Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Kernbeis, Kamlander, Vondal © Felix Büchele

Classic & contemporary, Fünf Jahrzehnte Art Brut gugging.!

August Walla: Trompetenkoffer © Werk und Foto: Art Brut KG

Eine Halbdauerausstellung, gewidmet den Stars des Museums zu dessen 15. Geburtstag

Kunst in ihrer wahrhaftesten Form, das ist Art Brut, wie sie in Maria Gugging geschaffen wird. Sie entsteht ohne Rücksichten auf Trends am Markt oder Richtungen der Kunstgeschichte. Sie quillt einfach aus den Künstlern heraus, geschaffen mit allem, was sich nur irgendwie zum Zeichnen oder Malen eignet. Genau darin dürfte die Faszination liegen, die Werke der „Patienten“ der ehemaligen NÖ Landesnervenklinik auf den Betrachter ausüben. Erkannt hat deren Potenz der Psychiater Leo Navratil bereits 1954, als er Zeichenversuche zu diagnostischen Zwecken durchführte. 1970 gab es die erste Verkaufsausstellung in der Galerie nächst St. Stephan. Das kühne Unternehmen machte Furore. Die Künstler der ersten Stunde wurden von einer ob der Kraft und Qualität überrumpelten Kritik begeistert an die Öffentlichkeit gebracht. Gugging war über Nacht zum Begriff für Art Brut österreichischer Prägung geworden.

Horacek Rudolf in Mannswörth (1984) © Privatstiftung – Künstler aus Gugging

1990 durfte die Gruppe der Künstler aus Gugging über den Oskar Kokoschka Preis jubeln. Es handelt sich dabei immerhin um die höchste Auszeichnung, die von unserer Bundesregierung für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der bildenden Kunst vergeben wird. In der Folge entstand die Galerie Gugging, die vom nunmehrigen Leiter Johann Fellacher als „museum gugging“ konzipiert und 2006 eröffnet wurde. In der Zwischenzeit waren neue Künstler zugezogen. Gelebt und gearbeitet wurde und wird im Haus der Künstler. Internationale Kontakte erwiesen sich als befruchtend, nicht nur auf die Arbeit, sondern auch auf Preis und Reputation. Deren Arbeiten sind in allen wesentlichen musealen und privaten Sammlungen weltweit vertreten.

Johann Hauser: Nackte Frau mit Hut (1986) © Privatstiftung – Künstler aus Gugging

Mit einer von Johann Fellacher kuratierten „Halbdauerausstellung" (sie ist bis 1. April 2024 zu sehen) hat sich das museum gugging zum 15. Geburtstag ein besonderes Geschenk gemacht. „gugging.! classic & contemporary“ bietet einen Überblick über fünf Jahrzehnte Kunstschaffen, verbunden mit einer jeweils kurzen Vorstellung der Protagonisten. Den Anfang macht Johann Hauser, der seine seelische Befindlichkeit in kraftvollen Frauenbildnissen offengelegt hat. Er ist ebenso längst klassisch wie Josef Bachler, der seine Sicht der Welt 1971 mit Bleistift und Farbstiften in kleinen Formaten festgehalten hat.

Oswald Tschirtner hat sich in den verschiedensten Techniken erfolgreich versucht und ist in der Ausstellung mit seinen Kopffüßlern aus 1980 bis zu letzten Arbeiten mit Aquarellfarbe und Tusche aus 2005 vertreten. Fotos von August Walla lassen ihn als Pionier der Land Art erscheinen, wenn er Installationen dem Wirken der Natur ausgesetzt hat und deren Veränderung in einmaligen Vintage Silbergelatine-Prints festgehalten hat. Aus jüngster Zeit, also contemporary, sind die Übermalungen von Leopold Strobl. Auf schwarzweißen Zeitungsfotos tut er seine Gedanken mit Farbstiften und schwarzen Flecken kund und wurde damit zum vielleicht teuersten Künstler des Museums. Er konnte in den USA verkauft werden und etliche Strobls befinden sich an äußerst prominenter Adresse, nämlich im MOMA in New York. Für Arnold Schmidt steht der Mensch im Mittelpunkt seines Schaffens, und zwar in einer Weise, wie sie sein Anliegen nicht klarer ausdrücken könnte.

Die Figuren, gemalt mit Aquarellfarben, Bleistift und Ölkreide, stehen das Hochformat beherrschend allein auf weißem Hintergrund. Für eine stetig wachsende Sammlung sorgt Johann Garber, dessen Werken man in einer ihm gewidmeten Rauminstallation begegnet. Readymades wie Hirschgeweihe wurden von ihm lackiert und damit verfremdet und Tuschezeichnungen, deren feine Striche den gesamten Bildraum dicht ausfüllen, veranlassen den Betrachter zum Meditieren, nicht zuletzt über die tiefe Wahrheit, die sich in der hier gezeigten Kunst manifestiert.

