Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht im Raum von August Walla

Ausstellungsansicht im Raum von August Walla

20 JAHRE GRUND ZUM FEIERN mit den Stars der heimischen Art Brut

museum gugging, Außenansicht © NÖ Museum Betriebs GmbH, Ludwig Schedl

museum gugging © NÖ Museum Betriebs GmbH, Ludwig Schedl

Die Jubiläumsschau erklärt mit einem opulenten Rückblick den Erfolg der Gegenwart

Als künstlerischer Leiter stand Johann Feilacher 2006 an der Wiege eines Museums, das sich bald als wundersames Ausflugsziel zwischen den Welten etablieren sollte. Art Brut hat enorme Anziehungskraft, nicht zuletzt durch ihre Ausnahmestellung zwischen starker Kunst und der ursprünglichen Intention, neurologischen Problemen mit Kreativität erleichternd zu begegnen. Als Facharzt für Psychiatrie und Neurologie mit einem untrüglichen Sinn für künstlerische Qualität war er der ideale Nachfolger für Leo Navratil, der in der 2007 geschlossenen NÖ Landesnervenklinik Gugging ein Zentrum für Kunst- und Psychotherapie gegründet hatte. Mit regelmäßigen Ausstellungen, Ergänzungen wie einer Verkaufsgalerie oder dem über und über bemalten Haus der Künstler sowie innigen Kontakten zur zeitgenössischen Kunstszene stand sein Haus bald im Fokus internationalen Kulturinteresses und war viel besuchter Ort für den von Jean Dubuffet als „Art Brut“ bezeichneten künstlerischen Ausdruck.

Ausstellungsansicht  mit Arbeiten von Johann Hauser

Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Johann Hauser

Tex Rubinowitz, Stickstoff im guggkasten

Tex Rubinowitz, Stickstoff im guggkasten

2023 hat Feilacher die Leitung an Nina Ansperger übergeben, geblieben ist aber seine Handschrift, die sich auch in der Form der jeweiligen Titel erhalten hat. So irritiert auch die Jubiläumsausstellung mit einem kuriosen Wechsel von Groß- und Kleinschreibung und scheinbar willkürlich gesetzter Interpunktion: „museum gugging.! 20 jahre kUNST“ (bis 17. Jänner 2027). Ausgewählt wurden 20 Positionen aus einem männlich dominierten „Gruppenbild“ mit Dame (Leila Bachtiar). In einem der Räume betritt man das „privatmythologische Universum“ von August Walla und darf sich in dessen fantastisch üppig bemalten Bildern verlieren. Er wurde vor 90 Jahren geboren. Sein Nachbar ist Johann Hauser, der vor 100 Jahren zur Welt gekommen ist. Seine unbändigen Zeichnungen sind von dichten, kraftvollen Strichen mit Bleistift oder Buntstift getragen, immer wieder mit sexuellem Inhalt als Aufschrei eines an dessen Unerfüllbarkeit Verzweifelnden.

Selbstverständlich begegnet man auch den Kopffüßlern von Oswald Tschirtner oder den beeindruckenden Papierarbeiten von Karl Vondal. Erstmals zu sehen sind die drachenähnlichen Wesen von Erich Tressler. Ein Teil der Ausstellung ist der Radierung gewidmet. Als sich das Interesse von Sammlern einstellte, wurde von Navratil 1968 gemeinsam mit Peter Pongratz die Radierung ermöglicht. Damit konnten Werke kostengünstig angeboten und in der Öffentlichkeit verbreitet werden. Bereits 1970 wurden 84 Radierungen aus Gugging unter „Pareidolien“ in der Galerie nächst St. Stephan gezeigt. 500 Drucke wurden verkauft, was wiederum als Beweis für die hohe Marktfähigkeit dieser Kunst anzusehen ist. Ein wahrhaft humoriger Seitensprung erwartet das Publikum im „guggkasten.!“, der zum Auftakt von Tex Rubinowitz als „Stickstoff“ gestaltet wurde. Der Cartoonist, Theaterautor und Schriftsteller hat darin mit der, wie er betont, Pfaff-Nähmaschine witzige Bonmots in Stofflappen gestickt und damit launige Denkanstöße zum einmaligen Phänomen „Art Brut Center Gugging“ geliefert.

