder in Gruppen, um zu einem vom Zeichner gewählten Titel beinahe karikaturhaft verschiedenstes Verhalten ausdrücken. Die „zuhörenden Menschen“ blicken dem Betrachter direkt ins Gesicht, andere wieder ordnen sich um einen Kreis an, um „Die Erdkugel mit Menschen“ darzustellen, andere liegen einfach nur da oder tragen ihren Schöpfer in einer Sänfte.

 

Diese Ausstellung ist bis 27. September 2020 zu erleben. Dazu gibt es die Art brut-Leistungsschau „gehirngefühl.! kunst aus gugging 1970 bis zur gegenwart“, die bis 11. April 2021 einen Überblick über die bunte Landschaft der Gugginger Künstler gibt und den Besucher herausfordert, seine persönlichen Überlegungen zum denkwürdigen Begriff „Hirngefühl“ an einer Pinwand zu deponieren. Käuflich sind die Werke in der von Nina Katschnig geführten galerie gugging, zumindest noch einige Zeichnungen von Oswald Tschirtner, denn die mit ihm in Dialog gesetzten Arbeiten von Misleidys Francisca Castillo Pedroso haben durchwegs bereits den roten Punkt.         

Die junge kubanische Art brut-Künstlerin klebt zumeist muskelbepackte Männer, richtige Bodybuilder, mit braunem Scotch-Band an die Wände und hat damit ihr unverkennbares Markenzeichen geschaffen. Sie sollen ihrer Schwäche und Verletzlichkeit Schutz gewähren. Insofern ist der Titel „....weiblich mächtig – männlich zart ...“ irreführend. Beide brauchen bzw. brauchten zeitlebens eine behütende Atmosphäre, um ihre Kreativität in einer derart ansprechenden Weise ausleben zu können.

Veranstaltungen im Museum Gugging © Ludwig Schedl
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