Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Naiv.? Ausstellungsansicht © Ludwig Schedl, Museum Gugging

NAIV.? Fantastische Kunst von „unstudierten“ Händen

Slavko Stolnik, Fünf Grazien am Bach © Thomastik-Infeld GmbH.

Die Bildersammlung eines Saitenproduzenten: Thomastik-Infeld

Margaretha Infeld (1903-1994) und deren Sohn Peter (1942-2009) hatten über das feine Gehör für den Saitenklang hinaus auch den richtigen Blick für die Ränder der bildnerischen Kunst, mit der es naive Maler und Vertreter der Art Brut seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts abseits akademischer Ausbildung zu internationaler Anerkennung gebracht haben. Mutter und Sohn Infeld haben u. a. in Bauerndörfern von Kroatien versteckte Genialität entdeckt, die Frauen und Männer mit den mutig unverbildeten Pinselstrichen kontaktiert, schließlich deren Werke gekauft und damit arrivierten Malern und Bildhauern gleichgestellt. Entstanden ist die Sammlung Infeld, die ihre Künstler mit einer Reihe von Publikationen und vor allem mit der Möglichkeit von Ausstellungen einer wachsenden Zahl von Interessenten nahebringt. 120 Werke sind derzeit unter dem Titel „naiv.?“ (bis 5. September 2021) im Museum Gugging zu erleben; als Möglichkeit, die Grenzen des Begriffs „Naive Kunst“ in seiner ganzen Bandbreite auszuloten. Nicht umsonst steht daher auch das Fragezeichen nach dem Punkt.

Slavko Stolnik, Am Rindermarkt (Detail)

Die Besucher sind eingeladen, sich selbst die Fragen zu stellen, die sich alleine vom einfachen Anschauen aufdrängen.

 

Einer der Scouts auf diesem Gebiet war Krsto Hegedušić (1901-1975), ein kroatischer Maler und Illustrator, der Mitte des 20. Jahrhunderts ins Land hinausgegangen ist, um unverbildete Talente aufzustöbern und diesen das entsprechende Selbstbewusstsein für deren künstlerische Tätigkeit einzuimpfen. Er traf bei diesen Expeditionen ins Reich der naiven Kunst beispielsweise den jungen Bauern Ivan Generalić. Ihm brachte er die Hinterglasmalerei bei, eine Technik, die nicht nur zeichnerisches Können, sondern auch eine große Portion Farbvorstellung erfordert. Ein paar Jahre später dufte der junge Mann bereits im Kreise akademischer Maler in Zagreb ausstellen, mit Bildern aus dem bäuerlichen Milieu, die durch ihre expressionistischen Farbgebung ins Auge stachen.

Gelbe und lila Kühe und verachtete Arbeiten wie das Stallausmisten zeugen von der kreativen Auffassung dieses Malers, der damit weit hinter hergebrachte Ansichten dieses Genres blicken lässt. Sein Bruder Mato beherrschte nicht nur das Schnitzen, er hatte auch das Feeling, wie man den Betrachter in der Seele berühren kann. Seine Madonna lactans, eine stillende Mutter Gottes, ist keine schöne Frau, sondern eine abgehärmte Bäuerin. Sie säugt ihr Kind an einem erstaunlich prallen Busen, den Blick ins Leere gerichtet. Josip, Sohn von Ivan Generalić, folgte dem Vater und experimentierte sich aus dem naiven Winkel heraus in Richtung abstrakter Kunst.

Franjo Klopotan, Blühende Stiefeln © Thomastik-Infeld GmbH.

Jedes der in der Ausstellung gezeigten Bilder erzählt gleich mehrere Geschichten. So hat der Kroate Slavko Stolnik seine Welt in prallen Farben und primitiven Formen dargestellt. Eines seiner Sujets ziert auch das Plakat. Erste Erfolge lockten den Bergbauern und Polizisten nach Paris, wo man allerdings sein Vermögen, die mitgebrachten Bilder, gestohlen und ihn zu einem Dasein als Clochard in den Straßen der Seinemetropole gezwungen hat. Stolnik kehrte wieder in seine Heimat zurück und fand zu alter Schaffensfreude, scheiterte zuletzt aber an verderblichem Alkoholismus. Der 1902 in Bilišani (Kroatien) geborene Sava Sekulić erbaute sich auf der Leinwand eine Stadt aus fantastischen Gebäuden, die wohl auch der beste Statiker nicht in der Realität umsetzen könnte. Bei ihm sind sie aber dicht belebt, von einer Fülle an winzigen Bewohnern, die wie Ameisen über die Straßen weben und aus den zahllosen Fenstern seiner Paläste schauen. Vertreterinnen dieser Kunst sind Mara Puškarić-Petras, Albina Kudeljnjak und Nada Svegovic Budaj, deren Werke mittlerweile auf dem Markt Höchstpreise erzielen und nicht zufällig diese von Yordanka Weiss und Johann Feilacher kuratierte Wanderung zwischen Art Brut, phantastischem Realismus und naiver Malerei einleiten.

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