Das Haus der Künslter ist Teil des Art Brut Centers Gugging

Das Haus der Künslter ist Teil des Art Brut Centers Gugging

kunst aus gugging Ein (neues) Buch den Künstlern gewidmet

kusnt aus gugging, Cover 900

Cover kunst aus gugging © NÖ Museum Betriebs GmbH

Werk & Leben von 15 künstlerisch einzigartigen Persönlichkeiten zum Lesen & Schauen

Am Anfang steht die einzige Frau, die es in die eben erschienene Publikation des Gugginger Kunstgeschehens geschafft hat. Laila Bachtiar wurde 1971 in Wien geboren. Erkannt wurde ihre gestalterische Begabung in drei Sonderschulen, die das Mädchen von 1978 bis 1989 besuchte. Entdeckt als Künstlerin wurde sie schließlich von niemand Geringerem als Prof. Ernst Fuchs. Mitglied der Gugginger Familie ist sie seit 1990. Ihre Arbeiten beanspruchen viel Zeit, die ihr im atelier gugging des „Hauses der Künstler“ in ausreichendem Maß gewährt wird. Mit dem Bleistift schafft sie ein Gerüst aus Linien als Bausteine der Motive

Diese werden zu Kompositionen mit Titeln wie Blume, Ente oder einem abstrakten Delphin ausgearbeitet. Eine ähnlich fantastische Welt erschafft Leonard Fink (geb. 1982 in Weidling) mit Mischwesen oder dicht belebten Orten, die ihm als Sehenswürdigkeiten erscheinen.

ohann Hauser: Nackte Frau mit Hut (1986) Diamond Collection, Wien / Vienna

Johann Hauser: Nackte Frau mit Hut (1986) © Diamond Collection, Wien / Vienna, Werk und Foto: Privatstiftung – Künstler aus Gugging

Jürgen Tauscher: ohne Titel (2015) © Courtesy galerie gugging

Jürgen Tauscher: ohne Titel (2015) © Courtesy galerie gugging

Diesen beiden folgt in alphabetischer Reihenfolge der Familiennamen ein Künstler nach dem anderen. Ihre Arbeitsweise wird liebevoll detailliert beschrieben, mit einer kurzen Vita am Ende des jeweiligen Texts. Begleitet wird er großzügig von Werken, die so ein beeindruckendes Schauerlebnis ermöglichen. Johann Garber, Ernst Herbeck, Franz Kernbeis oder Heinrich Reisenbauer sind Künstler, die auf diese Weise unter Umständen zu neuen guten Bekannten werden. O.T. (Oswald Tschirtner), Johann Hauser oder August Walla sind ohnehin schon lange Jahre die Stars von Gugging. Mit ihren Namen sind in der kunstinteressierten Öffentlichkeit Bilder verbunden, die auf der Stelle dem jeweiligen Künstler zugeordnet werden. Tschirtners „Kopffüßler“ sind die geniale Reduktion des Menschen auf einfache Striche, ohne Geschlecht und auch als Teil einer Schar beziehungsloser Wesen. Hauser wiederum zeichnete sich den sexuellen Frust von der Seele, mit einer derartigen Energie, der nicht selten das Zeichengerät zum Opfer fiel. Eine mediale Vielfalt, von der Malerei über Plastik bis zur Installation, bietet das von Walla erschaffene Universum.

Es quillt über von Mythologien, die auch durch beigefügte Kommentare und politische Symbole kaum erschlossen werden. Leopold Strobl wurde 1960 in Mistelbach geboren und ist eng mit dem art brut center gugging verbunden. Seine kleinformatigen Zeichnungen, in dichten Strichen aufgetragen auf Ausschnitten aus Zeitungen und Illustrierten, lassen einsame Monolithen durch die Landschaft wandern oder verdecken mit dunklen Flächen den ursprünglichen Inhalt. Just diesem von Natur aus ungemein bescheidenen Künstler wurde mit der Einladung zur 60. Biennale di Venezia die Ehre zuteil, mit seinen Werken in der Ausstellung „Stranieri Ovunque – Foreigners Everywhere“ inmitten internationaler Größen vertreten zu sein. Ihnen allen ist „kunst aus gugging / art from gugging“ gewidmet, herausgegeben von Nina Ansberger, der künstlerisch-wissenschaftlichen Leiterin des museums gugging, erschienen im Residenz Verlag mit der ISBN: 9783701736171.

