Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


visualized dreams … Ausstellungsansicht

visualized dreams … Ausstellungsansicht © Kultur & Wein

VISUALIZED DREAMS... Die gezeichnete Wirklichkeit der Träume

Ida Buchmann: Ohne Titel (ohne Jahr) © © Erbengemeinschaft Ida Buchmann, courtesy galerie gugging

Ida Buchmann, Ohne Titel (o.J.) © Erbengemeinschaft Ida Buchmann, Foto: courtesy galerie gugging

Drei höchst unterschiedliche Positionen von Art brut auf einen gemeinsamen Nenner gebracht

Schlaferlebnisse, so logisch sie sich auch während des Träumens ausnehmen, stellen sich nach dem Erwachen zumeist als absurd, wirr und höchst seltsam dar. Die wenigsten Menschen können sich mit dieser fantastisch irrealen Welt etwas anfangen, zu sehr sperrt sich die Vernunft gegen einen Zugang in diese schwer nachvollziehbare Abfolge von Geschehnissen. Wer sich aber dafür öffnet, seine Wahrnehmung der Wirklichkeit danach ausrichtet, gerät schnell in Gefahr, für verrückt oder zumindest für einen lebensuntüchtigen Träumer gehalten zu werden. Wenn es sich nun um Patienten der Psychiatrie handelt, die durch Zeichnen und Malen damit ihr Innerstes nach außen kehren, bietet sich nicht nur für den Seelenarzt ein Zugang zu den Auslösern der jeweiligen Krankheit, es entsteht auch Kunst in ihrer ursprünglichen, unverdorbenen Form. Darin liegt der Zauber der Art brut, die sich durchaus mit den Werken „normaler“ Künstler messen kann. Es mag vielleicht an technischer Fertigkeit mangeln, an einem erlernten Gefühl für die Form oder dem Wissen um die Wirkung von Strichen und Farben. Aber sie berührt den Betrachter direkt, ohne Umweg über intellektuelle Überlegungen oder ihrer Stellung im Rahmen der Kunstgeschichte. Sie ist einfach da, stark und kompromisslos in ihren Äußerungen, erhaben über jede Kritik. Sie will nur das sein, was sie ist, einfach sichtbar gemachte Träume und nicht mehr.

Johann Fischer: Wenn eine Ehefrau und Mutter, ... (2001)

Johann Fischer: Wenn eine Ehefrau und Mutter, ... (2001) © Werk und Foto: Privatstiftung – Künstler aus Gugging

Johann Korec: Es war am Samstag 7. März (1992)

Johann Korec: Es war am Samstag 7. März (1992) © Werk und Foto: Art Brut KG

Das museum gugging ist von seiner Vergangenheit als Nervenklinik her der ideale Biotop diese Kunst. Direktor Johann Feilacher, er vereinigt in seiner Person den Psychiater, den Bildhauer und den Kurator, verfügt damit über das entsprechende Feeling für die Hervorbringungen seiner Künstler. Die von ihm gestalteten Sonderausstellungen sind längst Pflichttermine für Connaisseure der Kunst, weit über Art Brut hinaus. Bis 20. März 2022 werden nun unter dem Titel „visualizes dreams...“ Arbeiten von drei Künstlern gezeigt; einer Frau und zwei Männern, die auf den ersten Blick nur wenig gemeinsam haben. Feilacher hat jedoch das Verbindende entdeckt und unter das Motto des Traumes gestellt. Seine zentrale Botschaft: „Wenn dir das Leben deine Träume nicht erfüllt, dann lebe deine Träume durch deine Kunst!“ Sowohl Ida Buchmann (1911-2001), als auch Johann Fischer (1919-2008) und Johann Korec (1917-2008) haben sich nicht mit reiner bildlicher Darstellung begnügt, sondern ihre Fantasien und teils hochfliegenden Wünsche auf ihren Bildern auch schriftlich festgehalten. Eine weitere Gemeinsamkeit ist ihre langjährige Erfahrung als Patienten der Psychiatrie, wobei Buchmann und Fischer als Künstler Spätberufene waren, die in der ihnen verblieben Lebensspanne aber ein gewaltiges Œuvre geschaffen haben.

Johann Korec: Viele Kleine Fische (1973)

Johann Korec: Viele Kleine Fische (1973) © Werk und Foto: Art Brut KG

Ida Buchmann: Durch die Hose pfeift der Wind (1988)

Ida Buchmann: Durch die Hose pfeift der Wind (1988) © Erbengemeinschaft Ida Buchmann, Foto: Hans Schmid

Die in der Schweiz geborene Ida Buchmann wurde die „singende Malerin“ genannt. Entdeckt wurde sie in der psychiatrischen Klinik Königsfelden von Roman Buxbaum, Psychiater und Künstler, und der Kunsttherapeutin Dina Scagnetti. Buchmann entwickelte in ihren Gemälden einen unverwechselbaren Stil. Dicke schwarze Striche strukturieren die farbigen Bilder, unleserlich wurden dazwischen Texte hingekritzelt, so auch die der Lieder, die sie während des Malvorgangs zum Besten gab. Auf einen ganz anderen Charakter schließen lässt die saubere Schrift auf mit dem Lineal gezogenen Strichen, mit denen Johann Fischer seine Zeichnungen ausfüllte. Er gilt als „der Inschriftierer“. Nach Übernahme des elterlichen Bauernhofes erlag er seinen Fantasien vom Besitz an Ölquellen und außerordentlichem Reichtum. Bis zu einem gewissen Grad blieb ihm das Interesse an Volkswirtschaft und Geldverkehr, da er immer wieder, wie Feilacher sich erinnert, bedeutungsschwer erklärte, welche Wichtigkeit die Aussage seines Werks diesbezüglich habe.

visualized dreams … Ausstellungsansicht

visualized dreams … Ausstellungsansicht

Behandelt wurde er in Gugging und kam 1982 in das heutige Haus der Künstler. Er ist Teil dieser Generation, die 1990 mit dem Oskar Kokoschka-Preis ausgezeichnet wurde. Johann Korec träumte zeitlebens von Frauen und Sex, den er mit ihnen hätte. Wenn er auf seine unbeholfen gezeichneten Akte neben anderen, zum Teil sehr deftigen Bemerkungen auch Namen schrieb, konnte es durchaus passieren, dass das damit gemeinte „Modell“ energisch protestierte. In seinen Bildtexten wimmelt es nur so von orthographischen Fehlern, was darauf zurück zu führen ist, dass ihm in seiner Jugend Bildung versagt geblieben war. Bis zu seinem 21. Lebensjahr war er als Kuhhalter und Knecht bei Bauern tätig und wurde wohl als der in vielen kleinen Ortschaften übliche Dorftrottel das Opfer von kindischem Spott. 1958 wurde er endlich in die Heilanstalt Gugging eingewiesen. Als Künstler entdeckt und gefördert hat ihn Leo Navratil. Neben der nur in seiner Vorstellung vergönnten Erotik träumte Korec davon, Dompteur in einem Zirkus zu sein, und setzte auch diese Wünsche in seinen Bildern um, unter anderem an den Wänden des art brut center guggings und dem Haus der Künstler. Zu seinen Zeichnungen erklärt Feilacher, dass sie Geschichten unter anderem von wilden Liebesabenteuern erzählen, aber dank der Beschriftung auch als illustrierte Tagebuchaufzeichnungen einer von unerfüllten Sehnsüchten malträtierten Seele angesehen werden können.

museum gugging Logo 300

Statistik