Leopold Strobl: Ohne Titel (2017) © ourtesy galerie gugging

Naiv.? Ausstellungsansicht © Ludwig Schedl, Museum Gugging

NAIV.? Fantastische Kunst von „unstudierten“ Händen

Slavko Stolnik, Fünf Grazien am Bach © Thomastik-Infeld GmbH.

Die Bildersammlung eines Saitenproduzenten: Thomastik-Infeld

Margaretha Infeld (1903-1994) und deren Sohn Peter (1942-2009) hatten über das feine Gehör für den Saitenklang hinaus auch den richtigen Blick für die Ränder der bildnerischen Kunst, mit der es naive Maler und Vertreter der Art Brut seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts abseits akademischer Ausbildung zu internationaler Anerkennung gebracht haben. Mutter und Sohn Infeld haben u. a. in Bauerndörfern von Kroatien versteckte Genialität entdeckt, die Frauen und Männer mit den mutig unverbildeten Pinselstrichen kontaktiert, schließlich deren Werke gekauft und damit arrivierten Malern und Bildhauern gleichgestellt. Entstanden ist die Sammlung Infeld, die ihre Künstler mit einer Reihe von Publikationen und vor allem mit der Möglichkeit von Ausstellungen einer wachsenden Zahl von Interessenten nahebringt. 120 Werke sind derzeit unter dem Titel „naiv.?“ (bis 5. September 2021) im Museum Gugging zu erleben; als Möglichkeit, die Grenzen des Begriffs „Naive Kunst“ in seiner ganzen Bandbreite auszuloten. Nicht umsonst steht daher auch das Fragezeichen nach dem Punkt.

Slavko Stolnik, Am Rindermarkt (Detail)

Die Besucher sind eingeladen, sich selbst die Fragen zu stellen, die sich alleine vom einfachen Anschauen aufdrängen.

 

Einer der Scouts auf diesem Gebiet war Krsto Hegedušić (1901-1975), ein kroatischer Maler und Illustrator, der Mitte des 20. Jahrhunderts ins Land hinausgegangen ist, um unverbildete Talente aufzustöbern und diesen das entsprechende Selbstbewusstsein für deren künstlerische Tätigkeit einzuimpfen. Er traf bei diesen Expeditionen ins Reich der naiven Kunst beispielsweise den jungen Bauern Ivan Generalić. Ihm brachte er die Hinterglasmalerei bei, eine Technik, die nicht nur zeichnerisches Können, sondern auch eine große Portion Farbvorstellung erfordert. Ein paar Jahre später dufte der junge Mann bereits im Kreise akademischer Maler in Zagreb ausstellen, mit Bildern aus dem bäuerlichen Milieu, die durch ihre expressionistischen Farbgebung ins Auge stachen.

Gelbe und lila Kühe und verachtete Arbeiten wie das Stallausmisten zeugen von der kreativen Auffassung dieses Malers, der damit weit hinter hergebrachte Ansichten dieses Genres blicken lässt. Sein Bruder Mato beherrschte nicht nur das Schnitzen, er hatte auch das Feeling, wie man den Betrachter in der Seele berühren kann. Seine Madonna lactans, eine stillende Mutter Gottes, ist keine schöne Frau, sondern eine abgehärmte Bäuerin. Sie säugt ihr Kind an einem erstaunlich prallen Busen, den Blick ins Leere gerichtet. Josip, Sohn von Ivan Generalić, folgte dem Vater und experimentierte sich aus dem naiven Winkel heraus in Richtung abstrakter Kunst.

Franjo Klopotan, Blühende Stiefeln © Thomastik-Infeld GmbH.

Jedes der in der Ausstellung gezeigten Bilder erzählt gleich mehrere Geschichten. So hat der Kroate Slavko Stolnik seine Welt in prallen Farben und primitiven Formen dargestellt. Eines seiner Sujets ziert auch das Plakat. Erste Erfolge lockten den Bergbauern und Polizisten nach Paris, wo man allerdings sein Vermögen, die mitgebrachten Bilder, gestohlen und ihn zu einem Dasein als Clochard in den Straßen der Seinemetropole gezwungen hat. Stolnik kehrte wieder in seine Heimat zurück und fand zu alter Schaffensfreude, scheiterte zuletzt aber an verderblichem Alkoholismus. Der 1902 in Bilišani (Kroatien) geborene Sava Sekulić erbaute sich auf der Leinwand eine Stadt aus fantastischen Gebäuden, die wohl auch der beste Statiker nicht in der Realität umsetzen könnte. Bei ihm sind sie aber dicht belebt, von einer Fülle an winzigen Bewohnern, die wie Ameisen über die Straßen weben und aus den zahllosen Fenstern seiner Paläste schauen. Vertreterinnen dieser Kunst sind Mara Puškarić-Petras, Albina Kudeljnjak und Nada Svegovic Budaj, deren Werke mittlerweile auf dem Markt Höchstpreise erzielen und nicht zufällig diese von Yordanka Weiss und Johann Feilacher kuratierte Wanderung zwischen Art Brut, phantastischem Realismus und naiver Malerei einleiten.

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