Oswald Tschirtner: Herz (1998) © Privatstiftung Künstler aus Gugging

Oswald Tschirtner: Herz (1998) © Privatstiftung Künstler aus Gugging

Werke von Leopold Strobl in gugging.! Classic & contemporary

Werke von Leopold Strobl in gugging.! Classic & contemporary

LEOPOLD STROBL & DIE BIENNALE und art brut center gugging ist dabei!

Werke von Leopold Strobl in gugging.! Classic & contemporary

Werke von Leopold Strobl in gugging.! Classic & contemporary

Eine Einladung nach Venedig, die noch mehr als bisher internationales Interesse auf das Museum lenken wird

Der 1960 in Mistelbach im Weinviertel geborene Künstler ist bescheiden. In kleinen Formaten verwirklicht Leopold Strobl seit 2014 seine Vorstellung der Wirklichkeit, in der Menschen und Gegenstände unsichtbar zu sein haben oder bestenfalls erahnt werden können. Das Medium sind Illustrationen in Druckmagazinen, die von ihm ausgeschnitten und gesammelt werden. Jeweils eine für den Tag geeignete Fotografie wird aus der Mappe geholt und überarbeitet. Fundorte sind Tages-, Wochen- und Kirchenzeitungen. Mit Farbstiften geht Strobl daran, daraus seine Kunstwerke zu formen. Mit Schwarz und Dunkelbraun werden Personen, Fahrzeuge und Tiere dicht überzeichnet, so lange, bis sie hinter einer dicken Schicht aus Strichen wie große abgerundete Findlinge in der Landschaft liegen, oder besser, trotz ihrer Bewegungslosigkeit geheimnisvoll durch die Gegend zu wandern scheinen.

Portraitfoto Leopold Strobl © NÖ Museum Betriebs GmbH, Martin Vukovits

Portraitfoto Leopold Strobl © NÖ Museum Betriebs GmbH, Martin Vukovits

Die Umrisse von Bergen, Wäldern oder Gebäuden werden nachgezogen und das Blau des Himmels der Stimmung des Künstlers angepasst. Strobls Themenspektrum ist breit, es reicht von Naturansichten über die ihm vertrauten Kellergassen bis zu Kriegsschauplätzen, die, ohne von ihm beabsichtigt, eine tagespolitische Komponente in sein Werk einbringen. Er selbst wird dazu niemals eine Erklärung abgeben, seine Arbeiten genügen ohnehin, um in den Betrachtern bei genauem Hinschauen leise Gedankenanstöße zu generieren.

Leopold Strobl: ohne Titel © Werk/Foto: Courtesy galerie gugging
Leopold Strobl: ohne Titel

oben und links: Leopold Strobl: ohne Titel © Werk/Foto: Courtesy galerie gugging

Leopold Strobl wurde von Kurator Adriano Pedrosa zur Teilnahme an der 60. Biennale di Venezia eingeladen und wird mit seinen Werken im Arsenale in der Ausstellung „Stranieri Ovunque – Foreigners everywhere“ vom 20. April bis 24. November 2024 inmitten internationaler Größen vertreten sein. Die Freude im art brut center gugging ist verständlicherweise groß. Seit 2002 besucht Strobl das atelier gugging, anfangs fast täglich, seit etwa 2019 einmal in der Woche. An den Tagen dazwischen arbeitet er an seinen Wohnsitzen in Poysdorf und Kritzendorf. In dieser Zeit entstand eine innige Verbindung zum art brut center gugging und der galerie gugging. Seit 2021 sind seine kleinen, aber intensiven Bilder im museum gugging zu bewundern, wenngleich schon 2016 sein Schaffen international wahrgenommen wurde. Die Berufung nach Venedig war für Kuratorin Nina Ansperger die ideale Gelegenheit, die bis März 2026 (dem Jubiläumsjahr) laufende Dauerausstellung „gugging.! Classic & contemporary“ einem umfangreichen Update zuzuführen.

Leopold Strobl wurde ein gesamter Raum mit 45 Werken gewidmet. Vom 12. September 2024 bis 16. März 2025 wird die Schau „fantastische orte.! walla / strobl / vondal / fink“ zu sehen sein. Am Sonntag, den 5. Mai 2024 wird Gisela Steinlechner bei der Veranstaltungsreihe museum gugging im gespräch zu Gast sein und den von ihr verfassten Strobl-Beitrag im Biennale Katalog präsentieren.

Leopold Strobl: ohne Titel © Werk/Foto: Courtesy galerie gugging

Leopold Strobl: ohne Titel © Werk/Foto: Courtesy galerie gugging

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