Kultur und Weindas beschauliche MagazinAndreas Patton (Rappelkopf) © Jakob Stickler ALPENKÖNIG & MENSCHENFEIND Raimunds zauberhafte Rosskur zum Guten
Am Anfang stand die Frage nach dem wahren Wesen von Astragalus, genannt der Alpenkönig, dem angeblichen Führer einer wilden Jagd. Gefürchtet ist er vor allem bei Mädchen, die bei seinem Anblick um 40 Jahre älter werden. So behauptet es zumindest das Kammermädchen Lischen im Dienst des in seinem Zorn unberechenbaren Herrn Rappelkopf. Regisseurin Lea Dalfens Antwort darauf: „Ich glaube, allen voran muss man festhalten, dass Astragalus weder Mann noch Frau ist, sondern ein magisches Geisterwesen.“ Nachdem derlei überirdische Geschöpfe schwer für ein Engagement am Theater zu finden sind, hat sich Dalfen für eine Frau entschieden, die einen in seinem Charakter schwer zerrütteten Mann auf den rechten Weg zurückführt. Die Methode, die sich Ferdinand Raimund schon Anfangs des 19. Jahrhunderts dazu ausgedacht hat, ist durchaus moderne Psychologie. Er wird mit dem zweiten Ich, einem Doppelgänger konfrontiert, an dem er seine fatalen Irrtümer von außen betrachten kann.
Doch dieses „romantisch-komische Zauberspiel“ ist nicht nur lehrreich, vielmehr unterhält und begeistert es seit 1828 die Menschen. So strömen sie auch heuer wieder nach Gutenstein zu den Raimund Spielen, wo unter der Intendanz von Norbert Gollinger eine Fassung von „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ zwischen neuen Ideen und unangetasteter Werktreue zu erleben ist. Auf der Bühne im wettersicheren Zelt wurden die Schauplätze von Simina Nicolaescu geschickt sichtbar gemacht. Im Landgut von Rappelkopf genügen ein paar Requisiten wie Möbel, ein Schreibtisch und ein Klavier mit Kerzenleuchtern für das Ambiente vergangener Zeiten. Es gibt die Köhlerhütte draußen in den Bergen und sogar den kurzfristigen Verbannungsort, in dem Silberkern bis zur erfolgreichen Läuterung seines Schwagers festgehalten wird. Als Klammer über dem Geschehen liegt die Musik, die Tobias Grabher aus Wenzel Müllers Melodien zu Anklängen an Ludwig van Beethoven für Violine (Hartmut Ometzberger) und Cello (Agnieszka Kabut) neu und erstaunlich komplex komponiert hat. Die Kostüme, entworfen von Anna Hoss, sind für die Menschen eher heutig, die Geister dagegen weben in gespenstisch anmutenden Hoodies durch eine noch unzivilisierte Bergwelt.
Astragalus ist eine mit Reisig gekrönte Alpenkönigin, der Elisa Seydel die Würde eines mächtigen, aber durch und durch guten Geistes verleiht. Zu harten Maßnahmen greift sie nur, wenn es darum geht, den Dickschädel von Rappelkopf aufzubrechen. Mit Andreas Patton hat sie allerdings einen hartnäckigen Gegner. Er stammt aus Deutschland und bringt trotz schauspielerischer Sozialisierung am Mozarteum in Salzburg den angeborenen Tonfall mit. Es mag fantastisch klingen, aber gerade sein harter Akzent gibt der biedermeierlichen Sprache Raimunds einen reizvollen Drive. Patton macht die beinahe unüberwindliche Abneigung gegen seine Zeitgenossen körperlich spürbar. Es schüttelt ihn, wenn ihm der Maler August (Matthias Rauth) und sein ihn bis zur Verzweiflung liebendes Eheweib Sophie (Sophie Aujesky) zu nahe kommen.
Der bequemste Weg zum Sommertheater: Eine Kooperation von Elite Tours und Kultur & Wein Valeria Chavez, Martina Andreutti, Kamilla Adamik, die tanzenden Waldfeen © Jakob Stickler DER BAUER ALS MILLIONÄR & das resolute Mädchen aus der Feenwelt
Gutenstein kann man sich ohne Ferdinand Raimund gar nicht mehr vorstellen. Die Felsenkulisse rund um den freundlichen Ort ist ja schon Romantik pur und ganz gewiss nach wie vor die Heimat der Geister und Feen, die schon den Theaterdichter im Biedermeier zu seinen zauberhaften Stücken inspirierten. Zu seiner Zeit gab es in der Umgebung noch genügend Kleinbauern, die dem feinen Herrn aus Wien bei seinen Spaziergängen ein Glas Most aufwarteten und ihm dabei von ihrem kargen Dasein berichteten. Einer dieser bedürftigen, aber braven Landleute dürfte das Vorbild für Fortunatus Wurzel gewesen sein. Raimund stellte sich vor, dass dieser von einem unerwarteten Reichtum aus seiner Bedürftigkeit gerissen wird. Nur wie? Solche Leute spielen kaum in der Lotterie. Dafür waren die Lose zu teuer und die Gewinnchancen zu gering. Also musste die Feenwelt bemüht werden. Wenn es ums Geld geht, ist der Neid nicht weit weg. Dieser böse Geist verschaffte dem Waldbauer das Vermögen; nicht ohne gewissen Aufwand. Das Gold verbarg sich in einem Haufen Galläpfel, die der, wie es schon sein sprechender Vorname sagt, Glückliche nach und nach aufbeißen musste.
Die Geschichte um die Tochter der mächtigen Fee ist bekannt. Umständehalber hatte sie ihr lediges Kind dem noch armen Schlucker zur Pflege übergeben. Um einen auf ihr lastenden Fluch zu bannen, musste das Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag einen unbegüterten Mann heiraten. Was Charakterstärken und –schwächen betrifft gibt es zwischen Sterblichen und feinstofflichen Wesen keinen Unterschied. Damit entspinnt sich ein spannendes Spiel der Ränke und Listen, das letztendlich zur moralisch hochstehenden Mittellosigkeit führt. Regisseurin Lea Dalfen hat „Der Bauer als Millionär“ für das Theaterfest NÖ im großen Zelt auf der Bleichwiese im Garten der durchaus betuchten Familie Hoyos inszeniert. Was an üppiger Ausstattung fehlt, wurde durch interessante Ideen ersetzt. Um den Geistern Schwerelosigkeit zu verleihen, wird getanzt, wobei Kamilla Adamik, Valeria Chávez Chong und Jana Würleitner als professionelles Ballett auftreten.
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